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Full text of "Hermaphroditus"

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HermaphrodL 





Antonio Panormita 



ANTONII PANORMITAE 



HERMAPHRODITUS. 

Lateinisch nach der Ausgabe von C. Fr. Forberg 
(Coburg 1824), nebst einer deutschen metrischen 
Übersetzung und der deutschen Übersetzung der 

APOPHORETA 

VON C. FR. FORBERG 
Besorgt und herausgegeben von 
FR. WOLFF-UNTEREICHEN 

Mit einem sexualwissenschaftlichen Kommentar von 

Dr. ALFRED KIND 



LEIPZIG 1908 
ADOLF WEIGEL 
PRIVATDRUCK 



P 



7 



Alle Rechte vorbehalten. 



Dieser Privatdruck ist in einer einmaligen Auflage von 
520 numerierten Exemplaren nur für wissenschaft- 
lich interessierte Subskribenten gedruckt. Davon 
sind No. 1-20 auf echtem Japanpapier abgezogen 



EXEMPLAR NO-B 



)gle 



VORBEMERKUNG DES ÜBERSETZERS. 



Forbergs Ausgabe des „Hermaphroditus" mit seinen gelehrten 
Anmerkungen und den „Apophoreta", welche ich hier in Neudruck 
und Übersetzung dem kleinen Kreise der Subskribenten darbiete, 
gilt bei allen denen, die das Werk wirklich kennen, als eine 
Musterleistung deutschen Gelehrtenfleißes, denn es behandelt als 
das erste und einzige Werk ein Thema, das in den Schriften fast 
aller antiker Autoren — und ihrer Nachahmer, der Humanisten — 
eine allzu große Rolle spielt, um übersehen werden zu können. 
Hätte es sich darum gehandelt, den Vertretern der Philologie und 
der Altertumswissenschaft das seltene Buch wieder zugänglich zu 
machen, so würde ein unveränderter Abdruck des Originales ge- 
nügen. Aber das, was Forberg in seinem eleganten Latein er- 
örterte, interessiert heute weite Kreise von akademisch Gebildeten, 
Forscher auf fast allen Gebieten der Natur- und Geisteswissen- 
schaften, denen das Lateinische durchaus nicht so geläufig ist, 
wie es den humanistisch geschulten Zeitgenossen des Koburger 
Kanzleirats war. So beschloß ich, den Text des »Hermaphroditus" 
von Antonio Panormita, als denjenigen Teil des Buches, der den 
wenigsten zugänglich ist, ungekürzt im lateinischen Original ab- 
zudrucken und ihn zu Nutz und Frommen aller Nicht -Philologen 

IX 



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mit einer deutschen Obersetzung zu versehen. Für den er- 
läuternden Teil, die „Apophoreta", schien mir eine Obersetzung 
zu genügen. Die Originaltexte der Stellen, die Forberg hier 
kommentiert, hat ein jeder Philologe zur Hand, die betreffenden 
Hinweise sind von einem Fachgelehrten mit Rücksicht auf die 
modernen, kritischen Textausgaben revidiert und in dem .Index 
Scriptorum" registriert worden. 

Wie das ganze Buch keine Unterhaltungslektüre ist und sein 
will, so macht auch meine Obersetzung auf poetische Schönheit 
und Formvollendung keinen Anspruch. Sie soll nur das Original 
des Beccadelli, dessen Dichtertalent keineswegs über allen Zweifel 
erhaben ist, getreu wiedergeben. Daß* es hierbei ohne Harten nicht 
abgeht, weiß jeder, der andere Obersetzungen in antiken Vers- 
maßen mit kritischem Auge prüft, zur Genüge. Meines Wissens 
gibt es nur einen Dichter, dessen deutsche Disticha — keine 
Übersetzungen — man mit ungetrübtem Genuß lesen kann, und 
dieser eine war ein — Schwede, Karl Gustaf von Brinkman 
(1764—1847). Die Neueren haben, bei all ihrem Streben nach 
Formschönheit, längst darauf verzichtet, sich in antikem Gewände 
zu drapieren. 

Bei den Zitaten aus alten Schriftstellern habe ich Öfters auf 
die bereits vorhandenen deutschen Obersetzungen (von Voß, Berg, 
Siebold, Stahr u. a.) zurückgegriffen, wenn diese genau waren 
und das besagten, was Forberg belegen wollte. Noch öfter war 
ich freilich genötigt, die Dinge ein wenig deutlicher zu bezeichnen 
und die vorhandenen Obersetzungen demgemäß abzuändern. Wäh- 
rend in zusammenhängenden, besonders in erzählenden Texten 
anstößige Ausdrücke leicht gemildert oder gar umschrieben werden 
können, ist ein ähnliches Verfahren in herausgerissenen Zitaten, 
zumal wenn die metrische Form gegeben ist, nur auf Kosten der 
Deutlichkeit möglich. 

Wollte und könnte ich mit derselben Gewissenhaftigkeit wie 
der fleißige Forberg hier alles Material zusammentragen, das sich 
auf Antonio Beccadelli und seine Dichtungen bezieht, so würde 
das Buch zu einem unförmlichen und unhandlichen Bande an- 
schwellen. Es genüge daher, auf die Werke von Voigt, Wieder- 
X 



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belebung des klassischen Altertums, auf Vittori o Rossi, Storia 
della letteratura nel Quattrocento, auf die Abhandlung von 
F. Ramorino, Contributi alla storia biografica e critica del Panor- 
mita, besonders aber auf die interessanten Studi sul Panormita 
e sul Valla, von L Barozzi und R. Sabbadini, Florenz 1891, 
hinzuweisen. 

Geschrieben in der Walpurgisnacht 1908. 



FR. WOLFF-UNTEREICHEN. 



XI 



ANTONII PANORMITAE 

HERMAP HR OD1TUS. 



PRIMUS IN GERMANIA EDID1T 
ET APOPHORETA ADJECIT 

FR1DER. CAROL. FORBERG JUS. 



C O B U R G I 

8U MT1BUS MEVSELIORVM. 

1824 



VORREDE DES HERAUSGEBERS. 



Der „Hermaphroditus", das berühmte Werk des Antonio Panor- 
mita, von ihm etwa um das Jahr 1410 verfaßt, 1 wurde vollständig 
erst beinahe vier Jahrhunderte später aus Handschriften von [dem 
gelehrten Bibliographen] Abbe Barthelemy Mercier de Saint - Leger 
im Jahre 1791, ohne Nennung seines Namens, herausgegeben. 
Aus dieser Mercier'schen Ausgabe, 2 deren wenige Exemplare 3 längst 
vergriffen sind, den Hermaphroditus von neuem herauszugeben, 
schien mir der Mühe wert; doch konnte ich es nicht über mich 
gewinnen, einen bloßen Neudruck der Pariser Ausgabe, die teils 
mehr, teils weniger enthält als ich wünschte, zu veranstalten. 

Was ich in dieser neuen Ausgabe bieten will, ist folgendes: 
Ich habe erstens die Epigramme mit Nummern versehen, um 
Zitate und Hinweise zu erleichtern. Zweitens habe ich zahllose 
Druck- und Interpunktionsfehler, die Mercier nicht bemerkt hatte, 
sorgsam verbessert Drittens habe ich besondere Mühe darauf 
verwendet, in den Anmerkungen die verschiedenen Lesarten zu- 



i In den Jahren 1422 bis 1425, nach Barozzi e Sabbadini, Studl sul 
Panormita e sul Valla (Anm. d. Obersetzers). 

* Der Titel lautet: Quinque illustrium poltarum, Ant. Panormltae, Ramusii 
Ariminensis, Padfid Maximl Asculani, Jo. Joviani Pontani, Jo. Secundi Hagiensis, 
Lusus in Venerem, partim ex codidbus manu scriptis nunc prlmum ediö. Parislis 
prostat ad Pistrinum in vico suavi (chez Molini, rue Mignon) MDCCXCI. in 8°. 

> Nur 500 Exemplare, nach Ebert, Bibliographisches Lexikon, No. 12524. 

XV 



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sammenzustellen, und zwar aus einer Handschrift in Koburg, 4 aus 



4 Ich fand diese Handschrift in der meiner Obhut unterstellten Bibliothek 
des Herzogs von Sachsen -Koburg, unbeachtet und von Staub bedeckt. Es Ist 
ein Pergamentkodex in Quartformat, aus dem XV. Jahrhundert, mit sauberer 
Schrift, bestehend aus 17 Blatt, von denen die letzten drei leer sind. Er enthält 
das II. Buch des Hermaphrodltus vollständig und den letzten Vers des I. Buches; 
wahrend das Übrige von der ruchlosen Hand eines Unbekannten abgerissen ist. 
Zusammengebunden ist dieses Bruchstück mit einer größeren Anzahl anderer 
Schriften, alle auf Papier, und zwar I. auf Bl. 18 — 33: Priapeia, vgl. Bibliotheca 
critica Sebodlana 1820 , 841—844, 1039—1042; II. auf Bl. 34—35: einige Frag- 
mente aus Aeschines, Demades, Demosthenes und Plutarch in lateinischer Über- 
setzung; III. auf Bl. 36 — 42: die Rede Heliogabals an die Huren, mit der Über- 
schrift: oratio Eliogabali per D. Leonardum Aretinum ex Graeco in Latinum 
translata incipit. Ich gebe hier den Anfang der Rede wieder: .Eine unglaubliche 
Begierde ergreift mich, Kriegsgenossinnen, und heftige Gluten fühle ich in mir 
sich regen, wenn ich mich von eurer Menge umringt, von allen Selten fest- 
gedrängt sehe, denn wenn mir schon beim Anblick der einen oder der andern 
von euch warm wurde, wie viele Flammen der Lüste, meint ihr wohl, brennen 
jetzt in mir, da ich so viele von Begierde feurige und mich zur Umarmung 
herausfordernde Augen, so viele freche Blicke, so viele nackte Busen und sich 
herausfordernd anbietende Brüste vor mir sehe? Aber ich will noch ein Weilchen 
an mich halten und werde jetzt, während ich einige Worte an euch richte, ganz 
gegen meine Gewohnheit, meiner Begierde Zügel anlegen. Meine Rede wird 
euch auch nicht unangenehm sein, noch Dinge betreffen, die eurem Berufe fern 
liegen, vor allem aber werdet ihr euch nicht darüber wundern, daß ich euch als 
Kriegsgenossinnen anrede, denn jeder Liebhaber ist in der Tat ein Soldat* . . . 
und nun zum Schluß: .Liegt eurer Aufgabe mit frohem Mute ob und wartet 
nicht, bis man euch anredet, sondern drängt euch auf, setzt alle albeme und 
unpassende Scham beiseite, lauft umher auf Gassen und Straßen, Märkten und 
Plätzen, In den Theatern, ja, sogar in den Tempeln der unsterblichen Götter, 
nehmt, raubt und verführt zu jeder Zelt die Leute jedes Standes und jedes Alters, 
vor allem aber die Jünglinge. So wie es der Freigebigkeit des Kaisers ansteht, 
in den blutigen Kämpfen des Mars Kränze auszusetzen zur Belohnung für tapfere 
Männer, welche Stadtmauern und Wälle erstürmt, römische Bürger gerettet und 
Schiffe gekapert haben, so soll auch jede von euch, die in diesem Heere Cupidos 
hervorragende Taten der Ausschweifung verrichtet hat, ansehnliche Geschenke 
zur Belohnung haben. Ich habe gesprochen." Zu dieser Rede, deren voll- 
ständiger Text sich in den Ausgaben der Kaiserblographicn des Joa. Bapt. 
Egnatius (Aldus 1516, 1519 usw.) findet, vgl. die Stelle bei Lampridius, Helio- 
gabalus, Kap. 26: .Er ließ alle Freudenmädchen vom Zirkus, vom Theater, vom 
Stadium, aus den Bädern und von allen anderen Orten in ein öffentliches Ge- 
bäude bringen, hielt daselbst an sie, wie ein Feldherr an das versammelte Heer, 
eine Anrede, nannte sie Mitstreiterinnen und unterhielt sich mit ihnen über die 
XVI 



der von Bartolom«) Cesani im Jahre 1553 in Venedig ver- 



verschiedenen Stellungen und Lagen bei der Wollust*; IV. Bl. 42 — 43: das 
Büchlein des Magister Wigüelmus de Brissia von dem Gedächtnis und der Er- 
innerung; V. Bl. 57—116 (die dazwischen liegenden Blatter sind leer): eine 
Chronik der römischen Kaiser und Papste bis zum Jahre 1447; VI. Bl. 117: ein 
römisches Kalendarium; VII. Bl. 127: der Anfang einer unvollendeten Chronik; 
VIII. Bl. 128: zwei Briefe Virgils, von denen der eine, an den Kaiser Augustus, 
verstümmelt, bereits von P. van Maaswyk, S. 1308, Heyne IV, 194, und in der 
Bipontlner Ausgabe II, 47 herausgegeben ist, während der andere, vollständig er- 
haltene, an Maecenas, aus dieser Handschrift von mir zuerst in der Bibliotheca 
Critica Sebodiana 1820, 67 veröffentlicht wurde. Der geneigte Leser möge selber 
urteilen, ob die nachstehende Probe die Eleganz und den Liebreiz des virgilla- 
nischen Stiles oder nicht vielmehr den Versuch eines wenig glücklichen Nach- 
ahmers erkennen läßt: .Virgilius Mecenati salutem dicit. Ruf f um Pompejum 
libertum tuum novelle vidi. Herl enim ad me venit hora intempesta, librum 
poposdt, instat, jubet, voll Neminem vidi quaestorem indecentlus. Ne poscas 
rego. Medius fidius ipsum remltto, quam primum lectum cultumque, fortassis 
inopinum. Varum nostrum valentem sdto: saepe ad nos venit, loquitur nobis- 
cum, pransltat, nonnunquam lectitat Vir comis est. Varo sine me Cayete 
moram duxit. Tu velim Flaccum turbes, Homerum reddat: sat tenuit. Phllel- 
phum recondliet: suus est Vale*; IX. Bl. 128 — 130: 12 Epitaphia zum Lobe 
Ciceros, von ebenso vielen Dichtern; sie finden sich in Petri Pithoel Epigram- 
mata et Poematla vetera, S. 74—75, unter die einzelnen Autoren verteilt Unsere 
Handschrift enthält außerdem noch das Epitaphium aus Ovids Tristien III, 3, 
73—76; X. Bl. 135—138: einiges aus der Grammatik; XL Bl. 139—140: die 
Carmina Sibylllna, lat; XII. Bl. 140— 141: von unglücklichen Gelehrten und 
Feldherren; XIII. BL 142: poetische Lobrede auf Lodovico Casella: 

den Rat und die Stütze des Herzogs Borso 

wahrscheinlich von Lodovico Carbone verfaßt; XIV. BL 143 — 156: Auszüge aus 
den Schriften des Ovidlus, Augustinus, Gregorius Magnus, Hieronymus, Origines, 
Augustinus, Gregorius Nazlanzenus und Beda; XV. Bl. 156—159: einige histo- 
rische und grammatische Anmerkungen; XVI. B1.163 — 175: Rede auf den römischen 
Kaiser Friedrich HL, vor Borso, Herzog von Ferrara, Im Jahre 1469 zu Ferrara 
von Lodovico Carbone gehalten. Der Schluß lautet: (Ich bitte darum) .daß 
man mein Haupt mit dem Dichterlorbeer schmücke, nach welchem ich mit 
so vielen Mühen stets gestrebt habe. Seit vierzehn Jahren schon unterrichte ich 
die Jugend öffentlich In meinem viel besuchten Hörsaal, fast zweihundert Reden 
und an zehntausend Verse habe ich verfaßt und alle mit eigenem Munde vor- 
getragen, alle berühmten Männer, welche In meinem Vaterlande gestorben sind, 
habe ich mit Leichenreden gefeiert, fast allen jungen Frauen aus den angesehenen 
Familien habe Ich die Hochzeltsrede gehalten. Wenn aber trotzdem meine Ver- 
dienste nicht hinreichend groß erscheinen, wirst du mich wenigstens als Borsos 

// XVII 



anstalteten Ausgabe der Werke des Panormita, 5 aus dem II. Teil 



Lobredner nicht verschmähen*; XVII. Bl. 179 — 238: mehreres in Poesie und 
Prosa von demselben Lod. Carbone, von dem Borsctti in seiner Historia alml 
Ferrariae gymnasii, II, 38 sagt: .Lodovico Carbone, von Ferrara. Da er für 
einen der beredtesten und gelehrtesten Redner und Poeten galt, und es auch 
wirklich war, auch die lateinische und griechische Literatur ausgezeichnet gut 
kannte, wurde er auf einen Beschluß des Paolo Costabili und der .Savli' im 
Jahre 1456 auf den Lehrstuhl der Rhetorik und Poesie berufen. In dieser 
Stellung wirkte er als einer der besten Lehrer, mit Arbeiten Überhäuft, bis zum 
Jahre 1465, wo er sich, mit Zustimmung der Reformatoren unseres Gymnasiums, 
nach Bologna begab, um dort Vorlesungen zu halten, die man ihm reich 
honorierte. Zu uns zurückgekehrt, starb er bald darauf. Er schrieb ein Werk 
de elocutione oratoria, Grabreden auf Borso, Herzog von Ferrara und andere 
berühmte Männer, lateinische Gedichte und anderes. Er wurde von Lilio Gregorio 
Giraldi im zweiten Dialog der Poeten seiner Zeit, sowie von anderen gefeiert. 
Er übersetzte auch die Rede des Kardinals Bessarion an die Fürsten Italiens, 
mit der er sie zum Kriege gegen die Türken aufforderte, und diese Übersetzung 
widmete er dem Borso von Este'; XVIII. BI. 241— 242: über die Würden und 
Ämter der Alten; XIX. BL 243—244: eine Rede (des Lod. Carbone) an den 
römischen Papst; XX. BL 245—250: ein Buch über die Tugendlehre und die 
Flucht vor dem Laster; XXI. Bl. 251—262: Lod. Carbones Grabrede auf den er- 
lauchten Bertoldo von Este, Feldherrn der Venezianer, der im pcloponnesischen 
Kriege im Kampfe gegen die Türken, im Jahre 1463, gefallen war; XXII. Bl. 264 
bis 273: Regeln der Metrik. 

6 Der Titel lautet: Antonii Bononiae Beccatelli cognomento Panhormitae 
epistolarum libri V. Eiusdem orationes II. Carmina praeterea quaedam, quae ex 
multls ab eo scriptls adhuc colligi potuere. Cum privilegio. Veneüis MDLIII. 
in 4°. Titel, Biographie des Antonio, aus den Elogien des Paolo Giovio, Index 
der Briefe und 135 Bl. Text. Die Gedichte hat der Herausgeber mit einer Vor- 
rede versehen: .Die Gedichte, welche hier folgen, sind von Antonio Panormita 
bereite in seinen Jünglingsjahren geschrieben worden. Wenn wir doch auch 
diejenigen, welche er im späteren Alter, in gereifterem Stile verfaßt hat, haben 
könnten! Doch verzweifeln wir nicht daran, sie noch einmal aufzufinden. In- 
dessen kann man ihn aus diesen, hier vorliegenden Proben seines Geistes und 
seiner Muse leichUich kennen und schätzen lernen, und man wird einsehen, daß 
er nicht ohne Verdienst von Gioviano Pontano, Tito Strozzi und anderen edlen 
Dichtern des öftern gepriesen wurde.' Dieses nicht leicht aufzufindende Buch, 
das ich durch die besondere Güte des Herrn Joh. Gottfr. Eichhorn, die Zierde 
der Georgia Augusta und des gesamten gelehrten Deutschlands, aus der Göttinger 
Bibliothek In liberaler Welse zur Benutzung erhalten habe, wie ich dankbar be- 
kenne, enthält 13 Gedichte aus dem I. Buche des Hermaphrodltus (in meiner 
Ausgabe: 1, 10, II, 21. 22 , 23 , 24, 27, 30 , 31, 32 , 37, 41) und 19 aus dem 
II. Buche (1, 5, 12, 14, 15, 16, 21, 22, 23, 25, 26, 27, 28, 31, 32, 33, 34, 35, 36); 
XVIII 



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der Carmina illustrium poetarum Italorum, Florenz 1719, 8 Bände, 8 
aus Angelo Maria Bandinis Catalogus codicum latinorum biblio- 
thecae Mediceae-Laurentianae, 7 sowie aus anderen Autoren, die 
gelegentlich diesen oder jenen Vers des Hermaphroditus citieren, — 
soweit sie mir bekannt geworden sind. Mit Hilfe dieses Apparates 
habe ich es unternommen, die richtige oder wahrscheinlichste 
Lesung festzustellen. Viertens habe ich Parallelstellen aus klassi- 
schen Autoren, die unserm Dichter vorgeschwebt zu haben scheinen, 
überall in Fußnoten beigesetzt, denn ich wollte den Leser bei 
schwierigeren Stellen nicht ohne Hilfe lassen. Schließlich ging 
mein Bestreben dahin, ohne alle Prüderie — die in Künsten und 
Wissenschaften, in allen ernsten Dingen, in einer dem täglichen 
Verkehr fremden Sprache ganz überflüssig ist — offen und ver- 
ständlich die ungewöhnlicheren Arten der Wollust und geschlecht- 
liche Dinge überhaupt zu behandeln, da ich bemerkt hatte, daß 
Obszönitäten von den Kommentatoren und den Lexikographen 
fast stets entweder ganz übergangen oder so erklärt werden, daß 

doch fällt es auf den ersten Blick auf, daß der Pariser Ausgabe eine ganz andere 
Rezension zugrunde gelegen hat als der Venezianischen. Auch ist der Venezia- 
nische Text etwas purgiert und sorgfaltiger bearbeitet, was entweder auf eine 
spätere Revision des Autors selber oder auf eine strengere Moralkritik von selten 
des italienischen Herausgebers schließen läßt. Vielleicht auch auf beides. 

« Dieser Band enthält: Buch I, Epigramm 21, 22, 41; Buch II, 1, 22 , 33; 
Anhang 2, 8. 

7 In seinem Werke hat Bandini die Titel aller Epigramme des Hermaphroditus 
aufgeführt, ferner zwei vollständige Epigramme (I, 43; II, 38), das erste Distichon 
von I, 42 und den ersten und letzten Vers von II, 1. An dieser Stelle habe ich 
dankbar der Herren Joh. Aug. Reuß und Joh. Qottfr. Ludw. Kosegarten zu ge- 
denken. Der erstere hat sich mir nicht nur sehr gefällig erwiesen, als Ich den 
Florentiner Druck von der Göttinger Bibliothek erbat, sondern hat außerdem die 
nicht geringe Mühe auf sich genommen, die Stellen, welche sich im II. Bande 
des Bandini, S. 106 — 112, auf den Hermaphroditus beziehen, für mich mit eigener 
Hand zu exzerpieren; der letztere hat mir das ebendort befindliche Exemplar 
des Bandini ebenfalls eigenhändig abgeschrieben und mir in liebenswürdiger 
Weise zur Verfügung gestellt. Verschiedene andere Herren Gelehrte haben meine 
Studien durch erwiesene Gefälligkeiten, durch Exzerpte und durch Aufmunterungen 
unterstützt Auch nicht an einen einzigen habe ich mich vergebens mit Fragen 
gewendet. All diesen trefflichen Männern bin ich zu Dank verpflichtet und ich 
würde mich freuen, wenn es mir vergönnt wäre, ihnen meine Dankbarkelt durch 
Gegendienste zu beweisen. 

//. XIX 



die Wißbegierde des Lesers, der der Sache auf den Grund geben 
will, unbefriedigt bleibt, — wenn nicht gar derart, daß durch die 
Erklärung die Stelle einen ganz anderen als den ursprünglichen 
Sinn bekommt. Aber, wie es zu geschehen pflegt, die Ausführung 
meines Vorhabens verzögerte sich bald, wie ich den obszönen 
Stellen in den alten Autoren Schritt für Schritt nachspürte und 
dabei merkte, wie das Material zu solch einer Fülle anwuchs, 
daß es gar nicht mehr in dem engen Raum der Anmerkungen 
untergebracht werden konnte. Ich glaube daher den richtigen 
Ausweg gefunden zu haben, wenn ich diese ganze Masse vom 
„Hermaphroditus* getrennt halte und sie, gewissermaßen als 
Apophoreta, d. h. als Nachtisch, folgen lasse. Alles, was ich 
da aufgetischt habe, habe ich zur Genüge mit Zitaten aus den 
klassischen Autoren belegt, und zwar so, daß ich überall die 
Beweisstellen im Wortlaut ausgeschrieben habe, weil nichts un- 
bequemer ist, als wenn der Leser immer wieder aufstehen muß, 
um Bücher nachzuschlagen, die er sehr oft nicht einmal zur Hand 
hat. Ich habe fast stets davon abgesehen, Anderer Meinungen 
und Auslegungen zu widerlegen, denn ich bin keineswegs zum 
Rezensenten besonders veranlagt, und wenn den großen Philologen, 
ohne deren Vorarbeiten ich überhaupt nichts zustande gebracht 
hätte, einmal etwas Menschliches passiert ist, weil sie andere 
Zwecke als ich verfolgten oder weil sie der Ekel vor den 
schmutzigen Dingen übermannte, so wäre es Unrecht, dies mit 
knabenhafter Oberhebung aufzudecken, und noch größeres Un- 
recht, sie tölpelhaft auszulachen. 

Zu untersuchen, wo in geschlechtlichen Dingen, im Tun und 
im Geschehenlassen, die Ehrbarkeit aufhört und die Schande anfängt, 
das würde zu weit führen. Ich überlasse es dem unparteiischen 
und unverdorbenen Urteil meiner Leser; nur mögen sich die 
Richter hüten, daß sie sich nicht ein allgemein gehaltenes Ver- 
dammungsurteil über Dinge zuschulden kommen lassen, die bloß 
unter bestimmten Umständen, zu bestimmter Zeit, an bestimmtem 
Ort und zu bestimmtem Zweck Tadel verdienen. Ich wollte auf 
diese Streitfragen nicht eingehen, weil ich im täglichen Leben 
häufig die Erfahrung gemacht habe, daß, selbst wenn verständige 
Leute ein allgemeines Urteil über Sittliches und Unsittliches ab- 
XX 



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geben, ihre Meinung immer so herauskommt, daß irgend etwas 
Übertriebenes, Unpassendes oder Verdrehtes darinnen steckt 
Daher kommt es, daß ein Mensch, je tiefere Einsicht er besitzt, 
desto milder, gemäßigter und nachsichtiger alles Menschliche hin- 
nimmt, desto leichter geneigt ist zu verzeihen, während anderer- 
seits, je mehr einer in den Vorurteilen der großen Masse be- 
fangen ist, er desto schneller zu verdammen bereit ist, desto 
drohender mit großen Worten um sich wirft, desto härter gegen 
seine Zeitgenossen eifert. 

Geh nun, mein Büchlein, und versuche dein Schicksal. Du 
brauchst vor den neuen Catonen, wenn sie vielleicht aus dem 
Himmel fallen, nicht zu erschrecken. Wisse, daß du Leute finden 
wirst, die dich öffentlich mit gerunzelter Stirn verdammen, aber 
hernach im geheimen, wenn sie ihre Heuchlermaske abgelegt 
haben — dich gierig lesen werden. 

Koburg, im Juni des Jahres unserer Zeitrechnung, 1824. 



FRIEDRICH CARL FORBERG. 



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VORREDE DES PARISER HERAUSGEBERS. 



Antonio, als Dichter vom Kaiser Sigismund mit dem Lorbeer 
gekrönt, Rechtsgelehrter und Ritter, aus dem Geschlechte der 
Beccadelli von Bologna, wurde im Jahre 1393 zu Palermo in 
Sizilien geboren, und ist daher unter dem Namen Panormita be- 
kannt geworden; er starb am 6. Januar 1471, im Alter von 
77 Jahren. Ober ihn siehe, außer Jovius, den Elogia Sicula des 
Hieronymus Ragusa, der Biblioteca Napoletana von Nie. Tuppo 
und dem Dictionnaire historique et critique von P. Bayle, Antonio 
Mongitore, De scriptoribus Siculis I, S. 55, und Jac Gaddi, De 
scriptoribus non ecclesiasticis, Lugd., per Joan. Petr. Chancel, 1649, 
fol. t II, S. 128, vor allen aber Apostolo Zeno, Dissertazioni Vos- 
siane, Venezia, per Gio. Bart. Albrizzi, 1752, in 4°, I, S. 305, eine 
sehr gelehrte Abhandlung über sein Leben und seine veröffent- 
lichten und unveröffentlichten Schriften. Sehr berühmt sind Panor- 
mitas Vier Bücher von den Aussprüchen und Taten Alfonsos, 
Königs beider Sizilien und von Aragonien, dessen geheimer 
Archivar er war; sie sind mehrfach gedruckt worden. Panormita 
soll für dieses Werk von Alfonso ein Geschenk von tausend 
Goldstücken empfangen haben, wie Giov. Gioviano Pontano (de 
liberalitate, Kap. 29, Werke, Bd. I, S. 328) erzählt; derselbe Autor 
hat auch einen Dialog unter dem Titel Antonius zum Lobe Panor- 

XXIII 



mitas verfaßt (II, 1196 ff.)- Des Letzteren Briefe in fünf Büchern 
sowie zwei Reden an die Ligurier und an König Alfonso und 
seine Gedichte erschienen in Venedig 1553 in 4°. Zwei andere 
Reden an die Einwohner von Gaeta und an die Venezianer, über 
den Frieden, stehen bei Barthol. Facius, de rebus gestis Alphonsi, 
Lugduni 1560, in 4°, Hb. III, S. 103 und Hb. IX, S. 259. Andere 
Briefe von ihm finden sich in dem Werke Regis Ferdinandi et 
aliorum epistolae ac orationes utriusque militiae 1586, in 8°. Die 
Rede, welche er bei der Krönung Friedrichs III. i. J. 1452 in Rom 
gehalten hat, ist in Frehers Scriptores Germaniae, Teil III, zu An- 
fang, aus der alten Venezianischen Ausgabe wieder abgedruckt. 
Seine Gedichte, die er unter dem Titel „Hermaphroditus" sammelte, 
die selbst Poggio wegen ihrer Laszivität mißbilligte und die auf 
dem Konzil zu Konstanz verdammt wurden, waren dem Cosimo 
dei Medici, dem »Vater des Vaterlandes" gewidmet und sind 
bisher in mehreren Handschriften in den Schränken der Biblio- 
theken verborgen gewesen, so in der Mediceo Laurenziana in 
Florenz, in der Ambrosiana in Mailand, in der Famesiana 1 in 
Neapel, in der Königlichen Bibliothek in Paris usw. Sie werden 
in dieser Ausgabe zum ersten Male an das Licht der Öffentlich- 
keit gebracht Gegen dieses laszive Buch erhoben Francesco 
Filelfo, Lorenzo Valla, Antonio da Rhö und Mariano von Volterra 
Protest, letzterer in einem Gedichte, welches sich handschriftlich 
in der Bibliothek des Apostolo Zeno in Venedig fand. Natürlich 
predigten auch die berühmtesten Kanzelredner jener Zeit, wie 
Bernardino von Siena und Roberto da Lecce heftig dagegen. 
Lorenzo Valla erzählt in der Invectiva in Facium, II, S. 543, der 
Baseler Ausgabe, 1540, von Panormita: «Wenigstens zweimal ist 
er in italienischen Städten in effigie verbrannt worden: zuerst ist 
er in Ferrara, während der Papst der Synode beiwohnte, das 
zweite Mal in Mailand unter großem Zulauf von Schaulustigen 
aus allerlei Volk unter dem Symbol eines Bildes verbrannt worden. 
Das dritte Mal soll er — wie ich hoffe — selber verbrannt 
werden." 



1 Jetzt der Biblioteca Nazionale, daselbst einverleibt (Anmerkung des 
Übersetzers). 

XXIV 



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Er selbst verfaßte für sich, schon dem Tode nahe, das folgende 
Epitaphium: 

Sucht, Pieriden, wen andern, der anstimme Klagen der Liebe, 

Sucht einen, welcher den Ruhm mächtiger Könige sing'. 
Mich will der Vater, der Höchste, der Menschen Erzeuger und 

Heiland 

Zu sich berufen und weist himmlischen Wohnsitz mir an. 



xxv 



STIMMEN ÜBER DEN 
„HERMAPHRODITUS". 



I VON SEITEN DES VERFASSERS. 

Aus einem Briefe des Antonio Panormita an Bartolomeo (Capra), 
Erzbischof (von Mailand), S. 38 und 39 der Briefe in der 
Ausgabe Venedig 1553. 

Ich komme nun auf unsern Freund Lamola zurück. Er bittet 
mich brieflich, und zwar in deinem Namen, ich möge dir nächster 
Tage einmal meinen Hermaphroditus schicken; er behauptet, du 
habest eine unglaubliche Begierde, diesen zu sehen und meine 
Verse durchzulesen. Wenn ich auch zuerst Bedenken trug, da es 
eine ziemlich schlüpfrige Geschichte und ein Werk aus meiner 
Jünglingszeit ist, entschloß ich mich doch später aus gutem 
Grunde, es dir auf deinen Wunsch so zuzusenden wie es ist, 
damit, wenn du durch irgend etwas deiner Moral und deinem 
Lebensalter Widerstrebendes beleidigt würdest, du dir dies selber 
zuschreiben mögest, der du das Buch von mir gefordert hast, 
nicht mir, der ich es dich sehen lasse, um deinem Wunsche ent- 
gegenzukommen. Ich schicke dir also meinen Hermaphroditus, 
ein Büchlein, das zwar schlüpfrig ist, aber von jener Laszivität, 
von der uns die größten Redner, die erhabensten Dichter, die 
ernstesten Philosophen, schließlich sogar enthaltsame Männer und 
gute Christen das Beispiel gegeben haben. Natürlich ziemt es 

XXVII 



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dem frommen Dichter selber, keusch zu sein, daS es auch seine 
Verse seien, ist nicht nötig; du bist ein gebildeter Mann und 
weißt das recht gut. Wollte ich also hierüber mich dir gegen- 
über weitläufiger auslassen, so hieße das, wie man zu sagen 
pflegt, „die Minerva belehren". Darin aber mußt du ohne Falsch 
und in aller Freundschaft mit mir verfahren: wenn du Anderen 
etwas über mein Buch zu sagen hast, bringe dasselbe auch bei 
mir an, damit ich daraus entnehmen und mir einprägen kann, 
was nach deinem umfassenden und scharfen Urteil von mir zu 
erwarten sei (1427). 

Aus einem Briefe an Cambio (Zambeccari), ebendaselbst S. 48. 
Ein Vers des Herrn aphroditus heißt: 1 

— vor unwissendem Volk birgt sich des Pegasus Quell. 

Glaube mir, es kann kein einziger ein Dichter werden, wenn 
er nicht fromm und einfältigen Herzens ist. Wenn wir auch in 
der Jugend gescherzt und gelumpt haben, so werden manche 
Jugendsünden mit dem ersten Barte abgenommen. 

Aus einem Briefe an Guarino, ebendaselbst S. 75—76. 

Wenn ich auch vernommen hatte, daß mein Hermaphroditus 
von mehreren Seiten günstig aufgenommen und sehr gelobt 
worden war, überlegte ich mir doch, daß diese Urteile, wie 
ich zur Genüge wußte, wohl teils auf ein übermäßiges Wohl- 
wollen gegen mich, teils mehr auf die Neuheit als die Gediegen- 
heit der Sache zurückzuführen seien. Aber da ich erfahre, daß 
du, solch ein redlicher, wahrheitliebender und offenherziger Mann, 
der gewissermaßen den Verstand auf den Handflächen trägt, von 
mir und meinem Büchlein dieselbe Meinung habest, kann ich 
nicht nur gar nicht erst überlegen, sondern — ich will meine 
Schwäche eingestehen — ich gebe mich ganz der Freude hin, 
um so mehr, als du mir bisher durch kein Band der Freund- 
schaft oder näheren Bekanntschaft verbunden warst. Ich meine 



» Buch II, Epigramm XXVII, 6. 

XXVIII 



auch nicht, daß dein Urteil in dieser Sache durch die Neuheit 
beeinflußt sei, da doch einem klugen und angesehenen Manne 
nichts neu, wunderbar oder dem menschlichen Geiste und Fleiße 
unerreichbar vorzukommen pflegt Darum wünsche ich mir von 
Herzen Glück und schmeichle mir geradezu, lieber Guarino, und 
zwar nicht unbedachtsam: das höchste Lob ist's doch, meiner 
Treu, von hochgepriesenen und erprobten Männern mit besonderen 
Lobsprüchen erhoben zu werden. Trefflich weiß derjenige andere 
zu loben, der selber von Jugend auf Lob genossen, dem nie 
etwas Niedriges, Verachtetes oder Gemeines Vergnügen bereitet hat. 
O, wie glücklich ist mein Herrn aphroditus, der solch einen stimm- 
begabten Lobtrompeter in dir erhalten hat O, wie glücklich bist 
du, schlüpfriges Büchlein, daran; nun bist du vor den Pfeilen der 
Neidbammel und des Pöbels noch sicherer als hinter dem sieben- 
fachen Schilde des Ajax, denn dich schützt Guarinos Ansehen. 
Aber, obgleich die Meinung, die du von mir hast, mich freut, 
fürchte ich doch, daß sie über das Maß hinausgehe, daß du mich 
höher einschätzest als ich wert bin. Denn, bei dem unsterblichen 
Gotte, wenn ich mich selbst erkennen will, wie kann denn ein 
vom Rechtsstudiuni in Anspruch genommener und von tausend 
anderen Geschäften beinahe aufgeriebener Mensch eines so groß- 
artigen Rühmens würdig sein? Wie richtig sagt Junius Juvenalis: 

Könnte sich anders entfalten der Geist, als wenn um die Dichtkunst 
Nur er bemüht ist? (VII, 63.) 

Deshalb bitte ich dich, lieber Guarino, halte Maß, denn wenn 
man schon in allen Dingen maßvoll verfahren muß, so muß man 
es, meine ich, am meisten, wenn es gilt, jemanden zu loben. 
Solon von Athen, den man für einen der sieben Weisen hält, 
schuf ein Gesetz gegen die Betrüger, nach welchem derjenige, 
der einen andern durch das Lob irgend jemandes hintergangen 
hatte, sich strafbar machte. Es wird daher, wie ich meine, auch 
Leute geben, die dich vor den Richter zitieren lassen, wenn sie 
behaupten und nachweisen können, daß du sie irregeführt hast. 
Daher handelst du sicherer und bedachtsamer, wenn du dich 
solcher Lobsprüche ganz enthältst. Wenn dich aber deine an- 

XXIX 



geborene Güte und jene unglaubliche Zuneigung, die du zu allen 
Studierenden, besonders aber zu Dichtern hast, so drangt, daß du 
nicht widerstehen kannst, dann sei sparsamer im Loben, daß dich 
niemand nach dem Gesetze des Solon belange, und vernachlässige 
auch nicht jene weise Lehre, die zu Delphi an geweihter Statte 
mit goldenen Lettern geschrieben stand: Nichts im Übermaß. Dem 
Giovanni Lamola aber, diesem gelehrten und wohlerzogenen 
Manne, diesem Musterschüler aus dem Gymnasium des Guarino, 
bin ich Dank, ja den größten Dank schuldig, deswegen, weil er 
ohne mein Wissen dir meinen Hermaphroditus geschickt und aus 
freien Stücken meine Partei ergriffen hat Denn als ich mich 
anschickte, dir das Buch zu zeigen, kam mir der rührige Mann 
schon zuvor. Schließlich bitte ich dich recht sehr und instandigst, 
daß du das Büchlein, das ich bei den Mahlzeiten im Scherz 
niederschrieb, durchsehen, verbessern und, wo es schlecht ge- 
drechselt ist, nachfeilen mögest Denn wenn ich erfahre, daß ich 
dir in irgend einem Teile mißfallen habe, will ich nicht daran 
zweifeln, daß ich im übrigen deinen Beifall gefunden habe. 

Brief an Poggio, Antwort auf Poggios Brief (siehe unter IL), eben- 
daselbst Bl. 79 ff. 

Deine Briefe, welche, nach meiner Meinung, besonders gut 
jenen alten und gediegenen Charakter der römischen Beredsam- 
keit wiedergeben, sind mir, wie du gewünscht hast, zugestellt 
worden. Ich hätte sie, wenn sie auch anonym gewesen waren, 
schon an ihrer eigenartigen Eleganz als von dir herrührend er- 
kannt. Deine Briefe haben nämlich ich weiß nicht was Erhabenes, 
Sanftes, Pikantes, Üppiges und Bedeutendes, und zwar in so 
merkbarem Grade, daß jemand, der daran zweifeln wollte, ob sie 
von dir stammen, außer dir niemanden finden würde, dem er sie 
zuschreiben könnte. Sie haben mich also ergötzt und mir Freude 
bereitet, sowohl wegen anderer Ursachen als auch hauptsachlich, 
weil du mir mitteilst, mein Werkchen sei dir nicht unangenehm 
gewesen und auch von dem nicht unberühmten Dichter Antonio 
Loschi gelobt und gebilligt worden, wozu ich mir und meinem 
Büchlein viel Glück wünschen muß: mir, der ich diese glaub- 
xxx 



würdigsten Lobredner gefunden habe, die infolge ihrer ungemeinen 
Beredsamkeit den Blitz aus den Wolken schleudern und, wenn 
sie wollten, sogar den Thersites oder irgend einen Menschen aus 
der Hefe des Volkes durch ihr glänzendes Lob berühmt machen 
können; dem Büchlein, weil es schließlich in die Hände hoch- 
gelahrter Männer gefallen ist, von denen ich sicher war, daß sie 
durchaus nicht an seiner Schlüpfrigkeit Anstoß nehmen würden, 
da sie ja sehr viele gelehrte, ernste und fromme Männer kennen, 
Griechen und Landsleute, die dergleichen öfter geschrieben haben, 
und die noch jetzt den Catullus, den Albius Tibullus, Propertius, 
Junius Juvenalis, M Valerius Martialis und in erster Linie den 
Virgil und Ovid in Händen haben, hervorragende Dichter und 
Lateiner, welche öfters so schamlose und schändlich zu sagende 
Worte vorbringen, daß man nicht weiß, ob sie besser auf die 
Schaubühne oder in das Bordell passen. Und ich, Leutseligster, 
finde, daß so viele große Redner, so viele große Männer sich an 
dieser Art des Studiums ergötzt und sich darin geübt haben, daß 
ich, meiner Treu, kaum einen wüßte, der nicht Vergnügen daran 
gefunden hätte. Denn selbst der erste unter den Philosophen, 
Plato, der zwar kein Christ, dem aber Gott nicht unbekannt war, 
der sogar nur einem Gotte diente und die anderen Engel oder 
Dämonen nannte, hat bekanntlich Verse und recht leichtfertige, 
auf die Knaben 1 Aster, Alexis und Phaedrus, ebenso über Dio 
von Syracus gemacht, und überhaupt existieren von ihm nur 
zärtliche und verliebte Gedichte, von denen ich nur das nach- 
stehende an dieser Stelle anführen will, obgleich es etwas üppiger 
ist, wie Gellius sagt, und ziemlich frei aus dem Griechischen in 
das Lateinische übersetzt Höre, was für ein allerliebster Dichter 
Plato ist, höre ihm einmal zu, sage ich, dem allerliebsten Dichter 
Plato: 2 

Wenn mit halboffnem Munde ich 
Den lieben Knaben küssen will 



1 Apuleius, Apol., Kap. 10. 

2 Das Gedicht findet sich bei Gellius (XIX, 11) und Macrobius (Saturn. II, 2). 
von woher Scaliger es in die Catalecta aufgenommen hat. Auch Burmann II 
gibt es in seiner Anthologie (I, 668) wieder. 

XXXI 



Und seines Atems Blütenduft 
Den offnen Pfad der Lippen führ', 
Dann wagt sich meine Seele krank 
Und liebeswund zur Lippe hin, 
Erspähen möcht' in seinem Mund 
Sie eine Zugangsöffnung sich, 
Und durch des Knaben Lippenpaar 
So weich sucht sie den Übergang. 
Ein Sprung und drüben wäre sie. 
Ja, ließ' ich einen Augenblick 
Die eng vereinten Lippen los, 
So würd', von Liebesglut erregt, 
Sie, mich verlassend, zu ihm fliehn. 
Doch welch ein Wunder war geschehn: 
Mir selber wär gestorben ich 
Und in dem Knaben lebt' ich fort. 

Es gibt wohl niemanden, der den Solon, einen der sieben 
Weisen, einen strengen Mann und wahren Philosophen, nicht 
kennte; und dennoch ist's offenkundig, daß auch er in ähnlicher 
Weise schlüpfrige Verse 1 gedichtet hat Dasselbe weiß man auch 
von dem Zyniker Diogenes, dem Stoiker Zeno, dem Lakedämonier 
Teios, dem Kai Ii machos, und ganz besonders von der Lesbierin 
Sappho, von welcher Gedichte — auch in lateinischer Ober- 
setzung — existieren, die an den Sizilianer Phaon, ihren Ge- 
liebten gerichtet sind, so unzüchtig, so lüstern und doch so fein 
und elegant, daß sie jedem Leser, und wäre er Nestor oder 
Priamus, Sinnenkitzel erregen. Wirklich steht ja, wie Horaz in 
seiner Dichtkunst sagt, den Dichtern und Malern stets die Frei- 
heit zu, was ihnen beliebt, zu wagen. Wenn sie aber das laszive 
Genre wählen, müssen sie sich nach jener sehr wahren Regel 
richten, welche Catullus 2 gegeben hat: 

Denn keusch soll sich der fromme Dichter halten, 
Er — die Liederchen brauchen dieses gar nicht, 

1 Vgl. Apuleius, Apol., Kap. 9. 
* Catullus XVI. 
XXXII 



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Die dann eigentlich Salz und Saft gewinnen, 
Wenn sie kosen so leicht, die losen Buhler, 
Und den Reiz der Sinne erregen können. 



Was auch Valerius Martialis 1 sehr gewählt und zugleich witzig 
in diesen Worten ausdrückt: 

diese Büchlein 
Können aber, wie Männer ihren Frauen 
Ohne die Mentula gar nicht gefallen. 

Ich also stütze mich auf das Beispiel so vieler Männer, wache 
über den Lehren der Vorfahren und bestrebe mich schließlich, 
etwas zu schaffen, was in seiner Art vollkommen sei, möge auch 
ein gewisser Oddo, 2 den ich nicht kenne, aus der untersten Hefe 
des Volkes, der außer seinem Gehirn nichts Verrücktes an und in 
sich hat, jedenfalls ein bösartiger und schlechtes denkender Mensch, 
räsonnieren, ich müsse wohl gar keine Scham haben, weil meine 
Verse wollüstig und verbuhlt seien, gleichsam als wüßte ich, wie 
alles andere Gute, auch dieses nicht, daß solcherlei Verse um so 
angenehmer sind, mit je weniger Strenge sie gedichtet sind, und 
für desto unschuldiger zu halten, je offenherziger sie sind. Wenn 
er hierin meinem Zeugnis nicht genügend traut, so kann er doch 
dem Philosophen von Madaura, jenem hochangesehenen Manne, 
seine Zustimmung nicht versagen, der nicht ohne Eleganz schreibt: 3 
.Piatos Verse sind um so keuscher, je schmuckloser sie sich 
geben. Denn wer Böses tut, heuchelt und versteckt sich; wer 
aber scherzt, handelt frei und offen.* Und es ist sicher höchst 
lächerlich, diejenigen schamlos zu nennen, welche schmutzige 
Ausdrücke da gebrauchen, wo es die Sache erfordert Selbst- 
verständlich müssen die Mediziner, wenn sie häßliche Krankheiten 
heilen, wenn sie bei den Schamteilen Medikamente anwenden 
wollen, sich unanständiger Worte dazu bedienen. Kann man 
ihnen deswegen einen unanständigen Lebenswandel vorwerfen? 
Wir wissen, daß der Dichter Voconius die Tugend der größten 

1 Buch I, Epigramm XXXV. 

* Siehe Hermaphroditus, Buch I, Epigramm XVIII und Buch II, Epigramm XI. 

* Apuleius, Apol., Kap. 11. 

m xxxm 



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Keuschheit besessen hat, und dennoch bezeugt jene Inschrift, 
welche der Kaiser Hadrian auf sein Grabmal setzte: 



Lüstern war er im Vers, schamhaft jedoch war sein Sinn, — 



daß auch er sich in gleicher Schlüpfrigkeit des Ausdrucks geübt 
habe. Ferner, wer will es bestreiten, daß Annaeus Seneca Christum 
gekannt habe, der Freund des Apostels Paulus gewesen und in 
die Liste der Heiligen versetzt worden ist? Im übrigen hat er 
aber, wenn wir dem Plinius Secundus 2 etwas Glauben schenken, 
nicht nur Ernstes, sondern auch Witze und Satiren geschrieben. 
Außerdem blüht zu dieser unserer Zeit ein ebenso enthaltsamer 
als beredter Priester, 3 dessen Predigten ich oft beigewohnt habe, 
und wenn ich nicht ganz und gar taub bin, habe ich ihn 
manchmal vor zahlreichem versammelten Volke in solchen un- 
geschminkten und schamlosen Wendungen herausfahren hören, 
daß ich nicht einmal glaubte, mich auf dem Markte, geschweige 
denn in der Kirche zu befinden. Würdest du den nun 
wohl für einen Schandkerl halten, weil er schändliche Dinge 
schändlich, d. h. mit häßlichen Worten züchtigt? Gewiß nicht, 
meiner Seel\ Ich aber habe, wenn du das nicht weißt, dasselbe 
im Sinne und in der Absicht, und es macht keinen Unterschied, 
wenn ich meine Meinung scherzend und lachend sage. Denn 
daß wir das auch tun können, haben uns unsere Vorfahren, wie 
ich schon sagte, gezeigt, denn sie, und zwar insgesamt, haben 
diese Regel beständig befolgt Wenn nämlich den Denkmälern 
der alten Schriftsteller Glauben zu schenken ist, so hat ein jeder, 
den man durchliest, ein Beispiel entweder von lasziver Materie 
oder von lasziver Materie und lasziven Ausdrücken zugleich ge- 
geben; von ihnen allen will ich nur sehr wenige der unseren auf- 
führen/ Wollte ich die einzelnen ausführlich abhandeln, so müßte 
ich einen neuen »Orestes" 6 zusammenschreiben »auch schon am 



1 Apuleius, Apol., Kap. 11. 

* Epist V, 3. 

a Giovanni Capistrano P] (Anm. d. Übersetzers). 

« Nämlich Lateiner; griechisch verstand Antonio nicht. 

* Juvenalis I, 5, 6. 

XXXIV 



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Rücken beschrieben und dennoch immer nicht endend'. Soll ich 
mich daher, um mich der Worte des Plinius 1 zu bedienen, 
scheuen, oder ziemt sich für mich nicht genug, was sich für 
M. Tull. Cicero ziemte, für C. Calvus, Pollio, M. Messala und 
Hortensias , M. Brutus, L. Sulla und Scaevola, Servius Sulpitius, 
Varro, Torquatus und seine Familie, C. Memmius, Lentulus, 
Gaetulicus, Virginius Rufus, Cornelius Nepos und schließlich für 
Plinius selbst und — bald hätte ich sie übergangen — für Ennius 
und Accius, und, wenn so viele Beispiele aus dem Bürgerstande 
nicht genügen, für den göttlichen Julius, die Kaiser Augustus, 
Nerva, Tiberius und die fast unzählbaren anderen? Auch ich, der 
ich mich auf das Beispiel und das Ansehen so vieler und so 
hervorragender Männer stützen kann, habe keinen Grund, mich 
dessen zu schämen, daß ich in meinen Liedern gescherzt, gespielt 
und gelacht habe, da ich doch weifi, wie man Ärger und Schwer- 
mut auf diese Weise besänftigen kann. Ja, der Geist wird durch 
solche Dichtungen auf wunderbare Weise aufgeheitert, erquickt 
und zu größeren Dingen angespornt. Allerdings müssen Epi- 
gramme, weil sie kurz sind, scharfsinnig abgefaßt sein und weil 
wir mit ihnen kämpfen, nicht in massenhaften Schlägen, sondern 
in feinen Stichen, kann auch jemand, der keine Muße hat, sie 
verfassen, wohingegen ernste Gedichte wegen ihrer Länge und 
ihres künstlichen Gewebes nur von einem Dichter in Angriff ge- 
nommen werden können, welcher die nötige Muße und eine 
sichere Lebensstellung hat. Daher kann ich mich auch, selbst 
wenn ich es noch so sehr wünschte, für jetzt durchaus nicht mit 
ernsten Dingen beschäftigen. Ich bin nämlich von tausend und 
abertausend Geschäften in Anspruch genommen, denen ich mich 
jetzt unter keinen Umständen entziehen kann. Wenn ich ihnen 
aber einmal, was Gott gebe, entschlüpfen kann 

Will ich vollenden, was lange Jahrhunderte soll überdauern; 
Und vor dem Untergang sei immer mein Name bewahrt. 

Aber was sage ich dir dieses alles, der du so empfindest wie 
ich selber, und der du mit deiner hohen Bildung mir gern er- 

■ Epist. V, 3. 

///« XXXV 



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laubst, daß ich, aber mit so vielen und so großen Männern, auf 
Irrwegen gehe. Denn während ich mir weder aus Oddo, noch 
aus dem übrigen Pöbel so viel mache, daß ich auf ihre Schmähungen 
ihnen selbst antworte, halte ich es für geraten, mich dir zu 
empfehlen, nämlich bei dir hochgelahrtem Manne, der du die 
Dummheit des Pöbels genug kennen gelernt hast, beklage ich 
mich über die Meinung, besonders über die falsche, die er von 
mir und meinen Sitten hat Aber es ist schon genug und über- 
genug davon. — Aus Bologna, in Eile (1426). 



IL POGGIO FIORENTINO. 

Brief an Antonio Panorraita (Epistolae Panormitae, Ven. 1553, 
Bl. 79. Bandini Catalogus codicum Latinorum bibliothecae 
Mediceae Laurentianae, Teil II, S. 109. Poggii Opera, curante 
Thoma Aucupario, Argentinae 1513, S. 61. In der Pariser 
Ausgabe des Hermaphroditus, S. 22—23). 

Poggio entbietet dem Sizilianer Antonio Panormita seinen 
Gruß. Der junge Giovanni Lamola, wie ich vernommen habe, 
ebenso gelehrt als lernbegierig, brachte uns dein Büchlein Epi- 
gramme, welches du Hermaphroditus betitelst, ein kurzweiliges 
Werk und voller Ergötzlichkeit. Nachdem es zuerst der sehr be- 
rühmte Antonio Loschi gelesen und den Geist sowohl als die 
Eleganz deines Stiles mit vielen Worten lobend hervorgehoben 
hatte — denn es ist ein sehr amüsantes Buch — , schickte er es 
mir zur Lektüre. Und ich habe, weiß Gott, meine Freude gehabt 
an der Mannigfaltigkeit des Inhalts und der Eleganz der Verse, 
und zugleich mußte ich staunen, wie du solche schamlose und 
unschickliche Dinge so lieblich und in guter Ordnung sagst, und 
wie du so viele kleine Schweinereien vorführst, so daß sie nicht 
erzählt, sondern auf der Bühne dargestellt zu sein scheinen, auch 
nicht zum Scherze erdichtet sind, wie ich meine, 1 sondern für 



1 Warum raelast du's denn so, mein Lieber? 
XXXVI 



wahr gehalten werden können. Ich muß daher deine Kunst, die 
Anmut der Lieder, die Scherze und Pointen loben, nnd sage dir, 
für meinen bescheidenen Teil, Dank, der du die lateinischen 
Musen, welche schon allzulange geschlafen haben, vom Schlummer 
aufweckst Indessen, bei der Achtung, welche wir dem Publikum 
schuldig sind, möchte ich dich dringend um eines bitten und er- 
suchen: daß du nämlich für die Zukunft etwas ernstere Dinge 
vornimmst. Denn das, was du bisher herausgegeben hast, kann 
man teils deinem Alter, teils der zügellosen Neigung zum Scherz 
zugute halten. So hat ja auch Virgil als Jüngling mit den pria- 
pischen Dichtungen seinen Scherz getrieben und viele andere 
außer ihm, welche nach übermütigen Versen ihre Zeit auf ge- 
diegenere Dinge verwandt haben. Wie nämlich unser Terenz 
sagt, hat ja dieses Alter eine andere Lebensauffassung und er- 
fordert andere Moralgrundsätze. Es ist also deine Aufgabe, die 
Laszivität nun beiseite zu lassen und ernste Sachen zu schreiben, 
wenn man nicht aus der Unzüchtigkeit deines Büchleins auf einen 
unkeuschen Lebenswandel schließen soll. Du mußt nämlich wissen, 
daß uns, die wir Christen sind, nicht alles ebenso erlaubt ist wie 
den alten Poeten, die Gott nicht kannten. Aber da heißt es am 
Ende: das Ei will klüger sein als die Henne. Du selbst fühlst 
wohl heraus, was ich lobe und billige und warum ich dich zu 
größeren Dingen auffordere. Nimm das, ich bitte dich, wohl- 
wollend auf, denn ich bin dir gewogen. Zähle Poggio zu deinen 
Freunden. Ich würde dir noch mehr schreiben, wenn es meine 
Zeit erlaubte; behalte auch du mich lieb, wenn du meine Zu- 
neigung erwidern willst Rom, am 2. April (1426), mit flüchtiger 
Hand. 



XXXVII 



III. GUARINO VON VERONA. 

Brief an Giovanni Lamola (Laim, Catalogus codi cum manuscrip- 
torum bibliothecae Riccardianae, S. 37, am Anfang einer 
Handschrift des Hermaphroditus. Pariser Ausgabe, S. VI 
bis VIII. Bandinus, S. 106-107). 

Guarino von Verona entbietet dem lieben Giovanni Lamola 
seinen Gruß. Seitdem ich dir meinen letzten Brief geschrieben 
habe, ist mir dein wichtiger und vortrefflicher zugegangen, der 
um so dickleibiger ausgefallen war, als ihn das mit Recht so be- 
titelte Büchlein .Hermaphroditus" begleitete. So geschickt und 
nett ist es geschrieben, daß Merkur mit der Huldgöttin vereint 
scheint, worauf ja der griechische Name hindeutet Man muß 
wirklich die äußerst angenehme Harmonie des Rhythmus, die 
Leichtigkeit des Ausdrucks, die ungekünstelte Wortstellung und 
den ungehinderten Fluß der Rede bewundern. Auch möchte ich 
die Dichtung selber und den Geist darum nicht weniger gut- 
heißen, weil die Scherze etwas schlüpfrig und bockig riechen. 
Sollte man deshalb den Apelles, den Fabius und andere Maler 
weniger loben, weil sie Körperteile, die die Natur verhüllt haben 
will, nackt und sichtbar abgemalt haben? Ja, wenn sie Würmer, 
Schlangen, Mäuse, Skorpionen, Frösche, Fliegen und sonstiges 
Ungeziefer darstellen, bewundert man und preist man nicht die 
Kunst und die Geschicklichkeit des Künstlers? Ich wahrhaftig 
lasse mir den Mann gefallen, bewundere sein Genie, ergötze 
mich an seinem Scherz, lache unter Tränen und lobe seine Verse, 
die mitten im Bordell herumhuren. Bei mir gilt mehr meines 
Landsmannes, des artigen Dichters Autorität, als das Geschrei der 
Unwissenden, die nur an Tränen, Fasten und Psalmen Gefallen 
finden können, ohne daran zu denken, daß eine Rede anders be- 
urteilt sein will als ein Lebenswandel. Um aber auf meinen 
Landsmann zurückzukommen, so sagt er das auf diese Weise: 1 

Denn keusch soll sich der fromme Dichter halten, 
Er — die Liederchen brauchen dieses gar nicht, 

1 Catullus XVI. 
xxxvni 



Die dann eigentlich Salz und Saft gewinnen, 
Wenn sie kosen, so leicht, die losen Buhler, 
Und den Reiz der Sinne erregen können. 

Dieser Meinung ist auch unser Hieronymus, ein Mann, der 
vor allen anderen mit Reinheit und Unschuld begabt war, nicht 
abhold. Als die Rede von einer Hure ist, wie läßt er da nicht 
seine Feder in schlüpfrigen, ja geradezu hurerischen Wendungen 
gehen! 1 .Nachdem alle davongegangen waren, kam ein schönes 
Freudenmädchen und begann mit zärtlichen Umarmungen seinen 
Hals zu umstricken und — was schon zu sagen ein Verbrechen 
ist — mit den Händen seine Mannheit zu betasten, damit sie, nach- 
dem sie den Leib zur Wollust gereizt hatte, sich als schamlose 
Siegerin auf ihn werfe." 3 3 Welcher unverschämte Hurenwirt 



1 In dem Leben des Eremiten Paulus (Opera Hieronyml, ab Erasmo editae, 
Basileae 1516, Teil I, Bl. 108). 

2 Es empfiehlt sich, die vorhergehenden Satze des Hieronymus hier an- 
zuführen: .Unter der (Christen-) Verfolgung des Decius und Valcrianus, zu 
welcher Zeit Cornelius zu Rom und Cyprianus zu Carthago zum Märtyrerblut 
verurteilt wurden, verheerte der wütende Sturm viele Kirchen in Ägypten und 
der Thebais. Zu jener Zeit legten die Christen das Gelübde ab, für Christi 
Namen den Tod durchs Schwert erdulden zu wollen. Aber der schlaue Feind 
schritt so spät als möglich zur Todesstrafe: er wollte die Seelen, nicht die Leiber 
verderben. Und, wie Cyprianus, der selber darunter gelitten hat, sagte, man 
erlaubte nicht einmal denen, die sterben wollten, sich töten zu lassen. Um 
diese Grausamkeit recht zu kennzeichnen, wollen wir zwei Beispiele zum Ge- 
dächtnis hier niederschreiben. Einen Märtyrer nämlich, der unter der Folter, 
zwischen Stacheln und Messerklingen, siegreich im Glauben verharrt hatte, llefi 
man mit Honig anstreichen und mit rückwärts zusammengebundenen Händen 
unter den glühendsten Sonnenstrahlen auf den Rücken legen, damit nämlich er, 
der vorher die Feuerpfannen überstanden hatte, den Stichen der Wespen nach- 
geben solle. Einen anderen, der im blühenden Jünglingsalter stand, ließ man 
in einen wunderschönen Garten führen und dort, mitten unter weißen Lilien und 
roten Rosen, während in der Nähe ein Bach sanft murmelnd dahinfloß und ein 
wollüstiger Zephyr die Blätter der Bäume streifte, auf ein aufgeschlagenes Feder- 
bett legen und, damit er sich nicht bewegen könne, mit weichen Seidenbändern 
festbinden.* 

3 Hier haben wir auch den von Guarino übergangenen Schluß der Er- 
zählung des Hieronymus: .Was der Streiter Christi anfangen und wohin er sich 
wenden sollte, wußte er nicht Ihn, den die Folter nicht besiegt hatte, überwand 

XXXIX 



könnte seine Zunge noch besser zu Schandgeschichten hergeben? 
Ich habe tausend, und zwar sehr glaubwürdige, gewichtige Zeugen, 
enthaltsame und gute Christen, die sich nicht scheuten, ganz 
schmutzige Ausdrücke zu gebrauchen, wenn die Sache es er- 
forderte. Aber in dieser bestimmten Angelegenheit ist es über- 
flüssig, unnötige Zeugen zu zitieren. Ich lobe daher nicht nur 
die Epopöe, sondern auch unsern Dichter, den ich folgender- 
maßen anreden möchte: 

Sei mir gegrüfiet, Antonio, ewige Zierde der Musen! 
Stellest du doch den Theokritos dar, der sizilischen Erde 
Sprößling, erneuernd die lieblichen Weisen des älteren Sängers: 
So gab Aetna durch dich den Lateinern sizilische Musen. 

Lebe wohl, lieber Giovanni und verzeihe mir den Lakonismus 
meines Briefes, aber meine Geschäfte gestatten mir die Viel- 
schreiberei nicht. Was die Unsrigen von dem Geist des Mannes 
halten, werde ich dir zu wissen tun, sobald ich sie einmal zu 
einer gemütlichen Unterhaltung einlade. Lebe nochmals wohl. 
Verona. 



IV. ALBERTO DA SARZANA. 

Aus einem Briefe an Cristoforo, Bischof von Rimini (Martenii et 
Durandi Collectio veterum scriptorum et monumentorum, 
Teil III, S. 796). 

Unlängst, wie du sehr wohl weißt, als ich nach der Rückkehr 
von unserer Pilgerfahrt zur See von den heiligen Stätten unseres 
Heils vor das erhabene Antlitz der höchsten Heiligkeit des heiligen 
Papstes Eugenius zugelassen war, um ihm nach Verdienst die 
Füße zu küssen, verweilte ich eine Zeitlang in Bologna in seiner 
Umgebung. Während ich dort eines Tages aus jener Kirche 
nach Hause ging, in welcher ich wegen meiner Gewohnheit täg- 
lich zu predigen, beständig in Aller Munde war, geschah es, daß 

die Wollust Schließlich biß er sich, einer himmlischen Eingebung folgend, die 
Zunge ab und spie sie dem Mädchen, das ihn kUBte, ins Gesicht, und so über- 
wand er durch die Größe seines Schmerzes den Kitzel der Sinnenlust* 

XL 



irgend ein Mensch, von deinen Leuten, wie ich meine, und, so- 
viel es mir schien, ein Priester Christi, auf uns zuging und mir 
etwas in deinem Namen ausrichtete, was ich sogleich beschloß, 
dir auseinanderzusetzen. Er sagte mir, du wünschtest dringend 
ich weiß nicht was für ein Büchlein oder irgend einen Brief von 
mir zu sehen und zu lesen, welchen ich kürzlich, wie er sagte, 
gegen einen verlorenen Menschen — wenn er sich nicht zum 
besseren bekehrt — einen gewissen Antonio aus Palermo heraus- 
gegeben hätte, um sein schmäh süchtiges oder vielmehr stank- 
verbreitendes und ganz verruchtes Buch, das er Hermaphroditus 
betitelt, zu verwerfen. Ich antwortete ihm auf der Stelle ganz 
offenherzig, daß ich zurzeit gar keine Büchlein und auch nicht 
einmal einen Brief gegen irgendwen herausgegeben habe, außer 
einem gegen die Schmäher der Märtyrer, welchen ich dem Papst 
Eugenius überreicht habe. — Gegen den gottlosen Autor des 
Hermaphroditus aber habe ich, obgleich ich es mir seit langem 
schon gelobt hatte, einmal über seine verbrecherische Nichts- 
würdigkeit loszudonnern, bisher, wie du wissen mögest, noch 
nichts zusammengebracht, da mir meine arbeitsreiche Aufgabe, 
täglich zu der Christengemeinde zu sprechen, keine Zeit übrig 
läßt. Aber es existiert ein Brief von mir, welchen ich vor nun- 
mehr drei Jahren, vor dem Antritt unserer Reise an zwei edle, 
christlich erzogene und in freien Künsten unterrichtete Jünglinge 
aus Ferrara, Francesco Marescalchi und Filippo Bendedio, meine 
Freunde, vertraulich geschrieben habe, in welchem ich einen von 
ihnen, der mir gegenüber dafür Partei genommen hatte, vor dem 
verruchten Werke dringend warnte und ihnen zugleich auf ihre 
Bitte versprach, irgend etwas schreiben zu wollen. Was ich auch 
schon getan hätte, wenn nicht, wie schon erwähnt, meine Arbeit 
sich der Ausführung meines Vorhabens widersetzt hätte. Aber es 
wird schon einmal, so Gott will, eine günstigere Zeit kommen, 
wo ich mit meiner Feder das verabscheuenswerte Werk, welches 
schon in so vielen Städten Italiens mündlich zu mißbilligen und 
zu zerstören versucht worden ist, vernichten kann. 



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V. MAFFEO VEGIO. 

Aus einem Briefe, den der vielbelesene Friedrich Adolph Ebert 
mir vor kurzem schrieb, erfuhr ich, dafi von dem seinerzeit 
nicht unberühmten Maffeo Vegio ein Schmähgedicht auf den 
Panormita existiere (Flor., Biblioth. Magliabechiana, Cod. 
lat. VIII, in 4* Handschrift vom Jahre 1445, Teil II, Bl. 287). 

Die Invektive beginnt folgendermaßen: 

Applaudieret, ihr Kuppler und klatscht auf die Kleider, ihr Huren! 
Mit welch prächtigem Glied zeigt sich hier Hermaphrodit! 



VI. PIERRE BAYLE. 
Lexique historique et critique, unter , Panormita". 

Sein lateinisches Gedicht Hermaphroditus ist nicht veröffent- 
licht worden. Es ist so voll schmutziger Ausdrücke, daß selbst 
Poggio es mißbilligte. Es wurde dem Cosimo de' Medici ge- 
widmet, welcher verschiedene Abschriften davon anfertigen ließ, 
von denen sich noch einige in der Biblioteca Laurenziana be- 
finden. Man widmete es diesem großen Manne deswegen, weil 
er, ohne sich an das Urteil des großen Haufens zu kehren, Ge- 
fallen an der Lektüre dieses lasziven Werkes fand. Der Autor 
macht diese Bemerkung selbst, denn er sagt zum Beginn: «Hier 
beginnt das Büchlein Hermaphroditus an den erlauchten Cosimo 
von Florenz, aus dem berühmten Geschlechte der Medici, daß er, 
den Pöbel verachtend, das Büchlein trotz seiner Laszivität mit 
wohlwollendem Gemüte lesen, und mit ihm vereint den Männern 
des Altertums nachstreben möge." Magliabecchi besitzt ein hand- 
schriftliches Exemplar dieses Gedichtes. Es wurden seinerzeit 
viele Briefe geschrieben, die sich auf diese Dichtung beziehen. 
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Guarino von Verona schrieb an Giovanni Lamola und überhäufte 
den Hermaphroditus und seinen Verfasser mit Lobsprüchen. 
Magliabecchi besitzt das Original dieses Briefes. Giraldi findet 
es sehr sonderbar, daß man dieses Gedicht gelobt habe; „ich 
habe," sagt er, »Briefe von einigen seiner Zeitgenossen gelesen, 
in denen sein Hermaphroditus mit vielen Lobsprüchen empfohlen 
wird; warum, weiß ich nicht. Ich will euch gerade heraus sagen, 
was ich davon denke. Ich halte ihn weder für einen guten 
Dichter, noch für einen guten Redner, denn was ich von ihm in 
gebundener und prosaischer Rede gelesen habe, scheint mir 
mehr voll fauler als guter Frucht zu stecken, so daß ich seine 
Musen für schamlose Prostituierte halten muß." Man sieht, daß 
er nicht nur die Unkeuschheit des Werkes verabscheut, sondern 
auch die Verse gering schätzt. Poggio war in seiner Kritik nicht 
so weit gegangen; er hatte die Erfindung, den Witz und den 
Redeschmuck gelobt, aber die Obszönitäten verurteilt, und hatte 
dem Autor den Rat gegeben, künftighin sich mit Gegenständen 
zu beschäftigen, die einem Christen besser anstehen. Panormita 
antwortete Poggio und führte ihm viele Gründe an, teils um sich 
zu rechtfertigen, teils um sich zu entschuldigen. Poggio erwiderte 
ihm und betonte, daß man den Anstand nicht nur in seinen 
Handlungen, sondern auch in dem was man schreibt, betätigen 
müsse. Man kann daraus schließen, daß er selber es bereute, 
sein Talent in der Jugend zu leichtfertigen Schöpfungen miß- 
braucht zu haben. Schließen wir mit den Worten eines holländischen 
Schriftstellers, 1 welcher dieses schmutzige Gedicht des Panormita 
gelesen hat: »was er (Giraldi) über den Hermaphroditus sagt, ist 
nicht ohne Grund. Ich habe ihn nämlich in der Handschrift ge- 
lesen, denn er ist nie gedruckt worden; er ist so schmutzig, so 
verabscheuenswert, daß er nicht überboten werden kann. Dann 
sind aber auch die Verse selber kaum erträglich und weit entfernt 
davon, irgend welches Lob zu verdienen. Es führt den Titel 
Hermaphroditus deshalb, weil die Genitalien des männlichen und 

1 Er meint den anonymen Verfasser der Anmerkungen zu den Gedichten 
des Sannazaro, Amsterdam 1689, der, wie Bernard de la Monnoye , Menagiana, 
Teil IV, nachweist, Jan Brouckhuysen war. Die Stelle findet sich in Brouck- 
huysens Ausgabe, S. 203. 

XUI1 



weiblichen Geschlechts den alleinigen Gegenstand der beiden 
Büchlein ausmachen. Wer das geduldig lesen kann, muß ein 
tüchtiger Kerl sein." 1 



VII. BERNARD DE LA MONNOYE. 

In seiner Abhandlung Sur la fameuse Epigramme de l'Herma- 
phrodite de Pulex de Vicenza (Menagiana, Teil IV). 

Antonio Bologna Beccadello, lateinisch Antonius Bononia 
Beccadellus, gewöhnlich Antonius Panormita genannt, hatte in 
seiner ersten Jugend verschiedene leichtfertige Gedichte gemacht, 
von denen er eine Sammlung unter dem Titel Hermaphroditus 
veranstaltete. Alle Schweinereien in bezug auf das eine und das 
andere Geschlecht machen den Inhalt des Buches aus, und nichts 
ist dabei verhüllt. Der anonyme Verfasser der Anmerkungen zum 
Sannazaro, holländische Ausgabe vom Jahre 1689 (es ist Jan 
Broekhuysen) sagt, daß er diese berüchtigten Gedichte des 
Antonio von Palermo im Manuskript gesehen und gelesen habe, 
und daß sie nie gedruckt worden seien. Der Skandal, den sie 
veranlaßten, war so groß, daß zwei Dominikaner, berühmte Kanzel- 
redner der damaligen Zeit, Bernardino da Sieno und Roberto da 



1 Laß einmal sehen, ob du dich bei der geduldigen Lektüre dieses Buches 
als so einen tüchtigen Kerl erweisen wirst, wie Justus Lipsius beim Petronius, 
wie er in einem Briefe an Pithoeus (Epistolicarum quaestionum IIb. III) schreibt: 
.Wie im Leben, so muB auch im Studium das Ernste mit dem Gefalligen ab- 
wechseln. Deswegen pflege ich häufig den Geist von schwierigeren Büchern zu 
angenehmeren Schriftstellern abzulenken, gewissermaßen zur Erholung. Zu 
solchen rechne ich den Petronius, was auch immer andere Leute mit Stirnrunzeln 
dagegen sagen mögen. Wenn nur hie und da jene nackte Leichtfertigkeit nicht 
wäre, die mich indessen gar nicht geniert. Die Scherze erfreuen mich, die 
Galanterie nimmt mich ein und das übrige läfit weder in meinem Geiste noch 
in meinen Sitten mehr Spuren zurück als ein Kahn im Flusse. Wie die vollen 
Weinbecher einen Trinker zum Trunk bewegen, aber nicht einen .invinius", wie 
die Alten sagten (einen Nichttrinker), so werden jene vielleicht jemanden auf- 
regen, dessen Geist schon vorher gell war, aber an einem keuschen und züchtigen 
Gemüt bleiben sie nicht haften." 
XL/V 



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Lecce, wohlbekannt unter dem Namen Robertos de Udo, sie auf 
öffentlichem Platze in Bologna, Ferrara und Mailand verbrannten, 
nachdem sie gegen den Verfasser gepredigt hatten. Poggio selber, 
von dem wir sehr freie Novellen besitzen, und der übrigens da- 
mals sein Freund war, konnte so zügellose Frechheiten nicht gut- 
heißen und machte ihn, sogar zweimal, auf den Schaden auf- 
merksam, den er dadurch mindestens seinem eigenen Rufe zufügte. 
Albrecht von Eybe hat in seiner Margarita poetica, einer Samm- 
lung von Prosastücken und Gedichten aus alten und neuen Autoren, 
einige dreißig Verse »ex Joanne Antonio Hermaphrodita" mit- 
geteilt, wobei er lächerlicherweise den Namen des Antonio von 
Palermo und den Titel seines Buches korrumpierte. Er war dem 
großen Cosimo de' Medici, dem Älteren, sehr ergeben. Die Hand- 
schrift, welche sich noch in der großherzoglichen Bibliothek be- 
findet, enthält das Epigramm des Pulex, das man wegen des 
Titels Hermaphroditus an den Anfang des Buches Antonios von 
Palermo gesetzt hatte, dem es, infolge desselben Mißverständnisses, 
dann auch zugeschrieben wurde. Er wäre aber gar nicht imstande 
gewesen, ein so gutes Gedicht zu machen. Die ganze Anthologie 
enthält nichts von so feiner und eleganter Ausführung, noch von 
so hübscher Erfindung; und es gereicht Poliziano zu nicht ge- 
ringer Ehre, daß er von solch einem vollkommenen Original eine 
sehr schöne Kopie gemacht hat 



VIII. JAN BROUCKHUYSEN. 
Kommentar zum Tibullus I, 2, 24. 

Diesen Aurispa lobte besonders Antonio Panormita oft, in 
seinem Hermaphroditus, einem noch unveröffentlichten Büchlein, 
das auch hoffentlich nie herausgegeben werden wird 1 und dem 



1 Was wäre aus dir, gelahrter Panormita, geworden, wenn deinen Herma- 
phroditus das Schicksal betroffen hatte, nicht auf die Nachwelt zu kommen? 
Sicherlich würden jene sauertöpfischen Slttenw«chter Ihn dann den Nachkommen 

XLV 



ich entnehme, daß er in Florenz gewohnt habe, bei Cosimo de* 
Medici in großer Gunst stand und zu den ersten Gelehrten Italiens 
zählte. Mit einem Epigramme will ich's genug sein lassen, denn 
die übrigen sind zu schmutzig. (Hier führt er das XXII. Epigramm 
des II. Buches an und fährt dann fort): Danach müßte also 
Francesco Filelfo, ein für seine Zeit sehr gelehrter Mann, mit 
dem verglichen Panormita ein alberner Schwätzer ist, ein Zoilus 
sein. Filelfo nämlich hält unsern Aurispa kaum für einen Halb- 
gelehrten; siehe seine Briefe III, 37. V, 8. 16. 32. VI, 42. Ein 
wenig milder urteilt Lilio Gregorio Giraldi im ersten Dialog über 
die Poeten seiner Zeit: „Giovanni Aurispa, ein Redner aus Sizilien, 
mag irgendwo in der Schar der Poeten untergebracht werden, 
insofern, als er eine gute Kenntnis des Griechischen und Latei- 
nischen besitzt; aber seine Gedichte, die ich gelesen habe, 
scheinen mir ich weiß nicht was von sizilianischer Tölpelei an 
sich zu haben. Er gehört nämlich der vorhergehenden Periode 
an, zu welcher Zeit die klassischen Literaturschätze noch nicht 
ans Licht gekommen waren. Er lebte, bis ins höchste Greisen- 
alter, in Ferrara, von unsem Fürsten geschätzt und reichlich mit 
Glücksgütern bedacht.* 1 Unter den Witzen des Panormita be- 
findet sich allerdings ein Epigramm des Aurispa, welches das 
Urteil des Giraldi vollauf gerechtfertigt erscheinen läßt, es ist 
aber auch selbst schändlich unflätig. 2 



so erscheinen lassen, daß die Büchlein der Elephantis und Philaenis (ach, hätten 
wir die dochf) gegen deine Epigramme keusch erschienen. Doch — nicht 
untergehn kann dieses Denkmal hier! 

1 Er erhielt durch ein Benefizium des Papstes Nicolaus V. zwei Abteien in 
Sizilien. Die eine von ihnen scheint Aurispa indessen, da er von jemandem, 
dem sie der König Alfonse zuerst verliehen hatte, verklagt worden war, spflter 
zu verkaufen oder zu vermieten willens gewesen zu sein, wie aus einem Briefe 
des Antonio an Aurispa, Bl. 112 der Venezianer Ausgabe, hervorgeht: .ich bitte 
dich, wenn du die Abtei, welche du in unserer Heimat Sizilien besitzest, zu 
verpachten oder verkaufen beabsichtigst, daß du sie dem Herrn Biacco Spedall 
verpachtest oder verkaufst*. 

8 Die keusche Seele meint nämlich das VIII. Epigramm des zweiten Buches. 



XLVI 



IX. JOHANN GEORG SCHELLHORN. 
In den Araoenitates Literariae, Teil V, S. 3. 

Antonio Beccadelli, aus Palenno, ein Mann, dessen Name 
seinerzeit sehr gefeiert war, schrieb außer anderen Fescennische 
Verse, die er, in einen Band vereinigt, unter dem Titel Herma- 
phroditus dem Cosimo de' Medici widmete. Aus diesem Buche 
gab Albrecht von Eybe, Kammerherr des Papstes Pius II., einige 
Verse wieder, die er lächerlicherweise als von Joannes Antonius 
Hermaphrodita herrührend bezeichnete, wie Bernard de la Monnoye 
in den „Menagiana" erzählt. 

Ebendaselbst, Teil VIII, S. 474. 

Bernard de la Monnoye, in seiner Abhandlung „sur la fameuse 
Epigramme latine de l'Hermaphrodite", Teil IV der „Menagiana", 
berichtet, daß das schmutzige Gedicht des Antonio Bologna 
Beccadelli, vulgo Panormita, unter dem Titel Hermaphroditus, 
selbst von dem Zotenerzähler Giovanni Francesco Poggio ge- 
miBbilligt worden sei, und daß Bernardino da Siena und Robertus 
de Licio, berühmte Kanzelredner ihrer Zeit, es zu Bologna, Ferrara 
und Mailand unter dem Beifall des Volkes verbrannt haben, nach- 
dem sie zuvor nachdrücklich gegen den Verfasser gepredigt hatten. 



X. PETRUS BURMANNUS SECUNDUS. 
In den Anmerkungen zur Anthologia Latina, Teil I, S. 620. 

Vielleicht war ihnen etwas bekannt geworden von dem höchst 
schamlosen Büchlein des Panormita, dem er den Titel Herma- 
phroditus gab, welche Mißgeburt aber das Licht der Welt noch 
nicht gesehen hat und wirklich auch nicht wert ist, es zu sehen, 
wegen seiner abscheulichen Unflätigkeit und Gemeinheit, um so 
mehr, als die Verse selbst einen schlechten und gewöhnlichen 

XLVU 



Poeten verraten. Schellhorns Amoenitates literariae, Teil VIII, 
S. 474, erzählen noch, daß es seinerzeit öffentlich verbrannt worden 
sei. Sehr gelobt wird es dagegen von Poggio in seinen Briefen, 
Bl. LXXXVII, und wegen dieses Buches Laszivität und Obszönität, 
wie ich meine, versucht sich derselbe Panormita in einem Briefe 
an Poggio (Epist. IV, S. 80 ff.) weißzuwaschen. Eine Abschrift 
davon, mit anderen Gedichten desselben Autors, ging in meinen 
Besitz über aus den Bücherschätzen des angesehenen Jan de Witt, 
welcher den Codex aus der Bibliothek des Jan Brouckhuysen er- 
halten hatte, wenn der letztere ihn nicht von de Witt hatte. Brouck- 
huysen bestätigt in den Anmerkungen zum Tibull I, 2, 24, daß 
das Büchlein des Panormita unveröffentlicht sei und gibt in den 
Noten zum Sannazaro II, 2, 31, wo er vieles über Panormita? 
Leben und Studien gesammelt hat, folgendes Urteil über ihn. 
(Hier folgt das Zitat Brouckhuysens aus Bayles Lexikon, das wir 
oben bereits angeführt haben.) 



XLVlll 



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HERMAPHRODITUS. 



Non norunt haec monumenta mori. 



HERMAPHRODITI 

LIBELLUS PRIMUS 



1. 

AD COSMUM FLORENTINUM, 

EX ILLUSTRl PROQENIE MeDICORUM VIRUM CLARISSIMUM, QUOD SPRETO 
VULOO LIBELLUM ^QUO ANIMO LEGAT, QUAMVIS LASCIVUM, ET SECUM 

UNA PRISCOS VIROS IMITETUR. 

Si vacat a patrii cura studioque senatus, 
Quidquid id est, placido lutnine, Cosme, legas. 

Elicit hoc cuivis tristi rigidoque cachinnos, 
Cuique vel Hippolyte» concitat inguen opus. 

L 

Exhibetur hoc Carmen tum in opusculis Panormitae Venetiis anno 1553 
editis, et primo quidem intcr carmina loco, tum in Bandini Catalogo codicum 
Latlnorum bibliothecae Mediceae Laurentianae tomo II. p. 107. Argumentum 
quod spreto vulgo libeüum aequo animo legat, quamvis laseivum, et 
secum una priscos viros imitetur debeo Bandino. Venetus editor omlsit, 
nec habet Parisiensls. Inscribitur apud hunc ad Cosmum ex Mus tri progenie 
Me du omm virurn clarissimum, apud illum ad Cosmum Medicem vir um 
clarissimum. 

3. 4. Parisiensis rigidoque, Bandinus rigidove, Venetus molllus 

Eliciet quamvis rigido de pectore risus, 
Sollicitae et menti dulce levamen erit. 

Conf. Ovid. Amor. II, 4, 32: ÜUc Hippolytum pone, Priapus erit 



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Nicht untergehn kann dieses Denkmal hier. 



HERMAPHRODITUS. 

ERSTES BUCH. 



L 

An den Erlauchten Cosimo von Florenz, 

aus dem berühmten Geschlechte der Medid. Der Autor bittet ihn, er möge, un- 
beirrt von der Meinung der Menge, das Büchlein trotz seiner Laszivitat mit wohl- 
wollendem Gemüte lesen, und mit ihm vereint den Männern des Altertums 

nachstreben. 

Wenn die Geschäfte und Sorgen des Staatsregimentes dir Muße 

Lassen, o Cosimo, lies dieses mit heiterem Blick. 
Reizt doch zum lauten Gelächter dies Buch auch den traurigsten 

Murrkopf; 

Jedem, sogar Hippolyt, hebt sich beim Lesen das Glied. 



I. Diejenigen Anmerkungen zum lateinischen Text, welche sich auf das 
Verhältnis der Handschriften und Ausgaben zueinander beziehen, welche nur 
Lesarten, Emendationen oder Konjekturen enthalten, müssen in der deutschen 
Übersetzung selbstverständlich als überflüssig, ja, geradezu störend, wegfallen. 
Aus diesem Grunde werden auf der rechten Seite hier und da einzelne Stellen 
leer bleiben müssen. 

Der Übersetzer. 

4. Ovid. Amores II, 4, 32: 

stellst du 

Dort den Hippolytus hin, wird ein Priapus er sein. 

!• 3 



B Hac quoque parte sequor doctos veteresque poßtas, 

Quos etiam lusus composuisse liquct, 
Quos et perspicuum est vitam vixisse pudicam, 

Si fuit obsceni plena tabella joti. 
Id latet ignarum vulgus, cui nulla priores 
M Visere, sed ventri dedita cura fuit, 

Cujus et hos lusus nostros inscitia carpet 

Oh ita sit! Doctis irreprehensus ero. 
Tu lege, tuque rüdem nihili fac, Cosme, popellum, 

Tu mecum aeternos ipse sequare viros. 

IL 

AD SEMET IPSUM LOQUITUR ET RESPONDET. 

Cosmus habet dios et lectitat usque pofitas; 

Quid Studium turbas, rauce poöta, suum? 
Cosmus habet lautas epulas; quid oluscula coenat? 

Una quidem ratio est et studii et stomachi. 

UL 

AD COSMUM, VIRUM CLARISSIMUM, DE LIBR1 TITULO. 

Si titulum nostri legisti, Cosme, libelli, 
Marginibus primis Hermaphroditus erat 

Cunnus et est nostro simul est et mentula libro; 
Conveniens igitur quam bene nomen habet 

7. Bandinus et Paris, vixisse, Vcnctus duxisse. 

8. Venetus solus: sit licet interdum plena tabella joci. 

9. Paris, ignarum, Venetus et Bandinus ignavum. 

II. 

Hujus carminis et omnium sequenüum utriusque libelli Bandinus tltulos 
tantum attulit, exceptis duobus cannlnibus (I, 43. II, 38.) quae integre, et 
quatuor versiculis (I, 42, 1. 2. II, 1,1. 24.) quos et ipsos operi suo inserult. 

1. Habet poetas, nam erat aliquid illa aetate habere llbros. 

4. Quippe delectat utrumque variare. 

III. 

3. Editor Parislensis bis hoc versu exhibet es. pro quo dandura putavi est. 
4 



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Darin folge ich auch den gelehrten Poeten der Alten, 

Die sich manch kräftigen Scherz haben zu dichten erlaubt; 
Diese führten ja keusch (man weiß es) und ehrbar ihr Leben 

Während die Schriften sie anfüllten mit schlüpfrigem Spaß. 
Aber dem törichten Volk ist dies verborgen, das niemals 

Nach den Alten gefragt, stets für den Bauch nur gesorgt; 
Dumm, wie es ist, wird es auch bekritteln meine Gedichte. 

Sei es! Was macht's? Ungeschmäht läßt der Verständige mich. 
Du aber, Cosimo, lies mich, acht' nicht auf den Pöbel, den rohen. 

Du auch wandle mit mir auf der Unsterblichen Spur. 

IL 

Der Autor spricht mit sich selber und antwortet. 

Cosmus besitzt, ja er liest sogar öfter die göttlichen Dichter; 

Wozu, du heis'rer Poet, störst du beim Studium ihn? 
Cosmus hält aber auch üppige Tafel; und doch ißt er Kohl gern? 

Was für den Magen hier gilt, gilt doch fürs Studium auch. 

iu. 

An den Erlauchten Cosimo, über den Titel des Buches. 

Cosimo, hast du den Titel von meinem Büchlein gelesen? 

Oben am Rande hab ich' s „Hermaphroditus" genannt. 
Denn für ein Buch, das wie meins, ein weiblich und männliches 

Glied hat, 

Paßt so ein Titel wie der ganz außerordentlich gut. 



II. 1. Er besitzt die Dichter. Bücher zu haben wollte zu jener Zeit schon 
etwas besagen. 

4. Er liebt nämlich mit beiden abzuwechseln. 



5 At si podicem vocites, quod podice cantet, 

Non inconveniens nomen habebit adhuc 
Quodsi non placeat nomen, nec et hoc, nec et Ülud, 
Dummodo non castum, pone quod ipse velis. 



IV. 

AD MATRONAS ET VIRGINES CASTAS. 

Quaeque ades, exhortor, procul hinc, matrona, recede; 

Quaeque ades, hinc pariter, virgo pudica, fuge. 
Exuor, en bracis jam prosilit inguen apertis, 

Et mea permulto Musa sepulta mero est 
5 Stet, legat et laudet versus Nichina procaces, 

Adsueta et nudos Ursa videre viros. 



v. 

DE URSA SUPERINCUBANTE. 

Quum mea vult futui superincubat Ursa Priapo; 
Ipse suas partes substineo, Uta meas. 



5. Podice. Intellige de podice. 

IV. 

3. Marli .ilis III, 68. Recede; exuimur, nudos parte videre viros. 
5. De Nichina conferas epigramma XXX libri posteriori*. 



V. 

1. Figura est coitus ea, qua viro supino superincubat femina, sive prona, sive 
aversa. Apulej. Metamorph. libro II, cap. 17: haec simul dicens inscenso 
grabatulo super me cossim residens (Fotis) ac crebra subsiliens lubricisque 
gestibus mobilem spinam quatiens pendulae Veneris fruetu me satiavit. 
Martialis XI, 104. 

Masturbabantur Phrygii post ostia servi, 
Hectoreo quoties sederat uxor equo. 



Ovidius de arte amatoria III, 777. 78. 

Parva vehatur equo; quod erat longissima, nun quam 
Thebais Hectoreo nupta resedit equo. 

6 



Nennst du es aber Popo, weil auch den Popo es besinget, 5 
Hättest du 's sicherlich auch gar nicht unpassend benannt. 

Wenn dir jedoch von beiden nicht eins noch das andere zusagt, 
Welchen Namen du willst gib ihm, nur sei er nicht keusch. 

IV. 

An die keuschen Frauen und Jungfrauen. 

Jede Matrone, die hier ist, ersuche ich sich zu entfernen; 

Auch jede schamhafte Maid fliehe errötend von hier. 
Denn ich entkleide mich jetzt; schon steigt aus den offenen Hosen 

Drohend mein Glied, und im Wein wird meine Muse ersäuft. 
Aber Nichina mag bleiben, sie les' meine zotigen Verse, 5 

Ursa auch, die gewöhnt ist an das Adamskostüm. 

V. 

An Ursa, als sie auf ihm lag. 

Will meine Ursa getickt sein, so legt sie sich auf den Priapus, 
Spielt meine Rolle, und ich füg' in die ihrige mich. 



IV. 3. Martialis III, 68: 

Weiche von hinnen: 
Wir entkleiden uns: meid's, nackende Männer zu sehn. 

5. In betreff der Nichina vgl. das XXX. Epigramm des zweiten Buches. 

V. 1. Es ist das diejenige Figur des Koitus, bei welcher der Mann auf dem 
Rücken liegt, während das Weib, ihm zu- oder abgewandt, auf ihm liegt. 
Apulejus Metamorph. II, 17: .Mit diesen Worten ist sie (Foüs) auf meinem Bette, 
sitzt rittlings auf mir, wiegt sich auf und nieder, läBt mit wollüstigen Gesten 
ihr reges Kreuz spielen und speist mich mit dem Genuß der schwebenden 
Venus." Martial XI, 104: 

Hinter der Tür befriedigten selbst sich die phrygischen Sklaven, 
Wenn auf Hektorischem Roß ihre Gebieterin saß. 

Ovidius, De arte amatoria III, 777—778: 

Sitze die Kleine zu Pferde; nie saß die ThebMsche Oattin, 
Weil sie die Größeste war, auf dem Hektorischen Roß. 

7 



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Si juvat, Ursa, vehi, moveas clunemque feniurque 
Parcius, aut inguen non tolerabit onus. 
5 Deinde cave reduci repetas ne podice penem; 
Quamvis, Ursa, velis, non mea virga volet. 

Aloisia Sigaea p. 278. cxempli 1678. Fescennini oditi : surge et aversa intra 
femina tua Rangonium subüce. Ejus machaera jacentis vaginae respon- 
deat imminentis. Eadem Hl, 69. exsilit (Sempronia) in supinum (Chryso- 
gonum) et sedens obversa spiculum candens divarkatis femoribus vibrat 
ipsa in se sua manu. 
3. Clunes et femora subsultim movere dicitur crissare, id quod feminae fadunt 
tum in coitu ad voluptatem fridu augendam, quo spedat illud MarÜaUs 
XI, 104. nec motu dignaris opus juvare, tum in saltatione, ad Hbidinem 
spcdatorum exdtandam, in quo genere Gaditanarum puellarum fama erat 
maxima. MarÜaUs V, 78. 

Nec de Gadibus improbis puellae 

Vibrabunt sine fine prurientes 

Laseivos doeiii tremore lumbos. 

Idcm XIV, 203. 

Tarn tremulum crissat, tarn blandum prurit, ut ipsum 
Masturbatorem fecerit Hippolytum. 

Talis erat Quintia Priap. XXVII. 

Deliciae ooouli maeno notissima circo 
Quintia vibratas docta movere nates. 

Talis Telethusa Priapeio XIX. 

Hie quando Telethusa drculatrix, 
Quae clunem tunica tegente nulla 
Exosse aptius altiusque motat, 
Crissabit tibi fluctuant* lumbo? 
Sie ut non modo te, Priape, posset, 
Privignum quoque sed movere Phaedrae. 

Pro vulgato extis. quod tolerari nequit, cum exta nec apte moveantur, nec 
alte, ausus sum scribere tertio versiculo, quem Sibyllae folium esse pronuntiat 
Scioppius, exosse. Exossis enim vi de tu r puella, quae dunibus d coxen- 
dldbus sublevatis lumborum crispitudine dididt lasdve fluduare. Apulej. 
Apolog. cap. 74: mox in juventute saltandis fabulis exossis plane et 
enervis. Idem Metamorph. IIb. 1. cap. 4: Et ecce puer in moUiÜem 
decorus insurgit, inque flexibus tortuosis enervem */exossem saltationem 
explicat. Lucretius IV, 1247. atque exossato ciet omni pectore fluetus. 
5. Non vult offerri sibi corollarium puerile Fotidis Apulej. Metamorph, lib. III. 
cap. 20: baedxamur in Venerem. cum quid cm mihi jam fatigato de proprio 
liberalitate Fotis puerile obtulit corollarium. 



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Mußt du mich reiten, ach Ursa, dann rühre doch Hintern und 

Schenkel 

Mäßiger, — oder mein Glied hält die Geschichte nicht aus. 
Ferner auch steck dir den Penis nicht immer vom neuen ins Arschloch ; 5 
Wenn es dich, Ursa, auch freut, ihm macht es wenig Pläsier. 

Aloisia Sigaea (die deutsche Obersetzung von H. Conradt, Leipzig 1903), 
S. 167: .Steh auf, und nimm von hinten Rangoni zwischen deine Schenkel, so 
daß die Spitze deines Dolches genau auf deine darüber befindliche Scheide trifft.* 
Ebendaselbst, S. 241 : .Er (Chrysogonus) legt sich auf den Rücken, sie (Sempronla) 
steigt auf Ihn und stößt sich mit eigener Hand seinen schlanken Speer hinein, 
nachdem sie die Schenkel auseinandergespreizt hat." 

3. Hinterbacken und Schenkel stoßweise bewegen heißt in der Sprache des 
römischen Lupanars .crissare". Die Weiber führen diese Bewegungen aus, teils 
beim Koitus, um durch die Reibung das Wollustgefühl zu steigern, worauf sich 
Marti al XI, 104 bezieht: 

Du hältst es nicht für nötig, durch Bewegung das Werk zu fördern, 

teils pantomimisch, beim Tanze, um die Sinnlichkeit des Zuschauers zu reizen. 
Die Mfldchen von Gades (heut Cadiz) in Spanien waren berühmt wegen ihrer 
wollüstigen Tanzpantomimen. Martialis V, 78: 

Noch bewegen vom frechen Gades Mädchen, 
Unaufhörlich von Lüsternheit gestachelt, 
Wollustkundig sie schaukelnd, ihre Hüften. 

Ebenderselbe XIV, 203: 

So verführerisch reizt sie, so zitternd bewegt sie die Hüften, 
Daß sich sogar Hippolyt hätte vor ihr masturbiert 

Solch ein Mädchen war die Quintia, Priap. XXVTI: 

Quintia, des Volkes Ergötzen, die weithin bekannte, im großen 
Circus, die kunstvoll gewandt wiegend die Hüften bewegt. 

Ebenso Telethusa, Priap. XIX: 

Wenn hier das Gassendimchen Telethusa, 
Dem keine Tunika den Hintern zudeckt, 
Gelenker als ein Schlangenmensch den Steiß hebt, 
Vor dir die Hüften wiegt im Wellentakte, 
Dann müßte sie Priapus nicht nur, sondern 
Der Phädra Stiefsohn auch gewaltig aufregen. 

Statt des unverständlichen .exüs* in der dritten Zeile erlaube ich mir .exosse* 
zu lesen, denn .knochenlos" (exossis) scheint das Mädchen zu sein, welches die 
Fähigkeit besitzt, mit aufgehobenen Hinterbacken und Hüften ihr Gesäß wollüstig 
schaukelnd zu bewegen. Apulejus, Apologie. Kap. 74: .in früher Jugend 

9 



VI. 



DE CORVINO, V1NUM ACCURATE CUSTODIENTE, NON 

UXOREM. 

Corvinus vegetem custodit clave seraque, 
Non cohibet cunnum conjugis ille sera. 

Zelotypus vegetis, cunni sed prodigus ille est; 
Haustu nam cunnus non perit, illa perit 

va 

EP1THAPHIUM PEGASI, CLAUDI PAEDICONIS. 

Si vis scire meum nomen votumque, viator, 

Pegasus hac ego sum claudus humatus humo. 
Vota deinde scias, nomen quum sciveris; audi: 

Sic desiderio tu potiare tuo. 
5 Quum pathicum quemquam paedicaturus ephebum es, 

Ulud in hac tumba, quaeso, viator agas, 
Atque ita mis animas coitu, non thure, piato, 

Scilicet hanc requiem manibus, oro, dato. 
Hoc apud infernas genus est leniminis umbras 
10 Praecipuum; prisci sie statuere patres. 

Quippe ita Chironis cineres placabat Achilles, 

Sensit et hoc podex, flave Patrode, tuus, 
Gnovit Hylas patrio percisus ab Hercule busto. 

Tu mihi majores quod docuere Uta. 

VL 

l.Veges Latinitatc media est dolium, vas vinarium Vita S. Joannis episcopi 
Tragurensis: de tanta paucitate uvarum tres majores jam replevimus 
vegetes. Vita S. Andrcac de Galeranis: ivit ad vegetem, */ facto signo 
enteis haust t ab und c, vegete repleta divinitus. Vide infra XIX, 11. 

4. Priap. III. da mihi, quod tu des licet assidue, nil tarnen inde perit. 

vn. 

7. Mis antique pro mei. Ennius apud Priscianum libro XIII. p. 955. operis 

Putschlanl: ingens cura mis cum concordibus aequiparare. 
13.Virgilius Georgic. III, 6. Cut non dictus Hylas puer? — Martialis XI, 43. 
Incurvabat Hylam posito Tyrinthius arcu. Perddi dicuntur pathid: Martial. 
IV, 48. Percidi gaudes. percisus. Papile, ploras; idem VII, 62. reclusis 
foribus grandes percidis, Amitle. 

10 



VI. 

Auf Corvinus, der seinen Wein sorgsam bewacht, aber 

nicht sein Weib. 

Fest hinter Riegel und Schloß verwahrt Corvinus sein Weinfaß, 
Aber der Gattin Geschöß sperrt er mit Schlössern nicht ab. 

Eifersucht quält um das Faß, doch nicht um die Fut ihn; das eine, 
Bohrt man es an, läuft aus, aber die andere nicht. 

VII. 

Grabschrift des hinkenden Päderasten Pegasus. 

Willst meinen Namen du wissen und was ich begehre, o Wandrer, 

Pegasus bin ich und lahm, den diese Erde bedeckt. 
Wisse nun auch meinen Wunsch, nachdem du den Namen erfahren, 

Daß deine Neugier auch gänzlich befriedigt dir sei: 
Wenn einen Jüngling du hast, mit dem du der Liebe willst pflegen, 5 

Tu* das, ich bitte dich drum, Wanderer, auf diesem Grab. 
So durch den Beischlaf und nicht durch Weihrauchwolken versöhnet, 

Sei meinen Manen die Ruh', die ich ersehne, vergönnt 
Damit besänftiget man die Schatten des Hades am besten, 

Wie es vor alters ja auch haben die Väter geglaubt. 10 
So versöhnte Achill die Asche im Grabe des Chiron, 

Solches hat auch dein Popo, blonder Patroklos, verspürt 
Hylas erfuhr es, als Herakles ihn auf dem Grabe des Vaters 

Spießte. Drum opfre auch du wie es die Alten gelehrt. 



Pantomimen zu tanzen, fast ohne Knochen und Sehnen.* Ebenderselbe, Meta- 
morph., I. Buch, Kap. 4: .Und siehe da, ein schöner, zarter Knabe erhebt 
sich und führt mit verschlungenen Bewegungen, fast wie ohne Sehnen und Knochen, 
einen Tanz aus.* Vgl. Lucretius IV, 1247: Ziehet den Saft sie ein als fehlten 
dem Körper die Knochen (sich so bewegend). 

5. Er will nicht das . Knabe nkränzlein • der Fotis angeboten haben. 
Apulejus, Metamorph. III. Buch, Kap. 20: .Wir überlassen uns dem Taumel der 
Wollust, und schon ermattete ich, als Fotis mir aus eigener Freigebigkeit ihr 
Knabenkrflnzlein darbot.* 

VI. 4. Priap. lü: QU, „* 
Immer, was geben du kannst; schließlich verlierst du doch nichts. 

VII. 13. Virgil, Georg. III, 6: 

Wer nicht hätte erzahlt von Hylas, dem Knaben? 

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VM. 

DE URSAE TENTIGINE ET NASO. 

Si multus multae est nasus tentiginis index, 
Ursae tentigo tenditur usque pedes. 

Quin si multa ampli nasi tentigo sit index, 
Nasus ad usque tuum tenditur, Ursa, genu. 



IX. 

AD CORNUTUM. 

RESPONDET QUARE RELICTA ETRURIA TRISTIOR SIT. 

Quaeris ab unanimi, dulcis Cornute, sodali, 

Cur videar licta tristior Etruria, 
Cur lusus abiere jocique, et pallor in ore est, 

Muta quid heic subito facta Thalia mea est 
5 Pene potens agit heic Gallus, qui cruscula solus 

Quaeque velit, solus basia quaeque velit 
Is sibi habet quodcunque natis vel podicis urbe est, 

Quidquid et e Tuscis aut aliunde venit. 

vm. 

Ramusius Arimlncnsis carminc XXXI. 

Et dicor meretrix, lupa, ursa, vacca: 
Eventus mihi nomina haec notavit. 

1. MarÜalis epigr. 36. libri VI. 

Mentula tarn magna est, tan ms tibi, Papile. nasus, 
Ut possis, quoties arrigis, olfacere. 

2. Juven. VI, 129. adhuc ardens rigidae tentigine vulvae. 



IX. 

5. Infra XIII, 5. 6. 

Parthenope Gallis cedit. Florentia Cimbris, 
Si semel his puenxm sors tetigisse dedit. 



velle est paediconis. Idem appellabitur infra libro secundo XXIV, 4. 
cruscula adfectare. 

12 



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vm. 

Auf Ursas Geilheit und ihre Nase. 

Wenn uns die Länge der Nase die Größe der Geilheit verriete, 
Ursa, so ging' deine Brunst bis auf die Füße hinab. 

Ja fürwahr, wenn die Geilheit der Größe der Nase entspräche, 
Müßtest du bis zu dem Knie, Ursa, aus Nase bestehn. 

IX. 

An Cornutus. 

Er erklart ihm, weshalb er so niedergeschlagen sei, seitdem er Toscana verlassen hat. 

Liebster Cornutus, du willst von dem Busenfreunde erfahren, 

Was mich so traurig gestimmt, seit ich Toscana verließ, 
Warum Freude und Scherz verschwunden, warum ich so bleich bin, 

Was meiner Muse geschehn, daß sie so plötzlich verstummt? 
Ach, hier regiert der Franzos mit mächtigem Glied und begehret 5 

Alles was Schenkel nur hat, alles was küßt, für sich selbst 
Sein ist was in der Stadt an Hinterbacken sich findet, 

Was aus Toscana und sonst irgendwoher zu uns kommt. 

Martial XI, 43: 

Herkules legte beiseit den Bogen um Hylas zu biegen. 

Perddi (zerhauen, zerspalten werden) wird von den Pathids gesagt: Mar- 
tial IV, 48: 

Hauen läßt du dich gern, gehauen, Papllus, klagst du. 
Martial VII, 62: 

Bei geöffneter Tür, Amillus, verhau'st du Erwachsne. 

VIII. Ramusio da Rimini, Carm. XXXI: 

Man heißt mich Hure, Wölfin, Kuh oder Bärin: 
Mir trug der Zufall solcherlei Namen ein. 

1. Martial VI, 36: 

So groß, Papllus, ist dein Schwanz, so groß ist die Nase, 
Daß du, so oft er sich hebt, ihn auch zu riechen vermagst. 

2. Juvenal VI, 129: 

noch heiß von der Brunst der genossenen Liebe. 

IX. 5. Vgl. Epig. XIII, 5. 6. Cruscula velle (die Schenkel haben wollen) 
ist das Begehren des Päderasten. Dasselbe besagt (II. Buch, Epigr. XXTV, 4.) 
der Ausdruck .cruscula adfectare.* 

13 



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Munera dat, Croeso nummato qualia sat sint; 
10 Muneribus blandas adiicit illecebras. 

Inde edicta suis scribit quasi praetor ephebis: 

Ne sine te tangi, ne sine te subigi. 
Non potes ergo loqui puero, ni indulgeat ille, 

Ni velit is, puero non potes ipse frui. 
15 Tu contra ingenuas mulieres, tu quoque servas, 

Tuve bonas vexas inguine, tuve malas. 
Vix tibi quae natum sacro de fönte levavit, 

Vix sacra, vixque soror, vix tua tuta parens. 
Tu futuis viduas, futuis nuptasque maritasve, 
20 Et tibi vis cunni quidquid in urbe manet. 

Tu tibi vis igitur tota quid mingit in urbe, 

Ille sibi tota quidquid in urbe cacat 
Et mihi quin etiam jam constat mentula, qualem 

Qui superat, certe non homo, mulus erit 



lö.Ovid. de arte amatoria D, 627, 28. 

Scilicet excuties omnes ubicunque puelias. 
Cuilibet ut dicas: haec quoque nostra fuit. 

20. Catull. XXXVII, 3. 4. 5. 

Solis putatis esse mentulas vobis? 
Solls licere quidquid est puellarum 
Confutuere, et putare eeteros hircos? 

23. 24. Umpridius In Commodo cap. 10. habuit et hominem pene prominente 
ultra modum animalium. quem Onon appellabat. 

Juvenal. IX, 92. alium bipedem sibi quaerit asellum. 

Hieronymus ad Ezech. XX1U. insanivit quondam in concubitu Aegyp- 
tiorum. quorum carnes sunt ad similitudinem asinorum, et tarn largus 
seminum fluxus, sive verenda tarn grandia, ut equorum superent defor- 
mitatem. 

Padficus Maximus elegia X. pagina Parisiensi 124. 

lila salax, quondam quam nullus vieit asellus, 
En jacet officio mentula functa suo. 

14 



Freilich wohl gibt er Geschenke wie sie einem Krösus geziemen, 
Und den Geschenken fügt schmeichelnde Lockung er bei. 10 

Drum auch erläßt er als Prätor Edikte an seine Epheben: 
„Laßt es nicht zu, daß man euch anrührt oder verführt!" 

Sprechen nicht darfst du mit einem der Knaben, wenn er's nicht 

erlaubt hat, 

Keiner auch gibt sich dir hin, außer wenn er es so will. 
Du dahingegen, du willst alle Weiber, ob Damen, ob Mägde, 15 

Ob anständig, ob schlecht, mit deinem Dinge bedräun. 
Kaum vor der Wöchnerin scheinst du heilige Scheu zu empfinden, 

Ja, vor der Schwester und auch nicht vor der Mutter einmal. 
Witwen vögelst du auch und Bräute und Gattinnen; kaum noch 

Ist in der Stadt ein Geschöß übrig, das dir nicht gehört 20 
Du willst alles für dich, was hier in Bologna Pipi macht, 

Er beansprucht für sich alles, was kackt in der Stadt 
Deswegen muß mir der Knüppel so stehn, daß, wenn etwa Einer 

Größer ihn hat, er kein Mensch, sondern ein Maulesel ist; 



15. Ovld, De arte amal. II, 627-628: 

Wahrlich, du solltest umher die sämtlichen Madchen durchmustern, 
Um zu erzählen der Welt: .Die* auch besaß ich dnmal.' 

20. Catull. XXXVII, 3—5: 

Glaubt ihr beschlagen euch allein mit Mannsgliedern ? 
Allein befugt, wo irgend Mädchen blühn, alle 
Zu hcken, wie wenn unsereins ein Bock wäre? 

23. 24. Lampridius, Commodus, Kap'. X: Auch hatte er einen Menschen 
bei sich, der ein ungewöhnlich großes Schamglied hatte und den er seinen Onos 
(Esel) nannte. 

Juvenalis IX, 92: 

suchet sich selbst einen andern zweibeinigen Esel. 



Hieronymus zu Ezechiel XXIII: Sie entbrannte zuvor gegen ihre Buhlen, die 
Ägypter, deren Fleisch ähnlich ist dem der Esel, haben auch einen starken 
Samenfluß und so große Schamglleder, daß sie die der Rosse an Unförmlichkcit 



Padfico Massimi, Elegia X, S. 124 der Pariser Ausgabe: 

Jenes vergellte Geschöpf, das kein Esel je konnte befriedigen, 
Siehe, da liegt sie! Du hasfs mit deinem Glied ihr besorgt 

15 



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25 Et mihi nimirum constant viresque vicesque, 

Quales qui vincit, non homo, passer erit 
Cur mihi non igitur futuendi copia fiat? 

Nec sit quae coleos hauriat ulla meos? 
Quare agedum nobis de partis cede pueliam 
30 Aut unarn, aut unam tu mihi quaere novam. 

Tunc me conspicias laetum lautumque licebit, 
Candida tunc pulchrum nostra Thalia canet 

x. 

IN MATTHIAM LUPIUM, CLAUDUM MALEDICUM. 

Nescio quis nostram fertur carpsisse Camenam; 

Si non decipior, Lupius ille fuit 
lila sibi solita est nimium lasciva videri; 

Confiteor, vitae congruit ergo suae. 

Wem elegia XI. 

Aut petat haec alium. membrum non tale vldebit. 
Taleque non coelum. tale nec Orbis habet. 

Petronius cap. 92. habebat inguinum pondus tarn gründe, ut ipsum 
hominem laciniam fascini crederes. 

26.PrlapeloXXVI. 

Quod (membrum) totis mihi noctibus fatigant 
Vicinae sine /ine prurientes, 
Vernis passeribus salaciores. 

Ad quac Scloppius: Omnia verno tempore in Venerem sunt proniora. 
maxime vero omnium passeres. Cum Ingolstadii agerem, vidi e regione 
musaei mei passerem coitum vieles repetentem, et inde adeo ad languorem 
datum, ut avolaturus in terra m decideret. En sortem iniquam! Hoc 
passeribus datum, negatum hominibus. Nae qui facinus hujusmodi imi- 
tari ausit, faxim ut picos (in exemplo Patavlno anni 1664 mendose pici) 
qui aureos montes colunt, divitiis Ute solus superet. Prae milite Plautino 
omnes eum sectaturas feminas scilicet! Addendum: pici illud Sdopplanum, 
licet durissimum, minlme debebat sollicitari: volult enim Scioppius exprimere 
nominativum absolutum Plaut! In Aulul. IV, 8, 1. 

X. 

Recepit hoc epigramma editor opusculorum Panormitac Venetus, loco 
sextodcdmo carmlnum. 
4. Venetus nec videt hanc similem moribus esse suis. 



16 



Deswegen wachsen Begierden und Kräfte mir so, daß, wenn Einer 25 

Mich übertrifft, er kein Mensch, sondern ein Sperling muß sein. 
Ach, warum gibt man mir nicht was zu hcken in reichlicher Menge? 

Ist denn hier nirgend ein Weib, das mir die Hoden erschöpft? 
D'rum also sei doch so gut: überlaß mir von all deinen Madchen 

Eine für mich oder schau, daß du mir eine verschaffst 30 
Dann wirst du sehen, wie lustig ich bin und wie üppig ich schlemme; 

Lieblich ertönt dann aufs neu meiner Thalia Gesang. 

X. 

Auf den hinkenden und schmähsüchtigen Mattia Lupi. 

Wer hafs gewagt, meine Dichtungen frech zu bekritteln? Ich 

weiß nicht, 

Aber ich irre wohl nicht, sage ich: „Lupi, der war's M . 
Liederlich freilich ist oft meine Muse, so scheint es den Leuten; 
Dieses gesteh' ich, doch da paßt sie ja trefflich zu ihm: 



Derselbe, Elegia XI: 

Such' sie sich doch einen andern, sie sieht solchen Penis nicht wieder; 
Himmel und Erde besitzt so etwas Ähnliches nicht 

Petronius, Kap. XCII: .Er hatte ein so großes, gewichtiges Schamglied, daß 
man glauben konnte, der ganze Mann sei nur ein Anhingsei seines Penis.* 

26. Priapeia XXVI: 

Das Glied, das jede Nacht sie mir ermüden. 
Die Nachbarinnen, denen es ewig juckt. 
Noch lüsterner als im Frühling die Spatzen. 

Scioppius bemerkt hierzu: Alle Wesen, besonders aber die Sperlinge, sind 
im Frühling dem Dienst der Venus mehr als sonst ergeben. Als ich in Ingol- 
stadt wohnte, sah ich, von meiner Studierstube aus, einen Sperling zwanzigmal 
den Geschlechtsakt ausüben, worauf er so erschöpft war, daß er bei dem Ver- 
suche davonzufliegen, zu Boden fiel. Welch unbilliges Geschick, das den Sper- 
lingen gewährt was es den Menschen versagt! 

2 17 



5 Est vir obscenus, nostrae est lascivia Musae, 

lila levis versa, moribus ille levis. 
Adde quod id monstri pedibus non ambulat aequis, 

Iniparibus constat nostra Camena modis. 
Si culpat versus, et se culpare necesse est 
10 Si sapis ergo, tace, prodigiose senex. 



XL 

IN EUNDEM LORIPEDEM. 

Die mihi, cur longo, Lupi, vestiris amictu; 

An Vitium surae vis operire toga? 
Nil agis, o demens, humeri, latera atque moventur, 

Ut tumida nullo remige lembus aqua. 



XII. 

IN MAMURIANUM, POSTREMAE TURPITUDINIS V1RUM. 

Si tot habes scapula penes, quot sorpseris ano, 
Et perfers, vincis, Mamuriane, boves. 



Xlll. 

LEP1DINUS AB AUCTORE QUAERIT, CUR QUI SEMEL 
PAEDICARE COEPERIT HAUDQUAQUAM DESISTIT. 

Cur qui paedicat semel, aut semel irrumat, auetor 
Nugarum, nunquam dedidicisse potest? 



6. Venetus illa levis cursu. morsibus ille levis. 
8. Venetus nostra Thalia modis. 

XL 

Est cannen Venerum XV1L Loripedem deest In Veneto llbro, Bandlnus 
fadt cum editore Parisiensi. 

XU. 

Vir postremae turpitudinis est [qui averaa Venere gaudet culumque dat 



Xlfl. 

Desistit est ledio Bandini, Parisiensis desistat. 

18 



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Er ist ein geiler Gesell, und voll Wollust steckt unsere Muse; 5 
Sie ist leichtfertig im Vers, locker in Sitten ist er. 

Dazu noch stelle dir vor, dieses Vieh geht auf ungleichen Füßen, 
Auch das Distichon baut auf sich auf ungleichem Fuß. 

Tadelt er also den Vers, so faß er sich selbst an die Nase. 
Wär'st du vernünftig, du schwiegst, degenerierter Cretin! 10 

XL 

Auf denselben Krummfuß. 

Sag" mir doch, Lupi, weshalb du in lange Gewänder dich kleidest? 

Glaubst du, den Fehler am Fuß decke die Toga dir zu? 
Eitles Bemühen, du Tropf; es bewegen sich Schultern und Hüften, 

Wie ohne Ruder ein Kahn schwanket auf brausender Flut. 

XII. 

Auf den der größten Schande ergebenen Mamurianus. 

Trügst du so viele der Schwänze als schon du im Hintern ge- 
habt hast, 

Fort auf den Schultern, du wärst stärker fürwahr als ein Ochs. 

xm. 

Lepidinus fragt den Autor, warum jemand, der einmal 
die Päderastie auszuüben begonnen hat, gar nicht wieder 

davon abläßt. 

Warum verlernt wohl, o Dichter, wer's einmal mit Knaben ver- 
sucht hat, 

Oder auch einmal „in os", diese Gewohnheit nicht mehr? 



XU. Ein der Schande ergebener Mann ist ein solcher, der der Venus von 
hinten frönt und seinen Steiß der Wollust seiner Uebhaber preisgibt. 

2» 19 



Immo Brito et bardus, quum vix gustaverit, ultro 
Certat in hoc ipso vincere amore Senas. 
5 Parthenope Gallis cedit, Florentia Cimbris, 

Si semel bis puerura sors tetigisse dedit. 



3. Britones videbantur prisds homlnes bardl stupidlqac. Juvenal. XV, III. 
Gallia causidicos docuit facunda Britannos. Isidoras Originum libro IX. 
cap. 2. Britones quidam latine nominatos suspicantur eo quod bruti sint. 
Junguntur utl nostro loco ita apud Juvenalem XV, 124. Britones Cimbris: 
nec terribiles Cimbri. nec Britones unquam. 

5. Neapolitanos didt et Florentinos, omnium hominura maxime paedlcandl libl- 
dinl deditos, vind in hoc genere a Gallis ceterisque populis septentrionali- 
bus, ubi seine] iltis contlgerit degustare voluptatern, a qua alias soleant ab- 
horrere vehemcntissime. Causam vero, propter quam et Itali et Hispani 
tantopere deledentur paedicando, aliquatenus aperuit Aloisia Sigaea in Satira 
sotadica p. 304—306. exempli 1678 editi. Nunc, inquit, omnium maxime 
hominum Galli odio insuetae Veneris flagrant. Quos polluit. ultricibus 
purgant flammis. Ferri aciem sufficere non putant uiciscendae castitati. 
Mirantur Itali et Hispani. Nam satius est, de populis sub Mahometis 
jugo depressis non dicere. Gallos et qui ad septentrionem vergunt stupidi 
dicunt esse ad voluptatern sensus. Sincerum ut sibi voluptatis inesse 
g us tum negant. Nimirum nos feminae acuimus ipsae in nos virorum 
nostrorum ingenia ad voluptatern alio investigandam. quam vix et ne vix 
quidem inveniunt in nobis plenam et solidam. Patentiora sunt nobis 
Kalis Hispani svc, quis neget? Veneris ostia. Non Veneri facere, qui 
per Ulm ins vasatusque ultra modum non sit, sed dixerit in portidbus 
amplis jaculo ludere. Quae facile admittit ineuntem, minuit concha 
voluptatern. Comprimi, exsugi gaudet mentuta; si liberius spatietur, male 
habet. At in aversa Venere se res commodius habet. Difficilis ingressus 
irrumpenti mentulae, et cum irrumpit, locum non implet modo, sed dis- 
rumpit. Dehinc nuüa stadii capacitas, nisi quam velit cursor. Accom- 
modat ultro se hospitium hospiti, musculi ut contenduntur, ut laxantur. 
Vulva vero cum semel aper tu horribili hialu ars nulla, mulieris nullus 
aut Situs aut motus faciet unquam, quin laxa, quin aperta horribili hiatu 
pateat miserabili mentulae ad contumeliam coneubitus. Hinc amatores 
turpis delicti apud nos multi, ex adverso apud Gallos Germanosque 
pauci. Nam sub septentrionibus non ita feminae lati fundi sunt. Frigore 
restringuntur membra omnia quasi concreto. Ideo cum habeant omnia in 
tegitimo mulierum censu. quae voluptati favent, quid expeterent ultra, 
quod Ulis in penu est? Sane qui apud nos peculii laude praedicantur 
bene mutoniati, nec paedicantur. nec paedicant. Hactenus Aloisia Sigaea, 
vel potius, qui sub nomine virginis latere creditur, Nicolaus Chorerius. 

20 



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Selbst so ein Brite, ein Tölpel, der's einmal geschmeckt hat, der 

nimmt schon 

In diesem Liebesgenuß mit Sienesen es auf. 
Galliern weichet Neapel, den Cimbern Florenz, wenn der Zufall 
Solche Barbaren einmal Knaben berühren gelehrt 

XIII. 3. Die Briten galten bei den alten Römern für dumm und schwer von 
Begriffen. Juvenal XV, 111: 

Gallien lehrte, im Reden geübt, den britannischen Anwalt. 

Isidor us, Originum Hb. IX, Kap. 2: .Die Briten werden, wie einige vermuten, 
auf lateinisch so genannt, weil sie dumm (bruti) sind.* Hier werden die Briten 
mit den Cimbern zugleich genannt, wie bei Juvenal XV, 124 : 

weder die schrecklichen Cimbern, noch je die Britonen. 

5. Der Autor sagt, daß die Neapolitaner und die Florentiner, die von allen 
Mannern am meisten der Päderastie ergeben sind, darin von den Franzosen 
und den Völkern des Nordens noch übertroffen werden, sobald diese die Wollust 
einmal kennen gelernt haben, vor der sie sonst einen heftigen Abscheu emp- 
finden. Die Ursache indessen, weshalb sowohl die Italiener als die Spanier so 
großes Vergnügen an der Päderastie rinden, erklärt Alolsia Sigaea in ihren .Ge- 
sprächen*, S. 184, wenigstens einigermaßen: .In der Jetztzelt tragen vorzugsweise 
die Franzosen den größten Abscheu vor widernatürlicher Geschlechtsbefriedigung 
zur Schau ; den Sünder, der sich damit befleckt, übergeben sie zur Reinigung der 
strafenden Hamme, da nach ihrer Meinung die Schärfe des Schwertes noch nicht ge- 
nügt, die beleidigte Keuschheit zu rächen. Den Italienern und Spaniern erscheint dies 
unbegreiflich, ganz zu geschweigen von den Völkern, die dem Gebot des Pro- 
pheten Mohammed untertan sind. In den Augen der Südländer sind die Fran- 
zosen und die andern Nationen des Nordens zu stumpfsinnig zur Wollust; sie 
haben nicht, wie sie, den richtigen Begriff von den Freuden der Liebe. Aber 
im Grunde werden durch uns Frauen die widernatürlichen Begierden der Männer 
angestachelt: wir zwingen sie, anderweitig einen Genuß zu suchen, dessen volle 
Befriedigung sie nicht bei uns finden können. Bei uns Italienerinnen und 
Spanierinnen steht das Venuspförtlein — wer könnte das leugnen wollen? — 
viel weiter offen als bei anderen Frauen. Wenn ein Mann, der mit uns zu tun 
hat, nicht in ganz besonderer Weise begabt und ausgestattet ist, so muß er 
glauben, nicht ein Liebesspiel zu treiben, sondern In einer weiten Halle sich im 
opeersiouen zu uuen. wenn aer /.uinn zur uronc zu leicni gesianei wiro, macni 
ihr Besuch weniger Vergnügen. Die Mentula hat es gern, wenn sie zusammen- 
gepreßt und ausgesogen wird; wenn sie allzu frei herumspazieren kann, ist sie 
nicht zufrieden. Beim Liebesgenuß von hinten geht die Sache angenehmer vor 
sich. Die Mentula findet nur mit Mühe Eingang, und wenn sie drinnen ist füllt 
sie ment nur aen Kaum aus, sonaern aennt sogar dessen wanae. uie otecn- 

21 



Sic qui forte manes semel inclinaverit, idem 
Haud facinus coeptum destituisse potest 

XIV. 

IN LENTULUM MOLLEM, ELATUM ET POSTREMAE 
TURPITUDIN1S VIRUM. 

Solus habes nummos, et solus, Lentule, libros, 
Solus habes pueros, pallia solus habes, 

Solus et ingenium, cor solus, solus amicos, 
Unum si demas omnia solus habes. 
5 Hoc unum est podex, quem non tibi, Lentule, solus, 

Sed quem cum populo, Lentule mollis, habes. 

7. 8. Ultimum distichon in exemplo Parisiensi hoc loco non legitur, sed sub- 
jungitur infra carmini XXII. ubi cum tolerari prorsus nequeat, videtur nesdo 
quo casu sede propria motum In allenam aberrasse. Jam cum in unlverso 
Hermaphrodito epigramma reperiatur nulluni, cui aptius posslt subnecti. quam 
nostrum, huic restftuendum putavi. — Inclinari cum soleint dnaedi a paedi- 
conibus, ut commodior corporis situs reddatur, per euphemismum inclinare 
dictum est pro paedicare. ut concumbere pro futuere: Juven. IX, 26. solebas 
ipsos etiam inclinare maritos. Idem X, 224. quot disciputos inclinet 
Hamillus. SimiU' est incurvare. Marlialis XI, 43. i n c u r vab a t liylam posito 
Tyrinthius arcu. Incurvari etiam feminae dicuntur ab iis, qui futuunt legi- 
time quidem, sed aut propter ventris obesitatem, aut variandi libidinem, pone, 
non ante. Luxorius in Anthologia Burmanni secundi tomo II. p. 592. Zelo- 
fypus plures incurvat clune puellas. Nec alio modo bellissimus ille pusio 
Apulejl Metamorphos. llbro IX. cap. 7. fefellit maritum: at vero adulter. 
bellissimus ille pusio, inclinatam dolio pronara uxorem fabri superin- 
curvatus secure dedolabat. 

XIV. 

6. Dives erat Lentulus, et tarnen mollis seu pathicus. Neque enim pathici 
tan tum mercede conducebantur ad Venerem aversam patiendam, sed etiam 
paedicones ad laborem paedicandi susdpiendum. Ad hoc conduxerat Virro 
Naevolum, quem de avaritia domini computantis et ceventis festive con- 
querentem proposuit Juvenalis IX, 42—46. 

\' unteren tu r d ein de labores. 
An f adle et pronum est agere intra viscera penem 
Legitimum, atque Ulk hesternae occurrere coenae? 
Servus erit minus ille miser. qui foderit agrum, 
Quam dominum. 



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Wer einem Knaben nur einmal sich über den Rücken gelegt hat, 
Kann von dem Werke nicht mehr lassen, nachdem er's probiert 



XIV. 

Auf den stolzen, aber der größten Schande ergebenen 

Weichling Lentulus. 

Lentulus, dir nur allein gehören dein Geld, deine Bücher, 
Knaben, die hast du für dich, auch deine Kleider sind dein. 

Für dich allein hast du Geist, hast Gemüt und hast deine Freunde, 
Alles besitzt du allein, nehmen wir eines nur aus. 

Denn dies eine, den Hintern, den hast du für dich nicht alleine, 5 
Weichlicher Lentulus, nein: der ist Gemeingut des Volks. 

bahn ist also nicht breiter, als der Reiter sie wünscht; die Herberge richtet sich 
nach dem Gast, dem sie Unterkunft gewährt, da die Muskeln sich nach Belieben 
zusammenziehen oder ausdehnen können. Wenn dagegen unsere Grotte einmal 
mit Gewalt geöffnet und zu einem fürchterlichen Schlund geworden ist, dann 
vermag eine Frau es durch keine Geschicklichkeit, durch keine besondere 
Stellung oder Bewegung zu bewirken, daß sie nicht weit bleibt: sie ist nach wie 
vor ein fürchterlicher Schlund für die arme Mentula, und das nimmt der Be- 
gattung viel von ihrem Wert Darum sind bei uns die Liebhaber der unreinen 
Lust so zahlreich, wahrend es deren im Gegenteil bei den Franzosen und den 
Deutschen nur wenige gibt. In den nördlichen Ländern sind die Frauen nicht 
so weit gebaut; es ist wie wenn durch die Kälte die Glieder sich zusammen- 
zögen. Da also die Männer im naturgemäßen Verkehr mit ihren Frauen alle nur 
wünschenswerte Lust finden, was könnten sie mehr verlangen als die Hausmanns- 
kost, die sie im Speiseschrank haben? Auch bei uns halten sich ja diejenigen 
Männer, die von der Natur reich ausgestattet sind und einer stattlichen Mannes- 
zier sich rühmen können, von diesen Sachen frei: sie machen es nicht von 
hinten, noch auch lassen sie sich's machen.' Soweit unsere Aloisla Slgaea, 
oder vielmehr Nicolas Chorler, der sich hinter dem Pseudonym der gelehrten 
Jungfrau verborgen haben soll. 

7. 8. Da die Klnäden gewöhnlich von ihren Liebhabern vornüber geneigt 
wurden, um eine bequemere Stellung einzunehmen, wurde der Ausdruck .indi- 
nare* (biegen) als Euphemismus für .paedlcare' gebraucht, ebenso wie .con- 
(beisammenllegen) für .futuere". Juvenal IX, 26: 

ja, du pflegtest sogar Ehmänner zu biegen. 

Derselbe X, 224: 

wie viel biegt von den Schülern Hamlllus. 

Gleiche Bedeutung hat .ineurvare* (beugen); Martial XI, 43: 

Auch der Tirynthier hat sich den Hylas niedergebeuget. 

23 



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XV. 



AD LEP1D1NUM RESPONSIO, ET QUARE URSUS CAUDA CARET. 

Accipe ridiculam, dulcis Lepidine, fabeilam, 

Et quae quod poscis dissoluisse queat 
Fertur ab horticola divam quaesisse Priapo, 

Seu Venus in dubio est, seu dea Flora fuit, 
5 Cur, quum velentur quasi quaeque animalia cauda, 

Ursus non cauda membra pudenda tegat 
Ule refert, escam cupide dum quaereret ursus, 

In tempestivos incidit ille favos, 
Nec comedit primum, licet ipse famelicus esset, 
10 Quandoquidem merdas credidit esse favos. 

At stimulante fame mox haeret, libat et instat, 

Mel sapit, et tandem non edit, immo vorat 
Rusticus advortit, properat, strepit; ursus obaudit 

Rusticus is custos mellis et Argus erat. 



Consolatur vcro poeta homincm tristem et cum fato cxpostulantcm, nil facere 
longi mensuram incognitam nervi, versiculo 130. 

Ne trepida; nun quam pathicus tibi deerit amicus. 

Ceterum fere ad verbum hoc epigrammate expressit noster Martialeum 26 
libri terüi. 

XV. 

Bandinus in epigraphe Lepidium: mendose. 
2.Amat noster more Tibulli perfedum infinitivi ponere pro praesente, vide 
supra Xfll. 2. 8. infra XVII, 20. XXX, 12. XXX VI II , 23. 24. et libro secundo 
VI, 16. 36. XIII, 20. XXV, 10. 13. item Append. II, 18. Quaesierat Lepidinus 
epigrammate 13. cur qui semel paedicare coeperit, haudquaquam desistat. 
Jam respondet auctor, idemque novo paediconi dicit contingere, quod urso, 
qui ubi primum mellis dulcedinem gustaverit, caudae maluerit jacturam facere, 
quam de cibo dulcissirno moveri. 
13. Obaudit, id est non audlt Nostrates überhören. Alanus libro VI. Anti- 
aaudiani cap. 2. Ergo minis. precibus, pulsu, clamore soporem expugnare 
parat, sed talis somnus obaudit. Angel. Pechin olius in literis de sua 
legatione Hungarica ad Innocentium VIII. pontif. mu. ostendit sua majestas 
dudum binas Ute ras Soidani in Arabico et Turco sermone scriptas, et 
modeste a me pulsa quid literae die e rcnt, velut obaudien s alio sermonem 
divertit. Haec quidem ex Cangianis thesauris, ut superiora de vegete. 

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XV. 

Antwortschreiben an Lepidinus und warum der Bär keinen 

Schweif hat. 

Hör, Lepidinus, mein Lieber, die Fabel; sie ist dir zum Lachen, 

Kann auch die Frage dir leicht lösen, die du mir gestellt: 
Einstmals wurde gefragt von einer Göttin Priapus, — 

Ob Aphrodite es war oder ob Chloris vielleicht? — 
Warum, dieweil doch die Tiere fast alle mit Schweifen versehn sind, 5 

Einzig der B3r nicht verhüllt trägt mit dem Schwänze die Scham? 
Jener erzählt", daß der Bär, als gierig er suchte nach Speise, 

Einige Waben, die voll waren von Honig, einst fand. 
Aber so hungrig er war, so verschmäht' er zuerst, sie zu essen, 

Weil ihm das Ding nicht bekannt, hielt er die Waben für Mist 10 
Hunger tut wehe; er stutzt, er kostet, er macht sich darüber. 

Ha, wie das schmeckt! Und der Bär frißt nicht mehr, sondern 

verschlingt 

Aber ein Landmann, der Wächter des Honigs, mit Augen wie 

Argus, 

Eilet herbei und macht Lärm; stören nicht läßt sich der Bär. 



Beide Ausdrücke gebraucht man auch von Frauen, mit denen der natur- 
gemane Deiscniai vollzogen wira, aocr — entweder wegen inres großen LeiDes- 
umfanges oder aus Lust an der Abwechslung — von hinten, nicht von vorn. 
Luxorius in der Anthologie Burmanni, Bd. II, S. 592: .Zelotypus beugt mehrere 
Mädchen mit dem Gesäße.' Und auf dieselbe Weise setzt jener saubere Bursch, 
bei Apuleius, Metam. IX. Buch, Kap. 7 dem Ehemann Horner auf: .unterdessen 
schmiegt sich der saubere Bursch Aber seine Frau Zimmermännin hin, welche 
sich auf das Fafi gebückt hatte und verhämmert sie in aller Ruhe.* 

XIV, 6. Lentulus war reich und dennoch ein Weichling oder Pathicus. 
Denn gegen Bezahlung gaben sich nicht nur Kinäden zum passiven Liebes- 
genusse, sondern auch Päderasten zur aktiven Ausübung der Päderastie her. 
Dazu hatte Virro den Naevolus veranlaßt, den uns Juvenal IX, 42 — 46 so köstlich 
schildert, wie er sich über den Geiz seines rechnenden und dabei .arsch wackeln- 
den* Herrn beschwert: 

dann rechne noch meine Bemühung. 
Ist es so leicht und bequem, meinen ehrlichen Penis in deinem 
Darme zu schieben umher, wo dem gestrigen Mahl er begegnet? 
Weniger ist zu beklagen der Knecht, der den Acker bestellet, 
Als der den Herrn. 

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15 Denique robusti cauda subnititur ursi, 

Et trahit, i 1 Ig novo non trahit ora cibo. 
Pauperiem timet hic, timet hic de melle moveri, 

Ille suo perstat proposito, ille suo. 
Verum adeo trahit, adeo hic contrarius obstat, 
20 Manserit ut stupida cauda revolsa manu. 

Hic deus hortorum, dum subdere plura pararet, 
Arrigit, et pepulit mentula tenta deam. 

XVI. 

LAUS ALDAE. 

Aldae oculi legere domum Charitesque Venusque, 
Ridet et in labiis ipse Cupido suis. 

Non mingit, verum si mingit balsama mingit; 
Non cacat, aut violas si cacat Alda cacat 

XVII. 

AD CORYDONEM, 

ARDENTEM QUINTIUM, TURPEM ET DEFORMEM PUERUM. 

Quintius is Corydon, quem vesanissime flagras, 

Siccior est cornu, pallidiorque croco. 
Arid us in venis extat pro sanguine pulvis, 

Deque suo gracili corpore sudor abest. 
5 Aethiopi perhibent gens concubuisse parentem, 

Atque ideo gnatos edidit illa nigros. 
Si risum elicias, rictum inspicies sibi, qualem 

Prodit in aestivo tempore cunnus equae. 



XVII. 

Bandinus turpem et deformem puerum. In Parisiensis exemplo deest 
et. Conferas omnino Carmen sextum llbri postcrloris. 

8. Catull. XCVII, 7, 8. 

Praeterea rictum, qualem diffissus in aestu 
Mejentis mulae cunnus habere solet. 

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Schließlich ergreift den gewaltigen Bären der Bauer beim Schweife, 15 

Zieht was er kann, doch er bringt nicht von dem Honig ihn fort 
Jener befürchtet Verlust, und der, daß vom Fraß man ihn wegzieht, 

Jener bleibt fest im Entschluß, aber auch dieser bleibt fest 
Wie unser Bauer nun zieht, und der Bär sich entgegen ihm stemmet 

Reißt ihm der Schwanz, und verblüfft hält ihn der Mann in derHand.— 20 
Hierbei erhob sich dem Hüter der Gärten das Glied, und er konnte 

Mehr nicht erzählen: sein Spieß hatte die Göttin verjagt. 

XVI. 

Lob der Alda. 

Ach, in den Augen der Alda wohnt Venus und ihre Chariten, 
Und auf den Lippen thront lächelnd Cupido, der Schelm. 

Sicher, sie pißt nicht; doch wenn sie es tut, dann spritzet sie Balsam; 
Sicher, sie kackt auch nicht; höchstens, daß Veilchen sie kackt 

XVII. 

An Corydon, 

wie er in den häßlichen und mißgestalteten Knaben Quinctius verliebt war. 

Jener Knabe, in den du dich, Corydon, wütend vergafft hast, 

Trockener ist er als Horn und wie der Safran so gelb. 
Trockener Staub statt flüssigen Bluts erfüllt ihm die Adern, 

Und seinem mageren Leib mangelt es gänzlich an Saft 
Wie man mir sagt hat ein Mohr bei seiner Frau Mutter geschlafen, 5 

Darum auch hat sie zur Welt schwärzliche Bälge gebracht. 
Wenn du zum Lachen ihn bringst, so öffnet sein Rachen so weit sich 

Wie einer Stute der Schlitz, wenn sie die Sommerglut sticht 

Der Dichter tröstet aber den niedergeschlagenen und mit seinem Schicksal 
hadernden Burschen, der es zu nichts bringen kann, weil es nicht genügend 
bekannt war, welch einen langen Spieß er hätte; Vers 130: 

Nimmer verzage, denn nie wirst gefällige Freunde du missen. 

Im übrigen gibt unser Poet in diesem Epigramme fast wörtlich dasjenige 
des Martial HI, 26 wieder. 

XV. Lepidinus hatte den Autor gefragt, Epigr. XIH., warum jemand, der 
die Päderastie auszuüben begonnen hat, gar nicht wieder davon abläßt. Er 

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Si buccam olfacias, culum olfecisse putabis, 
10 Verum etiam culus mundior ore suo est 

Mentula perpetuo tibi quam contracta jaccbit, 

Tu sibi dumtaxat basia fige semel. 
I procul hinc, Quinti, foedum putensque lupanar, 
Atque alio quovis ista venena feras. 
15 Quis numeret, quot hians absorpserit inguina podex, 

Quot naves Siculo littore Scylla voret? 
Ipse palam patitur, pudet heu, muliebria cuivis, 

Ipse palam tota prostat in urbe puer. 
Qui puerum bunc igitur quit paedicare, profecto 
20 Is poterit rigidas supposuisse feras. 

XVIII. 

IN HODUM MORDACEM. 

Hodus ait nostram vitam non esse pudicam; 

E scriptis mentem concipit ille meis. 
Non debet teneros Hodus legisse Catullos, 

Non vidit penem, verpe Priape, tuum. 
5 Quod decuit Marcos, quod Marsos, quodve Pedones, 

Denique quod cunctos, num mihi turpe putem? 
Me sine cum tantis simul una errare poötis, 

Et tu cum vulgo crede, quid, Hode, velis. 



10. Catull. XCVII, 4. verum etiam culus mundior et melior (ore Aemllii). 
12. Parisiensis finge, quod emendavi. 

20. Catull. LXIX, 2. velit tenerum supposuisse femur. Ovid. Amor. III, 7, 10. 
lascivum femori supposuitque femur. 

xvm. 

5.Martialis In praefatione librl primi Epigrammatum : lascivam verborum licen- 
tiam excusarem, si meum esset exemplum. Sic scribit Catullus. sie Marsus, 
sie Petto, sie Gaetulicus, sie quicunque periegitur. 

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* 



Riechst du den Hauch seines Mundes, so glaubst du den Hintern 

zu riechen, 

Aber trotzdem ist sein Steiß sauberer noch als sein Mund. 10 
Kraftlos bleibt dir und schlaff dein Penis auf ewiglich hangen, 

Wenn du's nur einmal versuchst, ihm dich zum Kusse zu nahn. 
Fort von hier, Quinctius, fort, du abscheuliches, stinkendes Laster, 

Fort, und verpeste die Luft anderswo mit deinem Gift! 
Wer kann zählen, wie oft er Schwänze im Hintern gehabt hat? 15 

Skylla verschlang nicht so viel Schiffe am Sikuler-Strand. 
öffentlich gibt er sich Preis, o der Schande, zu allem was Weiber 

Dulden, verkauft dieser Bub jedem sich hier in der Stadt. 
Doch wer es über sich bringt, zu biegen diesen Kinäden, 

Wahrlich, der könnte es auch mit einer Bestie tun. 20 

xvra. 

Auf den bissigen Hodus. 

Hodus behauptet von mir, daß kein ehrbares Leben ich führe; 

Weil meine Schriften er las, meint er, er kenne mich selbst 
Hodus muß niemals Catull, den zärtlichen, haben gelesen; 

Auch an Priapus nie sah er den ragenden Schwanz. 
Was einem Marcus geziemt', einem Marsus, was den Pedonen, 5 

Ja, was selbst Allen geziemt', sei mir allein eine Schmach? 
Laß, wenn ich fehle, mich doch mit so vielen Dichtem mich irren, 

Du aber glaub* mit der Plebs was dir zu glauben beliebt 

antwortet ihm hier, daß es dem Aniänger in der Päderastie ebenso gehe wie 
dem Bären, der zuerst die Süßigkeit des Honigs geschmeckt hat: er lasse sich 
lieber den Schwanz abreißen, als daß er die Schleckeret aufgebe. 

XVII. 8. Catull. XCVII, 7. 8: 

Ferner ein offenes Loch, weit klafffs, wie der Spalt eines Maultiers, 
Wenn es in brennender Glut brunzt mit gewaltigem Strahl. 

10. Catull. XCVII. 4: 
Freilich ist auch der Steiß besser und sauberer doch (als der Mund des AemlUus). 

XVIII. 6. Martial in der Vorrede zum ersten Buche seiner Epigramme: 
.Wegen der kecken Offenheit der Worte würde ich mich entschuldigen, hätte ich 
das Beispiel gegeben. Aber so schrieb Catullus, so Marsus, so Pedo, so Gae- 
tuHcus, so liest man durchweg bei jedem." 

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XIX. 

AD BAPTIST AM ALBERTUM, DE URSAE LUXURIA. 

Comis es, et totus pulcer totusque facetus, 

Litteribus totus deditus ingenuis, 
Atque Albertorum daro de sanguine cretus 

Nec morum quisquam est nobilitate prior. 
5 Quum placeas cunctis raris pro dotibus, idem 

Tu mihi pro vera simplicitate places. 
Veridicus cum sis et apertae frontis amicus 

In parili nostro casmate die quid agas. 
Si mihi sint epulae totidem, quod in alite plumae, 
10 Uno luxuriens has edet Ursa die. 

Si mihi sint totidem vegetes, quot in aequore pisces, 

Uno subsitiens ebibet Ursa die. 
Si mihi sint totidem loculi, quot littore arenae, 

Hos omnes uno depleat Ursa die. 
15 Si mihi sint totidem libri, quot in aere pennae, 

Hos omnes uno foenerat Ursa die. 
Si mihi sint totidem penes, quot in arbore rami, 

Hos omnes uno sorbeat Ursa die. 
Denique si nasis essem, Baptista, refertus, 
20 Hos foetore omnes imbuet Ursa die. 

XX. 

AD QUINCTIUM, QUOMODO POSS1T ARRIGERE. 

Ad non dilectas, Quints, tibi mentula tenta est, 
Si tibi jueunda est, non potes arrigere. 



XIX. 

Bandinus dat in epigraphe Albertinum. 
2. Litteribus per nimiam fere licendam poeticam. 
8. Casmate audader pro casu. 

20. Hos non dubitavi scribere pro hoc, quod dederat Parisiensls. 



Martlal. epigr. 76. Ilbri III. 

Arrigis ad vetulas, fastidis. Basse, pueüas, 
Nec formosa tibi, sed moritura placet. 
2. Addendum: Parisiensls editor dedit: Si tibi jueunda est. Quinti, non potes 
arrigere. Delevi Quinti, metro jubente et corrcctorc doctissimo 

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An Battista Alberti, von Ursas Üppigkeit. 



Freundlich bist du, ein stattlicher Mann, von vortrefflicher Laune, 

Ganz ist dein Leben der Kunst, ist es der Forschung geweiht. 
Aus dem erlauchten Geschlecht der Alberti bist du entsprossen; 

Edler an Abkunft als du, findet sich schwerlich ein Mann. 
Während du Allen gefällst, weil reich die Natur dich begabt hat, 5 

Bist du mir darum so lieb, weil du so einfach und schlicht. 
Da du die Wahrheit gern sagst mit offener Stirn deinen Freunden, 

Sag' mir, was würdest du tun, ging' es dir etwa wie mir. 
Wär* meine Tafel mit Schüsseln bedeckt wie der Vogel mit Federn. 

Ursa, die schleckrige, fräß' alles in einem Tag auf. 10 
Wäre mein Keller mit Fässern gefüllt wie das Wasser mit Fischen, 

Ursa, die durstige, soff alles in einem Tag leer. 
Hätt' ich gefüllete Kasten so viel als es Sand gibt am Strande, 

Urea verschwendete die alle in einem Tag leicht 
Hätte ich Bücher so viel als gefiedertes Volk in der Luft fliegt, 15 

Ursa verpfändete sie alle in einem Tag leicht 
Hätte ich Schwänze soviel als ein Baum hat Äste und Zweige, 

Ursa entkräftete sie alle in einem Tag leicht. 
Wäre ich schließlich, Battista, auch über und über voll Nasen, 

Urea verpestete sie alle mit ihrem Gestank. 20 

XX. 

An Quinctius, wie er ihn zum Stehen bringen kann. 

Wenn du ein Weib nicht magst, dann, Quinctius, steht dir der Penis, 
Wenn sie dir aber gefällt, bringst du ihn nicht in die Höh*. 



XX. Martial III. 76: 

Bassus, es reizen zur Lust dich Greisinnen, Junge verschmähst du, 
Und nicht die Schöne gefällt, sondern die Sterbende dir. 

Ist das nicht Tollheit? Ich bitte, dein Penis muß wirklich verrückt sein! 
Während dich Hecuba reizt, läfit dich Andromache kalt 

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Qui vult posse, suum digitos intrudat in anum; 
Sic perhibent Helenae consuevisse Parim. 



XXI. 

EPITAPHIUM HORJECTAE, SENENSIS PUELLAE BELLISSIMAE 

AC MORATISSIMAE. 

Postquam marmoreo jacet hoc Horjecta sepulcro, 

Ipsa deum credam numina posse mori. 
Non fuit absimilis forma aut virtutibus ipsis 

Coelitibus, Senae gloria magna suae. 
5 Heu heu non probitas, species aut unica quemquam 

Abs inclementi demere morte potest 
Quodsi clara deos faciat mortalia virtus 

Corpora, si coelum simplicibus pateat, 
Non dubitem, per vim modo non sibi jura negentur, 
10 Dejiciet supera sede puella Jovem. 

XXII. 

EPITAPHIUM BAPTISTAE VIRGUNCULAE, SORORIS 

HORJECTAE. 

Hic tumulus longe tumulo felicior omni 
Baptistae auricomae virginis ossa tegit. 



HU, rogo. non furor est? non est haec mentula dement? 
Cum possis Hecubam. non potes And romachen. 



hoc epitjphiurn jam ante Mercerium non modo in Veneto 
Ubro, ubi Carmen est XXV, sed etiam in tomo secundo Canninum illustrium 
poötarum Italorum, Florenöae anno 1719 odonis excuso, p. 109. 
9. Editor Venetus dubito, sed Florenttnus stat a Parlsiensi. 
10. Sic verslculus ulümua legitur apud Florentinuni et Partsiensem. Venetus 
more suo emollivit: 

Quin magno assideat casta puella Jovi. 

XXII. 

Et hoc epitaphium Venetus editor recepit eique locum XXVI. inter car- 
mina adsignavit. Insertum quoque legitur tomo secundo Florentino Car- 
minum illustrium po«arum Italorum p. 109. 110. 

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Wer es will können, der stecke die Finger ins Arschloch, denn also 
Hat bei der Helena es Paris zustande gebracht 

XXI. 

Grabschrift der Orietta, eines sehr schönen und sittsamen 

Mädchens aus Siena. 

Seit in dem marmornen Grab Orietta nun lieget, so glaub ich 

Fast, daß der Göttlichen Geist selber dem Tode erliegt 
Nicht unähnlich sogar an Gestalt und an Tugenden war sie 

Himmelsbewohnern, sie hat Siena zum Ruhme gereicht 
Wehe, o wehe, daß nicht Unschuld, nicht einzige Schönheit 5 

Vor unerbittlichem Tod jemand zu schützen vermag. 
Kann aber strahlende Tugend zu Göttern die Sterblichen machen, 

Tat das himmlische Reich schuldloser Seele sich auf, 
Dann — daran zweifle ich nicht — , wenn Gewalt nicht dem Rechte 

vorangeht, 

Wird durch die Jungfrau entthront Jupiter selbst im Olymp. 10 

XXII. 

Grabschrift der kleinen Battista, Oriettas Schwester. 

Hier dieser Hügel, der wohl vor andern glücklich zu preisen, 
Decket Battistas, des goldhaarigen Magdleins Gebein. 



XXI. Orietta, im Dccamerone, Giornata VI, NoveJJa I: Madonna Oretta 
[vielleicht Abkürzung von .Lauretta'] (Anm. d. Übersetzers). 

3 33 



Dulciter haec agili pulsabat cymbala dextra. 
Movit et artifices saltibus apta pedes. 
5 Omnibus et cantu plus quam Philomela placebat, 

Matre quidem pulcra pulcrior illa fuit 
Indolis egregiae minimo pro errore rubebat, 
Sparsa rubore placens, fusa rubore decens. 
Quum satis haec fecit naturae luce suprema, 
10 Transierat vitae vix duo lustra suae. 

XXIII. 

AD MATTHIAM LUPIUM, GRAMMATICUM. 

Annua publicitus tibi larga pecunia, Lupi, 
Solvitur; et pueris quot legis ipse? tribus. 

XXIV. 

IN EUNDEM LITTERARUM IGNARUM. 

Inde tui libri sunt, inde scientia, Lupi. 
Qui non desipiat, mallet habere libros. 

4. Venetus et Florentinus apta, Parisiensis ipsa. 

5. Parisiensis Philomena, vitiosc. 

10. Post versurr, dedmum additur a Partsiensl distichon hoc: 

Sic qui forte manes semei incUnaverit, idem 
Haud facinus coeptum destituisse potest. 

Deest lllud apud Vene tum et Klorentinum . et sane est ab epitaphio nostro 
alienlssimum. Videtur huc migrasse, nesdo quo casu, ex epigrammate 
superiore XIII, cui restituendum duxi. 

XXIII. 

Est eplgramma Venetum XX. 
2. Venetus quod legis ipse tribus. Simile est epigramma XVI. libri posterioris. 
Martialis X, 60. 

Jura trium petiit a Caesare diseipulorum 
Assuetus Semper Munna docere duos. 

XXIV. 

Et hoc epigramma Venetus edltor reeepit, et loco quidem XXII. 
1. Parisiensis sint. Venetus sunt. Forsan pro priore inde autor scripslt unde. 

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Mit der beweglichen Hand schlug süß sie die Zymbeln im Takte, 

Während den Fuß sie gewandt setzte zum künstlichen Tanz. 
Alle entzückte ihr Lied, wenn sie sang wie die Nachtigall lieblich, 5 

War ihre Mutter auch schön, schöner gewiß war sie selbst 
Bei dem geringsten Versehn erröteten züchtig die Wangen, 

Reizend von Purpur bedeckt, züchtig von Röte durchglüht. 
Als der Natur sie bezahlt' den Tribut am Ende der Tage, 

Hatte sie nicht einmal zwei Lustra vom Leben durcheilt. 10 

XXUI. 

Auf den Grammatiker Mattia Lupi. 

Reichliches Jahresgehalt bezahlt man dir, Lupi, auf Kosten 
Unsres Senats; und wieviel Jünglinge lehrest du? Drei. 

XXIV. 

Auf denselben unwissenden Gelehrten. 

Wo deine Bücher du hast, o Lupi, da hast du dein Wissen; 
Wer nicht ein Narr ist, der fragt lieber die Bücher als dich. 



XXIII. Ähnlich ist II. 16. Martial X. 60: 

Ein Drei schülerrecht erbat sich Munna vom Kaiser, 
Denn er war immer nur zwei 



Nichtsdestoweniger hatte der von Antonio so arg verspottete Schulmeister 
In Siena einen ganz hervorragenden Schüler: Enea Silvio Piccolomlni, später 
Papst Pius II. (Anm. d. Obersetzers). 

3« 35 



XXV. 

AD M1NUM, QUOD LIBELLUM CASTRARE NOLIT. 

Mine, mones nostro demam de carmine penem, 
Carmina sie cundis posse piacere putas. 

Mine, meum certe nolira castrare libellum, 
Phoebus habet penem, Calliopeque feraur. 

xxvi. 

IN MATTHIAM LUPIUM PAEDICONEM. 

Ergo tua, Lupi, si pastitur Hisbo culina, 
Cur non obsequitur jussibus ille tuis? 

Etsi grammatica instituas hunc arte magister, 
Cur tibi dat tenera verbera crebra manu? 
5 Nescio Tiresiae sortes, nec haruspicis artes, 

Sed conjectura hoc et ratione scio. 

i 

XXVII. 

AD SANCTIUM BALLUM, VERSUUM SUORUM CULTORENL 

Sancti, nugarum lector studiose mearum, 
Cui plus quam satis est nostra Camena placet, 

Desine mirari versus, quos inter edendum 
Edimus, aut hora carmina lusa brevi. 
5 Testis es, ut, quum jam versu defixior essem, 

E digitis calamos subtrahat Urea meis, 



XXVI. 

Martialls III, 71. 

Mentula cum doleat puero, tibi, Naevote, culus: 
Non sum divinus, sed scio. quid facias. 

Simile est Carmen LXXX CatulH. 

XXV11. 

Est Carmen VII libri Veneö. 

1. Nugas vocat epigrammata sua, parum severa, praeeunte Martiale IX, 1. X, 17. 

2. Pro Cairuna Venetus dat Thalia. Martialis VII, 46. et tua de nostro, Prisce, 
Thalia placet. 



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XXV. 

An Mino, daß er sein Büchlein nicht kastrieren will. 

Mino, du mahnst mich, den Schwanz aus meinem Gedicht zu ent- 
fernen, 

Weil es alsdann, wie du meinst, jedermann besser gefällt 
Mino, ich möchte mein Buch denn doch nicht selber kastrieren: 
Phoebus hat auch so ein Ding, Kalliope hat ein Loch. 

XXVI. 

Auf Mattia Lupi, den Päderasten. 

Isbo, der Knabe, der stets in deiner Küche sich satt ißt, 
Warum folgt er dir nicht, wenn du ihm etwas befiehlst? 

Wenn du als Lehrer ihm auch beibringst die lateinische Sprache, 
Warum prügelt er dich öfters mit kindlicher Hand? 

Fremd zwar ist mir die Kunst des Tiresias, fremd des Haruspex, 5 
Dieses ahne ich doch; glaube zu wissen es wohl. 

XXVII. 

An Sanzio Ballo, einen Verehrer seiner Verse. 

Sanzio, du eifriger Leser von meinem poetischen Kleinkram, 
Dem meine Muse mehr, als sie verdienet, gefällt, 

Höre zu staunen doch auf über Verse wie ich sie machte 
Während des Mahls vielleicht oder bei mangelnder Zeit 

Weißt du es doch, daß, wenn ich im Kopf half irgend ein Verschen, 5 
Ursa die Feder mir frech aus meinen Fingern entriß. 



XXVI. Martial III. 71: 

Wenn dem Knaben der Schwanz, dir, Naevolus, weh der Popo tut, 
Bin Ich auch kein Prophet, weiß Ich doch, was du dann treibst. 

Ähnlich Catull. LXXX. 



XXVII. Er nennt seine nicht besonders ernsten Epigramme .nugae* (Scherze, 
leichte Ware, Kleinkram) nach dem Vorgange des Martialis IX, 1. X, 17. 

37 



Carolina, jam gnosti, strepitu persaepe foroque 

Condita sint medio, qualiacunque legis. 
Quum platea dubius peterem verbumque locumque, 
10 Factus sum monitu certior ipse tuo. 

Verum adeo longe me diligis, ut tibi vatis 

Thraicii videar condnuisse lyra. 
Si qua tarnen nostrae dederit sors otia pennae, 
Et nie tranquilla scribere mente sinat, 
15 Est animo, versus, quos nulla obliteret aetas, 

Conficere, ingenii ni mihi vana fides. 
Interea felix et amans, mi Balle, valeto, 

Fiant et Parcae ferrea tila tuae, 
Et tua crudelis deponat Masia fastus, 
20 Atque utinam felix, compatriota, vale. 

XXVUL 

LAURIDIUS AD AUCTOREM DE FLAGRANTISSIMO AMORE SUO. 

Me vexat Perusinus amor, vincitque Senensem, 
Heu capit, heu vexat me Perusinus amor. 

Collibeat summo proles Perusina tonanti, 
Grata foret superis stirps Perusina deis. 
5 Carolus insignis forma natoque decore 

Me tenet, et tenero sub pede colla premit 

XXIX. 

AD LAURIDIUM RESPONSIO DE AMORE SUO. 

Ut lubeat Perusinus amor te verset et angat, 
Me mea Senensis Lucia nympha capit 

8. Pro sint maiim sunt. 
9. 10. Venetus omittit distichon quintum. 
12. Venetus Thraeicii videar continuisse lyram. 
16. Ovid. Trist. IV, 10, 128. 29. 

In toto plurimus orbe legor, 
Si quid haben t igitur vatum praesagia veri. 

19. Ovid. Remed. amoris 511. jam ponet fastus, cum te languere videbit. 

20. Venetus Atque Herum felix, dulcis amice, vale. 
38 



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Meine Gedichte, das weißt du, sind oft im Lärmen des Marktes, 

Mitten im Trubel gemacht, wie du auch lesen sie magst 
Wenn auf der Gasse ich suchte nach passendem Wort und Zitate, 

Wurde ich öfters durch dich erst eines Bessern belehrt. 10 
Du überschätzt mein Talent und als Dichter meinst du am Ende, 

Thrakischen Sehers Gesang bring* meine Leier hervor. 
Wenn meiner Feder indes das Schicksal wird Muße vergönnen, 

Daß ich später einmal schreibe nach Herzensgelüst, 
Will ich Gedichte noch schaffen, die keines der künft'gen Ge- 15 

schlechter 

Jemals wieder vergißt, bleibt mir mein Genius treu. 
Du aber, Ballo, leb' wohl mein Lieber, sei glücklich und liebe; 

Möge der Parze Gespinst für dich aus Eisen bestehn; 
Möge auch endlich vom Stolz deine spröde Masia lassen, 

Lieber Landsmann, im Glück mögest du wandeln. Leb' wohl! 20 

XXVIII. 

Lauridius an den Autor, von seiner heftigen Liebe. 

Nun in Perugia wohnt mir ein Liebling, der den von Siena 
Gänzlich verdrängt, wie quält mich der Perusische Schatz! 

Daß doch der Donnerer sie, die Kinder Perugias begnade, 
Daß doch Perugias Geschlecht finde des Himmlischen Gunst 

Carlo, von schöner Gestalt und angeborenem Liebreiz, 5 
Hält mich gefangen und setzt mir auf den Nacken den Fuß. 

XXIX. 

Antwort an Lauridius, von seiner Liebe. 

Quäle dich liebende Pein um deinen Perusischen Knaben, 
Mich hält Luda, mein Schatz, der von Siena, hier fest 



19. Ovid., Remed. amor. 511: 

Bald wird schwinden ihr Stolz, wenn sie sieht, wie dein Feuer sich abkühlt. 

39 



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Gens tibi gensque Jovi placeat Perusina superno, 
Me mea dumtaxat nympha Senensis amet 
5 Nil mortale tenet, divas et moribus aequat 

Et specie, et Jovis haec digna rapina foret 

XXX. 

SENA CIVITAS ETRURIAE LOQU1TUR, ET JOVEM ORAT, UT 
SALTEM SIBI NYMPHAM SERVET MORTALITATIS EXPERTEM. 

Jupiter omnipotens et clementissime divum, 

Exaudi fundit quas tua Sena preces. 
Justa precor, justas audi, justissime, voces 

Urbis, et oh miserae commiseresce, deus. 
5 Postquam me affligi tantorum morte virorum 

Et nuruum placuit, vivat alumna precor. 
Vivat alumna precor, quam scis prolixius unam 

Mater amem, stabile est matris alumna decus. 
Nympha diu superet, patriae faustissima proJes, 
10 Est honor et dos, spes, gloria, fama mei est. 

Ut peritent cuncti, et maneat modo nympha superstes, 

Damna potest patriae restituisse suae. 
Si vivit, mecum est virtus, victoria, mos, pax, 

Nobilitas, et cum nobilitate salus. 
15 Si migrat, sane cuncta haec et plura peribunt, 

Mors sua mors nobis omnibus acris erit. 
Non amor, aut cultus, nec erit jocus ullus in urbe, 

Plausus, nec risus, laeta nec Ulla dies. 
Gymnasium pariter solvetur, gloria Senae, 
20 Quod mea jucundo lumine nympha tenet 



XXX 

Est Carmen V libri Vene«. 
4. Venetus commiserere. 

6. Venetus Est visum, at sattem vivat alumna precor. 

10. Venetus Et decus, et taudis gloria prima meae. 

11. Venetus cuncti, maneat, omisso et. 
16. Venetus acer erit. 

40 



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Lasse die Kinder Perugias doch dir, laß dem Zeus sie gefallen, 
Wenn meine Nymphe mich nur, meine Seneserin liebt 

Nichts ist sterblich an ihr, den Göttinnen gleicht sie an Sitten 5 
Und an Gestalt; sie ist würdig, daß Zeus sie entführt 

xxx. 

Siena, die Stadt in Etrurien, spricht, und bittet Jupiter, 
daß er wenigstens ihre Nymphe vor dem Schicksal der 

Sterblichkeit bewahre. 

Jupiter, Gnadigster du und Allmächtiger unter den Göttern, 

Höre die Bitte, mit der dich deine Siena bestürmt 
Billiges fleh' ich, erhöre, Gerechter, der Billigkeit Stimme, 

Und mit dem Elend der Stadt habe Erbarmen, 0 Gott! 
Da dir's gefiel, durch den Tod so vieler Männer und Frauen 5 

Mich zu betrüben, so laß leben das Pflegekind mir. 
Schütze sie, die ich erzog, die wie eine Mutter ich liebe, 

Die ihrer Mutter, du weißt's, immer gereichte zur Zier. 
Lange noch möge die Maid, des Vaterlands glücklichster Sprößling, 

Leben, mir Ehre und Ruhm, Hoffnung und Mitgift und Ruf. 10 
Mögen die andern vergehn und nur die eine mir bleiben: 

Was ihre Stadt auch verlor, reichlich ersetzet es sie. 
Lebt sie, ist unser die Tugend, der Sieg und die Sitten, der Friede, 

Wie auch der Ruhm und mit ihm sicher das Wohl meiner Stadt 
Geht sie von hinnen, so wird mir alles und mehr noch ent- 15 

schwinden; 

Ach, und ihr Tod, für uns alle bedeutet er Tod. 
Liebe nicht mehr, noch Schmuck, noch irgend ein Scherz in der 

Stadt, nicht 

Lachen, noch Händegeklatsch, nimmer ein fröhlicher Tag. 
Mit dem Gymnasium wär* es vorbei, mit dem Ruhme Sienas, 
Das dies Mädchen erhält mit ihrem heiteren Blick. 20 



XXX. Die Pest, auf welche Antonio öfter anspielt, muß Im Sommer 1424 
in Siena geherrscht haben (Anm. d. Übersetzers). 

41 



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Credite vos superi, celebris curate puella 

Vivat, longaevo est digna puella die. 
Dii deaeque itcrum moneo, servate puellam, 

Et sinite Etruria stet decus urbe suum. 
25 Credite, si nigrae truncent sua pensa sorores, 

Ingens coelicolis pugna deabus erit. 
Suscipiet siquidem coelestis regia nympham, 

Atque opus est proprio cedat ut una polo. 
Aut sibi promeritae decimum statuetis Olympum, 
30 Nympha quidem coelo est Lucia digna novo; 

Aut pellat quamvis propria de sede necesse est, 

Digna quidem coelo est Lucia nympha suo. 
Dicite vos, coelum si pro virtute secutae 

Sitis, una illa poli munere digna mage est? 
35 Nulla fuit vestrum, veniam date, purior illa, 

Moribus, ingenio vel pietate prior. 
Denique centenos operam date victitet annos, 

Neu cedat vestris mors sua forte malis. 
Ergo simul, divae, mecum exorate tonantem, 
40 Ut praestet nymphae tempora longa meae. 

XXXI. 

AD COSMUM FLORENTINUM, V1RUM CLAR1SSIMUM. 

Quam modo sensisti si non tibi grata fuit vox, 
Cosme, nihil miror; Sena loquuta fuit. 

28. Ven. Atque opus est primo cedat et una loco. 

29. Ven. Aut si promeritae. 

30. Venetus Nympha quidem coelo est Lucia nympha suo. Dicite vos, coelum 
si p. v. s. omlssis propter önotozltevxov digna novo, aut pellat quamvis 
propria de sede necesse est, digna quidem coelo est. 

34. Ven. Sitis, an ulla poli. 

XXXI. 

Apud Venetum est carnien VI. 

1. Venetus Quae modo legisti si non tibi grata fuere. 

2. Sena Florentius Invlsa propter rixas fere perpetuas. 
42 



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Glaubt es, ihr Himmlischen, sorgt darum, daß das ruhmreiche 

Mägdlein 

Lebe, denn sie ist es wert, lange zu schauen den Tag. 
Götter und Göttinnen, wiederum fleh' ich: errettet das Mägdlein, 

Laßt in Etruriens Stadt sie, ihre Zierde, bestehn. 
Glaubt mir, wenn einst die Schwestern, die dunklen, die Laufbahn 25 

ihr kürzen, 

Wird ein gewaltiger Streit unter den Göttinnen sein, 
Weil, wenn die himmlischen Hallen die Jungfrau werden empfangen, 

Eine der Göttinnen ihr muß überlassen den Thron; 
Entweder müßtet für sie einen zehnten Olymp ihr errichten, — 

Hat doch Lucia, die Maid, neu einen Himmel verdient, 30 
Oder sie müßte vom eigenen Sitz eine andre verjagen, — 

Hat doch Lucia, die Maid, selbst ihren Himmel verdient. 
Saget doch, habt ihr wohl selber den Himmel durch Tugend er- 
worben? 

Ist denn wohl eine von euch würdiger solches Geschenks? 
Keine von euch — ihr verzeiht, daß ich's sage — war reiner als 35 

jene, 

Keine war größer an Geist, keine so fromm von Gemüt 
Tut nun das eurige drum, daß hundert der Jahre sie lebe, 

Wenn ihr nicht wollt, daß ihr Tod bringe Verderben auf euch. 
Göttinnen, betet darum mit mir zum donnernden Gotte, 

Daß er dem Mädchen gewährt lang sich des Lebens zu freun. 40 

XXXI. 

An den Erlauchten Cosimo von Florenz. 

Wenn dir nicht angenehm klang die Stimme, die eben du hörtest, 
Cosimo, wunderts mich nicht; war es doch Siena, die sprach. 



XXXI. Siena war nämlich den Florentinern ein Dom Im Auge, weil sie mit 
dieser Stadt fast ohne Unterbrechung in Fehde lagen. 

43 



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XXXII. 

EPITAPHIUM CATHARINAU PUELLAE ORNATISSIMAE. 



Hoc jacet ingenuae formae Catharina sepulcro. 

Grata fuit multis scita puella procis. 
Morte sua lugent cantus lugentque choreae, 

Flet Venus, et moesto corpore moeret Amor. 

XXXIII. 

IN MAMURIANUM TUSCUM PENISUGGUM. 

Tuscus es, et populo jucunda est mentula Tusco; 
Tusculus et meus est, Mamuriane, Uber. 

XXXII. 

Carmen Vcnctum XXVII. 

XXXIII. 

Bandinus penisuggium. Mamurianum paedlconcm notavit Martialis I, 92. 
pathicum notaverat Antonius supra epigrammate XII. Nostro autem loco 
Mamurianus carpitur fcllator. Nam penem sugere est fellare, quemadrnodum 
penem ort ad fellandum immittere irrumare. Multus est in mlro isto Veneris 
genere Martialis. Fellabant non tan tum femlnae, ut Lesbia, Lyris, Chione, 
Thais, Aegle, VetustiUa, Rufa: Martial. U. 50. 73. III, 83, 87. IV, 50. 84. I, 94. 
II, 28. Catull. UX. sed etiam viri, ut Zoilus, Linus, Gaurus, Gellius: Martial. 
DI, 82. XI. 30. VII, 10. D, 89. Catull. LXXX. Fellatores dicuntur mentulam 
tingere: Mart. VII, 55. 

LI n gas non mihi, nam proba et pusilla est. 
Sed quae de Solymis venit perustis, 
Damnatam modo mentulam tributi. 

Idem III, 88. sunt gemini fratres. diversa sed inguina lingunt. Vult, 
alterum esse fellatorem, alterum cunnillngum. Lambuntur quoque viri a 
fellatoribus apud Martialem II, 61. 

Cum tibi vernarent dubia lanugint malae, 
Lambebat medios improba lingua viros. 

Et ne dubites, quid sibi velit, mox addit: 

Haereat inguinibus potius tarn noxia lingua, 
Nam cum fe Ilaret, purior illa fuit. 

Idem III, 81. 

Haec debet medios lambere lingua viros. 

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XXXII. 



Grabschrift der schönheitgeschmückten Jungfrau Caterina. 

Unter dem Grabe hier liegt die edle Gestalt Caterinas. 

Manch einem Freier gefiel diese so zierliche Maid. 
Um ihren Tod nun trauern die Lieder, es trauern die Tänze, 

Venus, sie weint und es klagt Amor, in Trauer versenkt. 

xxxm. 

Auf den Toscaner Mamurianus, den Penissauger. 

Du bist Toscaner; es lieben toscanische Männer den Penis; 
Und in Toscana schrieb ich, Mamurianus, mein Buch. 



XXXIII. Den Päderasten Mamurianus führt Martial I, 92, an; als Pathlcus 
kennzeichnet ihn Antonio, oben, EpigT. XII. An dieser Stelle hingegen wird 
Mamurianus als Fellator gegeißelt. Denn den Penis saugen ist (eüare, wahrend 
irrumare bedeutet den Penis zum Saugen jemandem in den Mund stecken. Eine 
große Rolle spielt dieser sonderbare Liebesgenuß bei Martial. Nicht nur Weiber 
besorgten das Geschäft des Fellare, wie Lesbia, Lyris, Chione, Thais, Aegle, 
Vetustilla, Rufa (Martial II, 50, 73. in, 83, 87. IV. 50, 84. I, 94. II, 28. Ca- 
tull. LIX), sondern auch Männer, wie Zollus, Linas, Gaurus, Gellius (Martial 
III, 82. XI, 30. VU, 10. U, 89. Catull. LXXX). Der Fellator .leckte' (die Men- 
tula), wie man zu sagen pflegte. Martial VII, 55: 

Lecken sollst du ihn — aber mir nicht; 

Bin ich keusch doch und zaghaft — sondern jenem 

Der, aus Solyma kommend, Rom Tribut zollt. 

Derselbe III, 88: 

Zwillinge sind sie, doch lecken sie gem bei verschiednen Geschlechtem. 

d. h. der eine ist Fellator, der andere Cunnilingus. 

Bei Martial U, 61, werden auch Männer von Fellatoren geleckt (lambuntur): 

Als noch undeutlicher Flaum auf deinen Wangen dir sproßte, 
Hast du mit ruchloser Zung* Männern die Mitte geleckt. 

Was der Dichter sagen will, geht deutlich aus dem letzten Distichon hervor: 

Laß deine schuldige Zunge doch lieber hängen am Cunnus, 
Denn, da Fellator du warst, war sie doch minder befleckt. 
Derselbe III, 81 : 

Lecken die Zunge dir soll den Männern die Mitte des Leibes. 

45 



Attamen e nostro praecidam codice penem, 
Praecidat simulac, Mamuriane, jubes. 

Catullo vorantur ingulna a fellatorc: LXXX, 5. 6. 

An vere fama susurrat, 
Grandia te medii tenta vorare viri? 

Substantiv um obscenum supprimit hic Catullus, ut Martialis in illo VI, 54. 
tantos et tantas Sextilianus antat. Simile ejusdem III, 68. 

Sed aperte nominat 111 am 
Quam recipit sexto mense superba Venus; 
Custodem medio statuit quam villicus horto. 
Opposita spectat quam proba virgo manu. 

Priap. VI. 

Totamque hanc sine fraude, quantacunque est. 
Tormento citharaque tensiorem 
Ad costam tibi septimam recondam. 

In hls mentulam Intelllgi nemo non videt. At male habuit vlros doctos 
suppressus cunnus Priapell XII. 

Quaedam haud junior Hectoris patente, 
Cumaeae soror, ut puto. Sibyllae, 
Aequalis tibi, quam domum revertens 
Theseus reperit in rogo jacentem, 
Infirmo solet huc gradu venire, 
Rugosasque manus ad astra tollens. 
Ne desit sibi mentula rogare. 
Hesterna quoque luce dum precatur, 
Dentem de tribus exscreavit unum. 
Tolle, inquam, procul, ac jube latere 
Scissa sub tunica stolaque russa. 
Ut semper solet, et timere lucem, 
Qui tanto patet indecens hiatu. 
Barbato macer eminente naso. 
Ut credas Epicaron oscitari. 

Pro deum atque hominum fldem, non dentem vetulae jubet Priapus toi I i . 
latere sub tunica, et timere lucem, ut somniant interpretes. Quid enim ad 
vetulam, ne desit sibi mentula rogantem, dens sub tunica exulare jussus? et 
sub tunica quldem ut semper solet? Immo cunnum anlculae prurientis vult 
Priapus procul abesse a conspectu suo, latere sub tunica sdssa (nam tunicae 
puellarum tolll consuetae non solent esse scissae) et fugere lucem more suo, 
diu est enim quod desuevit nudari mutonibusque peti. Neque aliud est nisi cunnus 



) 



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Dennoch soll ich den Schwanz aus meinem Buche entfernen 
Willst du, so schnell es nur geht. — Mamurianus, ei, eif 



Bei CatuJl wird das Glied von dem Fellator verschlungen, LXXX, 5. 6: 

Wie? sagte die flüsternde Fama 
Wahrheit, daß du des Manns Mittclgcschäfte verschlingst? 

Catullus unterdrückt hier das obszöne Substantiv um, ebenso wie Martialis 
in der Stelle VI, 54: 

von dem Sextilian werden so große geliebt. 

Ähnlich Martial III, 68: 

nein, offen nennet sie jenes, 
Was in dem sechsten Mond prangend die Venus empfangt. 
Was hinstellet als Wächter der Landmann mitten im Garten, 
Was, vorhaltend die Hand, züchtige Madchen beschaun. 

Priapeia VI: 

Und diesen ganzen, ohne Bedenken, so groß er ist. 

Noch straffer gespannt als ein Geschütz oder eine Zithersalt', 

Steck' bis zur siebenten Rippe Ich dir hinein. 

Daß mit all dem der .Penis' gemeint ist, dürfte wohl niemandem unklar 
sein. Dagegen hat die Auslassung des Wortes .Cunnus* In den Priapeia XII die 
Gelehrten sehr irregeführt. 

Eine Vettel, vielleicht etwas jünger als Priamus, eine 

Schwester jener cumä'schen Sibylle, glaub ich beinah, 

Der vergleichbar, die Theseus einst bei der Rückkehr in seine 

Heimat, sich auf dem Misthaufen wälzend daliegen sah, 

So ein Mensch kommt täglich hierher mit mühsamem Schritte 

Und, die warzenbedeckten Hände hebend, erfleht 

Sie vom Himmel für sich den Phallus In brünstiger Bitte. 

Gestern spuckte sie plötzlich, denkt euch, inmitten Gebet 

Einen ihrer drei Zähne heraus. — .Pfui', sagte ich, .schere 

Dich von hier weg, und unter dem roten Hemde laß nur 

Ewig verborgen bleiben und, wie es sdn soll, das hehre 

Tageslicht scheuen, was weit bei dir aufsteht in klaffender Spur! 

Deinen rissigen Rock zieh über die dürre Oase, 

Mageres Scheusal, du, mit deiner endlosen Nase, 

Daß man glauben möchte, es gähne fürwahr Epikurt* 

Nun, um Himmels willen; das, was Priapus die alte Vettel fortnehmen, unter 
dem Rocke verbergen und das Licht des Tages scheuen heißt, ist doch nicht der 
Zahn, wie sich die Kommentatoren einbilden. Wozu befiehlt er denn der Alten, 
die ihn um dne Mentula bittet, den Zahn unter den Rock zu verbannen, and 

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5 Nec prius abscindam, nisi tu prius ipse virilem 

Proraittas demptam suggere nolle notam. 

XXXIV. 

AD AMILIUM PAEDICONEM. 

Hunc paedicato, qui portat, Amile, tabellain, 
Et referas, quae sit pulcra tabella magis. 

anlcalae, qui tanto patet indecens hiatu, barbato macer eminente naso, ut 
credas Epicuron oscitari. Audias Martialem Saufejae cunnum III, 72. simili 
acrimonia pingentem: 

Aut in/inito lacerum patet inguen hiatu, 
Aut aliquid cunni prominet ore tui. 

Et ne nimis licenttosum tibi videatur, fadem philosophi eonferri cunno, 
audias eundem Martialem in Vetustillam invehentem III, 93, 13. 
Senemque Cynicum vincat osseus cunnus. 

Vide etiam, num id quod apud Martialem ore cunni dicitur prominerc, et in 
Priapelo nasus eminens cunni, idem sit, cui callidus aliptes digitos impressit 
apud Juvcnalem VI, 422. 23. 

Callidus et cristae digitos impressit aliptes, 
Ac summum dominae femur exclamare coegit. 

Igitur non erat quod Barthius, omisso substantivo deceptus, in Priapdo illo 
scripturam timere luxem contra fidcm manu scriptorum Iibrorum, atque etiam 
codids Prlapeiorum Coburgensis, chartacd illius quidem, et saeculo XV 
negligenüus exarati, sed cum optimis fere consentlentls , sollicitandam exlsti- 
maret. Primo quoque versicuio confirmat codex Coburgensis scripturam 
meliorum Iibrorum quaedam junior, quae vitlosa quidem est, ita tarnen ut 
fädle intelligatur, genuinam fuisse quaedam haud junior, neque scripturam 
aliorum codicum auaedam senior aliunde natam esse, nisi ex incenio 

M | f \f 1 Iii • *-* * * * *y mm mm *- mm mm wm m mrmr m mj ** * * ■ • mmmtr m mmm mmmmmm »jv f • mm** m m^mm, ■ 1 t ML • • ■ V 

hominis, qui, cum librarlus nesdo quis, osdtanter praetermisso haud, scrip- 
sisset quaedam junior, ineptias nollet describendo prop agare, et emendandum 
putaret quaedam senior, rede quidem ad sensum, at repugnante metro. 
Miror conjeduram Josephi Scaligeri ^suadentis quaedam serior viris dodis 
placere potuisse. Uti enim maturiorem et juniorem esse quam maxime 
distant, ita seriorem esse et seniorem sunt longe dlversissima. 
6. Priap. 66. tu quae ne videas notam virilem hinc averteris. 

XXXIV. 

Amillum quendam cinaedum, qui tarnen maluit videri paedico, pungit Martialis 
Vn, 62. JuvenalU quoque X, 224. mordet Hamillum quendam, dlsdpulos 

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Eher nicht schneid' ich ihn ab, bevor du mir das nicht versprochen, 5 
Daß, wenn ich wirklich es tu, du an dem Gliede nicht saugst 

XXXIV. 

Auf den Päderasten Amilius. 

Biege den Knaben, der dir den Brief, Amilius, hinbringt: 
Sage mir dann, ob du je lasest solch hübsches Billett 



zwar unter den Rock, .wie sie es immer pflegt?' Nein, Priapus will, dafl die 
geile Hexe ihre Fut aus seinem Gesichtskreise entferne, sie unter ihrem zer- 
rissenen Unterrocke verberge (denn Madchen, die gewöhnt sind, die Röcke auf- 
zuheben, pflegen keine zerrissenen .Dessous* zu haben), und sie das Licht 
scheuen lasse, wie es ihr zukomme, denn sie war schon längst nicht mehr ge- 
wöhnt, entblößt und von mannlichen Gliedern besucht zu werden. Und nichts 
anderes ist es als die Fut der Vettel, die so unverschämt klaffend offen steht 
wie ein riesiges mit Haaren besetztes Nasenloch, dafi man meine, den Epikur 
gähnen zu sehen. Man höre, wie Martial III, 72, die Fut der Saufeja mit ähn- 
licher Derbheit schildert: 

Oder, zerrissen, dir klafft das Geschöß mit gewaltiger Mündung, 
Oder es raget vielleicht etwas daraus dir hervor. 

Es könnte allzu respektwidrig scheinen, wie hier das Gesicht eines Philo- 
sophen mit einer Fut verglichen wird, aber auch dazu findet sich bei Martial, 
in der Invektive auf die Vetustilla, III, 93, eine Parallelstelle: 

Und knöchern wie ein alter Zyniker ist dein Geschöß. 

Es wäre zu untersuchen ob das, was bei Martials Saufeja .aus der Mündung 
der Fut hervorragt* und das, was in den Priapeia die .aufragende Nase der 
Fut* genannt wird, nicht dasselbe sei, was bei Juvenal VI, 422. 423 der pfiffige 
Salber mit den Fingern drückt: 

Unten drückt in das Haar der Masseur ihr die spielenden Finger 
Knetet das Bein mit der Hand, daß schnalzende Töne entstehen. 

6. Priapeia LXVI: 

Wenn du das Zeichen der Mannheit nicht sehn willst, gehe von hinnen. 

XXXIV. Einen gewissen Amilius, einen Kinäden, der aber lieber für einen 
Päderasten gelten wollte, geißelt Martial VII, 62. Auch Juvenal X, 224, gibt 
einem gewissen Hamillus, der Schulknaben biegt, einen Hieb. 

4 49 



XXXV. 

DE VILLICO STULTO, ALDAM BASIANTE. 

Porticus ingentem facie dum sustinet Aldam, 
Villicus incautae basia rapta dedit. 

Hunc vulgus stolidum credit, sed stultius illo est 
Vulgus. Me miserum, quam bene, stulte, sapis! 
5 Quum liceat stultis impune suavia nymphae 

Figere, dii facerent, stultus ut ipse forem. 



xxxvi. 

IN MATTHIAM LUPIUM PAEDICONEM. 

Lupius indoctum dum paedicaret ephebum, 
Dixit, io dunes, dulcis ephebe, move. 

Hic ait, id faciam, verbo si dixeris uno; 
Ille refert: ceve, diximus, ergo move. 



xxxv. 

1. Porticum dielt, quem portitorem diecre debebat. 



XXXVI. 

Paediconem abest ab epigraphe Bandini. 
4. Cevere est nates et femora subsultim movere. Ars est pathicorum, ut voluptas 
paediconum frictu augescat. Martialis III, 95. sed paedicaris, sed pulchre. 
Naevole, ceves. Juvenal. IX, 40. de molli avaro: computat et cevet. Hanc 
artem nondum satis dldiccrat ephebus Lupil, unde dlcitur indoctus. Doctior 
erat llle, de quo Tibullus ad Priapum LXXXIII, 21. 22. 23. 

Nec tibi tener puer 
Patebit ullus. ingemente^qui toro 
Juvante verset arte mobilem natem. 

Uti cevere est virorum, ita crissare feminarum. Etiam ars crissandl usu dis- 
dtur. Dldlcerant Helena et Mathildis, meretrlces Florentlnae, de quibus lnfra 
übro secundo XXXVII, 13. 14. 

Occurret tibi flava Helene, dulcisque Mathildis. 
Docta agitare suas illa vet Uta nates. 

Dldicerat Pitho, ibidem versu 23. te quoque conveniet crissatrix maxima 
Pitho. Dldicerat Tullia magistro Callia in Satira sotadica Aloisiae p. 73. 

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XXXV. 



Von einem Bauerntölpel, als er die Alda küßte. 

Als ein Facchino mit breitem Gesichte die Alda emporhob, 
Raubte ein Bauer der nichts Ahnenden rasch einen Kuß. 

Als einen Narren verlacht ihn das Volk, doch törichter ist wohl 
Selber, glaub ich, das Volk. Dünkt mich der Narr doch gescheit! 

Ist es den Narren erlaubt, straflos die Mädchen zu küssen, 5 
Mögen die Götter auch mich machen zum Narren geschwind. 

XXXVI. 

Auf den Päderasten Mattia Lupi. 

Während Lupius bog einen unerfahrenen Knaben 
Sprach er: Mein süßer Gesell, wackle hübsch mit dem Popo! 

Dieser: Das würde ich tun, wenn mit einem Wort du es ausdrückst 
Lupius darauf: „Ceve" — sage ich, also nun los! 



XXXVI. 4. .Ccvere" heißt die Hinterbacken und Schenkel stoßweise be- 
wegen. Es gehört das zum Geschäft der Pathici, die durch die Reibung, welche 
sie damit hervorbringen, das Wollustgefuhl der Päderasten vermehren. Martial 
III, 95: 

Du gibst dich, Naevolus, preis, und das Stoßen verstehst du ganz trefflich. 

Juvenal IX, 40, von einem geizigen Weichling: 

er rechnet nach und stößt dabd. 

Diese Kunst hatte der Mignon Lupis noch nicht zur Genüge erlernt, weshalb 
er .wenig gelehrig* genannt wird. Besser in der Kunst erfahren war jener, von 
dem es in Tlbulls priapischem Gedichte, v. 21—23, heißt: 

Weder irgend ein zärtlicher Knabe 
Soll dir zu Diensten sein, auf knarrender Bettstatt 
Kunstvoll nachhelfend mit beweglichem Schenkel. 

Was das „cevere" bei den Männern, das ist das .crissarc' bei den Weibern. 
Auch diese letztere Kunst wollte gelernt sein. Sehr gut verstanden sich darauf 
die beiden florentinischen Dirnen Elena und Matclda; vgl. II. Buch, Epigr. 
XXXVII. 13, 14. 

Auch Pitho war Meisterin darin; ebendaselbst v. 23. 

Tullia war von Callias in dieser Kunst unterrichtet worden; Aloisin Sigaea, 
S. 43: .Callias befiehlt mir, ich solle den Rumpf vorstoßen. Ich tu's. Dann läßt 

4 . 51 



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XXXVII. 



EPITAPHIUM SANZII LIGORIS, BELLI AC DOMI PRAECIPUI. 

Temporibus luteis in me Romana refulsit 

Virtus prisca domi militiaeque simul. 
Nomen erat Sanzus, clara de Stirpe Ligori, 

Sarcophago hoc tegitur corpus, et umbra polo. 



Jubet Callias, propellam sursum versus hunc corporis truncum; propello. 
Jubet rem repeti violento impetu; obsequor. Quid plura? mobiliores mihi 
nates ef/ecit. quam ipse haberet. Ut me videt satis doctam. rogat, ut ne 
meis lateribus parcam. Concutit vehementer, resilio vehementius ego. 
Subsultibus conquatio subigentem. Totis ut me viribus wrgebat, ita totis 
ego viribus recutiebam in me ruentem. Subabam ego, cevebat Ute. et 
crissantibus inguinibus mixtl videbamur minari cubiculo ruinam. Audias 
et Lucretium hac de re sdte philosophantem IV, 1244—1253. 

Nec molles opus sunt motus uxoribus hiium. 
Xam mulier prohibet sc concipere atque repugnat, 
Clunibus ipsa viri Venerem si laeta retractat, 
Atque exossato ciet omni pectore fluctus. 
Eicit enim sulci recta regione viaque 
Venerem, atque locis avertit seminis ictum. 
Idque sua causa consuerunt scorta moveri, 
Ne complerentur crebro. gravidaeque jacerent. 
Et simul ipsa viris Venus concinnior esset. 
Coniugibus quod nil nostris opus esse videtur. 

Docet pofita philosophus, dunes vicissim tollendo et p rem endo, opus men- 
tulae alternis ineunüs et exeuntis pro sua parte juvando, ventrem pedusque 
ad idus nervi fluetuatim ita contrahendo et protendendo, ut medium corpus 
lere exosse videatur, efficere femin. im, primum, ut gaudia viri adaugeantur, 
deinde et maxime, ut ipsa concipere prohibeatur. Averti enim jadum seminis 
suo loco, et propter hanc causam artem illam magis perünere ad dlsdplinam 
scortorum, quam uxorum, quibus non opus sit timere turgentis verbera caudae. 

XXXVII. 

Est Carmen Venctum XXVIII. Parislcnsis et Venetus dant in titulo Sanzii, 
Randmus Sanzi. 

1. Venetus i actis pro luteis. 

4. Venetus polo est. 
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XXX VII. 



Grabschrift des im Kriege und im Frieden hervorragenden 

Sanzio Liguori. 

Römische Tugend wie einst erstrahlt* in des Niedergangs Zeiten 
Wieder in mir, im Krieg wie auch im Frieden daheim. 

Sanzio war ich genannt, aus dem ruhmreichen Haus der Liguori. 
Weilt nun im Sarge der Leib, unter dem Himmel der Geist 



dasselbe mit einem heftigen Stoß wiederholen. Ich gehorche. Kurz und 
gut, er machte meine Hinterbacken beweglicher, als seine eigenen waren; und 
als er sah, daß ich die Sache hinlänglich verstanden, bat er mich, ich möchte 
auch meine Lenden nicht schonen. Er stößt heftig; Ich stoße noch heftiger 
zurück. Mit meinen Stößen von unten her dränge ich mich ihm entgegen; er 
bearbeitete mich mit aller Kraft, und so vergalt ich ihm ebenfalls mit aller Kraft 
die Stöße, die er auf mich führte. Ich rutschte hin und her, er bewegte die 
Hinterbacken, und wahrend wir so Ineinander verschlungen arbeiteten, schien es, 
als sollte davon unser Bett in Stücke gehen*. Man höre, wie gescheit Lucretius, 
IV, 1244—1253 hierüber philosophiert: 

Doch es bedarf eine Gattin durchaus nicht wollüst'ger Bewegung. 
Denn die verhindert das Weib, zu empfangen, und selber vertreibt sie, 
Zieht sie die Schenkel zur Unzeit zurück, die Begierde des Mannes. 
Gänzlich erschöpft ihren Körper sie auch und beraubt ihn der Safte, 
Da sie den Pflug von der richtigen Furche und Richtung des Weges 
Ablenkt, und also der Same nicht fällt auf fruchtbaren Boden. 
Solche Bewegungen machen die Dirnen aus triftigen Gründen, 
Weil sie nicht häufig geschwängert sein mögen, noch liegen im Kindbett, 
Und weil den Männern sie dadurch den Liebesgenuß noch erhöhen; 
Gründe, die unsere Frauen, — so mein' ich — gewißlich nicht haben. 

Der Dichter und Philosoph lehrt also, daß durch das Zurückziehen und 
Wiedervorstoßen der Hinterbacken, womit das Weib ihrerseits den abwechselnd 
ein- und ausgehenden Penis In seiner Arbelt unterstützt, und durch das wellen- 
förmige, den Stößen des Gliedes nachgebende Zusammenziehen von Brust und 
Bauch, das Weib bewirkt, daß erstens der Mann ein vermehrtes Lustgefühl be- 
kommt, dann aber — und das Ist die Hauptsache — , daß sie selber die Emp- 
fängnis verhindern. Sie lenken nämlich den Samenerguß von der richtigen 
Stelle ab, und deswegen gehöre diese Kunstfertigkeit mehr zum Geschäfte der 
Huren, als zu dem der verheirateten Frauen, die die Befruchtung nicht zu fürchten 
brauchten. 

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XXXVIII. 



AD PONTANUM, POLLAM SEMIDEAM ARDENTEM, PRO QUA 

VEHEMENTER ORAT. 

Si vacat, Aoniis o vir pergrate Camenis, 

Accipe quod pro te lingua animoque precer. 
Ut tibi dent annos superi, dignissimus aevo es, 

Dignior est digno Candida Polla viro. 
5 Et tibi sit facilis tenera cum matre Cupido, 

Dignior est tenerae Polla favore deae. 
Et visens nullo possis, Pontane, videri, 

Dummodo semidea tu videare tua. 
Atque anus enervis, quae Semper murmurat in te, 
10 In fontes urnae pondere tracta cadat 

At via declivis fieri planissima possit, 

Sentiat et gTessus Semper amica tuos. 
Et si dulce canas, possit vox ipsa videri 

Dulcior, et credat suavius esse nihil. 
15 Inque dies crescat calor nie, et possit amare 

Strictius hic illam, strictius illa virum. 
Et tibi jam possit nymphe praeclara videri 

Tyndaris, ac Uli tu videare Paris. 
Hispidus actutum queat exspirare maritus, 
20 Ni deus hortorum vir sit, ut esse putas. 

Sive sit ipse deus, seu non, tarnen ipsa maritum 

Te fingat, tecum seque eubare putet 
Et tibi contingat demum inclusisse labellis 

Et linguam, et dominae sustinuisse femur. 



XXXVIII. 

10. Fontes urnae intelllge de fundo urnae. 

17. Parisiensis nymphae. pro quo dedi nymphe. 

23. Ovid. Amor. II, 5, 57. 58. tota labellis lingua tua est nostris, nostra 
reeepta tuis. Idem ibidem III, 14. 23. illic purpureis condatur lingua 
labellis. Aloisia Sigaca p. 70. tunc vibrat linguam in os meum. et eodem 
temporis puncto pilum adigit in perniciem meam. Conferas infra appen- 
dicem II, 84. 

24. Ovid. Amor. II, 4, 22. culpantis cupiam sustinuisse femur. ldem Amor. 
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XXXV1I1. 

An Pontanus, der in die Halbgöttin Polla verliebt ist, für 

welche er flehend bittet. 

Wenn dir's beliebt, mein Freund, du Liebling Aonischer Musen, 

Nimm, was mit Herz ich und Mund für dich erflehe, hier an. 
Mögen die Götter dir Jahre verleihen, denn würdig des Alters 

Bist du, und würdiger ist Polla des würdigen Manns. 
Dir sei Cupido geneigt samt seiner zärtlichen Mutter, 5 

Polla verdient die Gunst mehr noch der göttlichen Frau. 
Mögest du immer, Pontan, an deiner Geliebten dich satt sehn 

Und deine Göttin an dir, heimlich von niemand belauscht. 
Möge dein runzliges Weib das immer nur zanket und keifet, 

In den Brunnen hinein fallen vom Eimer beschwert 10 
Möge dein Weg, der bergabwärts dich führt, ganz eben dir werden, 

Möge die Freundin stets hören den Klang deines Schritts. 
Und wenn lieblich du singst, soll ihr deine Stimme noch süßer 

Tönen ins Ohr, daß sie glaubt, Süßeres gäbe es nichts. 
Wachsen von Tage zu Tag soll euere Neigung; du mögest 15 

Inniger lieben sie stets, inniger liebe sie dich. 
Herrlich erscheine sie dir, deine Maid, wie Tyndarus Tochter 

Helena: scheine du ihr herrlich wie Paris zu sein. 
Möge ihr garst'ger Gemahl sobald als nur möglich krepieren, 

Falls nicht gar, wie du meinst, selbst ein Priapus er ist. 20 
Aber er sei nun ein Gott oder nicht, so glaube sie, du seist's, 

Den sie im Bette umfängt, wenn sich der Gatte ihr naht. 
Sei es dir auch vergönnt, der Geliebten die Zunge zu kosen 

Mit deinen Lippen und kühn dringen zur Pforte hinein. 

XXXVIII. 23. Ovid., Amor. II, 5. 57-58: 

daß ich ganz mit den Lippen 
Meine Zunge, daß du meine mit deinen empfingst. 
Derselbe III, 14; 23: Hier verberge sich tief in den purpurnen Lippen die Zunge. 

Aloisia Sigaea, S. 41: .Er gab mir nun vibrierende Zungenküsse, und zu- 
gleich mit der Lanze den Todesstoß.' Vgl. den Anhang zum Hcrmaphroditus II, 84. 

24. Ovid., Amor. II, 4 ; 22: Büßen möcht ich dafür lassen der Tadlerin Schoß. . 
Derselbe III, 14; 22: Noch an des Mannes Schoß enge zu schmiegen den Schoß. 
Ahnlich Tibull. I, 9; 26: Schenkel an Schenkel zu pressen. 

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25 Si forte unanimis pro me, Fontane, precari 

Atque vicem votis reddere forte velis, 
Id precor adsidue, noctuque diuque precare, 

Ut sit deformis nulla superstes anus. 
Sit tibi nil mirum, si inculta et dissona mitto 
30 In risu et medio carmina ficta joco. 

XXXIX. 
IN MALEDICUM. 

Est qui nie coram meque et mea carmina laudet, 
Et me dam laniet meque meosque sales. 

Obticeal, ni se laniavero clamve palamve, 
Inque suas maculas ipse trilinguis ero. 

XL 

AD CRISPUM, QUOD SUAS LAUDES INTERMISERIT RUSTICO 

CACANTE. 

Arbor inest medio viridis gratissima campi, 

Limpidus hinc constat rivulus, inde nemus. 
Hanc avis adventat, pulcraque sub arbore cantat, 

Lenitur sonitu lucus et unda suo. 
5 Heic de more aderam, versus dictare parabam, 

Adstiterat calamo Clio vocata meo. 
Crispe, tuos coepi sanctos describere mores, 

Quive vales prosa, carmine quive vales, 
Utque tua summus sis ci vis in urbe futurus, 
10 Ut meritum virtus sitque habitura suum. 

Rusticus interea satur egesturus in herba 

Se fert, contigua pallia ponit humo, 
Mox aperit bracas, coleos atque inguina prodit, 

Leniter et nudas verberat aura nates, 
15 Inflectit genua, ac totum se cogit in orbem, 

Imposuit cubitos crure, manusque genis, 

III, 14, 22. nec femori impositum sustinuisse femur. Similc illud Tibulli 
I, 8, 26. sed femori conseruisse femur. 

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Willst du, teuerster Freund, auch mir in gleicher Gesinnung 25 
Etwas wünschen für das was ich so gutes gewünscht: 

Bitt' ich dringend, zu Gott magst täglich und nächtlich du beten, 
Daß jede Vettel und Hex' sei von der Erde vertilgt 

Sei meinen Versen nicht bös, die nicht wohlklingend und kunstvoll 
Nur zum Scherze ich schrieb unter Gelächter und Spiel. 30 

xxxix. 

Auf einen Schmähsüchtigen. 

So ein Gewisser, der lobt ins Gesicht mich, und lobt meine Verse, 
Heimlich verlästert er mich, reißt meine Scherze herab. 

Aber er möge nur still sein, sonst rück' ich ihm offen und heimlich, 
Ja, auch mit dreifacher Zung' all seine Schandtaten vor. 

XL. 

An Crispus, bei dessen Loblied der Autor durch einen 
scheißenden Bauer unterbrochen wurde. 

Mitten im grünen Gefild befindet ein schattender Baum sich, 

Seitwärts ein spiegelnder Bach, dorten ein lauschiger Hain. 
Kommt nun ein Vöglein herbei und singt im schönen Gezweige, 

Rauschen gelinde und sanft Welle und Äste dazu. 
Hierher kam ich, wie oft ich es tat, in Muße zu dichten; 5 

Clio folgte dem Ruf, kam meiner Feder zu Hilf. 
Dich, deine treffliche Art, mein Crispus, begann ich zu preisen, 

Wie in der Prosa du groß bist und im Liede zugleich, 
Wie man einst schätzen dich wird als der Stadt ansehnlichsten 

Bürger, 

Wie deine Tugend den Lohn finden wird, den sie verdient. 10 
Aber da kommt ein Bauer mit rumpelndem Bauch auf die Wiese, 

Sich zu entladen, und legt nieder den Mantel ins Gras, 
Knöpft die Hosen sich auf, daß Hoden und Glied sich entblößen; 

Sanft um sein nacktes Gesäß spielet der säuselnde Wind. 
Und nun beugt er die Knie und krümmt seinen Rücken und 15 

stemmt die 

Ellenbogen aufs Knie, drückt an die Wangen die Händ*. 

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Postera jam talos contingere crura videntur, 

Se premit, et venter solvitur, inde cacat. 
Tunc ex vocali ventosa tonitrua culo 
20 Dissiliunt, strepitu tunditur omnis ager. 

Excutior, calamus cecidit, dea cessit in auras, 

Ad crepitum trullae territa fugit avis. 
Deprecor, ut primas plantes, male rustice, vites, 

Post modo sat sitiens non sua vina bibas, 
25 Rustice, sulcatae summittas semina terrae, 

Nec panem esuriens, nec miser esse queas. 
Ergo vale, et tum cum concinna revertitur ales, 

Jam pergam laudes scribere, Crispe, tuas. 

XLI. 

PRECES ORATUM M1TTIT AUR1SPAM SICULUM, UT SIBI 
MARCUM VALERIUM MARTIALEM COMMODET. 

De precibus pulcra Homeri fictio. 

Preces, ut tradit Homerus, divae sunt, et puellae magni 
Jovis. Hae et claudae et lippae sunt, hisque "Artig praevenit, 
idem nocumentum, quae sanis ac validis pedibus constat, 

XLI. 

Liber Venetus exhibet poema sine praeloquio de predbus, brevius sie in- 
scriptum: preces praemittit ad Siculum, ut librum impetret. Locum ibi 
obtinet inter carmina octavum. Recepit etiam editor Florentinus Carminum 
illustrium poetarum Italorum, tomo II p. 110. verum el Ipse sine praeloquio, 
cum epigraphe: oratum mittit Aurispam Siculum, ut sibi Marcum Martialem 
commoäet; alludit ad Homeri fabulam de Precibus. Parisiensis editor dat 
praeloquium, ila tarnen, ut titulus poematis sequatur praeloquium, inserto 
igitur: preces igitur oratum mittit, cetera, in quo habet secum consentlcntcm 
Bandinum, non antecedat, quemadmodum a nobis concinnitatis gratia editum 
est. En hic Hie est Homert locus, ab Antonio fere ad verbum latine versus, 
Iliad. IX, 502—512. 

Kai ydo r* .lernt liat Aide; xovqcii /«t/.tiyoio, 
;/< >/_<:< tf, (ivoai re, .Kioa[l/.<än(g r'dqdaXfiü, 
at f)ü rt xat* /urd.itot)' 'Atiig Aktyovoi xwvoat. 
t) d' 'Ati) oöivaoi) rt xat dozinog, oOvfxa .idattg 
.■WÜ.UV vafx.-rpoöeVt. qOAvn öl xi näoav In" ahu; 
ß/MXTovo' dvöiub.-invg- ai 6' icaxiovxai öniowt. 

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* 



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Mit seinen Fersen berühren sich, scheint es, die Backen des Hintem; 

Wie er so dasitzt und drückt, öffnet der Leib sich: er scheißt. 
Da aus dem lärmenden Arsche hervor nun brechen die Winde, 

Donnernd mit Macht, es ertönt ringsum das ganze Gefild. 20 
Schauder ergreift mich, die Feder entfallt mir, die Muse verschwindet, 

Und bei dem Nachtstuhlrumor fliehet das Vöglein entsetzt 
Ha, dir elender Bauer, dir wünsch' ich, wenn Reben du pflanzest, 

Daß dich nie labe der Wein, daß er nie lösch' deinen Durst 
Wenn dem gefurcheten Boden der Erde du Saatkorn vertrauest, 25 

Geb' er dir Elenden nichts, lasse dich hungern nach Brot 
Lebe nun wohl, und sobald der gefiederte Sänger zurückkehrt, 

Crispus, fahre ich fort, dich zu besingen im Lied. 

XLI. 

Der Autor sendet die „Bitten" zu dem Sicilianer Aurispa, 
ihn zu ersuchen, daß er ihm den M. Valerius Martialis 

leihe. 

Homers hübsche Erfindung der .Bitten*. 

Die »Bitten" sind nach Homer Göttinnen, Töchter des 
großen Zeus. Sie sind lahm und halbblind, und ihnen vor- 
auf geht Ate, die Schadenbringende, auf gesunden und 
starken Füßen. Weit voran geht sie ihnen, die Menschen 
auf Erden schädigend; die „Bitten" aber folgen ihr. Wer 



XLI. Die betreffende Stelle des Homer (Ilias IX, 502—512) ist von Antonio 
fast wörtlich in Prosa wiedergegeben worden: 

Denn die reuigen Bitten sind Zeus des Erhabenen Töchter, 
Hinkend und runzelich sind sie und seitwärts irrenden Auges, 
Die auch hinter der Schuld sich mit Sorg' anstrengen zu wandeln, 
Aber die Schuld ist frisch und hurtig zu Fuß; denn vor allen 
Weithin läuft sie voraus, und zuvor in jegliches Land auch 
Kommt sie, schadend den Menschen; doch jen' als Heilende folgen. 

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et longe anteit, nocens hominibus per omnem terram, Preces 
vero post sequuntur. Qui autera veneratur puellas Jovis 
prope venientes, maxime illum quidem juvant et rogantem 
exaudiunt Qui vero eas adspernatur, ac dure repellit, orant 
abeuntes Jovem, uti hunc insequatur nocumentum, et damnatus 
det poenas. 

Ite, Preces, natae magni Jovis, en praeit "Ari/g, 

"Artig, quae vobis praevia monstrat iter. 
Si rnultum validis nocumentum passibus anteit, ' 

Ite citae, lippae, loripedesque Preces. 
5 Ivit Ate, cuivis omnem nocitura per orbem, 

Ite citae vestris gressibus, ivit Ate. 
Est Florentina celebris tellure poeta, 

Quem numerat genitis Sicilis ora suis. 
Illius ex lepido cantant Heliconides ore, 
10 Illius ex digitis pulsat Apollo chelyn. 

Non peperit Latium, non Graecia mille per annos 

Eloquio similem vel probitate virum. 
Uli ego non parvo jam pridem jungor amore, 

Jam pridem nobis mutuus extat amor. 
15 Hunc petite, hunc vigili vos offendetis in aede, 

Cantantem altisonis regia gesta modis. 



6g ftiv x' aiöiatxai xov(>ag didg, äooov iovoag, 
xov di pUy' &vi)oav, xal x' büivov tvqafiivoio' 
6g dt x' dvftvqxat, xal xe oxeotüg dnouxv, 
Xlaaovxai ö' äga xalyt Ala KQovltava xioitoai, 
T<ß "Azi)v du' tma&m, Iva ß).a<pddg daotfoo- 

Quod edidi maxime illum quidem juvant et rogantem exaudiunt, est illud 
de mea quidem conjectura; nam Mercerius dedit maxime illum quidem 
vivere et rogantem exaudiunt. Vitium manifestum emendare non dubitavi 
ex Graeco tfmjoav. 

1. Parisiensis natae, Florentin us gnatae. Venetus genitae. 

2. Parisiensis cum Florenttno nobis, Venetus vobis. 

3. Ven. et Florent anteit, Parisiensis anuit. 

S. Parisiensis cuivis, pro quo Venetus velox, Florentius cujus. Orbem reeepi 

ex Veneto, nam Parisiensis et Florentinus habent urbem. 
7. Paris, celebris tellure, Florentinus celeber tellure, Venetus celeber virtute. 
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nun die Töchter des Zeus verehrt, wenn sie sich ihm nähern, 
dem helfen sie gern und erhören seine Bitten. Wer sie aber 
mißachtet und hartherzig zurückweist, für den flehen sie im 
Fortgehen Zeus an, daß Schade ihn verfolge und daß er ihn 
bestrafen möge. 

Gehet, ihr Bitten, ihr Töchter des Zeus, voran geht euch Ate, 

Ate, die euch den Weg zeigt und zuerst ihn betritt 
Wenn mit dem kräftigen Schritt die Schadende weit euch vorauf- 
geht, 

Gehet, ihr Bitten, ihr halbblinden und hinkenden, schnell. 
Rund um den Erdkreis schon ging sie, die jedermann schadende Ate, 5 

Gehet mit schnellerem Schritt; Ate schon lief euch vorauf. 
Höret: es lebt im Gebiet von Florenz ein gepriesener Dichter, 

Den das sizilische Land stolz zu den Seinigen zählt 
Aus seinem Munde ertönt der Gesang helikonischer Musen, 

Wenn mit der Hand des Apoll lieblich die Laute er schlägt 10 
Hellas und Laü'um haben seit Tausend von Jahren wohl keinen 

Ihm an Beredsamkeit gleich oder an Güte erzeugt. 
Diesen verehre auch ich und liebe schon lange ihn herzlich: 

Lange schon sind wir uns wert, einer des anderen Freund. 
Suchet nun diesen mir auf; ihr treffet ihn wachend zu Hause, 15 

Wie er im Heldengedicht Taten der Könige singt. 



Wer nun mit Scheu aufnimmt die nahenden Töchter Kronions, 
Diesem frommen sie sehr, und hören auch seine Gebete. 
Doch wenn sie einer verschmäht und trotzigen Sinnes sich 
Jetzo flehen die Bitten, dem Zeus Kronion sich nahend, 
Daß ihn verfolge die Schuld, bis er durch Schaden gebüßet. 



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Hunc igitur magni Jovis exorate puellae, 

Per si qua est scriptis fama futura suis, 
Ut mihi concedat perrara epigrammata Marci; 
20 lila Iibens relegam, restituamque libens. 

Si facilis, divae, coram venientibus extet, 

Et meritus vobis exhibeatur honos, 
Aeque adjutrices hunc exaudite rogantem, 

Sitis et huic placidae, parque referte pari. 
25 Quodsi vos nihili faciat dureque repellat, 

Poscite confestim, turba repulsa, Jovem, 
Hunc ut terribili nocumentum voce sequatur, 

Et damnas poenas detque luatque graves. 

XLII. 

AD COSMUM, VIRUM CLARISSIMUM, DE LIBRl DIVISIONE. 

In binas partes diduxi, Cosme, libellurn, 
Nam totidem partes Hermaphroditus habet 

Haec pars prima fuit, sequitur quae deinde secunda est. 
Haec pro pene fuit, proxima cunnus erit. 

Xüll. 

AD COSMUM, VIRUM CLARISSIMUM, QUANDO ET CUI 
LEGERE LIBELLUM DEBEAT. 

Hactenus, o patriae decus indelebile, panxi, 
Convivae quod post prandia, Cosme, legas. 



18. Paris, et Venet. si qua, Florentinus si quam. 

19. Conferas epigramma XV librl secundi. Typis primum prodiit Martialis 
anno 1471. 

21. Paris, et Florent. extet. Vcnctus extat. 

23. Aeque reeepi ex Florentino, nam Parisiensis dat atque, et Vcnetus vos. 
25. Flor, duraeque. 

28. In damnas consentit Florentinus cum Parisiensi, Venetus autem exhibet 
merito. 

XLII. 

Pilus distichon profert Bandinus. 

62 



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Bittet ihn also, ihr Töchter des mächtigen Zeus und beschwöret 
Ihn bei dem Ruhme, der einst wird seinen Schriften zuteil, 

Daß er mir Marcus' Buch, das gar so seltene leihe. 
Gern wieder läse ich es, gäb* es ihm gern dann zurück. 20 

Wenn er gefällig sich zeigt euch Göttinnen bei eurer Ankunft, 
Und euch die Ehre erweist, die euresgleichen gebührt, 

Schenket auch ihm dann Gehör, wenn er bittet, und seid ihm wie 

billig, 

Freundlich zu helfen bereit, gebet ihm gleiches zurück. 
Achtet er aber euch nichts und treibt er mit Härte euch von sich, 25 

Dann, du verstoßene Schar, fordere dringend von Zeus, 
Daß ihm mit schrecklicher Stimme die schadende Göttin verfolge, 

Daß er zu Strafe und Büß' werde verdonnert von Zeus. 

XLII. 

An den Erlauchten Cosimo, von der Einteilung des Buches. 

In zwei Teile zerfällt, 0 Cosimo, dieses mein Büchlein, 
Weil auch der Hermaphrodit zweierlei Teile besitzt. 

Dieser Teil war der erste, und folgen soll ihm der zweite. 
Diente der erste als Schwanz, kommt nun die Fut an die Reih'. 

xun. 

An den Erlauchten Cosimo, wann und wem er das Büch- 
lein vorlesen solle. 

Was ich gedichtet bisher, der Heimat ewige Zierde, 
Cosimo du, das lies vor deinen Gästen nach Tisch. 



XLI. 19. Vgl. II. Buch, Eplgr. XV. Martial erschien zuerst 1. J. 1471 Im 
Druck. 

63 



Quod reliqui est, sumpta madidis sit lectio coena, 
Sicque leges uno cannina nostra die. 



XLIII. 

In titulo hujus carminis, quod integrum operi suo inserult Bandinus, exhibet 
ille vel cui pro et cui. 

3. Martial. X, 19. 

Haec hora est tua, cum furit Lyaeus, 
Cum regnat rosa, cum madent capiüi, 
Tunc me vel rigidi legant Catones. 

4. Ab hoc ultimo versiculo infit codex Coburgensis. Kam reliqua omnia libri 
prioris sunt ab imperita manu abscissa, quod intuenti cuique statim apparet 



64 



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Aber der Rest ist Lektüre nach Tisch für fleißige Zecher, 
So in einem Tag kommst du mit den Versen zu End. 



XLIII. 3. Martial X, 19: 

Dann ist's Zeit für dich, wenn Lyüus schwärmet, 
Wenn die Rose da herrschet, wenn das Haar trieft, 
Dann mag selbst mich ein strenger Cato lesen. 



HERMAPHR0D1TI 

LIBELLUS SECUNDUS. 



i. 

AD COSMUM FLORENTINUM, 

EX ILLUSTRI PROGENIE MEDICORUM V1RUM CLARISS1MUM, QUOD C1VILI 
JURI OPERAM DARE ET MER1TO PEROIT, QUUM HAC TEMPESTATE NON 
SIT QUISQUAM REMUNERATOR POETARUM. 

Cosme, vir Etrurias inter celeberrime terras, 
Si sileas, videor velle videre tuum: 



L 

Est cannen III libri Veneti. Exhibet ctlarn Florentinus edltor Carminum 
illustrium pofitarum Italorum tomo II. p. 111. Nostra epigraphe est Parisiensis. 
Apud Bandinum distinguitur epigraphe libelll secundi ab epigraphe primi 
carminls: illa Ejusdem Hermaphroditi libellus stcundus ad Cosmum Floren- 
tinum, haec Ad ipsum Cosmum Medicem. quod civili Juri operam dare et 
merito pergit. quum hat tempestate non sit quisquam rtmunerator poita- 
rum. Florentinus Ad Cosmum Medicem, reliqua ut Bandinus. Codex 
Coburgcnsis Ad Cosmum virum clarissimum, ceteris omissis. Venetus nil 
nisi Ad eundem; duo enlm carmlna Cosmo dlcata pracmlsit, primum libri 
prioris, tricesimum tcrtium posterioris. 

1. Parisiensts, Florentinus, codex Coburgcnsis consentiunt cum Bandlno, qui 
quidetn primum atque ultimum carminis versiculum excerpsit; Venetus autem 
Cosme. vir Hetruscas inter celeberrimus urbes, 

2. Venetus Quamvis nunc sileas, mens mihi nota tua. Ceteri consentiunt 
66 



r 

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HER M APH ROD ITU S 

ZWEITES BUCH. 



L 

An Cosimo von Florenz, den Erlauchten, aus dem 
berühmten Geschlechte der Medici; 

warum er, der Autor, fortfahrt, steh dem Studium des bürgerlichen Rechtes zu 
widmen; und zwar aus gutem Grunde, weil es zu dieser Zeit niemand gibt, der 

die Poeten belohnt. 

Cosimo, du, der berühmteste Mann in Etruriens Grenzen, 
Wenn du auch schweigst, mir scheint, daß ich errate den Grund. 



I. 2. .Wenn du auch schweigst" — fast ließe sich aus dieser Wendung 
schließen, Cosimo habe den Hermaphroditus durchaus nicht so günstig auf- 
genommen, wie Antonio a. a. O. es darstellen möchte. Behauptet doch der 
Minorit Antonius Raudensis, einer der eifrigsten Gegner unseres Dichters, daß 
Cosimo das Buch nur angesehen und es dann sogleich ins Feuer geworfen habe 
(Anm. d. Übersetzers). 

5« 67 



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Malles, posthabitis jamjam lusuve jocove 
Clausissem forti strenua bella pede. 
5 Ut tu magnanimus, sie et permagna cupiscis, 

Hei mihi, sed nostro tempore Caesar abest. 
Hic tibi sit largo pro Caesare gloria dices; 

Sed tales epulas non meus alvus edit 
Laurea sit cuivis, dum sit domus aurea nobis. 
10 Auratam facient aurea jura domum. 

Dant Utes requiem, donant chirographa nummos. 

Hoc lex dat, voces gloria sola dabit 
Haec alit, haec fatuas duntaxat inebriat aures, 
Scilicet et venter carior aure mihi est. 
15 Famaque quantalibet veniat post funera nobis, 

Excipiam nullos mortuus aure sonos. 
Ergo sequor prudens leges ac jura Quin tum, 

Prostituo prudens verba diserta foro. 
Cum vacat officio legali, ludicra condo, 
20 Dum bibo, quae nobis immeditata fluunt. 

In mensa nequeunt heroum gesta reponi, 

Non sunt implicitae proelia mentis opus. 
Sit mihi Maecenas, claros heroas et arma 
Cantabo, et nugis praefera bella feram. 

3. Venetus Malles posthabitis nugis lusuque jocoque. Parisiensis et Florentinus 
fadunt cum codice Coburgensi, nisi quod Parisiensis dat jocoque pro jocove. 

4. Venetus solus Claudere me forti strenua bella pede. Tibull. IV, 15, 4. aut 
caneret forti regia bella pede. 

7. Parisiensis heic. reliqui hic. 

8. Venetus contra reliquos omnes Non tales epulas venter inanis amat. 

11. Pro requiem habet Venetus solus nummos. Codex Coburgcnsis cirographa. 
Venetus cyrographa. Parisiensis chyrographa. Florentinus chirographa. In 
arte quidem diplomatica quomodo distinguantur chirographa a cirographis 
sive cyrographis, disce ex Systematis diplomatid Benedidlnorum tomo I. 
p. 379. versionis Germanicae Addungianac. 

14. Omnes venter praeter codicem Coburgensem, qui mendose ventus. 

18. Ovidius Amor. I, 15, 5. 6. nec me ingrato vocem prostituisse foro. 

19. Venetus regali contra omnes. 

21. Infra XXII, 3. vel splendida facta rcponlt Propertius 1, 17, 11. an poteris 

siccis mea fata reponere ocellis? 
24. Codex Coburgensis perfera. reliqui cum Bandino praefera. Ovid. Heroid. 

VIII, 25. 26. nec turpe marito. aspera pro coro bella tullsse ton. 

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Lieber wohl wäre es dir, ich ließe die Scherze und Spiele, 

Und in heroischem Vers feiert' ich Helden und Streit. 
Edelen Sinns, wie du bist, so begehrst von mir du auch Großes, 5 

Aber in unserer Zeit fehlt nur ein Caesar dazu. 
.Caesar sei dir der Ruhm, freigebig wie dieser", so sagst du; 

Aber von solch* einem Mahl wird mir der Magen nicht satt. 
Mag nach dem Lorbeer begehren wer will; ich ziehe das Gold vor: 

Und ein vergoldetes Haus baut mir die Jurisprudenz. 10 
Ruhiges Leben verschaffen Prozesse und Geld Testamente. 

Das gibt das Recht; doch der Ruhm speist nur mit Worten 

uns ab. 

Jenes ernährt, der Ruhm umnebelt die Ohren der Dummen. 

Mir ist ein Schmaus für den Bauch lieber als einer fürs Ohr. 
Wird aber gar der Ruhm erst nach dem Tode lebendig, 15 

Hat nicht einmal das Ohr etwas im Grabe davon. 
Darum studiere ich klug Gesetze und Rechte der Römer, 

Und mit beredtem Wort trete ich auf vor Gericht. 
Läßt mein juridisches Amt mir Muse, treibe ich Kurzweil, 

Wie beim Becher der Vers grad' aus der Feder mir fließt. 20 
Sollte ich etwa bei Tisch heroische Epen servieren? 

Schlachten sind nichts für den Geist emsig beschäftigter Leuf. 
Gebt mir nur einen Mäcen und gern will ich Helden und Waffen 

Singen, dann zieh' ich den Krieg nichtigem Possenspiel vor. 



4. Tlbull. IV, 15, 4: 

Oder in wuchtigem Vers singe des Königes Krieg. 



69 



II. 

AD PUELLAS CASTAS. 



Vos itcrurn moneo, castac nolitc puellac 
Discere lascivos ore canente modos. 

Nil mihi vobiscum est Vates celebrate severos. 
Me Thais medio fornice blanda legal 



in. 

LAUS ALDAE. 

Si tibi sint pharetrae atque arcus, eris, Alda, Diana; 

Si tibi sit manibus fax, eris, Alda, Venus. 
Sume lyram et plectrum, fies quasi verus Apollo; 

Si tibi sit comu et thyrsus, Iacchus eris. 
5 Si desint haec, et mea sit tibi mentula cunno, 

Pulcrior, Alda, deis atque deabus eris. 



IV. 

IN ALDAE MATREM. 

Ut mihi tu claudis, mater stomachosa, fenestram, 
Sic tibi claudatur cunnus, iniqua parens. 



II. 



1. herum monet, nam respidt epigramma quartura prioris Ii belli. Ignoscitc, 
castae puellac, NasonI maligne deflnlenti Amor. 1,8, 43. casta est, quam 
nemo rogavit. 

4. Blande cod. Coburgcnsis. At Parislensis blanda. Infra XXIII, 5. Nuper et 
hos abs me multa prece blanda poposcit. 



III. 

1. Cod. Cob. atque arcus, Parisiensis aut arcus. 
3. 4. Ovid. Herold. XV, 23. 24. 

Sume fidem et pharetram, fies mani/estus Apollo: 
Accedant capiti cornua. Bacchus eris. 

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II. 

An die keuschen Mädchen. 



Nochmals ermahne ich euch, ihr keuschen und züchtigen Mädchen, 
Lernet mit singendem Mund lüsterne Weisen mir nicht 

Nichts hab' mit euch ich zu tun. Verehret mir ernstere Dichter. 
Lesen soll im Bordell Thais, die freundliche, mich. 

III. 

Lob der Alda. 

Führtest du Köcher und Bogen, so wärest du Artemis, Alda; 

Nähmst du die Fackel zur Hand, wär*st Aphrodite du ganz; 
Trügest du Lyra und Plectrum, du wärest mir Phöbus Apollo; 

Hättest du Trinkhorn und Stab, wär'st du Dionysos selbst 
Wenn dir dies alles auch fehlt, wenn nur meinen Schwanz du im 5 

Schlitz hast, 

Schöner scheinst, Alda, du mir dann als der ganze Olymp. 

rv. 

Auf Aldas Mutter. 

Wie du das Fenster verschließ'st, du garstige Alte, zum Trotz mir, 
Also sei dir die Fut, neidische Mutter, versperrt 



II. 1. Er mahnt sie nochmals; die erste Mahnung Ist im I. Buche, Epigr. IV 
enthalten. Verzeiht, keusche Madchen, dem Ovid die boshafte Definition eurer 
Tugend. Amor. I, 8; 43: 

keusch Ist, die keiner begehrte. 

ID. 3, 4. Ovid. Herold. XV, 23, 24: 

Saiten und Köcher ergreif, und du wirst ein Apollo erscheinen; 
Kimen dir Hörner ans Haupt, würdest du Bacchus sogleich.; 

71 



Id tibi erit gravius, caelebs videare licebit, 
Quam tibi si coeli janua clausa foret 



v. 

LAUS ALDAE. 

Alda, puellarum fortunatissima, gaude: 
Vincitur omnipotens igne Cupido tuo. 

Alda deos omnes specieque et moribus aequat; 
Sit minime mirum, si capit Alda deos. 



VL 

AD PHILOPAPPAM, 

DEPERIENTEM STERCONUM, VIRUM TURPEM. 

Ni te detineat Sterconus, scire volebam, 
An stomachus peni sit, Philopappa, tuo. 

Est stomachus certe talis, qui digerit Aetnam, 
Albicat hibema cum magis Aetna nive. 



IV. 

3. Ucebit pro licet. Ovid. Trist. V, 14, 3. 4. 

Detrahat auctori multum fortuna licebit, 
Tu tarnen ingenio clara ferere meo. 

Martialis VIII, 21. 

Stent astra licebit, 
Non deerit populo te veniente dies. 



V. 

Est Carmen X Venetum. 
1. Paris, cum cod. Cob. puellarum fortunatissima, Venetus puellarum tu for- 
mosissima. 

3. Parisiensis cum Veneto specieque et, codex Coburgensis specie et. 

VL 

Parisiensis in dtulo Sterconium, quanquam versu primo Sterconus. Cod. 
Cob. et in titulo Sterconum. 

3. Paris, et stomachus, cod. Cob. est stomachus. Hie digerat, hic digerit. 
Ludlt in ambiguitate stomachi. 

4. Solemne est nostro cum magis ponere pro cum maxime. Infra VIII, 5, 6. 

72 



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Schwerer erträgst du dies, obgleich du ehelos scheinbar 
Lebst, als wenn man das Tor schlösse des Himmels dir zu. 



v. 

Lob der Alda. 

Alda freue du dich, du hochgepriesenes Mädchen: 

Amor, der alles vermag, ward durch dein Feuer besiegt 
Alda ist wahrlich den Göttern vergleichbar an Tugend und 

Schönheit; 

Wundert's euch, daß sie ins Joch Götter zu zwingen vermag. 

vi. 

An Philopappa, der in den Schandbuben Sterconus heftig 

verliebt ist. 

Wenn Sterconus dich nicht in Anspruch nimmt, möchte ich wissen, 
Ob einen Magen dein Glied, o Philopappa, besitzt, 

Und einen Magen sogar, der den Ätna selbst könnte verdauen, 
Wenn er noch winterlich weiß glänzt von gefallenem Schnee. 



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5 Quid loquor in nebulis, qui non intelligor ulli? 

Simpliciter dicam, quid, Philopappa, velim. 
Est puer, hunc ardes, quin deperis; et puer ille 

Sit tibi, ter decies qui nova musta bibit? 
Jam pridem aegrotat; cur aridus instar aristae est? 
10 Et dubites, vultus larva sit, an facies. 

Quamvis ipse gula sit longus, quum tarnen ossa 

Proluit os, vellet guttur habere gruis. 
Est sibi pro bello rubicundula tibia naso, 
Et patula cerebrum nare videre potes. 
15 Cruribus atque ano densorum sylva pilorum est, 

Qua possit tuto delituisse lepus. 
Mentis multivolae est, venalis, potor edoque, 

Diligit et tantum munera, more lupae. 
Ille, ita me dii ament, sie est, aut turpior; at tu 
20 Proh pudor, hunc plus quam viscera coecus amas. 

Nescio quem vulgus dicat flagrasse lucernam; 

Derisi quondam, sed modo vera putem. 
Non erat in populo formosior alter Etrusco, 
Non erat Italico gratior orbe puer. 
25 Coecus amor plerum mortalia pectora coecat, 

Nec nos a falsis cernere vera sinit 



cum magis arrigis Ursae. cumve magis cupias, vulva repeilet olens, 
XIII, 12. cum magis illa armis floruit aueta suis. 
5. Ovld. Trist 5, 10, 37. Barbarus nie ego sum. quia non intelligor ulli. 

7. Paris, puer ille, cod. Coburg, puer ille est. 

8. Paris, sit tibi, cod. Coburg, si tibi. Tum ille busta, hic musta. 

11. Cod. Cob. ossa, Paris, offa. Intelligit osseam gulam vino madidam. 

13. Paris, est sibi, pro quo in cod. Coburg, vitiose est tibi. Statim hic rubi- 
cunda. ille rubicundula. 

14. Paris, et, cod. Coburg, ex. Ovid. Metamorph. III, 686. aeeeptum patulis 
mare naribus efflant. 

17. Catull. LXVIII, 128. praeeipue multivola est mulier. 

18. Sic infra XXX, 22. Nichina lupa fatetur praeter pretium nil mihi dulce fuit. 

19. Edidi ex conjectura at tu. Nam neque ut tu edltoris Parislensls, neque 
aut tu codicis nostri poterat tolerari. 

21. Cod. Coburg, mendose fragrasse. Paris, recte flagrasse. 

25. Codex noster pierum. Partsiensis plerum, id est plerumque. 

26. Cernere pro discemere. 
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Warum rede jedoch ich in Rätseln, niemand verständlich? 5 
Frei mit der Sprache heraus, was, Philopappa, ich will: 

Für einen Knaben erglühst du, ja stirbst aus Liebe; ein Knabe 
Ist dir dieser, der schon dreißig der Lenze gesehn. 

Lange schon siecht er dahin, ist dürr wie ein Strohhalm ; weshalb 

denn? 

WeiBt du denn, ob sein Gesicht Larve, ob Antlitz es ist? 10 
Ist seine Gurgel auch lang und hart vom beständigen Saufen, 

Möchte haben den Hals lang wie ein Kranich er gern. 
Statt der Nase ihn ziert eine rötlich schimmernde Flöte, 

Durch sie sieht man ins Hirn gänzlich vom Weine ersäuft. 
Beine bedeckt und Gesäß ein Wald von starrenden Haaren, 15 

Dicht, daß ein Hase darin sicher verbergen sich könnt'. 
Geizig ist er dazu und käuflich, ein Säufer und Vielfraß, 

Und wie ein Öffentlich Weib geht auf Geschenke er aus. 
So und noch häßlicher ist er, es mögen die Götter mir beistehn ; 

Du aber, Schande und Schmach, liebst ihn noch mehr als dich 20 

selbst. 

Irgendwer, sagen die Leute, verschoß sich in einen Laternpfahl; 

Dies schien früher mir dumm, aber jetzt halt ich's für wahr. 
Gab's im etrurischen Volk denn nicht einen schöneren Knaben, 

Nicht im italischen Land einen, der lieblicher wär? 
Oft wohl verblendet die Liebe, die blinde, die Herzen der Menschen, 25 

Lässet uns Wahrheit und Trug nicht unterscheiden genau. 



VI. 18. Vgl. unten XXX, 22. 

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Cur edat ille fimum, vulpes quaesivit asellum; 

Nam memini, dixit, quod fuit herba fimus. 
Sic puto tu referes cuivis fortasse roganti, 
30 Diligis hunc ideo, quod tener ante fuit 

Coecus es, et credis me cassum lumine coram 

Sterconum eximiis laudibus usque ferens. 
Crura licet pueri bombycea lautaque dicas, 

Crura tamen siccae pumicis instar habet 
35 Jam modo crediderim, te verpum posse Priapum 

Scilicet et Lybicas accubuisse feras. 
Immanem ergo fovet stomachum tua mentula, verum 

Nil videt, usque oculos ederit illa suos. 



34. Paris, siccae. cod. Coburgensis sicci. Catullus I, 1. 2. 

Cui dono lepidum novum Ii bell um 
Arida modo pumice expolitum? 

Pro habet in codlce Coburg, perperam scriptum est habent. 

35. Catullus XLV1I, 4. verpus praeposuit Priapus ille. Supra libro priore 
XVIII, 4. non vidit penem, verpe Priape, tuum. 

36. Codex Cob. siUcet. qua scriptura semper utitur librarius pro scilicet; sie 

I, 14. XXVII, 6. Append. II, 49. Convenit illud Tibulli I. 9, 75. 76. 

Hute tarnen aceubuit noster puer, hunc ego c red am 
Cum tnuibus Venerem jüngere posse feris. 

37. Priap. LXXV1I, 1. immanem stomachum mihi videtis. Martial. III, 76. 
non est haec mentula de mens? 

38. Paris, usque, codex noster utque, non ut quae. nam pro quae librarius 
solet alio uö compendio. Martialis IX, 37. 

Promittis sexcenta tamen.'sed mentula surda est. 
Et sit lusca licet, te tamen Uta videt. 

Lusca est mentula, quia unum foramen pro oculo habet Mine illud ejusdem 

II, 33. te qai basiat. hic. Philaeni, fellat. Dixerat enim, Philaenim calvam, 
mfam, luscam caput mentulac tentae prae se ferre. 

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Warum den Dünger er fräße, so fragte ein Fuchs einen Esel; 

„War es doch ehedem Gras", sagte der Esel darauf. 
So antwortest du auch, wenn jemand fragen dich sollte, 

Daß du so heftig ihn liebst. „War er doch ehedem jung." 30 
Du bist verblendet und glaubst, ich hab keine Augen im Kopfe, 

Wenn den Sterconus du hoch bis zu den Wolken erhebst. 
Magst du auch sagen, dein Knabe hab Schenkel so nett wie von 

Seide, 

Sind seine Beine doch dürr, trocken wie Bimsstein und hart 
Glaublich erscheint mir's, du könnest sogar beim verschnittnen 35 

Priapus 

Schlafen und bei dem Getier, welches die Wüste bewohnt. 
Heget dein Penis denn nur einen solch ungeheueren Magen, 
Daß er nichts sieht und sich selbst bis auf die Augen verschlingt? 



36. Vgl. hierzu Tibull I, 9, 75-76: 

Und neben diesem da ruhte mein Knabe? Ja, wahrlich, nun glaub' Ich, 
Daß er sich liebend sogar paart* mit dem häßlichsten Tier. 

37. Prlap. LXXVII, 1: 

Ihr seht den ungeheu'ren Magen, den ich habe. 
Martlal III, 76: 

dein Penis muß wirklich verrückt sein! 

38. Martlal IX, 37: 

Doch du versprichst sechshundert; das Glied hört aber darauf nicht. 
Und einäugig auch sei's immer, dich siehet es doch. 

Die Mentula ist einäugig, weil sie ein Loch anstatt eines Auges hat. Daher 
eben bei Martlal II, 33: 

Dich Kahlköpfige sollf Ich küssen? Niemals. 
Dich, du Rotkopf, sollf Ich küssen? Niemals. 
Dich Einäugige sollt' ich küssen? Niemals. 
Wer das küsset, Philaenis, ist Fellator. 

Die kahlköpfige Philaenis, mit roter Glatze und nur einem Auge erinnert 
den Dichter allzusehr an die — Mentula, die er nicht küssen möchte. 

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VII. 

AD AURISPAM DE URSAE VULVA. 



Ecquis erit, vir gnare, modus, ne vulva voracis 
Ursae testiculos sorbeat usque meos? 

vn. 

Joannes Aurispa Siculus, Graecis Uteris et Latinis doctus, orator et poeta 
clarus, floruit priori parte saecull quintl dedmi. Idem ab eplstolls Eugenli IV 
pontificis Romani. Convertit ettam Oraeca quaedam in Latinum, praecipue 
Hierodis, philosophi saeculi quinti, commentarium in aurea carmina Pytha- 
gorae, quem e manu scripto codice a se emto Latine translatum Romanoque 
pontifld Nicoiao V dicatum primus edldlt anno 1474. Conferas quae supra 
in Testimonüs ex Jano Brukhusio attulimus de Aurispa. 

1. Paris, ecquis, codex Cob. et quis. Ille gnare, nie gnave. Catullus XXXIII, 4. 
culo filius est voraciore. Idem LVII, 8. non hic quam ille magis vorax 
adulter. Tibull. ad Priapum XXXIII, 30. 31. 

Tibi haec paratur, ut tuum ter et quater 
Vor et profunda fossa lubricum caput. 

Martialis D, 51. 

Infelix venter special convivia culi, 
Et Semper miser hic esurit, ille vorat. 

Aloisia Slgaea p. 278. voravit tibi rudern mentulam heluo cunnus. Eadem 
p. 125. ecce me totum, quam longus, quam crassus sum. vorasti. 

2. Paris, usque meos, cod. Cob. ampla meos. Supra priore Hbro XIX, 17. 18. 
de Ursa nostra: 

Si mihi sint totidem penes. quot in arbore rami. 
Hos omnes uno sorbeat Ursa die. 

Juvenal. X, 223. 24. quot longa viros exsorbeat uno Maura die. Eadem 
res didtur Priapeio XXXIV peragere viros. Ursae simillima erat Lydia, de 
qua Martialis XI, 21. Lydia tarn laxa est, equitis quam culus aeni, 
multisque additis acerbe dictis: 

Hanc in piscina dicor futuisse marina. 
Nescio; piscinam me futuisse puto. 

Similes ltalae Hispanaeque feminae, de quibus Aloisia Sigaea p. 143. ita est, 
cognata; hiant, hiant Veneris ostia antica deformem in modum Italis 
Hispanisque feminis. Putes, non hominibus tantum, sed etiam mulis natas. 



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VII. 



An Aurispa, von Ureas Schamglied. 

Was für ein Mittel gibts, o kundiger Mann, daß der Ursa 
Gierige Höhlung mich nicht samt meinen Hoden verschlingt? 



VII. Giovanni Aurispa, ein Sicllianer, Kenner der griechischen und latei- 
nischen Literatur, berühmter Redner und Dichter, blühte in der ersten Hälfte des 
XV. Jahrhunderts; er war Sekretär des Papstes Eugenius IV. Er Übersetzte 
einiges aus dem Griechischen in das Lateinische, besonders den Kommentar des 
Hierokles, eines Philosophen aus dem V.Jahrhundert, zu den .Goldenen Sprüchen* 
des Pythagoras, den er aus einer von ihm angekauften Handschrift im Jahre 1474 in 
Rom zuerst in lateinischer Übersetzung edierte und dem Papste Nicolaus V. widmete. 
Vgl. oben unter den Zeugnissen die Notiz aus Broukhuysen Uber Aurispa. 

1. Catull. XXXIII, 4: 

Und vielfräßiger ist der Steiß des Sohnes. 
Derselbe LVII, 8: 

Beide sind sie gefräß'ge Hurenschlemmer. 

Tibull., Priap. 30, 31: 

Dieses wird dir bereitet, daß drei und viermal 
Deinen schlüpfrigen Kopf verschling' der tiefe Graben. 

Martial II, 51 : 

Dein unglücklicher Bauch muß schaun des Gesäßes Gelage 
Und muß jämmerlich stets hungern, wenn dieses verschlingt. 

Aloisia Slgaea, S. 168: .Ihre lüsterne Kleine hat deinen Dicken ganz und 
gar verschluckt.* Daselbst, S. 75: .Du hast mich ganz und gar verschlungen, 
so lang und dick ich bin." 

2. Vgl. dazu I. Buch, Eplgr. XIX, 17, 18: 

Hätte ich so viele Penes als Aste und Zweige ein Baum hat, 
Ursa verschlänge sie wohl alle in einem Tag leicht. 

Juvcnal X, 223—224: 

wie viele Männer wohl Maura, die lange, 

Täglich erschöpft. 

Dasselbe besagt der Ausdruck .Männer entkräften*, Priap. XXXIV. Der Ursa 
ganz ähnlich war Lydia, von der Martial XI, 21 sagt: 

Lydia ist so weit, wie am ehemcn Rosse der After, 

und nach mehreren andern starken Unzweideutigkeiten : 

Diese soll ich gefickt bei dem Fischteich haben? Ich weiß nicht; 
Aber ich meine, ich hab' wohl einen Fischteich gefickt. 

79 



Ecquis erit, totum femur haec ne sugat hirudo, 
Ne prorsus ventrem sugat ad usque meum? 

Aut illam stringas quavis, Aurispa, medela, 
Aut equidem cunno naufragor ipse suo. 

vm. 

AURISPAE RESPONSIO. 

Si semper tantus spiraret in aequore foetor, 
Neminis ut nasus littora ferre queat, 

Quis vel in Adriaco, Scythico quis navita posset, 
Aut in Tyrrheno naufragus esse man? 



3. Codex Cob. Herum et quis. Mox Parisicnsls hoc versu et proximo suggat, 
codex Cob. sugat. Aloisia Sigaca p. 74. compressit me aretius Callias; 
promovit in uterum meum ea vi caudam ardentem, ut etiam videretur 
velle se totum in corpus meum immergere. 

5. Simllis est querela Paclfld Maxlml elegla XI. p. 124 exempll Parislensls: 

Quid dices? Quamvis exaequet mentula palmas 

Nostra duas. libras contineatque decem, 
Esse tarnen minimam queritur, dicitque pusillam 

Lux mea, nil, cunno cum tenet, esse putat. 
Vix celare queunt navalia lintea membrum. 

Quo viso tutus furibus hortus erit. 
Me miserum, tanta est, et tanti ponderis adstat, 

Ut tres a populo dicar habere pedes. 
Haec mihi quid prodest? nostram non supptet amicam. 

Rem tantam tenuem dicit et esse brevem. 
Sarciat immensum, coecum et sine fine barathrum, 

Funeque diffieüi terque quaterque liget. 
Aut petat haec alium, membrum non täte videbit, 

Taleque non coelum, tale nec Orbis habet. 
Efficite faciles superi, nam cuneta potestis. 

Me totum penem, dicat ut illa sat est. 

vm. 

Hoc Aurisp ae epigramma Jano Brukhusio ad Tibull. I, 2, 24. vldcbatur 
flagitiose impurum. 

2. Cod. Cob. et nasus littore, Paris, ut nasus littora. 

3. Paris, in adriaco, cod. Cob. oraitHt in. 



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Was ist zu tun, daß der Blutegel nicht ganz meine Schenkel, 
Ja, daß er schließlich sogar sauge den Bauch mir nicht aus? 

Mache, Aurispa, sie eng entweder durch irgend ein Mittel, 5 
Oder ich leide gewiß Schiffbruch in ihrem Geschöß. 

VIH. 

Aurispas Antwort. 

Wenn beständig vom Meer ein solcher Gestank sich erhöbe, 
Daß keine Nase dem Strand könnte von weitem sich nahn, 

Würde ein Schiffer wohl je in der Adria oder im Pontus, 
Je im tyrrhenischen Meer schiffbrüchig gehen zu Grund? 

So etwa sind auch die Frauenzimmer in Italien und Spanien gebaut; Aloisia 
Sigaea, S. 85: .So ist es, Schwesterchen: es klafft, es klafft auf die fürchter- 
lichste Weise das vordere Venuspförtlein bei den Italienerinnen und Spanierinnen. 
Es ist, als wären sie nicht nur für Männer, sondern auch für Maulesel erschaffen". 

3. Aloisia Sigaea, S. 43: .Enger umschlang mich Callias; in meine 
Scheide stieß er mit solcher Gewalt den glühenden Schwanz hinein, daß es wahr- 
haftig aussah, wie wenn er selber ganz und gar in meinen Leib hineinfahren 
wollte.* 

5. Ahnlich lautet die Klage des Pacifico Masslmi XI. Elegie, S. 124 der 
Pariser Ausgabe: 

Was soll man sagen dazu? Obgleich mein Penis zwei Hände 

Lang ist und ob sein Gewicht etwa zehn Pfunde beträgt, 
Dennoch beklagt sich mein Schatz, daß zu klein er, nennet ihn winzig; 

Wenn in dem Schlitze er steckt, meint sie, sie habe nichts drin. 
Kaum hinter Segeln von Schiffen zu bergen vermöchte mein Glied ich, 

Pflanzt' ich im Garten es auf, schützte vor Dieben es ihn. 
Ich Unglücklicher hab' es so groß und so schwer von Gewichte, 

Daß mir die Leute schon nachrufen, ich hätte drei Füß'. 
Aber was nutzt mir das alles, wenn's nicht meine Freundin befriedigt? 

Solch ein beträchtliches Ding nennt sie mir mager und klein! 
Mag sie sich flicken den finstem und unergründlichen Abgrund 

Und ihn mit tüchtigem Strick dreimal und viermal vernäh'n. 
Oder zu anderen gehn; solch Glied wird nimmer sie finden; 

Himmel und Erde hat ja so etwas Ahnliches nicht 
Macht doch, ihr gütigen Götter — in euerm Vermögen steht alles — 

Ganz mich zum Phallus, daß sie sage: .So ist es genug.* 

VIII. Dieses Epigramm des Aurispa schien Jan Brouckhuysen (in seinem 
Kommentar zum Tlbull I, 2, 24) .schändlich unflätig.' 

6 81 



5 Et tu ne timeas; nam cum magis arrigis Ursae, 

Cumve magis cupias, vulva repellet olens. 
Haec flat ita horrendum, quod pingue et putre cadaver 

Ursae cum cunno lilia pulcra foret 
Haec flat ita, ut, merdis si quisquam conferat inguen, 
10 Sit violae et suaves multa cloaca rosae. 

Sin tuus nunc talem non honet nasus odorem, 
Ut sit tunc vulvae strictior Ursa dabo. 

IX. 

AD URSAM FLENTEM. 

Quid fies? en nitidus turbat tibi fletus ocellos! 

Quid fies, o lacrymis Ursa decora tuis? 
Forte quod adversus te acciverit ira Camenas, 

Aut mihi quod tu sis non adamata putes? 
5 Crede mihi, mea lux, tantum te diligo, quantum 

Non magis ex animo quisquis amare queat 
Tu quoque me redamas. Dubium est, qui vincit amore, 

Alter utram vincit, vincitur alter utra. 
Cur igitur credis vitio qui ductus iniquo 
10 Inter nos rixam dissidiumque cupit? 



5. Cum magis pro cum maxime, vide supra ad VI, 4. — Sueton. Octav. 69. 
anne re/ert, ubi et in quam arrigas? Martlal. IV, 5. nec potes algentes 
arrigere ad vetulas. 

6. Cumve recepi ex cod. Coburgensi. Parisiensis cum omisso ve. 

7. Eundem soioecismum commUit auctor eplstolae C. Anton ii ad Q. So ran um: 
ad tantam impatientiam flagitii prorupit (Cleopatra), quod sub una nocte 
in lupanari prostibulo centum et sex virorum concubitus pertulit. In 
tantum enim. ut pro/essa est, in tentigine rigidae vulvae erat accensa, 
quod a lupanari quidem, sed non satiata recessit. Ultima deberi Juvenali 
VI, 128. 129. quisque videt 

12. Secutus sum scripturam Parisiensem. Cod. Cob. ut sit nunc vulvae strlptlor 
Ursae dabo. 

IX. 

1. Juven. VI, 8. turbavit nitidos extinctus passer ocellos. 

4. Sis cod. Coburgensis, Parisiensis scis. Hie putes, ille putas. 

7. Paris, qui vincit amore, codex noster quis vincat amore. 



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Sei ohne Furcht; wenn geil ein Gelüst du spürest nach Ursa, 5 

Und sie begehrst, so vertreibt dich ihres Schlitzes Geruch. 
Diesem entströmt so ekler Gestank, daß ein fetter, verwester 

Leichnam mit ihm im Vergleich schön wie nach Lilien riecht. 
Dieser so ekelhaft stinkt, dafi wenn man mit Kot ihn vergliche, 

Veilchen und Rosen genug jede Kloake enthält 10 
Wenn vor solchem Gestank zurück du nicht ziehst deine Nase, 

Will ich selbst etwas tun, daß sich verenge der Schlitz. 

IX. 

An Ursa, als sie weinte. 

Warum weinst du? Es trübt dir das Weinen die schimmernden 

Äuglein! 

Warum weinst du? Doch schön bist du mit Tränen im Aug'. 
Zürnen dir etwa wohl gar die Kamenen voll Eifersucht, oder 
Meinst du am Ende, du seist nicht mehr mein Liebchen wie 

sonst? 

Du meiner Augen Licht, ich liebe so sehr dich wie niemand 5 
Lieben von Herzen dich kann; niemand fürwahr liebt dich mehr. 

Liebe auch du mich dafür. Es fragt sich, wer siegt in der Liebe, 
Ob ich wohl sieg' über dich, oder ob du mich besiegst 

Warum nur glaubst du, es habe verführt von häßlichem Laster, 
Zwischen uns Zwietracht und Streit einer zu stiften begehrt? 10 

S. Suetonius, Octavian. 69: .Ist's nicht gleichgültig, wo und bei wel- 
chem Wdbe er dir steif wird?' 
Marüal. IV, 5: 

Wenn bei der Greisinnen Frost du ihn zum Stehen nicht bringst 

7. Denseiben Solözlsmus (die Konstruktion mit quod) läßt sich der 
Autor des Briefes des C. Antonius an Q. Soranus zuschulden kommen: .So ab- 
gestumpft gegen die Schande wurde sie (Kleopatra), daß sie in einer Nacht im 
Bordell einhundert und sechs Manner auf sich ließ. So sehr nämlich war sie, 
nach ihrem eigenen Geständnis, von der Brunst ihrer geilen Scham entzündet, 
daß sie das Lupanar zwar verließ, aber doch noch nicht befriedigt war.* Wie 
leicht ersichtlich, Ist dieser letzte Passus aus Juvenal VI, 128—129 entnommen. 

IX. 1. Juvenal VI, 8: 

Trübte des Sperlings Tod dein hell aufstrahlendes Auglein. 

e* 83 



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Juro per has lacrymas et crura simillima lacti, 

Perque nates molles, et femur, Urea, tuum, 
Quod nunquam nisi quae te laudent carmina feci; 

Sic sit versiculis gratia raulta meis. 
15 Ah pereat quaeso tibi qui mendacia dixit! 

Ah pereat falsum qui tibi cunque referti 
Terge tuos fletus, sine te dissuavier, Urea, 

Parce mihi, luctu torqueor ipse tuo. 
Tandem siste tui lacrymas, curaque salutem, 
20 Namque ego te domina sospite sospes ero- 

x. 

DE POENA INFERN ALI, QUAM DAT URSA AUCTORI 

SUPERSTITI. 

Si calor et foetor, Stridor quoque sontibus umbris 
Sint apud infemos ultima poena locos, 

Ipse ego tartareas, dum vivo, perfero poenas, 
Id mihi supplicium suggerit Urea triplex. 
5 Nam sibi merdivomum stridit resonatque foramen, 

Fervet et Urea femur, putet et Urea pedes. 



12. Molles nates sunt carnosae, oppositae aridis, quae nudae radunt. Martial. 
XI, 100. habere amicam nolo. quae clune nudo radat. Aloisia Sigaea 
III, 22. Scis praecipuas numerari inter Lucretiae dotes marmoreas et 
tumentes nates, scilicet incubanti duice putvinar Cupidini, et eidem huma- 
nam procudenti sobolem aptam incudem. Depygem vocat Horatius (Sat. 
1, 2, 93.) eui nates nullo eminent tumore: Depygis, nasuta, brevi 
latere ac pede longo est. Inclaruere apud Graecos quae callipyges 
dictae sunt, a pulchris natibus. Nihili natae parentibus locupletes et 
nobiles nactae sunt eo solum nomine maritos. Nates pro dote habuere. 
hac satis dote placuerunt. 

14. Parisiensis sie, codex Coburg, si. 

17. Posterior pars versiculi sint- te dissuavier Ursa deest in codice Coburgensi. 
19. Paris, siste, codex noster iste. 

X. 

3. Perfero est codids Coburgensis. Paris, pro/ero. 
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Bei diesen Tränen dir schwör" ich's und bei deinen milchweißen 

Schenkeln, 

Bei deinem zarten Popo, Ursa, und bei deinem Schlitz: 
Nie hab' ich andre Gedichte als dir zum Lobe verfertigt; 

Wahrlich so lieb mir der Ruhm ist, der mir einst wird zuteil, 
Daß der krepiere, das wünsch ich, der Lügen ins Ohr dir geflüstert, 15 

Ha, daß ein jeder krepier', welcher dir Falsches trägt zu! 
Trockne den Strom deiner Tränen und lasse dich abküssen, Ursa, 

Schone doch meiner; ich selbst bin, wenn du trauerst, betrübt 
Mach* deinen Tränen ein Ende, bedenke doch deine Gesundheit, 

Denn wenn du, Liebchen, gesund bist, bin ich selber beglückt. 20 

x. 

Von den Höllenstrafen, welche Ursa dem Autor bei Leb- 
zeiten auferlegt. 

Wenn in der Hölle die Hitze, Gestank und Getöse als Strafen 
Sind für die Schatten bestimmt, welche einst Böses getan, 

Dann erleide ich schon im Leben Tartarusqualen. 
Ursa verschafft mir schon hier solch eine dreifache Pein. 

Ihr kotbrechender Arsch erschallt und knattert, es brennet 5 
Ursa der Schlitz und es stinkt Ursa ihr schweißiger Fuß. 



12. Welche Hinterbacken sind fleischig, im Gegensatz zu den dürren, 
die, wenn sie entblößt sind, stechen und kratzen. Marti.il XI, 100: 

Nicht möcht Ich eine Freundin, die mit dem nackten Hintern schabt. 

Aloisia Sigaea, S. 210: .Wie du weißt, zählt man zu Lucretias besonderen 
Schönheiten ihren marmorweißen, strammen Popo. Er bildet ein prachtiges 
Kopfkissen für Cupido, wenn er bei ihr schlaft und zugleich einen Amboß, um 
auf ihm neue Menschen zu schmieden. .Lendenlos, plattärschlg' nennt Horaz 
(Satiren I, 2, 93) das Weib, dessen Hinterbacken sich durch keine Rundung aus- 
zeichnen: plattärschlg und plattnasig, mit kurzem Rumpf und langem Fuß' nennt 
er eine, die ihm offenbar nicht gefallen hat. Bei den Griechen waren die Mad- 
chen berühmt, die man, wegen ihres schönen Popos, Kallipygen nannte. Wenn 
sie auch dem geringsten Stande entstammten, brauchten sie nichts weiter als 
diesen Vorzug, um reiche und vornehme Gatten zu finden. Ihr Popo war Ihre 
Mitgift; und Dank dieser Mitgift erschienen sie schön genug.' 

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XI. 



IN HODUM MORDACEM. 

Quod genium versusque meos relegisve probasve, 
Gratum est; quod mores arguis, Hode, queror. 

Crede velim nostra vitam distare papyro. 

Si mea Charta procax, mens sine labe mea est. 
5 Delicias pedibus celebres clausere poetae, 

Ac ego Nasones Virgiliosque sequor. 

XII. 

EPITAPHIUM ERASMI BIBERII EBRII. 

Qui legis, Erasmi sunt contumulata Biberi 
Ossa sub hoc sicco non requieta loco. 

XL 

Inscribltur apud Mercerium et Bandinum in Hodum mordacem, In 
codice Cob. in Oddum mordacem. Non est nisl varietas scripturae, nam 
librarius nostcr similiter dedit infra XXXVI, 32. os pro hos, ibidem 37. et 
supra VI, 9. arridus pro aridus. De Hodo conferas epistolam Antonii ad 
Poggium fol. 81. libri Venetl: fremat licet Odus nescio quis ex ultima vulgi 
faece, qui nihil furiosi habet praeter cerebrum, utique vir malevolus fol- 
soque putans, me proinde partim pudicum, quia versiculi mei molles ludi- 
crique sunt. 

1. Paris, quod, codex Cob. quid. 

2. Codex Coburgensis hic: Hodde. 

3. Parts, nostra, cod. Cob. nostram. Ovid. Trist. II, 353. 54. 

Crede mihi: mores distant a carmine nostro. 
Vita verecunda est, Musa Jocosa mihi. 

Martialis E, 4. laseiva est nobis pagina, vita proba est 
6. Virgilius putabatur auetor Priapeiorum. Poggius in epistola ad Panormitam 
testimoniis de Hermaphrodito supra a nobis adjuneta: ita et Virgilius ado- 
lescens lusit in Priapea. Ipsa Priapeia sunt in codice Coburgensl manu 
exarato inscripta: P. Virgiiii Moronis Mantuani poitae clarissimi Priapi 
Carmen ineipit feliciter. Conferas Brukhusium ad Tibull. IV, 14. 

XII. 

In Hbro Vencto carmen XXX. Scriptura Erasmi Biberii est Parisiensis, Veneta, 
et Bandini. Codex Coburgensis fierasmi Biberi. Apud Venetum editorem 
deest ebrii, reliqui habent. 
1. Codex Cob. iterum Herasmi. 

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XL 

Auf den bissigen Hodus. 

Daß meine Verse voll Witz du des öfteren liesest und preisest, 
Freut mich; doch paßt es mir nicht, daß meine Sitten du schiltst 
Glaube mir, zwischen dem Buch und dem Leben bestehet ein Ab- 
stand: 

Ist, was ich schreibe, auch frech, fällt doch kein Makel auf mich. 
Mutwille haben und Scherz gar namhafte Dichter in Verse 5 
Früher gebracht; dem Ovid folge ich und dem Virgil. 

XII. 

Grabschrift des Trunkenboldes Erasmus Biberius. 

Wandrer, du findest hier, mit Erde bedeckt, die Gebeine 
Unsres Erasmus; doch nicht ist ihnen Ruhe vergönnt. 



XI. Über Hodus (Oddl) vgl. den Brief des Antonio an Poggio, S. 81 der 
Venezianischen Ausgabe: .Obgleich ein gewisser Hodus, den ich nicht kenne, 
aus der untersten Hefe des Volkes, der außer seinem Gehirn nichts Verrücktes 
an und in sich hat, jedenfalls ein böswilliger und Schlechtes denkender Mensch, 
räsonniert, ich müsse wohl gar keine Scham haben, weil meine Verse wollüstig 
und verbuhlt seien. ■ 

3. Ovid., Trist. II, 353-354: 

Glaub' mir, es sind meine Sitten verschieden von meinen Gedichten 
Schamhaft leb' ich und emst, aber die Muse ist frech. 

Martial I, 4: 

Ist leichtfertig mein Blatt, bin ich im Leben doch keusch. 

6. Virgil galt als der Verfasser der Priapischen Gedichte. Poggio in 
einem Briefe an Panormita: .So hat auch Virgil als Jüngling in den Priapischen 
Gedichten gescherzt' Die Priapeia tragen auch in der Coburger Handschrift 
den Titel: P. Virgilii Maronis Mantuani poetae clarissimi Priapi Carmen ineipit 
felidter. - Vgl. Brouckhuysen ad Tlbull. IV, 14. 

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Eripe, vel saltem vino consperge cadaver. 
Eripe; sie quaeso sint rata quaeque voles. 
5 Ossa sub oenophoro posthac erepta madenti 

Conde, natent temeto fac; requietus ero. 

XIII. 

AD AM1CUM CARUM, QUOD SUI CAUSA PISTORIUM SE 

CONFERAT. 

Salve, vir populo spes certa et maxima Tusco, 

Salve, praeclaros inter habende viros, 
Salve, qui, longos si sis provectus in annos, 

Tempora Phoebea virgine cineta feres, 
5 Accipe si sileam tibi rem fortassis emendam, 

Quaeque animo nil non sit placitura tuo. 
Nuper apud molles Senas fit pestifer aär, 

Quo fit, ut ipse petam Pistoriense solum. 
Sunt aliae Etruriis potiores montibus urbes, 
10 Sed tu non alios incolis ipse locos. 

Sis modo Pistorii, Romam vidisse fatebor, 

Cum magis illa armis floruit aueta suis. 
Interea pathicam mihi, dulcis amice, puellam 

Delige, quae vernas exspuat ore rosas; 



4. Ovid. Trist. I, 1, 33. quaeque volet, rata sint. 
6. Paris, cum Veneto natent, codex noster natet. 

XIII. 

Pro titulo conspidtur in membrana Coburgensi tantum ad, reliqua desunt, 
spatio relicto. Sed Bandlnus consentit cum Parisiensi editore. 
l.Cod. Cob. et maxima, Paris, ac maxima. 

3. Cod. Cob. salve qui, Paris, salve quod. Ille mox in annos. nie ad annos. 

4. Virgine pro virgula. Ovid. Trist. IV, 2, 51. tempora Phoebea lauro 
cingentur. 

6. NU non pro non nihil. 

9. Paris. Etruriis, cod. Cob. Etruriae. 

11. Cod. Cob. sis modo, Paris, si modo. 

12. Paris, aueta, cod. Cob. acta. 

13. Priap. XXV. seeptrum quod pathicae petunt pueUae. XL. hunc pathicae 
summi numinis instar habent. XLVffl. cum mens est pathicae memor 

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Nimm sie hinweg oder doch begieße mit Wein seinen Leichnam. 

Nimm sie hinweg, zum Dank sei jeder Wunsch dir erfüllt. 
Birg das entnommne Gebein im wohlgefülleten Weinkrug, 

Laß sie im Weine herumschwimmen, — dann finde ich Ruh'. 

XIII. 

An einen teueren Freund, um dessentwillen er sich nach 

Pistoia begibt. 

Sei mir gegrüßt, du Stolz und Hoffnung aller Toscaner, 

Sei mir gegrüßt, den stets man zu den Trefflichsten zählt. 
Sei mir gegrüßt, der du einst, wenn hoch du zu Jahren gekommen, 

Wirst mit des Lorbeers Gezweig tragen die Schläfe bekränzt 
Nimm als Geschenk von mir an, was vielleicht du dir kaufst, 

wenn ich tot bin; 

Wenn du Freude daran findest, dann bin ich beglückt. 
Denn durch das träge Siena wehn jetzt pesthauchende Lüfte, 

Deshalb suche ich auf jetzt pistoieser Gebiet 
Größere Städte gewiß noch gibt's in den Bergen Toscanas, 

Aber du selber bewohnst doch diese anderen nicht 
Seit in Pistoia du wohnst, erscheint mir die Stadt, ich gesteh es, 

Rom in der Blüte des Ruhms, groß durch der Waffen Gewalt 
Bis ich dorthin komme, verschaffe mir doch ein gefäll'ges 

Mägdlein, die aus dem Mund Rosen des Lenzes verstreut, 

XIII. 13. Priap. XXV: 

Das Szepter, das gefällige Mädchen begehren. 

Priap. XL: 

Den ehren die Gefälligen anstatt der höchsten Gottheit. 
Priap. XLVUI: 

Da eingedenk der Sinn ist des gefälligen Mägdeleins. 
Priap. LXXIII: 

Was sehet ihr Gefälligen mich an und verdreht die Augelein? 

Pathicae heißen sie wegen der vielfachen Geduldproben, die sie ablegen 
müssen. 

14. Ovid., Fast. V, 194: 

Wahrend des Sprechens verhaucht Rosen des Lenzes ihr Mund. 

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15 Neve sit exiguus toto sub corpore naevus, 

Sit quoque cui tenerum spiret amoma femur, 
Digna sit affectu, suavem quae novit amorem, 

Quae velit et flammis reddere grata vices, 
Mersilis in Vitium, vivens in amore jocove, 
20 Praeque proco cupiat postposuisse colos, 

Divitibus vates, praeponat carmina gazis, 

Sit pro versiculo vilis arena Tagi, 
Denique sit pro qua sie possim dicere vere, 
Pace dei dicam, pulcrior illa deo est. 
25 Ulam ego continuo nostris celebrabo Camenis, 

Carmina si placeant, carmina mille dabo. 
Quae si pro numeris ferat oscula, carmina condam, 

Qualia Virgilium composuisse putes. 
Nec mihi Castalios latices petiisse necesse est, 
30 Sit mihi Castalius salsa saliva liquor. 

puellae. LXXII1. obliquis pathicae quid me spectatis ocellis? Pathicae 
dlcuntur a multiplid patientia. 

M.Paris, delige. Ferri etiam posset dilige codicis Coburgensis, si In alio esset 
auetore. Ovid. Fast. V, 194. dum loqultur, vernas efflat ab ore rosas. 

15. Paris, naevus. cod. Cob. nervis. 

16. Paris, «7 quoque, cod. noster sunt quoque. 

18. Paris, flammis, cod. Cob. flammas. 

19. Mersilis. novum verbura nostri. Vitio operarum In Parisiensi llbro mersitit. 
21. Tibull. I, 4, 62. aurea nec superent munera Pieridas. 

22. Ovid. Amor. I, 15, 34. cedat (carminibus) et auriferi ripa beata Tagi. 

Martialls 1, 49, 15. aestus serenos aureo franges Togo. 
24. 25. Duo hos versiculos, vicesimum quarium et quin tum, quanquam inverso 

ordine, laudat Burmannus secundus in AnthoL Lat. tomo I. p. 670. Similia 

sunt Ovidli Amor. III, 2, 60. pace loquar Veneris, tu dea major eris, et 

Q. Catuli in Anthol. laudata Burmanni I, 669. 

Pace mihi liceat coelestes dicere vestra, 
Mortalis visus pulcrior esse deo. 

Codex noster vitiose illa ego. 
27. Paris, condam, cod. Cob. quondam. Sic quor pro cur in codice nostro 

Priapeiorum, VIII, 1. XXXVII, 1. 
30. Codicem nostrum secutus sum. Parisiensis Castaliis falsa. 

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Die an dem Leibe auch nicht das geringste, das winzigste Mal hat, 15 

Deren zärtliche Scham dufte von Balsamgeruch. 
Würdig der zärtlichen Glut und Kennerin süßester Liebe, 

Sei sie die Flamme der Lust gern zu erwidern bereit. 
Etwas zum Laster geneigt, gewöhnt an ein lustiges Leben, 

Lege die Spindel sie weg, wenn der Geliebte ihr naht. 20 
Dichter ziehe den Reichen sie vor und Gedichte den Schätzen, 

Daß statt des Tajo Gold lieber sie wähle mein Lied. 
Alles in allem soll also sie sein, daß in Wahrheit ich sagen 

Könne: .Mag Gott mir verzeih'n: die ist viel schöner als Gott". 
Diese dann will ich beständig mit meinen Camenen besingen; 25 

Liebt sie Gedichte, ich will tausend ihr widmen zugleich. 
Bietet für jedes davon einen Kuß sie, mach ich Gedichte, 

Daß du wirst meinen, Virgil habe sie selber verfaßt. 
Nicht nach dem Wasser der Quelle Kastalia brauch ich zu fragen ; 

Mir wird ihr Speichel im Kuß sein wie kastalisches Naß. 30 



21. Tibull I, 4, 62: 

Und auch Geschenke von Gold wiegen die Musen nicht auf. 

22. Ovid., Amor. I. 15, 34: 

Weich' ihm (dem Gesänge) des Tagus, des goldführenden, glücklicher Strand! 

MarÖal. I, 49, 15: 

Am goldnen Tagus wird der Bäume Schatten dich beschirmen. 

24, 25. Ahnlich Ovid., Amor. III, 2, 60: 

du sollst, — 

Venus verzeihe das Wort — größere Göttin mir sein. 
Q. Catulus in Anthologia Burmanni I, 669 : 



Laßt f mich gestehen, mit eurer Erlaubnis, ihr himmlischen Wesen, 
Daß solch ein sterblich Gesicht schöner noch ist als ein Gott. 



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Haec ego praestiterim, tu tantum quaerito nympham, 
Quae thiaso et cantu docta sit ante alias. 

Tandem perpetua salve mens digna salute, 
Cum tua nimirum sit mea paene salus. 

XIV. 

AD S ANSEVERINUM , UT VERSUS FACERE PERGAT. 

Sanseverine, tuam legi bis terque Camenam, 

Et placet, et nullo Claudicat illa pede. 
Dii simulac facili praestant tibi pectora vena, 

Hortor Pierios condere perge modos. 
5 Res sane egregia est, mortaiia fingit et ornat 

Pectora, post obitum miscet et illa deis. 
Tu duce me actutum vises Parnassea Tempe, 

Deque sacro pleno pectore fönte bibes. 
Nec te destituam, modo tu consortia vites 
10 Cum rudis atque hebetis, tum rudis atque hebetis, 

Crassa quidem ruditas parvo te polluet usu, 

Inficietque tuos transitione sinus. 



31. Codex tantum, Paris, tarnen. Ule nimphen. hlc nympham. 

XIV. 

Carmen Venetum IX. 

2. Paris, cum Veneto illa, codex Cob. Ule. 

3. Parisiensls facili. codex Cob. facilem. At Venetus dii simulac facili praestent 
tibi tempora vena. Saepc a llbrariis inter se permutari tempora et pectora 
observarunt Interpretes ad Sillum Ital. XVI, 122. Ovid. Trist. I, 1, 40. et 
Metamorph. IV, 492. 

7. Venetus tu duce. Parisiensls te duce, codex Cob. tu dulce. 

lO.Juvat addere quae Antonius scripsit Piccinino filio in candem sententiam 
folio 27 libri Veneti: eguidem volui stultorum commercia ef fuge res, volui 
ac vehementer volo, sit modo id possibile. Stultorum pleno sunt omnia. 
et quoquo te verteris. stultus praesto est. Est igitur hoc ipsum. quod tibi 
cupio, difficile. fateor. sed virtutis comes est difficultas. Verum his missis 
respondes, te stultos non nosse, nec etiam amare. Ergo me longe fortu- 
natior es certe, qui stultis undique circumstipor. cum stultis ambulo. cum 
stultis convivo. 

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Was ich verspreche, das halt ich; du aber besorg mir die Nymphe, 
Die im bacchantischen Tanz sei wie im Liede gewandt. 

Sei mir zum Schlüsse gegrüßt, o Seele, die dauernden Heiles 
Würdig ist; ist doch dein Wohl gänzlich das meine fürwahr. 

XIV. 

An Sanseverino, daß er zu dichten fortfahren möge. 

Sanseverino, ich habe dein Carmen zwei-, dreimal gelesen, 

Und es gefiel mir; nicht ein einziger hinkender Vers. 
Da in den Busen die Götter die Gabe der Dichtkunst dir pflanzten, 

Laß dich ermahnen, fahr' fort in der pierischen Kunst. 
Etwas Vortreffliches ist's, es bildet die Sterblichen, schmücket 5 

Ihren Verstand und erhebt sie zu den Göttern im Tod. 
Wenn ich dich führe, so wirst du alsbald das parnassische Tempe 

Schaun und aus heiligem Quell trinken mit kräftiger Brust. 
Und ich verlasse dich nicht, wenn du nur die Gemeinschaft ver- 
meidest 

Rohen und blöden Volks, das ohne Bildung und Geist, 10 
Auch bei geringem Verkehr beschmutzt dich unwissende Roheit, 
Und durch Berührung befleckt sie dir dein Innerstes schnell. 



XIV. 10. Hier möge hinzugefügt werden, was Antonio seinem Sohne 
Piccinino schreibt, eine Warnung ähnlichen Inhalts (S. 27 der Venezianischen 
Ausgabe): „Besonders wollte ich, daß du dich vom Umgang mit Toren 
fernhieltest, ich wollte das und will es noch ausdrücklich, wo es auch nur 
möglich ist Die ganze Welt ist voller Toren, und wo du dich hinwendest, 
hast du einen Toren vor dir. Es ist ja also das, was ich von dir ver- 
lange, schwer, wie ich gestehe, aber die Begleiterin der Tugend ist die Schwierig- 
keit. Antworte mir also auf diesen Brief, daß du keine Bekanntschaft mit Toren 
hast und sie nicht liebst Dann bist du sicherlich viel glücklicher als ich, der 
ich überall von Narren umringt bin, mit Narren spazieren gehen und mit Narren 
zu Tische sitzen muß." 

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XV. 

IN MATTH IAM LUPIUM CLAUDUM. 



Lupius, absposcis me rara epigrammata Marci; 
Concedam, rectis passibus ipse veni. 

xvi. 

IN EUNDEM GRAMMATICUM. 

Tres habet arcana Matthias Lupius aula 
Discipulos; unus de tribus est famulus. 

XVII. 

PRO M. SUCCINO AD MAURAM. 

Pulcrior argento es, sed eris formosior auro, 

Si bona reddideris verba, benigne puer. 
Est pia vestra domus, fratres, germana, parentes; 

Sis pariter mitis, si pia tota domus. 
Est tua forma decens, mens sit quoque pulcra licebit; 

Conveniant formae reddita verba tuae. 
Conservare viros perituros regia res est; 

Haec nos coelitibus res facit esse pares. 

XV. 

In libro Veneto Carmen XIX Epigraphen variant: Bandlnus in Matthiam 
Lupium claudum. Parisiensis ad Matthiam Lupium claudum. Codex 
Coburgensis in Matthiam Lupium claudum grammaticum. Venetus in 
Matthiam Lupium claudum maledicum. 
1. Paris, cum Veneto rara, codex Cob. cara. Supra libro primo XU, 19. ut 
mihi concedat perrara epigrammata Marci. De nomine conferas Martialem 
Ipsum 1, 55. vota tui breviter si vis cognoscere Marci, et Iii, 5. Marcus 
avere jubet. 

XVI. 

Carmen Venetum XXI. Conferas epigramma XXIII. prioris libri. 

XVII. 

Epigraphe apud Mercerium pro M. Succino ad L Mauram. in codice nostro 
pro M. Succino in Lupium Mauram. apud Bandinum pro M. Succino ad 
Mauram. 

6. Conveniant recepi ex codice Coburgensi. Paris, convenient. 
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XV. 

Auf den hinkenden Mattia Lupi. 

Lupi, du hast mich ersucht um Martials Epigramme. Die leih' ich 
Gerne dir, hol sie und komm zu mir in ebenem Schritt. 

XVI. 

Auf denselben Schulmeister. 

Mattia Lupi, er hat in seiner verschwiegenen Schule 
Drei der Schüler, wovon einer sein Schlafkamerad. 

XVII. 

An den Jüngling Maura, im Namen des M. Soccino. 

Schöner zwar bist du als Silber, doch würdest du schöner als 

Gold sein, 

Gäbst du mir freundliches Wort, gütiger Knabe, zurück. 
Liebevoll ist deine Sippschaft die Brüder, die Schwester, die Eltern. 

Gleich wie die Deinen so fromm, sei auch du milde gesinnt 
Schön ist deine Gestalt, so sei auch edel im Denken, 5 

Daß deiner feinen Gestalt auch deine Antwort entspricht! 
Männer, dem Untergang nah', zu retten, heifit königlich handeln, 

Solch eine Handlung, sie macht selbst uns den Himmlischen 

gleich. 



XV. 1. In bezug auf den Namen des Martialls vgl. Martial I, 55: 
Wenn du, was Marcus sich wünscht, kurz zu vernehmen begehrst 

und III, 5: 

sage, daß Marcus sie grüßt. 

XVI. Vgl. I. Buch, Epigr. 23. 



Ast ego Castalio deducam fönte sorores, 
10 Quae formam et mores et tua facta canant. 

Quid melius Musa tribuam? quid carmine majus? 

Si potius quid sit carmine, posce; dabo. 
Quem sacri vates voluere, est fama perennis; 
Tu quoque, ni fall or, carmine clarus eris. 
15 Namque ego doctiloquo vivaces carmine reddam 

Semper amicitias, sit modo vita, pias. 
Quippe boni de te capient exempla minores, 

Gaudebunt actus saepe referre tuos. 
Lux mea, Maura, vale, tibi meque meamque Thaliam 
20 Dedo, velis uti, lux mea, Maura, vale. 

XVIII. 

PRO M. SUCCINO ORAT, ET UT SPERET DE L. MAURA 

EXHORTATUR. 

Dii faciles, incepta precor, Succine, secundent, 

Cum puero fautrix sit Cytherea suo, 
Ut responsa hilari sint convenientia formae, 

Et reddat pulcer verbula pulcra puer. 
5 Est pia tota domus, fratres, germana, parentes, 

Nescio quin speres, si pia tota domus. 
Ipse pios longe superat pietate propinquos; 

Nescio cur patri Maura sit absimilis. 



10. Paris, canant. cod. Cob. canent. 

12. Posce est codicis nostri, Mercerius posse. 

13. Ovid. Amor. I, 15, 7. 8. mihi fama perennis quaeritur. Tlbull. I, 4, 63. 64. 

Quem referent Musae, vivet, dum robora tellus, 
Dum coelum Stellas, dum vehet amnis aquas. 

17. Cod. noster capient. Paris, capiant. 

XV11I. 

Epigraphe est Bandini et Parisiensis. Codex Coburg, pro M. Succino orat 
et exortatur ut speret de L. Maura. 

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Ich aber will vom kastalischen Quell herführen die Schwestern, 

Die deine Schönheit im Lied preisen, dein Denken und Tun. 10 
Was kann ich bess'res, was größ'res dir bieten, als Kinder der 

Muse, 

Als meine Lieder? O sag's, fordre, ich geb es dir gern. 
Wer vom heiligen Dichter begehrt wird, hat dauernden Nachruhm; 
Du auch, täusch ich mich nicht, wirst durch mein Lied noch 

berühmt 

Denn im beredten Gedicht will ich am Leben erhalten 15 
Unserer Liebe Bund, bis mich das Leben verläßt. 

Nämlich es sollen an dir sich ein Beispiel des Guten die Jüngern 
Nehmen und gerne und oft andern verkünden dein Lob. 

Lebe, mein Engel, nun wohl, dir widme ich mich und die Muse. 
Daß du doch wolltest — Leb' wohl, Maura, mein Engel, leb' 20 

wohl. 

XVIII. 

Der Autor betet für M. Soccino und ermuntert ihn, auf 

L. Maura zu hoffen. 

Deinem Beginnen, Soccino, erfleh ich die Hilfe der Götter; 

Sei Cytherea sowohl, als auch ihr Knabe dir hold. 
Möge der holden Gestalt des Knaben Antwort entsprechen; 

Liebliche Worte zurück gebe der liebliche Mund. 
Liebevoll ist seine Sippschaft, die Brüder, die Schwester, die Eltern; 5 

Warum solltest du nicht hoffen, da fromm ist sein Haus? 
Selbst übertrifft er an Frömmigkeit wahrlich die nächsten Ver- 
wandten; 

Warum gliche wohl nicht Maura dem Vater genau? 



XVII. 13. Ovid. amor. I, 15, 7—8: denn ewigen Nachruhm finde ich. 
Tibull. I, 4. 63—64: 

Wen die Muse besingt, der lebt, weil Eichen noch rauschen, 
Weil noch ein Stern uns blinkt, und sich noch kriuselt die Flut. 

7 97 



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#- 



XIX. 

IN MATTHIAM LUPIUM. 

Lupius in pueros, si quis screat, intonat; idem 
Dum comedit, pedit; cum satur est, vomitat 



xx. 

IN LENTULUM MOLLEM. 

Si neque tu futuis viduas, neque, Lentule, nuptas, 
Si tibi nec meretrix, nec tibi virgo placet, 

Si dicas, quod sis calidus magnusque fututor, 
Scire velim, mollis Lentule, quid futuas. 



XXI. 

EPITAPHIUM MARTINI POLYPHEMI, COCI EGREGII. 

Siste, precor, lacrymisque meum consperge sepulcrum, 

Hac quicunque studens forte tenebis iter. 
Sum Polyphemus ego, vasto pro corpore dictus, 

Martinus proprio nomine notus eram, 
5 Qui iuvenes studiis devotos Semper amavi, 

Quem liquet et famulos et superasse coquos. 
Nunc ego funebri tandem spoliatus honore 

Thure carens summa sum tumulatus humo. 

XX. 

3. Paris, quod sis calidus, codex Coburg, quod tu sis callidus. Sic librarius 
noster infra XXIV, 1. callidi pro calidi. 

XXI. 

Carmen Venetum XXXI. Coci egregii omittit Venetus, habet Parisiensis cum 
Bandino et codice Coburgensi. 
2. Secutus sum Parisiensem et codicem nostrum. Venetus quicunque hac 

juvenis forte tenebis iter. 
5. 6. In alia omnia abit hoc disticho Venetus: 

Qui domino ingrato frustra famulabar in arte. 
Qua celebror celebres exsuperasse coquos. 

Codex Coburg, conspirat cum editore Parisiensi. 
7. Paris, et cod. Cob. nunc ego. Venetus nunc nie. 
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XIX. 

Auf Mattia Lupi. 



Räuspert ein Knabe sich nur, so schimpft ihn schon Lupi; er selber 
Furzet beim Essen und speit, wenn er den Bauch sich gefüllt. 

xx. 

Auf den Weichling Lentulus. 

Wenn du nicht Witwen, noch Frau'n, die verheiratet, Lentulus, 

vögelst, 

Wenn eine Hure dir nicht, noch eine Jungfrau gefällt, 
Wenn du dich trotzdem nennst einen ganz gediegenen Vögler, 
Weichlicher Lentulus, was vögelst du eigentlich dann? 

XXI. 

Grabschrift des Martinus Polyphemus, eines berühmten 

Kochs. 

Bleibe hier stehen, ich bitt' dich, begieße mit Tränen das Grab mir, 

Wer du auch seist, Student, wenn dich vorbeiführt dein Weg. 
Ich, Polypheraus, hieß so, weil allzu unförmlich mein Leib war; 

Mit meinem Namen Martin war ich den Leuten bekannt. 
Jederzeit sah ich studierende Jünglinge herzlich gern um mich, 5 

Und als Bedienter und Koch fand meinesgleichen ich nicht. 
Jetzo, der Ehre der Leichenbestattung beraubt, ohne Weihrauch, 

Lieg ich hier oben, bedeckt mit einem Hügel von Erd\ 



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Me Mathesilanus tempesta in nocte recondi 
10 Jussit, et exequias luce carere meas. 

Ne cruce nec cantu celebravit nostra sacerdos 

Funera, nec requies ultima dicta mihi, 
Clamque fui sacco latitans raptimque sepultus, 
Nec capiunt coleos arcta sepulcra meos. 
15 Dum feror obstupui, timuique subire latrinas, 

Nec loca crediderim religiosa dari. 
Oro pedem adjecta claudas tellure paruraper, 

Qui patet, heu vereor ne lanient catuli. 
Continuo domini complebo ululatibus aedem 
20 Infaustis, poenas has dabit ipse suas. 

xxn. 

LAUS AURISPAE AD COSMUM. 

Si quis erit priscis aequandus, Cosme, poetis, 
Et si cui Phoebus Pieridesque favent, 



9. Paris. Mathesilanus. cod. Cob. Mathesiltanus. Venetus Matesilanus. Pro tem- 
pesta Vcncius solus latebrosa. Lucan. Pharsal.VI,120. non obscura petit late- 
brosac tempora noctis. Parisiensis etVenetus recondi, codex noster recondit. 

lO.Vcnctus essequias, Italorum more. 

13. Paris, et Venetus clamque, codex Coburg, clamve. 

14. Dedi versiculum ad scripturam Parisiensem et codicls nostri. Venetus pudidus: 
nec ventrem capiunt arcta sepulcra meum. Ceterum in codlce nostro scri- 
bitur arta. 

15. Paris, et Venetus feror, cod. Cob. fero. Pro latrinas Venetus solus latebras. 

16. Venetus relligiosa, praeter necessitatem, vide Scioppium ad Priapeium XI. 

17. Paris, cum cod. Cob. adjecta claudas. Venetus injecta condas. 
19. Paris, cum Veneto domini complebo. codex Cob. catuli implebo. 
20.Secutus sum Mercerium et codicem nostrum. At Venetus in/eriis poenas 

has dabit ille meis. 

XXII. 

Carmen Venerum IV. In lucem etiam prolatum est hoc epigramma et ab 
editore Florentino Carminum illustrium poeiarum Italorum, tomo II. p. 113. et 
a Jano Brukhusio ad Tibullum I, 2, 24. Epigraphe varia: in codice Cob. et 
apud Bandinum laus Aurispae ad Cosmum. apud Parisiensem laus Aurispae 
ad Cosmum virum clarissimum, apud FlorentJnum laus Aurispae ad Cosmum 
Medicem. apud Venerum ad eundem de Aurispa. praecedit enim in libro 
Veneto epigramma nostrum primum libelll secundi, et ipsum Cosmo dicatum. 
1. Florentinus erat, cetcri erit. 

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Mathesilanus befahl, daß in stürmischer Nacht ich verscharret 

Und ohne Fackel und Licht würde zu Grabe gebracht. 10 
Weder mit Kreuz noch Gesang zelebrierte ein Priester die Feier, 

Niemand rief mir ins Grab: .Ruhe, du Teurer, nun sanft!" 
Heimlich ward in 'nen Sack ich gesteckt und eilends begraben; 

Doch meine Hoden umfaßt dieses zu enge Grab nicht. 
Als man mich trug, ward ich stutzig und fürchtete zu den Latrinen, 15 

Nicht zu geweihetem Ort ginge mein Leichenkondukt. 
Schließe, ich bitte dich drum, mit ein wenig Erde den Fuß ein; 

Bloß liegt er da, wie leicht sonst ihn ein Hündchen zerfleischt. 
Immer will ich das Haus meines Herrn mit Gewinsel erfüllen, 

Unglück verkündend; er selbst zog diese Strafe sich zu. 20 

XXII. 

Lob des Aurispa, an Cosimo. 

Ist den Poeten der Alten, o Cosimo, wer zu vergleichen, 
Ist je einer Apoll und ist den Musen er lieb, 



Si quis cum loquitur vel splendida facta reponit, 
Mercurium jures ejus ab ore loqui, 
5 Quive alios laudet, cum sit laudabilis ipse, 

Quive hedera merito tempora nexa ferat, 
Si quis erit linguae doctus Grajae atque Latinae, 

Si non Aurispa est hic, periisse velim. 
Quisquis in hoc mecum non senserit, arbiter aequus 
10 Non fuit, aut certe Zoilus ille fuit 

XXIII. 

AD GALEAZ, QUEM ORAT UT SIBI CATULLUM INVENIAT. 

Ardeo, mi Galeaz, möllern reperire Catullum, 
Ut possim dominae moriger esse meae. 

Lectitat illa libens teneros lasciva poötas, 
Et praefert numeros, docte Catulle, tuos. 
5 Nuper et hos abs me multa prece blanda poposcit, 

Forte suum vatem me penes esse putans. 



3. Parisiensis, Venetus et codex Cob. cum loquitur, Brukhusius vel loquitur. 

4. Codex Coburgensis cum Florentino et Veneto jures ejus. Parisiensis dices 
ejus, Brukhusius videas cujus. 

5. Paris., codex Cob. et Florentius quive. Venetus quique. Apud Brukhusium 
deest totum distichon tertium. Omncs laudet, praeter codicem nostrum, qui 
laudat. 

6. Solus Venetus et hic quique. 

XXIII. 

Venctum Carmen XII. Paris, et Venetus in epigraphe Galeaz, Bandinus Galiaz. 
codex Cob. Galeam. Retinent suam quisque scripturam versiculo primo. 
Quem orat omittit codex noster, habet Parisiensis cum Veneto et Bandlno. 
Solus Venetus omittit sibi. Typis nondum prodierat Catullus lllo tempore, 
quod demum factum est anno 1472. postquam carmina ejus manuscripta in 
horreo quodam neglecta et jam peritura repererat Quarinus Veronensis, si 
fides Borsetto in Historia almi Ferrariae gymnasil parte II. p. 19. 
4. Tibull. III, 6, 41. sie cecinit pro te doctus, Minoi. Catullus. Ovid. 
Amor. III. 9, 62. cum Calvo. docte Catulle. tuo. Martialis VIII, 73. Lesbia 
dictavit, docte Catulle. tibi. Causa laudls non saüs liquet. Jul. Caes. 
Scaliger libro sexto cap. septimo Poeäces: Catullo docti nomen quare sit 
ab antiquis attributum, neque apud alios comperi. neque dum in mentem 
venit mihi. Nihil enim non vulgare est in ejus libris. 
5. Paris, et codex Cob. abs me, Venetus a me. 

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Kann je einer beredt so glänzende Taten uns schildern, 

Daß du zu hören da schwörst aus seinem Munde Merkur, 
Lobt irgendeiner die andern, der selber des Lobes doch wert ist, 

Trägt irgendeiner mit Recht efeubeschattet die Stirn, 
Ist in der Sprache Roms und Hellas er gründlich bewandert, 

Hol mich der Teufel, wenn das unser Aurispa nicht ist. 
Ist einer anderen Sinns fürwahr, kein billiger Richter 

Kann er mir heißen, gewiß muß er ein ZoTlus sein. 

XXIII. 

An Galcazzo, mit der Bitte, ihm einen Catullus zu verschaffen. 

O Galeazzo, ich brenne darauf, den Catullus zu finden, 
Daß ich erfüllen den Wunsch meiner Gebieterin kann. 

Zärtliche Dichter, die liest meine üppige Schöne gar gerne, 
Und des gelehrten Catull Dichtungen liebt sie zumeist. 

Neulich auch wollte sie diese von mir mit schmeichelnden Bitten 
Haben, wohl glaubend ich hätt' ihren Poeten bei mir. 



XXIII. Damals gab es noch keine gedruckten Ausgaben des Catull. Die 
erste erschien im Jahre 1472, nachdem Guarino von Verona eine vergessene und 
schon dem Untergange geweihte Handschrift des Dichters in irgend einem 
Schuppen aufgefunden hatte, wenn wir dem Berichte Borsetiis (Historia almae 
Ferrariae gymnasii, Teil II, S. 19) Glauben schenken dürfen. 

4. Tibull. III, 6, 41: 

Doch sang, Tochter des Minos, für dich der gelehrte Catullus. 

Ovid., Amor. III, 9. 62: 

Komm' ihm, gelehrter Catull, mit deinem Calvus entgegen. 

Marüal. VTII, 73: 

Lesbia gab den Gesang dir, o gelehrter Catull. 

Es ist nicht ganz klar, woher der Dichter den ehrenden Beinamen hat. Jul. 
Caes. Scaliger, im VI. Buche, Kap. 7 seiner Poetik: .Weshalb die Alten dem Ca- 
tullus den Beinamen .der Gelehrte" gegeben haben, habe ich weder von anderen, 
noch durch eigenes Nachdenken erfahren können. Denn es ist in seinen Büchern 
eigentlich nichts, was nicht dem Volke verstandlich wäre.' 

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Non teneo hunc, dixi, mea lux, mea nympha, libellum; 

Id tarnen efhciam, forsan habebis opus. 
Instat, et omnino librum me poscit amicum, 
10 Et mecum gravibus nunc agit illa minis. 

Quare ego per superos omnes, o care sodalis, 

Sic precibus lenis sit Cytherea tuis, 
Te precor atque iterum precor, id mihi quaere libelli, 

Quo fiam nostrae gratior ipse deae. 

XXIV. 

MATTHIAE LUPII SENTENTIA AD BALBUM. 

Balbe, scias calidi quae sit sententia Lupi, 
Quam modo versiculis prosequar ipse meis. 

Si saepe efflictum cupiat mea mentula cunnum, 
Interdum adfectet cruscula cauda salax, 
5 Non tarnen usque adeo delira aut plena libido est, 

Ut popisma palam cumve cohorte rogem. 

12. Paris. Cytharea. codex noster Citharea, Venetus Citherea. 

XXIV. 

1. Codex Cob. callidi; conf. XX, 3. hujus libelli. 

3. 4. Saepe cuplt futuere, Interdum paedicare. Nam cruscula adfectat paedico, 
quod supra libro primo IX, 5. 6. dicebatur cruscula velle. Forsan pro 
efflictum dedit auetor effüctim. 

5. Priap. XXXIII adeo mea plena ibido. 

6. Popisma dlcere vldetur vllem et quadrantarlam lupam, quae poppysmate, id 
est vel sibllo labüs, vel plausu manibus edito, et alliciat, et allidatur. Sane 
scribendum erat poppysma, nolui tarnen in re minus certa scripturam contra 
fidem librorum immutare. Rogatur poppysma eodem sensu, quo Ovidius 
Amor. I, 8, 43. casta est, inqult, quam nemo rogavit. Altena videntur 
poppysma ta cunni apud Martialem VII, 18. quae Signa sunt, quibus prodit 
femlna, coitu se vix satlari, ut illa de qua Paclficus Maximus elegia XI. supra 
a nobis addueta festive querebatur. 

Talis cunnus Martiali loco mox dtato didtur clamosus. falls cunnl 
garrulitate offenditur: 

Accessi quoties ad opus mistisque movemur 
Inguinibus, cunnus non tacet, ipsa taces. 
Di facerent. ut tu loquereris et ipse taceret. 
Offendor cunni garrulitate tui. 

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„Leider besitze ich nicht," so sagt* ich, „mein Liebchen, dies 

Büchlein, 

Aber ich will einmal sehn, daß ich's geliehen bekomm'." 
Seitdem setzt sie mir zu und verlangt das Buch von dem Freunde, 

Letzthin suchte sie gar schwer mich mit Drohungen heim. 10 
Deshalb, o teurer Genosse, beschwöre ich dich bei den Göttern — 

Zeig Cytherea sich mild deinen Gebeten geneigt — 
Flehe dich an und flehe dich wieder, verschaff mir das Büchlein, 

Das mir von neuem die Gunst meiner Geliebten verspricht. 

xxiv. 

Mattia Lupis Meinung, an Balbi. 

Wisse, o Balbi, was Lupis, des hitzigen, Meinung und Red' ist; 

In meinen Verschen hier sei kurz dir's und bündig gesagt: 
„Wenn meine Mentula oft in den ausgeleierten Schlitz will, 

Juckt es dem lüsternen Schwanz manchmal auch nach dem Popo. 
Nie aber ist meine Wollust so sinnlos, so voll bis zum Platzen, 5 

Daß ich auf offener Gaß ruf eine Schnalle mir her. 



XXIV. 3. 4. Er hat oft Lust zu ticken, manchmal zu arschficken , denn 
cruscula adfectare (sich an dtc Schenkelchen heranmachen) sagt man vom Päde- 
r asten, vgl. 1. Buch, IX, 5, 6, cruscula velle. 

6. Mit . Popisma ' scheint eine gemeine Fünfzigpfennighure gemeint 
zu sein, welche mit einem .poppysma', d h. entweder mit einem Pfiff oder 
einem Schnalzen der Finger (daher hier durch .Schnalle* Ubersetzt) ihre Kunden 
anlockt oder von ihnen herbeigerufen wird. Es muß natürlich richtig poppysma 
{nöxnvapa) geschrieben werden; Ich wollte aber In Kleinigkeiten nichts an der 
Schreibung der Texte andern. Die Schnalle wird begehrt (rogatur) in demselben 
Sinne wie Ovid., Amor. I, 8, 43: .keusch ist, die keiner begehrte.' Etwas 
anderes scheinen die .poppysmata cunni* bei Martial. VII, 18, zu sein, nämlich 
hörbare Anzeichen weiblicher Unersättlichkeit. Solch ein nicht zu befriedigendes 
Weib schildert Padfico Massimi in der oben angeführten XI. Elegie. In dem 
zitierten Epigramm des Martial nennt er die Fut einen .Schreihals' und beklagt 
sich über ihre .Geschwätzigkeit' : 

Wenn ich geschritten zum Werke und Leib an Leib sich geschmieget, 
Ist dein Geschöfi nicht stumm, aber du selber verstummst. 

Mochten die Götter verleihn dafi du sprächst, jenes verstummte: 
Durch die Geschwätzigkeit stößt stets dein Geschöß mich zurück. 

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Nolim cum populo compaedicare Jacinthum, 
Cum multis ipsam non Helenem futuam. 
Sic ait; id digito dictum tibi, Balbe, ligato, 
10 Et dam paedico clamve fututor agas. 

XXV. 

AD MEMMUM DE PARTU LUCIAE NYMPHAE. 

Cum modo per dominae vicum mihi transitus esset, 

Haec ego pro nympha parturiente precor. 
Nunc age, nunc, Lucina, meae succurre puellae, 

Quae parit, atque aliquem jam paritura deum est. 
5 Ah dolor, en clamat supplex tua numina poscens, 

Vocibus et lacrymas addit amara suis. 
In me dii luctum dominae t raus ferro velitis, 

Etsi me miserum non minor angor habet. 
Quid cessas? est, diva, tibi laus maxima, si tres 
10 Incolumi nympha restituisse potes. 

Hei mihi, ne superi, si in te mala forte rogarim, 

Audierint, votis et cruciere meis. 
Parcite moratam, superi, laesisse puellam, 

Et fache, ut veniant in caput illa meum. 
15 Quin vereor, neu te dudum Venus effera vexet, 

Sicque tua poenas impietate luas. 

Pedere te mallem: namque hoc nec inutile diät 
Symmachus, et risum res movet ista simul. 

Quis ridere potest fatui poppysmata cunni, 
Cum sonat hic. cui non mentula mensque cadit? 

Die aliquid saltem, clamosoque obstrepe cunno. 
Et si adeo muta es. disce vel inde loqui. 

8. Paris. Helenem, cod. Cob. Helenam. 

XXV. 

Ubri Veneti Carmen XIII. Parisiensis cum Bandino Memmum, Venetus 
Mammum. 

1. 2. Distichon primum deest in libro Veneto. 

4. Est omittit Venetus, Parisiensis et codex noster habent. 

5. Distichon tertium et proxlma sex desunt in Veneto libro. 

106 



V 



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Nicht mit dem Pöbel zugleich zu benutzen begehr Hyacinth ich, 
Selbst eine Helena mag teilen ich nicht mit dem Plebs." 

Also sagt er. Du schreib dir das, Balbo, wohl hinter die Ohren: 
Üb* im geheimen und still Beischlaf und Päderastie. 10 

XXV. 

An Memmo, von der Entbindung der Nymphe Lucia. 

Als mich mein Weg durch die Gasse des Liebchens vor kurzem 

vorbeiführt, 

Da in den Wehen sie lag, betet' ich also für sie: 
„Hilf, o Lucina, jetzt schnell, o hilf meinem Mädchen, dem lieben, 

Welche gebiert, und gewiß trägt sie ein göttliches Kind. 
Wehe, welch' Schmerz, wie sie flehentlich ruft und dich bittet um 5 

Beistand; 

Wie sie den Lauten der Klag' bittere Tränen vermischt! 
Lasset, ihr Götter, doch mich der Geliebtesten Qualen erdulden; 

Zwar nicht geringere Angst leide ich Armer schon jetzt. 
Wie du doch zögerst! Zum herrlichsten Lobe dir wär es, Lucina, 

Wenn du mein Liebchen erhältst, rettest du dreie zugleich. 10 
Ach, daß die Himmlischen nicht, wenn ich Böses dir wünsche, 

mich hören; 

Daß ich sie durch mein Gebet nicht etwa habe gekränkt 
Schont sie, ihr Hohen, die durch ihr Verzögern betrübt hat mein 

Mädchen, 

Lieber noch laßt auf mein Haupt fallen das Obel herab. 
Ha, ich befürchte, daß Venus, die wütende, jetzt dich mißhandelt, 15 
Dich läßt büßen dafür, daß du so hartherzig warst. 



Lieber entwische dir Wind; denn Symmachus nennet auch dieses 
Nicht unnützlich, und wohl bringt es zum Lachen einmal. 

Wer vermag beim Geschmatz des albernen Schoßes zu lachen? 
Wem nicht sinkt, wenn er dies höret, das Glied und der Mut? 

Etwas wenigstens sprich und übertöne den Schreihals, 
Und wenn so stumm du bist, lerne du sprechen von ihm. 



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Cernis ut ultricem durum est offendere divam; 

Ergo tuo mitis sis facilisque proco. 
Quid tardas, Lucina? veni faustissima nymphae, 
20 Lenis io nymphae prospera diva veni. 

Postmodo solemnes certe tibi construet aras, 

Imponetque tuis menstrua thura fods. 
Haec ego, sed quoniam dea sit tibi promptior, oro, 

lpse tuas praestes, splendide Memme, preces. 
25 Nil dubito, quin flore dato votisque peractis 

Exsolvet partus molliter illa suos. 



XXVI. 

DE SUO OCCULTO AMORE. 

Uror, et occultae rodunt praecordia flammae; 
O ego st sileam terque quaterque miser! 

XXVll. 

IN MATTH1AM LUPIUM, VIRUM IGNAVUM. 

Aonia rediens Matthias Lupius ora 
Castalidum steriles nunciat esse lacus, 



19. Reliqua exstant in Veneto Hbro. 

20. Paris, cum codice Cob. lenis, Venehis laevis. 

24. Venetus Mamme. ceteri Memme. 

25. Flore est codicis Coburgensis et Veneti. At Parisiensis forte. Hic cum 
codice nostro peractis. Venetus solutis. 

XXVI. 

Venetum Carmen XIV. Laudatur hoc disUchon in Margarita poWca 
Alberti Eibensis parte I. tract. III. cap. XIII. fol. 148. exempli Argentinae 
anno 1503 cditi, ita tarnen ut pro rodunt ibi scribatur redeunt. 

2. Parisiensis, codex Cob. cum Alberto Elbens! o ego, Venetus ergo. Tibull. 
II, 4. 7. o ego ne possim tales sentire dolores! 

xxvn. 

Carmen Venetum XVIII. 
108 



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Siehst du nun ein was es heißt, die rächende Göttin zu kränken? 

Sei mit dem Liebsten daher sanft und gefällig hinfort, 
Warum verziehst du, Lucina? Glückbringende, komm zu der 

Nymphe, 

Komm, du erwünschte, o komm, Göttin, zur Nymphe geeilt. 20 
Sicherlich wird sie dir dann geweihte Altäre errichten, 

Und auf den heiligen Herd monatlich Weihrauch dir streun." 
Also sprach ich, doch daß ihr die Göttin noch schneller zur Hand sei, 

Bitte ich, Memmo, auch dich: steh mit Gebeten ihr bei. 
Haben wir Blumen geschenkt und Gelübde gebracht, o, so wird auch 25 

Ihre Entbindung gewiß leichter vonstatten ihr gehn. 

XXVI. 

Von seiner heimlichen Liebe. 

Wehe, ich brenne! Es nagt mir am Herzen verborgene Flamme, 
Und wenn ich schweige, so fühl' härter mein Elend ich noch. 

XXVll. 

Auf den trägen Mattia Lupi. 

Da aus aonischem Land Mattia Lupi zurückkehrt, 
Sagt er uns, trocken gelegt sei der kastalische See, 



XXVI. Dieses Distichon findet sich auch in der Margarita poetica des 
Albrecht von Eybe, Straßburg 1503, BL 148. 

109 



Et siccas laurus, nullam et superesse puellam, 
Singula contatus comperit esse nihil. 
5 Impuri nequeunt oculi spectare sorores, 

Scilicet ignavis Pegasis unda latet. 

XXVIll. 

PRO CENTIO AD CONTEM, UT EX RURE REDEAT. 

Centius hanc vidua tibi mittit ab urbe salutem, 

Lux mca, mi Contes, dimidiumque animae. 
Quid mihi laetitiae superest, ubi rura petisti? 

Spiritus est mein bris visus abire meis. 
5 Id mihi laetitiae tantum est, puer urbe remansit, 

Inque suos vultus conspicor ipse tuos. 
Ne fuge, care puer, sine te, germane, videri, 

Dumque agit in sylva, ne fuge, care puer. 



3. Paris, et codex Cob. laurus, Venetus lauros. 

6. Parisiensis et codex Cob. ignavis, Venetus tarnen impuris. et diserte ait 
auctor in epistola ad Cambium fol. 48. Venen" Hbri: Hermaphroditi versus 
est, scilicet impuris Pegasis unda latet. 

XXVIll. 

In Veneto Ii hm, quo est Carmen XXIII, totum epigramma diffingitur, ita 
quidcm, ut ex epistola amld ad amicum prodeat epistola uxoris ad maritum. 
Forsitan auctor ipse pocma incudi rcdditum ad aliam occasionem accommo- 
davit. Simile recurret infra in epigrammate XXXIV. Quam dedimus cpigraphen, 
eam editori deberaus Parisiensi et Bandlno. quibuscum ladt codex noster, 
nisi quod in hoc pro Content scriptum reperitur Centonem. Tarnen vereiculo 
secundo codex habet Contes. Venetus pro Centia ad Content, ut ex rure 
redeat. 

1. Codex noster Centius hanc vidua, Parisiensis Contius hanc vidua. Venetus 
Centia cara olim. 

3. Paris, cum cod. Cob. quid, Venet nil. 

4. Paris, et cod. Cob. Spiritus est membris. Venetus sanguis et e venis. 

5. Paris, et cod. Cob. id mihi laetitiae. Venet. hoc mihi lenimen. 

6. Paris, cum cod. Cob. inque suos vultus conspicor ipse tuos. Venetus cujus 
in effigie conspicor ipsa tuam. 

7. Paris, et codex noster germane, Venet. mi nate. 

8. Parisiensis dumque agit in sylva. codex Coburg, dumque agit in sylvas. 
Venetus dum pater hinc aberit. 

110 



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Dürr sei der Lorbeer und keines mehr übrig der göttlichen Mägdlein, 

Alles in allem, es sei überhaupt gar nichts mehr da. 
Mit seinen Augen, den blöden, nicht kann er die Schwestern er- 5 

blicken, 

Denn vor unwissendem Volk birgt sich des Pegasus Quell. 

XXVIII. 

In Cencios Namen, an Conti, daß er vom Lande zurückkehre. 

Cencio bestellt aus der Stadt, die verlassen von dir ist, dir Grüße, 
Sei mir, mein Conti, mein Licht, Hälfte der Seele, gegrüßt. 

Was ist an Freuden mir übrig, seitdem du aufs Land dich begeben? 
Scheint's doch, als habe vom Leib sich meine Seele getrennt. 

Nur diese Freude noch hab ich: zurück in der Stadt blieb dein 5 

Knabe ; 

In seinen Zügen erblick' deine ich, teuerster Freund. 
Fliehe nicht, lieblicher Knabe, mein Brüderchen, laß dich betrachten. 
Während den Wald er durchstreift, bleibe du bei mir, mein Kind. 



XX VIII. Cencio Romano wird in einer anonymen Schmähschrift auf Panormita 
(Cod. Arabrosian. H. 49) neben Gasparino Barzizza, Leonardo Bruni Aretino und 
Antonio da Rhö (Raudensis) unter denjenigen Gelehrten genannt, welche den 
Hermaphrodltus mißbilligten (Anm. d. Übersetzers). 

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Plura velim, sed plura loqui dolor impedit, ergo 
10 Vivere si cupias me, cito rure redi. 

XXIX. 

AD LEUTIUM FOENER ATO REM, UT PLAUTUM COMMISSUM 

HABEAT. 

Hunc tibi quam possum Plautum commendo, Leuti, 
Plautum, quem vocitat lingua Latina patrem. 

Haud de te modicum, vates, aboleverat aetas, 
Te modo pemicies altera toenus edit. 

XXX. 

EPITAPHIUM NICHINAE FLANDRENSIS, SCORTI EGREGII. 

Si steteris paulum, versus et legeris istos, 

Hac gnosces meretrix quae tumulatur humo. 
Rapta fui e patria teneris pulchella sub annis, 

Mota proci lacrymis, mota proci precibus. 
5 Flandria me genuit, totum peragravimus orbem, 

Tandem me placidae continuere Senae. 
Nomen erat, nomen notum, Nichina; lupanar 

Incolui, fulgor fornids unus eram. 
Pulcra decensque fui, redolens et mundior auro, 
10 Membra fuere mihi candidiora nive. 

XXIX. 

Parislensis cum Bandino ut Plautum commissum haben t. codex noster 
ut commissum haben: Plautum. Meminlsse juvablt, Plautum ante annum 
1472 typis nondum fulsse vulgatum. 

3. Aboleverat debeo codici nostro. Nam Parislensis habet oboleverat. 

XXX. 

In epigraphe codex noster omittit egregii, et Inserlt generosum pos 
epitaphium. Secuti sumus Parlsicnsem et Bandinum. 

2. Paris, gnosces, codex Cob. notces. 

7. Paris, notum. codex Cob. totum. 

10. Ovld. Amor. III, 7, 8. brachia Sithonia candidiora nive. 
112 



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Mehreres möcht ich noch sagen, doch hindert der Schmerz mich 

am Sprechen. 

Willst du, daß leben ich bleib, kehre vom Lande zurück. 10 

XXIX. 

An den Pfandleiher Leuzzi, als er ihm eine Handschrift 

des Plautus übergab. 

Wie ich nur kann, o Leuzzi, empfehle ich dir diesen Plautus, 
Plautus, der Latinität Vater, wie oft man ihn nennt 

Hatte schon vorher die Zeit unsern Dichter nicht wenig beschädigt, 
Droht ihm Verderben aufs neu, da ihn das Leihhaus verschlingt 

XXX. 

Grabschrift der Nichina aus Rändern, eines bekannten 

Freudenmädchens. 

Wenn du ein wenig hier weilst und liesest die Verse der Inschrift, 

Wirst du erkunden, dies Grab deckt eine Tochter der Lust. 
Schon in der zartesten Jugend, als Mägdlein schon ward ich der 

Heimat 

Durch meines Liebhabers Flehn, durch seine Tränen entführt 
Flamischem Boden entsprossen, durchwandert* ich mit ihm den 5 

Erdkreis, 

Bis diese friedliche Stadt Siena mich aufnahm zuletzt. 
Weithin bekannt war mein Name, Nichina, so hieß ich und wohnte 

In dem Bordell, dessen Stern, dessen Heroin ich war. 
Hübsch und dezent war ich stets, parfümiert, ein sauberes Mädel, 

Weiß wie der frischeste Schnee war ich an Gliedern und Leib. 10 



XXIX. Man muß sich daran erinnern, dafi vor dem Jahre 1472 keine ge- 
druckten Ausgaben des Plautus existierten. 

8 113 



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Quae melior nec erat Senensi in fornice Thais 
Gnorit vibratas ulla movere nates. 



11. Paris, melior, codex Coburg, melius. 

12.1nfra XXXVII, 14. docta agitare suas Uta vel iUa nates. Priap. XXVII. 
Quintia vibratas docta movere nates. Uno vcrbo id didtur crissare. 
Martial. X, 68. n um quid cum crissas, blandior esse potes? Plenius, nec 
semd, rem tractavit magistra nequitiarum. Aloisia Sigaea: p. 81. Vibratis in 
aira natibus continuo meo motu tarn apte Calliae motui respondi, ut cum 
deorsum impelleret in meas fores pessulum, ego sursum propellerem. Ita 
pubes pubi, pecten pectini pugnabat ea contentione, ut si seminis ad 
sii mm um capitis vertu cm fönt cm h ablasset Callias , ex eo potuissem 
nihilominus excire. P. 87. Egressa matre Callias jubet subsultus objicere 
coneussibus suis rapidos et frequentes. Jactitare nates coepi. sursumque 
deorsumque ferri, ut facturus impetu impressionem abscedebat, ut faciens 
irruebat. Laudabat animos, mirabatur mobilitatem. Pag. 180. Innitor 
pedibus. uterum tollo, et tumbos quam altissime possum; obviam eo 
ruenti. Tunc suavium dat (Lampridius,) manum sub nates mittit. Eodem 
momento connivent oculi patrantes, anima me reeiprocando deficit, rabida 
titillatione sentio largum liquescere me in humorem. Advertit Lampridius, 
pulsat, impellit, agitat; mox et ipse fervido me ferit seminis ictu. Sic 
alter in alterius amplexu defieimus. Pag. 187. Tunc vehementissime 
coepit coneutere (Jocundus.) ego succutere, nates tollere crispantes. moti- 
tare flexibiliter tumbos. Primus titillationem praesentit advenientis gaudii. 
at omni nisu et agitatione pervicaci exorienti favi libidini. Post intro 
sensi in lumbis aperiri mihi Veneris fontem. Deficio. Huc pertinet illud 
Ovidii Herold. XV, 47. 48. 

Tunc te plus solito laseivia nostra juvabat, 
Crebraque mobilitas aptaque verba joco. 

Vis tu scirc, quae fuerint apta verba joco? Nec ea nobis inviderunt 
candidae priscorum animae. Martialis X, 68. fa>t> xal \>vzi} laseivum con- 
geris usque. Juvenalis VI, 193—195. 

Non est nie sermo pudicus 
In vetula, quoties laseivum intervenit illud 

Zwt) xal yrvri- 

Magnam vim blandae vocis in opere Venereo veteres haud raro com- 
memorant. Martial. XI, 104. nec motu dignaris opus nec voce fuvare. 
Idem XI, 60. 

At Chione non sentit opus, nec voeibus ullis 
Adjuvat, absentem marmoreamque putes. 

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Im Seneser Bordell gab es nie eine schmuckere Thais; 
Keine verstand den Popo so zu bewegen wie ich. 



XXX. 12. Vgl. weiter unten XXXVII, 14: 

die beide geschickt sind zu bewegen den Steiß. 

Priap. XXVII: 

Quintia, die kunstvoll gewandt ihre wiegenden Hüften beweget. 

Mit einem Fachausdruck nennt man das .crissare". 
Martial. X, 68: 

Könntest du kosender sein, Laelia, wenn du crissierst? 



Ausführlicher, und nicht nur einmal, spricht Aloisia Sigaea, die Lehrmeisterin 
aller Liederlichkeiten, von dieser Praxis. S. 47: .Das Gesäß hoch In die Luft 
erhebend, antwortete ich mit unaufhörlichen Stößen so geschickt auf die Stöße 
des Callias, daß ich jedesmal von unten herauf stieß, wenn er von oben den 
Riegel in meine Tür hineinschob. Wie ein Ringerpaar waren sein Glied und mein 
Glied, sein Schambein und mein Schambein verschlungen, und hatte Callias 
einen Samenquell gehabt, der bis oben an seinen Scheitel angefüllt gewesen wärt, 
ich hatte trotzdem den letzten Tropfen aus ihm herausgesogen." S. 51 : .Meine 
Mutter ging hinaus und nun sagte Callias mir, ich möchte seine Stöße durch 
möglichst zahlreiche und schnelle Gegenstöße erwidern. Ich begann das Gesäß 
hin und her zu werfen und mich auf und ab zu bewegen, indem ich mich nach 
seinen Bewegungen des Zurückziehens und Vorstoßens richtete. Er lobte meinen 
Eifer und bewunderte meine Gewandtheit.* S. 107: .Ich stemme die Füße gegen 
den Boden, hebe Leib und Lenden so hoch wie ich nur kann und erwidere seine 
Stöße. Da gibt er mir einen Kuß auf den Mund und legt seine Hand unter 
mein Gesäß. Im selben Augenblick schließen sich meine brechenden Augen, 
das Bewußtsein schwindet mir, während ich stoße und immer wieder stoße, fühle 
Ich ein rasendes Jucken und zerfließe in einen Strom von Saft. Lampridius be- 
merkt es, er stößt, drängt, schiebt, und bald trifft mich ein glühender Strahl seines 
Samens. Und so hauchen wir in inniger Umarmung die Seele aus." S. 112: 
.Da begann er (Jocundus) die heftigsten Stöße gegen mich zu führen, ich aber 
süeß ihm entgegen, hob meine Hinterbacken hoch empor und bewegte, so schnell 
ich nur konnte, meine Lenden. Er spürte zuerst den Kitzel der kommenden 
Wonne; aber er bot alle seine Kraft und Gewandtheit auf, um mir die höchste 
Wollust zu verschaffen. Im selben Augenblick sprudelte in meinem Leib der 
Quell des süßen Venustaus. Ich vergehe." — Darauf spielt auch Ovid., Herold. 
XV, 47, 48 an: 

Da hat, und mehr als gewöhnlich, mein lüsterner Sinn dir geholfen, 
Schnelle Beweglichkeit und passende Worte zum Scherz. 

8» 115 



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Rapta viris tremula figebam basia lingua, 
Post etiam coitus oscula multa dabam. 
15 Lectus erat multo et niveo centone refertus, 

Tergebat nervös officiosa manus. 

Ovld. Amor. III, 7, 9-12. 

Osculaque insentit cupidae luctantia linguae, 

Lascivum femori supposuitque femur. 
Et mihi blanditias dixit. dominumque vocavit. 

Et quae praeterea publica verba juvant. 

(dem de arte amatoria III, 795. 96. 

Nec blandae voces jucundaque murmura cessent. 
Nec taceant mediis improba verba Joris. 

Ceterum in versiculo nostro codex Cob. habet norit pro gnorit, quae 
scriptura est Parisiensis. 
16. Priap. LXXXI. nervls, tente Priape. fave. Tibull. ad Priapum 83, 42. repente 
nervös exritet libidine. Ovid. Amor. III, 7, 35. quid vetat et nervös 
magicas torpere per artes? Horat Epod. VIII, 17. illiterati num minus 
nervi rigent? Petron. cap. 131. admotis manibus tentare coepit (anus) 
inguinum vires. Dicto citius nervi paruerunt imperio. manusque aniculae 
ingenti motu repleverunt. Verum et singulari numero nervus de mentula 
dicitur: Juvenalis IX, 34. nil faciet longi mensura incognita nervi. Idem 
X, 205. 206. 

Jacet exiguus cum ramice nervus 
Et quamvis tota palpetur nocte jacebit. 

Priap. LXV1I1, 33. 34. 

Nemo meo melius nervum tendebat Ulysse. 
Sive Uli laterum. seu fuit artis opus. 

Luxorius in Anthologia Burmanni secundi tomo II. p. 606. 

Esset causidiri si par facundia nervo, 
Impleret cuncta viscera negotii. 

Anonymus in eadem Anthologia tomo II. p. 474. 

5/7 ut marito 
Nervus saepe rigens potensque Semper. 

Aloisia Sigaea p. 258. ecce ut rigidus, ut igneus, ut superbus Lampridio 
micat nervus. Excipe. Eadem parte III. p. 114. at exerrantem et resilien- 
tem intercipit caudam Manilia. officiosa m insinuans man um. 

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Feurige Küsse den Männern gab ich mit vibrierender Zunge, 
Selbst nach dem Koitus noch küßte ich zärtlich und oft. 

Schneeige Linnen in Menge bedeckten die mollige Bettstatt, 15 
Und mit geschäftiger Hand trocknet* die Sehnen ich ab. 



Was .passende Worte zum Scherz" sind? Auch darüber lassen uns die 
Autoren, diese unschuldsvollen Seelen, nicht im Unklaren. Martial. X, 68: 



Treibst du die Lüsternheit griechisch und schmeichelst: .Mein Leben, mein 

Seelchen * 

Juvenal VI, 193-195: 

Für Alte ist Griechisch 
Ehrbar nimmer. So oft in den Mund das lüsterne Wort kommt. 
.Leben und Seele.' 

Nicht selten gedenken die klassischen Autoren der großen Macht der 
schmeichlerischen Stimme beim Liebeswerke. Martial. XI, 104: 



Nicht mit Bewegung noch Wort munterst zum Werke du auf. 



XI, 60: 

Fühllos aber und stumm ist Chione während des Kosens, 
Daß abwesend sie dir, oder von Marmor erscheint. 

Ovid., Amor. III, 7; 9-12: 

Und gab Küsse, die Kampf mit den Zungen führten begehrlich, 
Und wollüstig umschlang sie mit dem Beine das Bein, 

Und sprach schmeichelnd zu mir und hieß mich ihren Gebieter 
Und was an Worten zumeist sonst zu erfreuen vermag. 

Ovid., De arte amat. III, 795, 796: 



Worte nicht laßt ermangeln, noch süßes Gemurmel, 
iNocn leicnneruger kcq unier aen ocnerzen georecn s. 

16. Priap. LXXX1: 

Sei gnadig, du gespannter Priapus, den Sehnen. 
Tibull. ad Priap um 42: 

Und plötzlich regt durch Wollust es die Sehnen auf. 

Ovid., Amor. III, 7; 35: 

Könnte man nicht auch die Sehnen durch Künste der Magiker lähmen? 

Horat. Epod. VHJ, 17: 

Ob Un gel ehrten wenger steif die Sehnen Stenn? 

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Pelvis erat cellae in medio, qua saepe lavabar, 
Lambebat madidum blanda catella femur. 

Nox erat, et juvenum me sollicitante caterva 
20 Substinui centum non satiata vices. 

Dulcis, amoena fui, multis mea facta placebant, 
Sed praeter pretium nil mihi dulce fuit 

XXXI. 

CONQUERITUR, QUOD PROPTER PESTEM A DOMINA 

AMOTUS SIT. 

Quando erit, ut Senas repetam dominamque revisam? 
Me miserum molli pestis ab urbe fugat 



18. Canes apud Romanos solemnc fuisse satellitium meretricularum observavit 
Brukhusius ad Tibull. L 7, 32. et D, 4, 32. Vult ille huc redlre canes 
suburanas Horatii Epod. V, 58. et suburam vigilacem Propertii IV, 7, 15. 
Infra XXXVII, 15. te viset Jannecta, sua comitante catella. 

19. Horat. Epod. XV, 1. nox erat, et coelo fulgebat luna sereno. Ovld. Amor. 
III, 5, 1. nox erat, et somnus lassos summisit ocellos. 

20. Juvenal. VI, 128-130. 

(Messalina) ultima cellam 
Clausit, adhuc ardens rigidae tentigine vulvae 
Et lassata viris nondum satiata recessit. 

Plinius Histor. naturalis libro X. cap. 83. Messalina, Claudii Caesaris 
conjux, regalem existimans palmam elegit in id certamen nobilissimam e 
prostibulis ancillam mercenariae stipis, eamque nocte ac die superavit 
quinto ac vicesimo coneubitu. Ovidius Amor. III, 7, 23—26. 

At nuper bis flava Chie, ter Candida Pitho, 

Ter Libas officio continuata meo. 
Exigere a nobis angusta nocte Corinnam 

Me memini numeros sustinuisse novem. 

Autor epistolae C.Antonii ad Q.Soranum: (Cleopatra) sab una nocte sumto 
cucullo in lupanari prostibulo centum et sex virorum coneubitus pertulit. 
21.22. Hoc dlstichon laudatur in Margarita pofitica Alberti Eibensis fol. 148. sed 
pro praeter pretium legitur ibi super pretium. 

XXXI. 

Est epigramma XXXI. in codlce Coburgensi et apud Bandlnum, XXXII. in 
exemplo Parisiensi, XV. editoris Vencti. Epigraphen dedi Parisiensem, con- 
118 



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Mitten in meinem Gemach stand ein Becken, in dem ich mich 

oft wusch; 

Schmeichlerisch leckte mein Schoßhündchen den Steiß, der 

noch feucht. 

Nacht war es, als mich einmal eine Schar von Jünglingen heimsucht', 
Hielt ich sie hundertmal aus, hatt' aber noch nicht genug. 20 

Lieblich war ich und reizend und allen gefiel mein Benehmen; 
Aber mir selber gefiel nichts so als Silber und Gold. 

XXXI. 

Der Autor klagt, daß er wegen der Pest von der Geliebten 

entfernt leben müsse. 

Wann nach Siena zurück werd ich kehren, mein Liebchen zu 

sehen? 

Ach, aus der üppigen Stadt treibet mich Armen die Pest 

Petron., Kap. CXXXI: .Und sie (die Alte) begann mit den Händen mein 
Glied zu untersuchen. Schneller als sich's sagen läßt, gehorchten die Sehnen 
dem Befehl und füllten die Hand des alten Weibchens mit mächtigem Schwulste.' 
Juvenalis IX, 34: 

Nutzlos bleibt im Verborgnen das Maß der gewaltigen Sehne. 

Ebendaselbst X, 205—206: 

so liegt mit dem Bruche danieder die Sehne, 
Und bleibt liegen, soviel auch immer die Nacht du daran rührst. 

Priap. LXVI1I: 

Keiner vermochte die Sehne so stramm wie Odysseus zu spannen 
So durch die Kraft seines Leibs, wie auch durch Übung und Kunst. 

Luxorius in der Anthologia Burmanni, Teil II, S. 606: 

Hätt' er als Anwalt ein Rednertalent so wie seine Sehne, 
Wahrlich er füllte wohl aus jegliches Fach des Berufs. 

Ein Ungenannter in derselben Anthologie II, S. 474: 

Sei deinem Ehemann 
Steif oft die Sehne und beständig fähig. 

Alois ki Sigaea, S. 155: .Sieh doch, wie Lampridius' Sehne Funken sprüht! 
wie steif, wie feurig, wie prächtig sie ist! Nimm sie in dich auf!' S. 270: 

119 



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XXXII. 

OPTAT PRO NICHINA DEFUNCTA. 



Oro tuum violas spiret, Nichina, sepulcrum, 

Sitque tuo einen non onerosa silex. 
Pieriae cantent dreum tua busta puellae, 

Et Phoebus lyricis raulceat ossa sonis. 

xxxui. 

LAUS COSMI, VIRI CLARISSIMI. 

Cosme, quis est Latiis vir felicissimus oris 

Conjugio, gazis, prole, parente, domo? 
Quis patriae spes est? quis sanguine ciaras avito? 

Vates quis priscos servat, amatque novos? 
5 Pace quis Augustus, Caesar quis Julius armis? 

Quis fiet mira pro probitate deus? 
Cosme, quis hic est? aut certe tu, Cosme, vir hic es, 

Aut certe quis sit nescio. Cosmus, es hic 

sentientibus Bandino et codice nostro. Venetus: conqueritur quod a domina 
abesse cogatur. De peste Senensi conferas epigramma XIII hujus libri, et 
XXX prioris. 

XXXII. 

Est epigramma XXXII. apud Bandinum et in nostro codice, XXXI. Pari- 
siense, XXIX. Venetum. Optat habet Parisiensis editor cum Bandino, orat 
codex Coburgensls cum Veneto. 

3. Venetus constent, ceterl cantent. 

XXXUI. 

Carmen Venetum II. Recepit etiam Florentinus editor Carminum illustrium 
poetarum Italorum tomo II. p. 111. 112. Inscriptio nostra est Parisiensis, 
Bandini et codi eis Coburgensls. Florentinus laus Cosml Medicei. viri cla- 
rissimL Venetus in laudem ejusdem; nam proxime praemisit Venetus epi- 
gramma prlmum libri prioris. et ipsum ad Cosmum inscrlptum. 
2. Cod. Cob. pomo, rellqui domo. 

4. Venetus qui, ceteri quis. Tum servat amatque omnes, praeter codicem Co- 
burgensem, qui exhlbet servet ametque. 

7. Codex Coburgensls aut certe Cosme, omlsso tu. Parisiensis et Venetus aut 
certe tu Cosme. Florentinus aut tu certe Cosme. 

8. Parisiensis, Venetus et Florentinus quis, codex Cob. quid. Tum omnes 
Cosmus es hic. excepto Veneto, qui dat Cosmus is est. Similis nominativus 

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XXXII. 

Der Autor äußert Wünsche für die verstorbene Nichina. 

Möge dein Grab, o Nichina, das flehe ich, duften nach Veilchen; 

Sei deiner Asche auch kein Kiesel, kein Steinchen zur Last; 
Rund um den Hügel erheben Gesang die pierischen Musen, 

Und es erfreue Apolls Lyra im Grabe dich noch. 

XXXIII. 

Lob des Erlauchten Cosimo. 

Cosimo, wer ist in Latiums Gefilden der glücklichste Mann wohl 
Durch seine Ehe, durch Geld, Nachkommen, Ahnen und Haus? 
Wer ist des Vaterlands Stern? Wer stammt aus dem edelsten 

Blute? 

Wer bewahrt Hellas' und Roms, fördert Italiens Kunst? 
Wer ist Augustus im Frieden, wer Julius Caesar im Kriege? 5 

Wer ist durch redlichen Sinn schon hier auf Erden ein Gott? 
Cosimo, wer ist's? Entweder bist du es, o Cosimo, oder 

Wahrlich, ich weiß nicht wer's ist Cosimo, du bist es, du! 



.Manllia aber fing mit dienstfertiger Hand den Speer auf, der doch nicht ganz 
das Ziel getroffen hatte und zurückgeprallt war.' 

18. Daß bd den Römern Hunde für gewöhnlich zur Begleitung der 
Dirnchen gehörten, bemerkt Brouckhuysen , zum Tlbull. I, 7, 32 und II, 4, 32. 
Er rechnet hierzu auch die .Hunde aus der Subura', dem Bordellviertel, Horat. 
Epod. V, 58, und die .wachsame Subura', Propcrt IV, 7, 15. Siehe weiter unten 
XXXVII, 15: 

Dich zu betrachten erscheint Jeannettc, gefolgt von dem Hündchen. 

19. Horat. Epod. XV, 1 : 

Nacht war's, und hell blinkte der Mond am heiteren Himmel. 

Ovid. Amor. III, 5; 1: 

Nacht war's, und es verschloß mir der Schlaf die ermüdeten Augen. 

20. Juvenal VI, 128—130, vor der Messalina: 

als letzte 

Schloß sie die Zelle, noch heiß von der Brunst der genossenen Liebe, 
Und zog, müde von Mannern, doch nimmer gesattigt, nach Hause. 

121 



XXXIV. 



AUCTORIS D1SCIPULI VERSUS AD L MAURAM, QUOD NON 

SERVET PROMISSA. 

Cur non, Maura, venis? cur non promissa fidemque 

Solvis? cur nullo pondere verba refers? 
Nam memini dixti nobis venientibus ex te: 

Ite alacres, aas hinc vos petiturus ero. 
5 Cras venit, nec te aerea deducis ab arce, 

Cras it, nec tu nunc, perfide Maura, venis. 
Quodsi nos flocci facias, et ludere jam fas 

Esse putas, noli spernere, Maura, deos. 
Maura deos temnit, juravit numina divum, 
10 Quod nos paganico viseret ipse solo. 



pro vocativo recurrit in epistola Antonü ad Joannem Lamolam, (olio 84. llbri 
Veneti: vale meus ocellus aureus; item In epigrammate XV nostri libri: 
Lupius absposcis me rara epigrammata Marti. Conferas Burmannum 
secundum ad Anthologiam Latinam tomo I. p. 514. 

XXXIV. 

In libro Veneto est Carmen XI. Epigraphe varla: nostra est Parlslensis, 
Bandinus auctoris discipuli versus ad Mauram, quod promissa non servet, 
codex Coburgcnsls auctoris ad L. Mauram. quod non servat promissa, 
Venetus ad Luciam Mauram, cur promissa non servet. Veneta carminis 
recensio plane di versa ab ea, quae in ceteris Ii bris proponitur, ita quid um, 
ut omnia ad feminam referantur, quae In reliquis pertineant ad marem. Simile 
vidimus supra In epigrammate XXVIII. 

4. Paris, cum Veneto cras, cod. Cob. crans. Similla exempla atlans. asprenans, 
formonsus adnotavit Burmannus secundus ad Anthol. Latinam tomo II. p. 182. 
Nostcr Infra XXXVI, 30. conmensa pro comesa. Hinc vos petiturus ero 
est scriptura Parisicnsis, pro qua codex Coburgensis, vos omisso, hinc 
petiturus eam, Venetus hinc vos petitura sequar. 

5. Martialls V, 58. die mihi, cras illud. Postume, quando venit? Pro nec te 
airea, quae est scriptura Parisicnsis et codicis nostri, Venetus alrea nec te. 
Hoc verslculo librarius codicis Coburg, maluit scribere cras, non crans. 

6. Ovid. Amor. I, 6, 24. tempora noctis eunt. Parisicnsis cum codlce Cob. 
perfide Maura. Venetus perfida Maura. 

10. Paris, viseret ille loco, codex Cob. viseret ipse solo, Venetus viseret 
ipsa solo. 

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XXXIV. 



Verse, die ein Schüler des Verfassers an L. Maura richtet, 
wegen eines nicht gehaltenen Versprechens. 

Maura, weshalb denn nicht kommst du? Weshalb nicht Versprechen 

und Treue 

Haltst du, und weichest mir aus, wenn ich um Antwort dich 

bitt'? 

Denn ich erinnere mich wohl, daß du sagtest, als wir dich be- 
suchten: 

.Gehet nur fröhlichen Muts; morgen schon such ich euch auf." 
Morgen zwar kam, doch vom luftigen Schloß stiegst du nicht 5 

hernieder; 

Morgen verging, aber du, treuloser Maura, kamst nicht. 
Wenn du nach uns auch nichts fragst und wenn du der Meinung 

bist, Possen 

Dürftest du treiben mit uns, spotte der Götter doch nicht. 
Maura verachtet die Götter: er schwört bei den göttlichen Wesen, 
Daß er aufs Landgut hinaus käme zu uns zum Besuch. 10 



Plinius, Mist. Nat. Buch X, Kap. 83: .Messalina, die Gemahlin des Claudius 
Caesar, welche die Siegespalme hierin einer Fürstin würdig erachtete, wählte sich 
zum Wertkampfe unter den Lustdirnen die berüchtigtste Lohnhurenmagd und be- 
siegte sie, indem sie während des Zeltraumes einer Nacht und eines Tages fflnf- 
undzwanzigmal den Beischlaf aushielt.' Ovid., Amor. III, 7, 23—26: 

Zweimal bracht ich doch neulich der blonden Chie mein Opfer, 
Dreimal der Libas und drei Pitho, der blendenden, dar. 

Und ich erinnere mich, daß in kurzer Nacht ich vermochte 
Meiner Corinna neun Opfer der Liebe zu weihn. 

Der Verfasser des Briefes des C. Antonius an Q. Soranus: .Sie (Cleopatra) 
hielt in einer Nacht, als sie sich ein Tuch um den Kopf genommen hatte, im 
öffentlichen Bordell den Beischlaf von einhundert und sechs Männern aus." 

XXXI. Über die Pest in Siena (i. J. 1424) vgl. das XIII. Epigramm dieses 
und das XXX. des ersten Buches. 

XXXTV. 5. Martial. V, 58: 

Sage mir, Postumus, wann kommt dieses .morgen' einmal? 

6. Ovid., Amor. I, 6, 24: 

Sieh', es vergehen die Stunden der Nacht. 

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Maura deos teranit memores fandi atque nefandi, 

Spernit et ille viros, spernit et ille deos. 
O levior foliis, avium ventosior alis! 

Femineum et turpe est ('allere sie alios. 
15 Si te, Maura, juvat me fallere, falle, sed illum 

Carmine qui claret ludere, Maura, cave. 
Tu vatem et nomen, verum non dogmata nosti. 

Nosce, capesse cito, carmine doctus eris. 
Non mercede docet quemquam, non indigus auro est, 
20 Virtutis solum motus amore docet 

Me doeuit doctor dodissimus edere versus; 

Perdidici, et nunc jam carmina nostra legis. 

XXXV. 

AD LIBELLUM, NE D1SCEDAT. 

Quid vis invito domino discedere? quid vis? 

Quid te de nostra dejicit aede, über? 
Quo fugis, infelix, degunt ubi mille Catones, 

Mille, quibus tantum seria leda placent? 

11. Paris, cum Vcneto fandi atque nefandi, codex Coburg, fandique nefandi. 

12. Seen Ii sumus scripturam Parisiensem. Codex Cob. spernit et ille novos 
spernit et ille deos. Venetus spernit et illa viros, spernit et Uta deos. 

13. Ovid. Amor. II, 16, 45. verba puellarum foliis leviora caducis. Heroid. 
V, 109. tu levior foliis. 

15. Ovid. de arte amatoria I, 310. sive virum mavis fallere, falle viro. 

16. Paris, cum Veneto qui. codex Cob. viüose quid. Tum Parislensis et codex 
noster claret, Venetus poltet. 

17. Versiculi sex ultimi desunl apud editorem Venerum. 

18. Paris, nosse, codex Coburg, nosce. Pro capesse, quae est scriptura Pari- 
siensis, dedit librarius codicis Coburgensis capesce. 

19. Paris, auro est, codex Cob. omirtit est. 

22. Paris, et nunc jam. codex Cob. et tu nunc jam. Mox hie legas. ille legis. 

XXXV. 

Venerum Carmen XXXIII. Epigraphe nostra est Parisiensls, Bandini et 
codicis Coburgensis. Venetus ad librum, nil ultra. 
2. Venetus solus quis te jam nostra ducit ab aede. Uber? 
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Maura verachtet die Götter, die Gutes und Böses bewahren 

Treu im Gedächtnis, er schätzt Menschen und Götter gering. 
O, der du leicht wie ein Blatt und so windig wie Federn und 

Flaum bist! 

Weibisch und schimpflich fürwahr ist's, wenn man andere täuscht. 
Ja, willst betrugen du mich, so tu es, doch sei auf der Hut vor is 

Jenem Manne, der hell strahlt durch den Ruhm seines Lieds. 
Zwar sind der Mann und sein Name bekannt dir, doch nicht seine 

Lehren; 

Hör* sie und präg sie dir ein, Dichterruhm erntest du dann. 
Nicht um den schnöden Gewinn doziert er und fragt nach dem 

Gold nicht, 

Sondern aus Liebe zur Kunst teilet sein Wissen er mit. 20 
Mich hat der Doktor, der hochgelahrte, das Dichten gelehret 
Völlig nun hab' ich's gelernt: lies hier das Lied, das ich schrieb. 

xxxv. 

Der Autor an sein Büchlein, daß es nicht fortgehen möge. 

Warum willst gegen den Willen des Autors du fortgehn, mein 

Büchlein? 

Warum? Sage mir, wer wirft dich zum Hause hinaus? 
Wozu fliehst du dorthin, wo tausend Catonen vereint sind, 
Tausende, denen nur ganz ernste Lektüre gefällt? 



13. Ovld., Amor. II, 16, 45: 

Leichler ja sind eines Mägdeleins Worte als fallende Blätter. 

Heroid. V, 109: 

Du bist leichter als Laub. 

15. Ovid., De arte amat. 1, 310: 

Täuschest du lieber den Mann, täusche mit Männern ihn doch! 

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5 Cum censore, miser, rigido laedere, rubesces, 

Cumve minus poteris, laese, redire voles. 
Vana tui quaeso domini praesagia sunto, 

Sitque timor vanus, thusque piperque teges. 
I, verum auctoris rogitet si nomina ledor, 
10 Immemorem nostri nominis esse refer. 

xxxvi. 

CABALLUS FAME PERIENS DE LELPHO LUSCO DOMINO 

CONQUERITUR. 

Si qua tuus queritur, cupidissime Lelphe, caballus, 

Da veniam, macies cogit et alta fames. 
Pulcer equus certe, velox pinguisque fuissem, 

Pedora quam sint et fortia et ampla vide, 
5 Aptaque sint videas quam cetera membra peraeque. 

Quod natura dedit, sumpsit avara manus. 
Ah quotiens phaleris tectus fera bella subissem! 

Ah quotiens cursus praestitus esset honos! 

6. Paris, et Venetus laedere, codex Cob. sedere. 

7. Secuö sumus Parislensem et codicem Coburgensem. Venetus vana meae 
forsan sunt haec praesagia mentis. 

8. Paris, et codex Cob. sitque, Venetus estque. Tum Paris, et Venetus thusque 
piperque. codex nostcr thus piperque. Martialis III, 2. libelle. festina tibi 
vindicem parare, ne thuris piperisque sis cucullus. 

9. / est scriptura codicis Coburgensis, pro qua Parisiensis habet et; in reliqua 
vereicull parte uterque consentiL At Venetus si roget auctoris lucrumque 
et nomina lector. 

XXXVI. 

Est carmen Vcnetum XXXII. Epigraphen edi jussimus Parisiensem. Codex 
noster consentit omisso tarnen domino. nequc fcrc dissentit Bandinus, nisi 
quod pro Lelpho, in opere illlus, forsan operarum vitio, legitur Delpho. 
Venetus autem caballus fame moriens de Lelpho domino conqueritur. 

3. Paris, et codex Cob. certe, Venetus certus. 

4. Paris, pectora quam sint et fortia, codex Cob. pectora quam sint fortia, 
omisso et, Venetus pectora quam mea sint fortia. In fine Venetus solus 

vides. 

5. Paris, et Venetus aptaque, codex Cob. actaque. 

7. 8. Parisiensis et codex noster bis quotiens, Venetus quoties. Codex noster 
solus falteris pro phaleris. 

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Solch einen grausamen Zensor erfrechst du dich nicht zu beleid'gen, 5 
Sondern du ärmstes, du sehnst, selber verletzt, dich zurück. 

Nutzlos ja mögen die Ahnungen sein des Verfassers, so hoff ich, 
Eitel die Furcht, denn in dich wickelt Gewürze man ein. 

Geh' nur, doch wenn dich ein Leser befragt, um den Namen des 

Autors, 

Gib ihm zur Antwort, er sei deinem Gedächtnis entschlüpft 10 

xxxvi. 

Die Mähre des Lelfo Loschi, dem Hungertode nahe, 
beklagt sich über ihren Herrn. 

Wenn deine Mähre sich bitter beklagt, 0 Lelfo, du Geizhals, 
Halt's ihr zugute, sie zwingt Dürre und Hunger dazu. 

Sicherlich gäb* ich ein hurtiges Rofi, schön wär ich und fett auch, — 
Sieh nur die Brüste, wie stark, und wie sie breit sind gebaut 

Auch meine übrigen Glieder desgleichen sind tüchtig, du siehst's 5 

wohl. 

Ach, was mir gab die Natur, nahm eine geizige Hand. 
Ha, wie wär ich mit Eisen bedeckt, in die Feldschlacht gezogen! 
Ha, wieviel Preise hält' ich mir bei den Rennen geholt! 



XXXV. 8. Martial. Hl, 2: 

mein Büchlein, 
Eile, dir den Beschützer aufzusuchen, 
Daß nicht Hülle des Pfeffers du seist und Weihrauchs. 

127 



Rodo nihil, rodit sed nostras inedia vires, 
10 Non etiam nostris dentibus herba datur. 

Vix mihi dat noster paleas aliquando dominus, 

Barbariem metro barbarus ille dedit 
Turpe quidem dictu, sed cogit turpia fari 

Turpis herus, proprio stercore pascor ego. 
15 Stercore pascor enim, sed stercore pascimur ambo, 

Nam tu ne comedas, non, vir avare, cacas, 
Neve bibas etiam, non mejere, Lelphe, videris. 

Extitit, ut perhibent, dira Celaeno parens. 
Sella carens lanis quae fecerit ulcera dorso, 
20 Lusce, vides, caudae vulnera, lusce vides. 

Cur equitans aspris calcaribus ilia tundis, 

Si vix sat plane debilis ire queam? 
Cur agilis vis dem crudelis in aera saltus, 

Tibia si nequeat iassa movere pedem? 
25 Ipse quidem collo mallem vectare quadrigas, 

Degere quam miseri sub ditione viri. 
Ocius attectem pistrino, Lelphe, dicari, 

Sub te funestam quam tolerare famem. 
Vera quis haec credat, nisi credunt vera molares? 
30 Ferrea sunt longa frena comesa fame. 

Ordea cornipedi dulcis datur esca caballo, 

Sorbuit hos nunquam sed mea bucca cibos. 
Vera loquar, verum quis possit credere ventrem 

Duntaxat vento vivere posse meum? 

18. Celaeno una Harpyiarum. Juvenalis VIII , 130. unguibus ire parat nummos 

raptura Celaeno. 
21. Codex Cob. tundis, Parisiensis et Venetus fodis. invilo metro. 

23. Nostra scriptura est Parisiensis et codicis Coburgensls, Venetus agiles pro 
agilis, et aire pro aira. 

24. Parisiensis si nequeat. Venetus cum nequeat: codex Coburg, si nequeam. 

25. Paris, cum Veneto mallem, codex Cob. malle. 

26. Paris, et Venetus sub ditione, codex Cob. sub condictione. 

30. Paris, et codex Cob. sunt, Venetus stant. Hlc et Parisiensis mox comesa, 
codex Cob. conmensa, uti supra XXXIV, 4. frans pro cras. 

32. Paris, cum Veneto hos. codex noster os. 

33. Paris, et codex Cob. vera loquar, Venetus vana loquor. 
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Aber ich zehre rein gar nichts, doch zehrt der Verfall meine KTäfte, 
Nicht einmal trockenes Heu wird meinen Zähnen gereicht. 10 

Kaum daß mein geiziger Herr mir zuweilen ein Bündelchen Stroh gibt 
Barbarisch wie dieser Vers ist dieser alte Barbar. 

Schande ist's, einzugestehn , doch zwingt mein Gebieter, der 

Schandbub' 

Mich, es zu sagen: ich nähr' mich von dem eigenen Mist. 
Ja, vom Mist muß ich leben, doch leben wir beide vom Miste, is 

Denn um zu sparen die Kost, kneifst du den Hinteren zu. 
Auch den Urin dir verhältst du, so scheint es, um nur nichts zu 

trinken. 

Sagt man doch, daß dich zur Welt habe Celaeno gebracht 
Wie meinen Rücken der Sattel, der ungepolsterte, wunddrückt, 

Siehst du, o Loscbi; du siehst Wunden an Lenden und Kreuz. 20 
Warum mir stößt du beim Reiten mit stechenden Sporen die 

Weichen? 

Bin ich doch leider so schwach, daß ich kaum aufrecht kann gehn. 
Warum, o Grausamer, willst du, daß leicht in die Lüfte ich springe? 

Ist doch mein Schienbein so müd', daß es den Huf nicht erhebt. 
Lieber alleine, am Halse geschirrt, einen Vierspänner ziehen, 25 

Als bei so elendem Mann stehen beständig im Dienst 
Lieber auch wollt* ich, o Lelfo, daß »Faulpelz« ein Müller mich 

schelte, 

Als daß ich immer bei dir tödlichen Hunger erlitt'. 
Wer soll dies glauben, was wahr ist, wenn's nicht meine Zähne 

bezeugten? 

Lange vom Hunger geplagt, fraß ich den eisernen Zaum. 30 
Schmackhafte Gerste als Futter wird meistens uns Pferden gegeben ; 

Doch es hat niemals mein Maul solch' eine Speise geschleckt. 
Wahrheit nur will ich berichten, doch wer kann als wahr es mir glauben, 

Daß mein verhungerter Bauch lebet vom Winde allein? 

XXXVI. 12. Auch das Original hat hier, mit Absicht, eine falsche Betonung 
(Arm d. Obersetzers). 

18. Celaeno, KeXaivti, eine der Harpyien. 
Juvcnal VIII, 130: 

mit krummen 

Fingern zu rauben bereit, wo immer das Geld, die Celaeno. 

9 129 



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Est mihi, vae misero, macies incognita toto 
Corpore, et infractis artubus ossa sonant. 
Sim licet informis, simque aridus, hoc mage malim, 

Quam Lelphus vacui pectoris esse velim. 
Est Lelphus rationis inops et mentis egenus, 

Corpus ei ut sus trux efferitate riget 
Quum loquitur, boat ut bos, et flat putor ab ore, 

Ut dubius perstes, culus an os loquitur. 
Quum ridet, fauces inhiant, ut asellus hiascens, 

Fit mihi de risu nausea saepe suo. 
Plura equidem quererer, quoniam sunt plura, sed heu heu 

Lingua loqui plus nunc debilitata nequit. 
Jam morior; socii, stabulum, praesepe, valete. 

Me miserum, videor debilitate mori. 
Vos procul ite, ferae, procul hinc vos ite, volucres; 

Quo ruitis, modo vos pellis et ossa manent. 
Plaudite, nam Lelphum luscum mandetis avarum, 
Ule crucis poenas furcifer ille dabit 

xxxvn. 

AD LIBELLUM, UT FLORENTINUM LUPANAR ADEAT. 

Si domini monitus parvi facis, i, fuge, verum 

Florentina petas moenia, parve liber. 
Est locus in media, quem tu pete, festus in urbe, 

Quove locum possis gnoscere, Signa dabo. 

37. Paris, et codex Cob. mage malim, Venetus tarnen ante. 

40. Edi jussi script ura in Parisicnscm, quam et codex noster sequitur, nisl quod 
pro ut sus trux exhibet ut trux sus. At Venetus cui suis est venter. crus 
feritate riget. ad vitandam durioretn illam verborum constractionem. 

42. Sequimur Parisiensem editorem et codicem Coburgensem. Moüior est vcrsi- 
culus Veneti ut laedat nares tetra cloaca minus. 

43. Paris, et codex Cob. fauces inhiant, Venetus fauces retegit. 

44. Ovid. Remed. amoris 356. non semel hinc stomacho nausea facta meo. 
46. Paris, et Venetus debilitata nequit, codex Cob. debilitate nequit. 
oO.MarÖalts I. 60. quod ruet in tergum? 

XXXVII. 

l.Martialis I, 3. 1, fuge; sed poteras tutior esse domi. 
130 



35 



40 



45 



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Wehe mir Elendem, mager, unglaublich verfallen am ganzen 35 
Körper, ein schlotternd Skelett in der vertrockneten Haut! 

Mag ich auch dürr und ungestalt sein, doch mag ich nicht tauschen: 
Lelfo möcht ich nicht sein, ganz ohne Herz in der Brust. 

Lelfo ist arm an Verstand und ermangelt der denkenden Seele; 
Wie einer grunzenden Sau starrt ihm von Roheit der Leib. 40 

Tut er den Mund auf, so brüllt wie ein Ochs er und stinkt aus 

dem Munde, 

Daß du nicht weißt, ob sein Mund spricht zu dir oder sein Arsch. 
Lacht er, so reißt er den Schlund weit auf, wie ein schreiender 

Esel. 

Oft hat mich Ekel gepackt, wenn er zu lachen begann; 
Vieles zwar hätt' ich zu klagen, da vieles noch ist — aber leider 45 

Wird meine Zunge zu schwach, fällt ihr das Reden zu schwer. 
Sterben schon muß ich; lebt wohl, ihr Genossen, mein Stall und 

die Krippe. 

Weh', vor Entkräftung, so scheint's, sterb' ich Unglücklicher hier. 
Ihr aber bleibet mir fern, ihr Bestien, Geier und Raben: 

Alles, worauf ihr euch stürzt, ist nur noch Knochen und Haut 50 
Klatscht mit den Flügeln, denn Lelfo, den geizigen, kriegt ihr zu 

fressen, 

Wenn er an Galgen und Rad findet den Lohn seines Tuns. 

XXXVII. 

Der Autor an sein Büchlein, daß es nach Florenz in das 

Bordell gehen möge. 

Wenn deines Herren Wort, mein Büchlein, so wenig du achtest, 
Geh nur, entlauf mir, doch mach dich nach Florenz auf den Weg. 

Dort ist inmitten der Stadt ein gar lustiges Plätzchen; dahin geh. 
Wie du das Plätzchen erkennst, zeig ich durch Zeichen dir an. 

44. Ovid Rem ed. amoris, 356: 

öfter als einmal fühlt Ekel mein Magen davon. 

50. Martial. I, 60: 

Wo sind die Schultern, auf die er sich stürze. 

XXXVII. 1. Martial; I, 3: 

Gehe denn, fliehe; daheim konntest du sicherer sein. 

9. 131 



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5 



Alta Reparatae scitare palatia divae, 

Aut posce agnigeri splendida templa dei. 



5. Parisiensis Rtparatae, codex Coburgensis liparatae. Templum intelligit 
Antonius suo tempore atque etiam nostro Florentinae urbis primarium, 
sanctac Reparatae ollm dicatum. nunc sanctae Mariae Roridae dictae con- 
secratum, de cujus dedicatione Nicolaus Machlavellus libro quinto Historiae 
Florentinae p. 256. exempli Latini Argentinac anno 1610. excusi, hac igitur 
via. inqult, conciliata pontificis (Eugenii IV) bcnevolentia vis um fuit 
Florentinis , postquam nimirum templum primarium, quod sanctae Repa- 
ratae appellatur, jam olim aedificari coeptum, eo usque jam perductum 
fuisset, ut sacra in eo commodum peragi jam possent, pontificem rogare, 
ejus dedicationem in se transferre dignaretur, idque non aegre impetrarunt. 
In illo ipso templo Julianus Mediceus, Cosmi nepos, anno 1478 trucidatus 
est, teste Angelo Politiano in conjurationis Pactianae commentario: ecce tibi 
ante tempus conjuratorum manus sciscitabantur, ubi Laurentius? ubi 
Julianus? Dicunt in templo divae Reparatae. Eo contendunt. Petrus 
Brichius versiculis 142. 43. Cosmiadis, tomo II. Carm. ill. Poet. Ital. p. 467. 



Splcndldissimum hoc templum aedificari coeptum est drca annum 1294. 
Audias Raphaelem Brunonem libro inscripto: Rlstretto delle cose piü notabill 
della citta di Firenze, edito Florcntiac anno 1698. pagina 10. rem ita narrantcm: 
Questo grand' edifizio (la chiesa mctropolitana chlamata santa Maria del fiore) 
ebbe cominciamento l'anno 1294, o com' altri vogliono il susseguente, 
essendo prima in questo luogo una chiesa molto divota, eretta in onore 
di santa Reparata, per ricordanza dell' insigne vittoria ottenutasi nel di 
lei giorno contro Radagasio, re de' Goti. II primo architetto fu maestro 
Arnol/o di Lapo, o di Cambio, discepolo di Cimabue, sotto la direzione del 
quäle incominciatasi questa fabbrica, dopo cento cinquanta quattr' anni 
fu da varj architetti suoi successori quasi all' ultima perfettione condotta. 
Ma la gran cupola fu parto dell' ingegno maraviglioso di Filippo di Ser 
Brunellesco, artefice. che ne' suoi tempi non ebbe ugualc. Plura de magnl- 
fico illo artis archltectonlcae monumento, praesertim de tholo admirandae 
altltudints (hinc alta palatia) vide sis in Volkmannl libro Germanice scripto: 
Historisch -kritische Nachrichten von Italien, tomo L pag. 526 — 530. De 
sancta Reparata virgine Caesareensi, quae sub Decio didtur periisse, addcre 
juvat verba Caesaris Baronii in Martyrologio Romano ad diem VIII. Octobris: 
eodem die Caesareae in Palaestina passio sanctae Reparatae virginis et 
martyris, quae cum nollet idolis sacrificare, sub Decio imperatore variis 
tormentorum generibus cruciata demum gladio percutitur, cujus anima in 
columbac specie de corpore egredi coelumque conscendere visa est. 



Haeret adhaec animo Reparatae virginis ingcns 
In gremio divae jam conspiratio facta. 



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Frage zunächst nach dem hohen Palaste von St. Reparata 5 
Oder dem glänzenden Dom, der dem Johannes geweiht. 



5. Unter dem .hohen Palaste der heiligen Reparata' versteht der Autor 
die damalige — und jetzige — Metropolitanklrche von Florenz, den, ur- 
sprünglich der helligen Reparata, später der Jungfrau Maria .Santa Maria del 
flore' geweihten Dom. Über die Einweihung des Domes berichtet Nlcolö 
Machlavelii, Historie Fiorentine, Libro V (S. 176 in der ersten Gesamtausgabe, 
1550): .Nachdem auf diese Weise das Gemiit des Papstes (Eugenius IV.) zu- 
friedengestellt war, schien es den Florentinern angemessen — da die Kathedrale 
ihrer Stadt, genannt Santa Reparata, deren vor langer Zelt angefangener Bau 
so weit beendigt worden war, daS man das hellige Amt darinnen zelebrieren 
konnte — , Ihn zu ersuchen, daß er sie in eigener Person weihte. Der Papst 
ließ sich gern dazu bereitfinden' (1434). In diesem selben Dome wurde Giu- 
liano de' Medici, der Enkel Cosimos, im Jahre 1478 von Meuchelmördern getötet, 
wie Angelo Poliziano in seinem Kommentar über die Verschwörung der Pazzi 
berichtet: .Schon vor der Zeit erkundigte sich die Rotte der Verschworenen bei 
den Leuten: Wo Ist Lorenzo, wo Giuliano? In der Kirche der Santa Reparata, 
hieß es. Dorthin eilen sie.' Pietro Bricchl, in dem Heldengedicht .Cosmlas, 
Vers 142—143 (Carm. HL Poet. IUI. Teil D, S. 467): 

Auf dem Gemüt ReparaUs, der Jungfrau, lastet noch immer 
Jene Verschwörung, die ausbrach in dem heiligen Raum. 

Der Bau dieses herrlichen Domes begann ungefähr im Jahre 1294. Vgl. 
hierüber die Angaben des Raffaello Bruni, Rlstrctto delle cose piü notabili della 
citta di Flrenze, Flr. 1698, S. 10: .Dieses große Gebäude (die Metropolitanklrche, 
genannt SanU Maria del flore) wurde im Jahre 1294, oder wie andere behaupten, 
Im folgenden Jahre zu bauen begonnen, auf einem Platze, den zuvor eine zu 
Ehren der hl. Reparata errichtete und im Rufe großer Heiligkeit stehende Kirche 
eingenommen hatte. Letztere war zur Erinnerung an den großen Sieg, den 
Stillcho an dem Tage der Heiligen Uber den Gotenkönig Radagaisus davon- 
getragen hatte, erbaut worden. Der erste Dombaumeister war Arnolfo di Lapo, 
oder di Cambio, ein Schüler Cimabues. Unter seiner Leitung wurde dieser 
Bau begonnen und im Laufe von 154 Jahren von verschiedenen Architekten, die 
Ihm nachfolgten, fast bis zur höchsten Vollendung weitergeführt. Aber die große 
Kuppel war die Schöpfung des wunderbar großen Geistes des Filippo Brunellcschi, 
eines Künstlers, der zu seinen Zeiten nicht seinesgleichen hatte.* Weiteres über 
dieses großartige Denkmal der Baukunst siehe bei Volkmann; Historisch-kritische 
Nachrichten über Hallen, Teil I, S. 526 — 530. Über die heilige ReparaU, eine 
Jungfrau aus Caesarea, die unter Dedus umgekommen sein soll, möge es ge- 
nügen, die Worte des Caesar Baronius im Martyrologium Romanum zum 
8. Oktober anzuführen: .am gleichen Tage zu Caesarea in Palästina die Passion 
der heiligen Reparata, Jungfrau und Märtyrerin, welche, da sie sich weigerte, den 

133 



Heic fueris, dextram teneas, paulumque profectus 

Siste, vetusque petas, fesse libelle, forum. 
Heic prope meta viae est, heic est geniale lupanar, 
10 Qui sua signa suo spirat odore locus. 

Huc ineas, ex me lenasque lupasque saluta, 

A quibus in molli suscipiere sinu. 
Occurret tibi flava Helene, dulcisque Mathildis, 

Docta agitare suas illa vel illa nates. 
15 Te viset Jannecta, sua comitante catella, 

Blanda canis dorninae est, est hera blanda viris. 
Mox veniet nudis et pictis Clodia mammis, 

Clodia blanditiis grata puella suis. 



6. Codex Cob. agniferi, Parisiensls agnigeri. Sic noster infra in epistola ad 
Petrum Lunensem ducem Mediolanensem appellat anguigerum. 

7. Hoc vcrsu septimo et mox nono pro heic, quae est scriptura Parisiensls, 
codex Cob. ter exhibet hic. 

8. Recepi petas ex codice nostro, nam Paris, habet petes. 

9. Viae est codicis nostri, Parisiensis via. 

13. Mathildis est itidem codicis nostri, Paris. Mathildes. 

U.Martial. VII, 10. de cute quid faciat ille vel ille sua. Ovid. Amor. I, 8, 84. 
et faciant udas illa vel illa genas. Padflcus Maximus Eleg. XIII, 15. 
quando illa vel illa placebit. Crissatrices sunt Helene et Mathildis, utl 
mox Pltho, quae tarnen maxima. Crissari vult Naso, cum jubet Amor. III, 
14, 26. spondaque lasciva mobilitate tremat. Crissabat uxor Virronis, ad 
quem pervenit lecti sonus, cum daret Naevolo, marin" paediconi, Juvenal. 
FX, 78. 

15. Sic etiam Nichinam, scortum illud egregium Senense, canes in delidis 
habulsse vidimus supra XXX, 18. 

16. Edidimus est hera cum Parisiensi. Codex Cob. et hera. Atqui passim 
noster eadem verba sie gemlnat, vide Append. II, 56. 76. 

17. Juvenal. VI, 121. 22. 23. de Messalina: 

Intravit calidum veteri centone lupanar. 

Et cellam vacuam. atque suam, tunc nuda papillis 

Constitit auratis. 

Prostabant meretrices nudae in lupanaribus Romanorum. Hinc de illa ipsa 
Messalina Juvenalis loco dtato: ostendit tuum, generöse Britannice, ventrem. 
Dio Cassius LXXIX, 13. de Heliogabalo: tv t$ naXaxüp oIxtj/Aä n dnodei^ag 
ivtav&a ipiXyaive, yvpvög tr dei IjiI tijg digag avtoQ (tnitg, &gneo al 
nöQvai. Petronius cap. 7. cum ego negarem me cognoscere domum, video 

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Hast du's gefunden, dann halte dich rechts und ein wenig noch 

grad aus, 

Bleibe ermüdet nun stehn, frag nach dem Altmarkt, mein Buch. 
Dort deiner Wandrung Ziel, dort ist das Bordell, das famose, 

Das seinen eignen Geruch ausströmt als Zeichen des Orts. 10 
Geh dort hinein und bestell viel Grüße an Wirtin und Huren, 

Die an die mollige Brust drücken dich werden sogleich. 
Dir kommt die blonde Helene, die sanfte Mathilde entgegen, 

Diese und jene geschickt, schnell zu bewegen den Steiß. 
Dich zu betrachten erscheinet Jeannette, gefolgt von dem Hündchen, 15 

Welches ihr schöntut, wie sie selber den Männern es macht: 
Bald auch Clodia erscheint, die Brüste entblößt und gepudert, 

Clodia, das liebliche Kind, das sich aufs Schmeicheln versteht. 

Götzenbildern zu opfern, unter dem Kaiser Dedus mit verschiedenen Arten von 
Torturen gemartert und schliefilich mit dem Schwerte hingerichtet wurde, deren 
Seele in Gestalt einer Taube aus ihrem Leibe hervorgehend und gen Himmel 
fliegend gesehen worden ist.* 

6. Agniger, der .Trager des Lammes' ist der Täufer Johannes, dessen 
Kirche, das .Battistero', dem Dome gegenüber steht. Weiter unten, in der 
Epistel an Pedro de Luna heißt der Herzog von Mailand .angulger', der 
. Schlangenträger nach dem Wappentier der Stadt (Anm. des Übersetzers). 

8. Der .alte Markt', Mercato vecchio, das Zentrum der Stadt, gegen 
Ende des XIX. Jahrh. gänzlich umgebaut, jetzt Piazza Vittorio Emanuele und 
Umgebung (Anm. des Übersetzers). 

14. Martial. VII, 10: 

was schiert's dich, 
Was mit dem eigenen Fell dieser und jener beginnt? 

Ovid. Amor. 1, 8, 84: 

Mache die Wangen der ein' oder der andre dir feucht. 

Pacifico Massimo, Elegia XIH, 15: 

Wenn mir nun dies' oder jene gefällt? 

Elena und Matelda sind .crissatrices', ebenso wie die im weiteren Verlauf 
genannte Pitho, letztere die hervorragendste. Ovid will .crissierT werden, wenn 
er, Amor. III, 14, 26, sagt: 

Und das Gestelle des Betts zirtre vom üppigen Spiel. 

Die Gattin des Vlrro (Juvenal IX, 78) .crissierte', als sie sich dem Naevolus 
hingab, dem Päderasten ihres Mannes, 

Welchen des Bettes Geknarr erreichte. 

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Galla tuo peni vel cunno, nam tibi uterque est, 
20 Injiciet nullo tacta rubore manus, 



quosdam inter titulos nudasque meretrices furtim spatiantes. Tarde. imo 
jam sero intellexi. me in fornicem esse deductum. Neque id mirum, cum 
in balneis non dubitarent mares et feminae promlscue lavari. Martial. VII, 35. 
ad Lecaniarn, servum subllgaculo inguina succinctum secum ducentem: 

Sed nudi tecum juvenesque senesque lavantur; 
An sola est servi mentula vera tui? 

Idem XI, 75. ad Cocliam: 

Theca tectus aSnea lavatur 
Tecum, Coelia, servus. — 
Non vis, ut puto, mentuiam videre. 
Quare cum populo lavaris ergo? 

Oliscente morum severltate tentavit pristinam licentiam lege tollere Adrianus. 
Spartianus cap. 18. lavacra pro sexibus separavit. Vidt tarnen vetus con- 
suetudo legem, nam alloquin opus non fuerat nova lege, qua teste Julio 
Capitolino cap. 23. Marcus Antonius lavacra mixta sustulit. Post indulsit 
consuetam voluptatem molle Ingenium Heiiogabali. Rursus prohlbuit Alexander 
Severus, de quo Aelius Lampridius c. 24. balnea mixta Romae exhiberi 
prohibuit, quod quidem jam ante prohibitum Heliogabalus fieri permiserat. 
Tandem synodorum ecclesiasücarum decrerJs mos jucundus intra fincs quidem 
imperii olim Romani fere evanuit, sero tarnen ac pedetenbm. Acdpe ex 
Operibus Poggii p. 298. quantum saeculo adhuc quinto dccimo regnaverit 
licentlac Thermls Helvetiorum: nam cuivis licet visendi. colloquendi, jocandi 
ac laxandi animi gratia a Horum balnea adire, adstare, adeo ut et cum 
exeunt et ingrediuntur aquas feminae majori parte corporis nudae con- 
spiciantur. Nulla suspicio inhonesti. Pluribus in locis qui viris et 
mulieribus quoque ad balnea est ingressus, ut saepissime accidat. et virum 
feminae nudae. et feminam viro nudo obviam ire. Cernunt viri uxores 
tractari, cernunt solum cum sola, nihil his permoventur. Sic transeunt 
gaudia mundi! Allac gentes hodieque promiscue lavant, ut Flnnones, teste 
Josepho Acerbide, Magazin von merkw. Reisebeschreibungen XXVI. 228. 
Sed, ut aliud ex alio, varias artes excogitavit libido divitum, ut fruercntur 
spectaculo nudarum puellarum. Tiberius Caesar nudis puellis ministrantibus 
coenabatur: Sueton. Tlb. c. 42. Sestio Gallo, libidinoso ac prodigo seni. 
coenam ea lege condixit, ne quid ex consuetudine immutaret aut demeret. 
utque nudis puellis ministrantibus coenaretur. Celeberrimas luxu famaque 
epulas Tlgellinus paravit Neroni : Tadtus Annal. XV, 37. in stagno Agrippae 
fabricatus est ratem. cui superpositum convivium navium aliarum tractu 
moveretur. Crcpidinibus stagni lupanaria adstabant, inlustribus feminis 

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Nach deinem Schlitz und dem Schwanz — denn beides ja hast 

du — wird Galla, 
Die zu erröten nicht weiß, greifen mit lüsterner Hand. 20 



15. So hatte auch Nichina, jene namhafte Dirne von Siena, Hunde gern, 
wie wir oben, XXX, 18 gesehen haben. 

17. Juvenal VI, 121-123, von der Messalina: 

Trat sie hinein ins verrufene Haus voll dunstiger Fetzen, 
Hin in die ledige Zell', in die eigene; stellte sich nackend 
Auf mit vergoldeten Brüsten. 

In den römischen Bordellen standen die Freudenmädchen nackend da. Des- 
wegen sagt Juvenal, a. a. O , von der Messallna auch: 

Und Heß schauen, o edler Britannicus, deinen Geburtsschofi. 

Dio Cassius LXXIX, 13, von Heliogabalus: .im Palaste bestimmte er dn 
eigenes Zimmer für seine Geilheiten, stand dort nackt wie die Lustdirnen, unter 
der Tür.' Petronius, Kap. VII: .da ich leugnete, das Haus zu kennen, sah ich 
einige unter Aufschriften und nackten Huren umherwandeln. Endlich, aber schon 
zu spät, merkt' ich, daß ich in ein Haus der Wollust geführt sd/ Es ist das 
auch nichts Außerordentliches, da man ja im Altertum keinen Anstoß daran nahm, 
daß Manner und Frauen zusammen in den Badem sich badeten. Martial. VH, 35, 
an die Lecania, die einen mit einem Schamgürtel versehenen Sklaven bei sich hat: 

Dennoch baden mit dir sich Greise und Jünglinge nackend. 
Hat denn dein Sklave allein wirklich ein mannliches Glied? 

Ebendaselbst XI, 75, an die Coelia: 

Eine Hülle von Erz bedeckt den Sklaven, 
Wdcher. Codla, mit dir badet. — 
Du willst, scheint es mir, keines Mannes Scham sehn. 
Weshalb badest du denn dich mit dem Volke? 

Da mit der Zeit die Strenge der Sitten nachließ, versuchte Kaiser Hadrian, 
die ursprüngliche Freihdt durch dn Gesetz einzuschränken. Spartianus, Kap. 18: 
.er sonderte für die verschiedenen Geschlechter die Baderäumt voneinander.* 
Aber die alte Gewohnheit war starker als das Gesetz, sonst hatte es wohl nicht 
eines neuen Gesetzes bedurft, mit wdchem Marcus Antonius, nach Julius Capito- 
linus, Kap. 23 .die gemeinsamen Baderäume verbot.* Der verweichlichte Sinn 
Hdlogabals leistete der gewohnten wollüstigen Sitte später Vorschub. Wieder 
verbot Alexander Severus, bei Adius Lampridius, Kap. 24, .die gemischten Bader 
zu Rom, welche zwar schon früher verboten gewesen, aber von Hdiogabal wieder 
gestattet worden waren.* Schließlich erlosch, gegen das Ende des römischen 

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Annaque Theutonico tibi se dabit obvia cantu, 
Dum canit Anna, recens afflat ab ore merum. 



completa, et contra scorta visebantur nudis corporibus. Jam gestus 
motusque obsceni. et postquam tenebrae incedebant, quantum juxta ne- 
moris, et circumjecta tecta consonare cantu et luminibus clarescere. Con- 
vivium Ulud Alexandra VI. pontifids Romani inlaudati, quis est qui nesciat 
post Thummelii nostri Itinera? Repetamus autcm locum fcsüvum Joannis 
Burchardl, cujus quidetn simplidtati memoriam rel debcmus, ne alio te 
atnandari queraris, ex ejus Diario a Leibnitio anno 1696 edito p. 77. 
Dominica ultima mensis Octobris in sero fecerunt coenam cum duce 
Valentinensi in camera sua in palatio apostolico quinquaginta meretrices 
honestae. Cortegianae nuncupatae, quae post coenam chorearunt cum 
servitoribus et aliis ibidem existentibus , primo in vestibus suis, deinde 
nudae. Post coenam posita fuerunt candelabra communia, mensae cum 
candelis ardentibus. et projectae ante candelabra per terram castaneae. 
quas meretrices ipsae super manibus et pedibus nudae candelabra per- 
transeuntes colligebant, papa, duce et Lucretia sorore sua praesentibus et 
adspicientibus. Tandem exposita dona ultimo, diploides de serico. paria 
caligarum, bireta et alia. pro Ulis, qui plures dictas meretrices carnaliter 
agnoscerent, quae fuerunt ibidem in aula publice carnaliter tractatae 
arbitrio praesentium, et dona distributa victoribus. Quibusdam placult 
amicas amids nudas ostendcre. Cui non dlctus Gyges, a Candaule, Lydorutn 
rege, uxorem nudam spertarc malo consilio jussus? Cajus Caesar, cogno- 
mento Caligula, Suetonlo teste Calig. cap. 25. Caesoniam et ardentius et 
constantius amavit, ut saepe chlamyde peltaque et galea ornatam et 
juxta adequitantem militibus ostenderet, amicis vero etiam nudam. Vis tu 
et ipse nudam cemere Caesoniam? Evolvas Monumens de la vie privce des 
douze Cesars, et tabulam quidem XXVI aeri Indsam. Nostra etiam aetate, 
ut me alicubi legere memini, Ludovicus XV. Francogallorum rex legitimus, 
Barriae pcllids in ledo jacentis et somnum tedo lumine simulantis monstravit 
amico dunes nudatas, quas tanquam deae jussit hominem genubus flexis 
deosculando adorare, quod illico facere non dubitavit adulator. 
18. Quippe sdt Clodia opus et voce et manu blande juvare. Ulcus habet, uti 
Phlogis apud Martialem XI, 60. quod habere suam vult quisque puellam. 
Nec imitatur uxorem Martialis, XI, 104. tanta gravitate coire solitam, ut thura 
merumque diis parare videretur, nec Chionem ejusdem, XI, 60. quam absentem 
marmoreamque putes, nec Saufejam fatuam apud eundem III, 72. Sequitur 
praeeepta Joannis Joviani Pontani carmine XLVI. Amorum p. 195. excmpli 
Mcrceriani: 

Muta Venus mihi nulla placet, suspiria misce, 

Aptaque laseivis garrula verba jocis. 
Nec man us officio desit, manus aemula linguae est, 

Haec tactu Venerem suscitat, illa sono. 

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Anna auch kommt dir entgegen und trällert ein Liedchen, ein 

deutsches, 

Wenn sie zum Singen den Mund öffnet, so riecht sie nach Wein. 

Kaisertums, infolge der kirchlichen Synodaidekrete, die naive Sitte beinahe ganz, 
aber erst spat und ganz allmählich. Welche Ungeniertheit noch im XV. Jahr- 
hundert in den wannen Bädern der Schweiz (Baden im Aargau) herrschte, möge 
man aus Poggios Bericht (Opera, S. 298) ersehen: .Jeder, der Besuche machen, 
plaudern, scherzen und sich ausruhen will, hat freien Zutritt zu den Badem und 
mag sich dort aufhalten, ja man sieht sogar Frauen, wenn sie in das Wasser 
gehen oder das Bad verlassen, am größten Teil des Körpers nackt, ohne daß 
jemand etwas Unehrbares dabei argwöhnt. An mehreren Orten ist für Männer 
und Frauen nur ein Eingang zu den Bädern vorhanden, so daß es sehr oft ge- 
schieht, daß ein Mann einem nackten Frauenzimmer oder eine Frau einem nackten 
Manne begegnet. Man sieht Ehemänner mit ihren Frauen verkehren und Pärchen 
vereinzelt beieinander sitzen, und niemand regt sich darüber auf." So gehen die 
Freuden der Welt dahin ! Bei einigen Völkerschaften baden Männer und Frauen 
noch heute gemeinsam, so z. B. bei den Finnen (Jos. Acerbi, Magazin von merk- 
würdigen Reisebeschreibungen, XXVI, 228). Aber, wie eins aus dem anderen 
folgt, so hat auch die Begierde der Reichen verschiedene Mittel und Wege er- 
sonnen, um das Schauspiel nackter Mädchengestalten zu genießen. Der Kaiser 
Tiberius ließ sich bei Tische von nackten Mädchen bedienen. Suctonius, Hb., 
Kap. 42: .Bei dem Sesüus Gallus, einem alten unzUchtigen und verschwende- 
rischen Schlemmer, sagte er sich mit dem Befehle zur Tafel an, daß derselbe 
nichts an seiner bisherigen Gewohnheit ändere oder kürze und daß auch nackte 
Mädchen bei Tische aufwarten sollten.* Großartige, verschwenderische und be- 
rühmt gewordene Gastmähler ließ Tigelllnus dem Nero zubereiten; Tacitus Annal. 
XV, 37: .Auf dem Weiher Agrippas ließ er ein Roß bauen, das die Tafel trug, 
und das, gezogen von anderen Schiffen, in Bewegung gesetzt wurde. Am Rande 
des Weihers standen Hurenwirtschaften, angefüllt mit erlauchten Frauen, und 
offen sah man dagegen nackte Dirnen. Dazu Gebärden und Stellungen der Un- 
zucht. Und als es dunkelte, erscholl der ganze Park daran und die Gebäude 
umher von Musik und wurde beleuchtet.' Wer kennt nicht, durch unseres 
Thümmels Reisebeschreibung (5. Januar), jenes Gastmahl des Papstes Alexan- 
der VI., unrühmlichen Angedenkens? Ich wiederhole hier die erbauliche Stelle 
aus dem Diarium des Joannes Burchardus, dessen Naivität wir das Andenken 
daran verdanken, um den freundlichen Leser nicht auf andere Quellen zu ver- 
weisen, nach Leibniz' Ausgabe vom Jahre 1696, S. 77: .Am letzten Sonntag 
des Monats Oktober speisten mit dem Duca Valcntino in dessen Gemächern 
im Apostolischen Palaste fünfzig schöne Lustdirnen, Cortegiane genannt, zu 
Abend, welche nach dem Mahle mit den Dienern und anderen Anwesenden 
tanzten, zuerst in ihren Kleidern, alsdann nackend. Nach Tische wurden Ann- 
leuchter aufgestellt, Tische mit brennenden Kerzen, und vor die Leuchter wurden 
Kastanien auf den Boden geworfen, welche die Dimen selber, mit nackten Annen 

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Te quoque conveniet crissatrix maxima Pitho, 

Qua cum deliciae fornicis Urea venit, 
25 Teque salutatum transmittit Thaida vicus 

Proximus, occiso de bove nomen habens. 
Denique tarn celebri scortorum quidquid in urbe est 

Te petet, adventu laeta caterva tuo. 
Heic obscena loqui, simul et patrare licebit, 
30 Nec tinget vultus ulla repulsa tuos. 

Heic quod et ipse potens, quod et ipse diutius optas, 

Quantum vis futues et futuere, über. 



Sequitur praecepta Nasonis Amor. III, 14, 25. illic nec voces, nec verba 
juvantia cessent. Nec cedit Uli, de qua TIbuIlus I, 9, 63. 64. 

lila nulla qtuat melius consumere noctem, 
Aut operum varias disposuisse vices. 

Pertinebant forsan ad blanditias Clodlae etiam oscula ItalU Florenüna dicta, 
qtübus adprchensis utritnque puerorum auriculis cos presslm dissuaviantur. 
Tibull. II, 5, 92. oscula comprensis auribus eripiet. 

23. Paris. Pitho, codex Cob. Picho. Ovid. Amor. III, 7, 23. 24. 

At nuper his flava Chie. ter Candida Pitho, 
Ter Libas officio continuata meo. 

Crissatricis motus dlcitur vannere apud Ludlium: Sat libro XI. crissavit. ut 
si frumentum clunibus vannat. et libro VII. nunc molere, illam autem ut 
frumentum vannere cunnis, ubi tarnen pro cunnis legend um videtur aut 
clunibus aut lumbis. Testis Nonius Marcellus I, 69. 

24. Paris, quacum, codex Cob. quicum. 

26. Paris, occiso, codex Cob. ociosa. 

27. Paris, tarn, codex Cob. j'am. 

28. Recepi caterva ex codice nostro, nam Parisiensis editor dat catena. Supra 
XXX, 19, juvenum me sollicitante caterva. 

29. Hoc versiculo et tricesimo primo Paris, heic. codex Cob. hic. 

31. Parisiensis potens. codex Coburgensis potes. 
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Ferner auch triffst du dort Pitho, die groß in der Kunst ist des 

Stoßens, 

Bei ihr ist Ursa, der Stern, wahrlich, des ganzen Bordells. 
Von der benachbarten Gasse, die nach dem gemetzgeten Ochsen 25 

Heißet, wird Thals zu dir, dich zu begrüßen, geschickt 
Ja, soviel es der Huren nur gibt im berühmten Firenze, 

Strömen zu dir und es freut sich deiner Ankunft die Schar. 
Schlüpfriges darfst du da reden und darfst es auch tun, und du 

brauchst nicht 

Rot dabei werden; es wird keine sich zimpferlich sperr'n. 30 
Da, liebes Büchlein, da folg deinem Hange: geh drauf, was das 

Zeug hält, 

Ficke und lasse dir's tun, — wie und wie oft dir's gefällt. 



und Beinen Uber und zwischen den Leuchtern sich hindurchbewegend, auflasen, 
wobei der Papst, der Herzog und seine Schwester Lucrezla als Zuschauer zu- 
gegen waren. Schließlich wurden Geschenke ausgesetzt, seidene Mäntel, Bein- 
kleider, Barette und anderes für diejenigen, die die erwähnten Huren am öftesten 
fleischlich benutzten. Die letzteren wurden in der Halle öffentlich fleischlich be- 
arbeitet, unter Zustimmung der Anwesenden, und die Geschenke wurden an die 
Sieger verteilt* Einige fanden Gefallen daran, ihre Geliebten ihren Freunden 
nackt zu zeigen. Wem wäre nicht die Geschichte des Gyges bekannt, dem der 
u bei beratene Kandaules, der König der Lyder, seine Gattin nackend zeigte? 
Cajus Caesar, mit dem Beinamen Caligula (Suetonius, Calig., Kap. 25) .liebte die 
Caesonia nicht nur feuriger, sondern auch dauernder. Er liefi sie oft mit Kriegs- 
mantel, Helm und Schild ihm zur Seite reiten und zeigte sie so den Soldaten, 
seinen Freunden sogar nackt* Möchtest du selber die nackte Caesonia sehen, 
so schlage die Monumens de la vie privee des douze Cesars, und zwar die 
XXVI. Kupfertafel auf. In neuerer Zeit zeigte, wie ich mich irgendwo gelesen zu 
haben erinnere, Ludwig XV., der allerchristlichste König von Frankreich, einem 
Freunde die entblößten Hinterbacken seiner Maitresse, der Dubarry, die auf einem 
Ruhebette lag und mit zugehaltenen Augen tat als ob sie schliefe, und lieB ihn 
diesen Körperteil küssen, wobei er sie wie eine Göttin auf den Knien anbeten 
mußte. — was der Schmeichler nicht unterließ sofort zu tun. 

18. Weil nämlich Clodla verstand, das Venuswerk mit Wort und Hand 
schmeichlerisch zu unterstützen. Sie hat so etwas wie Phlogis, bei Martial. 
XI, 60: .was jeder an seinem Mädchen sich wünschte*. Sie ahmte weder die 
Gattin des Martial nach, die sich so ernst und feierlich bei dem Koitus benahm, 
als opfere sie den Göttern Weihrauch und Wein; Martial. XI, 104; noch die 
Chione, die abwesend oder von Marmor erscheint; Martial. XI, 60; noch die ab- 
geschmackte Saufeja; Martial. III, 72. Sie befolgte vielmehr die Lehren, welche 

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XXXVIII. 



AD COSMUM DE LIBRI FINE ET DEDICATIONE. 

Cosme, vale, vatum spes et tutela novorum, 
Jamque suos fines Hermaphroditus habet 

Cum nequeat tnajus, nam turbant otia curae, 
Hoc tibi quodcunque est devovet auctor opus. 



XXXVIII. 

Apud editorem Parisiensem et Bandinum est Carmen XXXVIII, In codice 
autem Coburgensi XXXIX, praemittltur enim Carmen de ortu atque obitu 
Hermaphrodit!, quod nos in appendicem rejtdendum putavimus. Epigraphen 
dedlmus codids nostri. Post Cosmum addit Parisiensis virum darum, Ban- 
dinus virum clarissimum; InseruJt etiam Bandlnus totum carmen operi suo. 

2. In codice Coburgensi scribitur hoc loco et perpetuo Hermofroditus. 

In fine additur ab editore Parlsiensi: Hermaphroditi libellus secundus 
et ultimus explicit feliciter ad Cosmum Florentinum virum clarissimum. 
Vale. Apud Bandinum subdltur: Hermaphroditi libellus secundus et ultimus 
explicit feliciter. Ad Cosmum virum clarissimum ex Medicorum progenie 
illustri. In codice Coburgensi: Hermofroditi libellus secundus et ultimus 
foeliciter explicit. Deo gratias. Amen. 



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XXXVIII. 



An Cosimo; Ende und Widmung des Buches. 

Cosimo, Hoffnung der Dichter und Zuflucht der jungen Talente, 

Lebe nun wohl, denn hier ist Hermaphroditus am End'. 
Da er nicht weiter mehr kann, — denn die Sorgen verscheuchen 

die Muße, — 

Widmet, so wie es hier ist, dir der Verfasser sein Buch. 

Giovan Gloviano Pontano gibt, im XL VI. Gedicht der .Amores, S. 195 der Mer- 
der'schen Ausgabe: 

Venus, die stumme, gefällt mir mit nichten. Mit brünstigen Seufzern, 

Scherzendem, passenden Wort mische den Liebesgenuß. 
Müßig sei auch nicht die Hand; mit der Zunge in stetigem Wettstreit 
Reize sie durch das Gefühl, gleichwie die Zung' durch den Laut. 

Sic befolgt auch die Lehren des Ovid., Amor. III, 14; 25: 

Hier sei nimmer ein Ziel liebkosenden Worten und Lauten, 

und steht auch der nicht nach, von welcher Tibull. I, 9, 63 — 64 singt: 

'Keine verstehet es besser als sie, zu verbringen die Nachte 
Oder der Neuheit Reiz üppigen Künsten zu leih'n. 

Vielleicht gehörten zu den VerfUhrungskünsten der Clodia auch die Küsse, 
welche die Italiener .florentlnische* nennen, bei denen das Mädchen beide Ohren 
des Liebhabers ergreift und ihn, sein Gesicht fest an sich drückend, abküßt. 
Tibull. II, 6; 62: 

Fest ihn haltend beim Ohr raubt sie ihm Kuß über Kuß. 

23. Ovid., Amor III, 7; 23—24: 

Zweimal bracht' ich doch neulich der blonden Chic mein Opfer, 
Dreimal der Libas, und drei Pitho, der blendenden, dar. 

Die Bewegung beim „Crissieren" heißt bei Lucilius .worfeln* (vannere). 
Sat. Buch XI: .sie crissierte als wollte sie mit den Hinterbacken Getreide 
worfeln«, und Buch VII: .er mahlt (d. h. flekt), sie aber worfelt gewissermaßen 
mit den Hinterbacken Getreide*, wobei für .cunnis* wohl .clunlbus* oder 
.lumbis' zu lesen ist Vgl. Nonlus Marcellus I, 69. 

25. Eine Gasse mit ähnlichem Namen fand sich weder auf alten Stadt- 
planen, noch konnten mir alte Florentiner darüber Auskunft geben. Wahr- 
scheinlich erlosch der Name bereits, als der Ghetto in diese Gegend verlegt 
wurde [ca. 14301 (Anm. d. Obersetzers). 

143 



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APPENDIX 
HERMAPHRODIT!. 



L 

DE ORTU ATQUE OBITU HERMAPHRODIT! 

Cum mea me genitrix gravido gestaret in alvo, 
Quid pareret fertur consuluisse deos. 

I 

Est carmen XXXVHI libri secundl Hermaphrodit) in codicc Coburgensi. 
Extat de hoc carmine dissertatio Bernardi Monetae, torao quarto Menagianorum 
adjerta, qua docet auctor, esse illud non ab Antonio Panormita, sed ab 
Henrico Pulice Vicentino, poeta saeculi quartidecimi, compositum, fuisse vero 
jam Arigeli Politiani aetate, qui communi nomine decepti Antonio adjudicarcnt 
poCma, quod Bernardo quidem Monetae tarn tersum atque eiegans Visum est, 
ut illo judice Antonii Ingenium aliquid tale fingere neutiquam potuissct, 
quippc quo in omni Anthologia nihil reperiatur facetius, nihil venustius. 
Typis editum est saepenumero, praesertim cum inter antiqua epigrammata 
retulissct Josephus Scaliger in Catalectis Vlrgilianis. Recepit etiara in Antho- 
logiam Latinam Burmannus secundus tomo I. p. 620. Graece verterunt Pon- 
tianus, Lascaris, Bernardus Moncta. Nomen Pulids transiit in Pulliccm apud 
Li Ii um Gyraldum, in Duplicem apud Laurentium Vallam, in Pollucem apud 
Josephum Scaligerum, quem sequitur Bandinus, qui primum ultimumque 
versiculum operi suo inseruit tomo II. p. 111. ex illo ipso codice bibliothecae 
Mediceae Laurentlanae, unde inscriptiones epigrammatum Hermaphroditi 
descripserat, licet in codice rede legatur Pulex. Habet enim carmen nostrum 
in Florentino codice tltulum hunc: Pulex de ortu atque obitu Hermaphroditi. 
Itaque differt Florentinus codex a Coburgensi in eo, quod ille nomen auctoris 
addit, hic non addit, deinde vero etiam in eo, quod hic rar mim Puiiciano 

144 



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ANHANG ZUM 
HERMAPHR0D1TUS. 



L 

Hermaphroditus' Geburt und Tod. 

Als mich die Mutter noch trug im schwangeren Leib, da berieten, 
Sagt man, die Götter, was sie sollte gebären. Apoll 



I. Ober dieses Gedicht hat Bernard de La Monnoye eine Abhandlung verfaßt, 
im IV. Teile der .Menagiana*. in der er behauptet, daß es nicht von Antonio 
Panormita , sondern von Henricus Pulex von Viccnza, einem Dichter des 
XIV. Jahrhunderts sei, daß man jedoch schon zur Zeit des Angelo Panormita, 
irregeführt durch den gleichen Titel, das Gedicht unserem Antonio zugeschrieben 
habe. La Monnoye findet das Epigramm so schön und elegant, daß, nach seiner 
Meinung, Antonios Genie Oberhaupt nicht imstande gewesen wäre, derartiges 
zu schaffen, wie es in der ganzen Anthologie nichts Witzigeres und Anmutigeres 
gäbe. Es Ist oft gedruckt worden, besonders seitdem es Jos. Scaliger In die 
Catalecta Virgiliana aufgenommen hatte; z. B. Burmann 1 secundi Anthologia 
latina, Teil I, S. 620. Ins Griechische wurde es von Pollziano, Lascaris und 
Bemard de La Monnoye übersetzt, über Henricus Pulex de Custoza vgl. Gerardus 
Vossius, De historicis latinls, 1. in, cap. VII. 

Zu Heinrichs VII. Zeiten blühte auch Pulex de Custoza, so genannt nach 
einem Orte Im Gebiet von Vicenza, nicht weit von dieser Stadt entlegen. Diesen 
führt Gio. Batt. Pagllarino am Eingang seines Werkes (Cronlche dl Vicenza, date 
in luce da G. G. Alcalnl, VIc. 1669, In 4°) unter den von ihm benutzten Ge- 
schichtschreibern an. .Ich bin,* sagt er, .in diesem kurzgefaßten Werke dem 

10 145 



Mas est Phoebus ait, Mars femina, Junoque neutrum, 
Cumque forem natus, Hermaphroditus eram. 
5 Quaerenti letum sie Juno ait, occidet armis, 

Mars crueo, Phoebus aquis. Sors rata quaeque fuit 



locum tricesimum ociavum inter ipsa epigrammata libri secundi Hermaphrodit! 
tribuit, ille demum post Hermaphroditum separata epigraphe distinetum profert 
En quae de Pulice tradit Qerardus Vossius libro III. cap. VII. praeclari operis 
de Historicis Laünls: EtiamHenriciVll. temporibus damit Pulex deCustoza. 
quomodo dictus ab oppido agri Vicentini, haud longe ab urbe dissito. 
Nunc Jo. Bapt. Pajarinus in ingressu operis sui inter historicos refert, 
quos secutus Sit duces. .Sunt," inquit. .secutus in hoc opusculo brevi 
.Magistrum Coperium. antiquissimum rerum Vicentinarum scriptorem, 
.Ferretum Vicentinum. Benevenutum Capezanum, Pulicem de Custoza, 
.Magistrum Leoninum de S. Porta S. Petri, et Antonium de Godis, omnes 
.hujus civitatis' (Vicentiae) .antiquitatum scriptoresr Aetatem Pulicis ex 
his ejusdem verbis cognoseimus: .Ciaruit in ea m (familia de Pulicibus) 
.anno dornt ni 1310 Pulex de Custoza, qui heroico carmine multa scripsit.' 
Sed plenius de eodem paulo ante dixerat: .Fuit et Pulex de Custoza. qui 
.heroico carmine Caesaris" (Henrici VII.) .adventum in ltaliam scripsit. 
.Sunt autem versus octuaginta quinque. Scripsit et soluta oratione. mul- 
.tosque alios versus. Fuit hic filius Joannis Boni, et /rat res habuit duos, 
.Confortum et Jacobum." Idem Pajarinus alio in loco: .Pulex scripsit 
.etiam Carmen in adventum Caroli IV in ltaliam anni 1347. poita suo 
.quidem tempore clarus et literatissimusr Atque horum, ut dixi. vir 
clarissimus Felix Osius mihi indicium fecit. Hactenus Vossius. Vetus 
exemplura poömatis nostri reperltur in Epistolis magni Turcae (Muham- 
medis II.) a Laudivio Zacchia, cquite Hierosolymitano, Latine redditis, quibus 
Romae typis Jo. Philippl de Ugnamine anno 1473 quaternis ediüs in fine 
adjectum legitur, unde descriptum debeo Eberto, quae est vir! eruditissimi 
humanitas. 

1. Bandinus dum. ceteri Ubri cum codlce Coburgensi cum. Dcest me in codlce 
nostro; reeepi metro jubente ex libris editis, consentiente Bandino. Mox edi 
jussi gravido, exemplum Romanum et codicem nostrum secutus, quam 
scripturam et a Nestore confirmari in Vocabularlo, et a Schradaco in Monu- 
mentis Italiae testatur Burmannus loco citato Anthologiae. Vulgo gravida; 
sie etiam Bandinus. Conferas Hermaphrod. II, 1,8. sed tales epulas non 
meus alvus edit. 

2. Exemplum Romanum pariat, rellqui omnes pareret. 

3. Romanum exemplum mas sibi. ceteri omnes mos est. 

5. Codex Coburgensis letum Juno sie ait. Apud Nestorem teste Burmanno 
letum sie Juno ait, quemadmodum nos edidimus. Schradaeus praecunte 
exemplo Romano letum Juno ait, omlsso sie. Vulgo letum dea sie ait. 

146 



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Sprach: .einen Knaben", .ein Mägdelein" Mars, doch Juno: .von 

beiden 

Keines." Als ich zur Welt kam, war ich Hermaphrodit. 
Nach meinem Tode gefragt, sprach Juno: .ihn töten die Waffen", 5 
Mars: .der Galgen", Apoll: .Wasser"; und alles traf ein. 



Maestro Coperio, dem ältesten Geschichtschreiber Vicenzas, dem Ferretto (Broxa) 
Vicentino, Benvenuto Capezzano, Pulice da Custoza, Maestro Leonino da S. Porta 
S. Petri und dem Antonio de Godis, die alle Ober die alte Geschichte dieser 
Stadt geschrieben haben, gefolgt* Das Zeitalter des Pulex erfahren wir aus 
einer anderen Stelle desselben Buches: .In ihr' (der Familie Pulid) .tat sich um 
das Jahr 1310 Pulex de Custoza hervor, der vieles in heroischen Versen schrieb.* 
Etwas ausfuhrlicher war kurz vorher gesagt worden: .Auch Pulex de Custoza 
feierte in heroischen Versen die Ankunft des Kaisers* (Heinrichs VII.) .in Italien. 
Das Gedicht umfaßt 85 Verse. Er schrieb auch in ungebundener Rede , sowie 
andere Verse. Er war der Sohn des Giovanni Buono und hatte zwei 
er, Conforto und Giacomo.* Derselbe Pagliarino a. a. O.: .Ein Gedicht 
über die Ankunft Karls IV. in Italien im Jahre 1347 verfaßte auch Pulex, ein zu 
seiner Zeit berühmter und sehr gelehrter Dichter.* Diese Notizen verdanke ich, 
wie angegeben, dem berühmten Felix Osius.* — Soweit Vossius. Ein alter Ab- 
druck unseres Gedichtes findet sich in den Epistolae magni Turcae (Muhammed II.) 
von dem Johanniterritter Laudivio Zacchia lateinisch herausgegeben und in Rom, 
bei Joh. Philippus de Lignamine, 1473, in 4« gedruckt, laut einer freundlichen 
Mitteilung des gelehrten Bibliothekars Eberl. 

10« 147 



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Arbor obumbrat aquas, ascendo, decidit ensis 

Quem tuleram casu, labor et ipse super, 
Pes haesit ramis, caput incidit amne, tulique 
10 Femina vir neutrum flumina tela crucem. 

Ii. 

ELEGIA PANORMITAE AD JOANNEM LAMOLAM, QUOD LA- 
CRYMIS ELEGIAE MOTUS FRACTUSQUE EX BONON1A NE- 

QUIVERIT RECEDERE. 

Desine me placida verbis abducere terra, 

Desine me domina dissociare mea. 
Vera mones, fateor, pulcreque adducis Lüxem 
Fortiter aequoreas deseruisse deas, 
5 Liquerit ac Hentern dux ut Trojanus Elisam, 

Multa licet surdo spondeat ipsa proco. 



6. Codex Coburg, aquas, et mox quoque; vitiose. Ubri editi aquis et quaeque. 
Pro fuit Romanus editor solus tulit. 

7. Romanus editor aquis. conscendo, reliqui omnes aquas. ascendo. 

9. Codex Cob. anne tulitque. Exempla typis impressa amne tulique. Romanus 
editor solus subiit caout amne tuliaue. 

n. 

Hanc elegiam et carmina tria sequcntia subjidt codex Coburgensis 
Hermaphrodito. Recepit elegiam et Florentinus editor canninum illustrium 
poetarum Italorum tomo II. p. 113—116. Epigraphen dedimus FlorenÜnam, 
codex enim noster habet Ponornütae et nequierit. atque omittit Joannem 
ante Lamolam, et que post fractus. Joannes Lamola doctus inprimis ado- 
lescens et emendatus literis appcllatur ab Antonio in epistola ad Bartholo- 
macum Pontificem, fol. 38. Ubri Vencti. Ad ipsum Lamolam scripslt Antonius 
ibidem fol. 84. inter alia haec: velim deleres ex animo Florentiam. sit licet 
deorum, ut ais, domicilium. Non tali auxilio, nec defensoribus istis tempus 
eget. Satis enim superque discipulus et scholasticus fuisti. Nunquamne 
repones? nunquamne prospicies utilitati? senesces jam inter pueros? inter 
lud os Uterarios senesces? Proinde mihi renunties velim, an mecum optes 
vivere. an sedem tibi conquiram et firmem hic gentium. Nam spero. 
comperturum me virum tibi magnificum et eruditum. cui si literarum 
Graecarum rudimenta impartias. retribuat tibi philippeos centum annuos, 
et victum. et spem etiam amplioris fortunae. 

5. Codex Cob. liquerit ac. Florentinus fugerit et. 

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Auf einen Baum, der ein Wasser beschattete, war ich gestiegen, 
Als mir das Schwert, das ich trug, fiel, und ich selber ins 

Schwert. 

Hängend am Zweig mit dem Fuß, mit dem Kopfe im Wasser, so 

starb ich 

Weib, Mann und Neutrum, durch Schwert, Galgen und Wasser 10 

zugleich. 

IL 

Panormitas Elegie an Giovanni Lamola; durch die Tränen 
seiner Geliebten Elegia bewogen und überwunden, will er 
nicht mehr aus Bologna fortgehen. 

Gib es nur auf, mich mit Worten der friedlichen Stadt zu ent- 
locken, 

Gib es nur auf, denn du trennst von der Geliebten mich nicht. 
Trefflich ermahnst du, gesteh ich, und sprichst von Odysseus, der 

standhaft 

Einst der Sirenen Gesang sich zu entreißen gewußt. 
Auch der trojanische Feldherr verließ die Elissa in Tränen; 5 
Vieles gelobte sie ihm, aber ihr Gatte blieb taub. 



11. Giovanni Lamola wird von Antonio in dem Briefe an Bartolomeo Capra, 
Erzbischof von Mailand (Vcn. Ausg., Bl. 38) .ein gelehrter und vor allen andern 
in den Wissenschaften wohl erzogener Jüngling* genannt. Demselben Lamola 
schreibt Antonio (a. a. O. BL 84) u. a. folgendes: .ich wollte, du schlügest dir 
Florenz, das meinethalben der Sitz der Götter, wie du es nennst, sein mag, aus 
dem Sinne. Solcherlei Hilfe und derartiger Verteidiger bedarf unsere Zeit nicht. 
Du bist nämlich lange und Uberlange genug Schüler und Student gewesen. 
Wirst du dich denn nie aufraffen? Wirst du nie deinen Nutzen wahrnehmen? 
Willst du denn unter den Knaben alt werden? Willst du auf der Schulbank 
zum Greise werden? Also bitte, gib mir Nachricht, ob du zu mir ziehen willst, 
ob ich dir eine Stelle verschaffen und dich hier seßhaft machen soll. Denn ich 
hoffe, dafi ich dir einen vornehmen und gebildeten Mann finden kann, dem du 
die Anfangsgründe des Griechischen beibringen kannst, und der dir jahrlich 
100 Phillppesd'or nebst der Kost gibt, sowie auch Aussicht auf noch bessere 
Beförderung.' 

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Addis ad haec etiam, quod non ornatius ipse 

Tullius aut gravius scripserit ipse Plato, 
Denique quod possit firtnos mutare Epicuros, 
10 Aut si quid toto firmius orbe fuit 

Me quoque mutaras, nostra de mente puella 

Deciderat, muros linquere mentis erat 
Tum subeunt nostri praesignia Caesaris acta, 

Quae modo militia, quae modo pace gerat, 
15 Quin et Maecenas obversabatur ocellis, 

Quem diis persimilem saecula nostra ferunt 
Tum simul heroicos versus meditabar, et ignes 

Aut elegos animo destituisse mit 
Sensit Amor mentem nostram, retulitque puellae. 
20 Quis divum frustra numen habere potest? 

Flens Elegia venit, sie nostra puella vocatur, 

Tum primum nostros vidit amica Lares. 
Gratia magna tibi sit, Lamola, tu facis ad me, 

Tu facis ad thalamos iverit illa meos. 
25 Bella prius fuerat, bellas superabat et omnes, 

Tum facie vel se vincere visa mihi est. 
Induit, adjures, vultus Elegia dearum, 

Sive tuos Juno, sive Diana tuos. 
Facta est splendidior, facta est redolentior aedes, 
30 Arrisit partes adveniente dea. 

Sicut eram monitu flexus, sed certus eundi, 

Adstitit, et nostro tabuit illa sinu. 



7. Cod. Cob. ad haec, Florent. ad hoc. 

10. Cod. Cob. si quid. Florent si quod. 

11. Florent. mutaras, codex Cob. perperam mutatas. Tibull. III, 1, 20. an toto 
pectore deciderim. 

13. Caesar est Sigismundus, mox Maecenas Cosmus Mediceus. 
15. Florent. obversabatur. cod. Cob. adversebatur. 

25. Cod. Cob. omnes. Florent. omnis. 

26. Cod. Cob. facie, Florent. faciem. Tum Ule vincere mihi visa est. nie vincere 
visa mihi est. 

27. Codex Cob. adjures, Florent. ad vires. 

29. Codex Cob. redolentior, Florent. renidentior. 

31. Codex Cob. flexusque certus, Florent. flexus et certus; utrumque invlto 
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Diesem auch fügst du hinzu, was Tullius selber nicht hätte 
Zierlicher sagen gekonnt; Plato nicht ernster fürwahr, 

Gründe, die selbst einen eifrigen Epikuräer bekehren 
Könnten und einen, der noch standhafter wäre als der. 10 

Mich auch hattest bewegt du: ich schlug aus dem Sinn mir das 

Mädchen; 

Schon war mein fester Entschluß: fort aus den Mauern der Stadt! 
Da nun geschahen die außergewöhnlichen Taten des Kaisers, 

Die er mit Heeresgewalt, wie auch im Frieden vollbracht'. 
Selber, mit eigenen Augen erblickte ich auch den Mäcenas, 15 

Welchen das Urteil der Welt mit einem Gotte vergleicht. 
Schnell auf heroische Verse nun sann ich; die Flamme der Liebe 

Und das elegische Lied ward aus der Seele verbannt 
Amor erfuhr, wie mein Sinn sich geändert, und sagt' es dem 

Mädchen, — 

Wer wohl stände umsonst in der Unsterblichen Schutz? — 20 
Weinend erschien Elegia bei mir, denn so nennt sich mein Liebchen. 

Damals erblickt' sie zuerst meiner Penaten Altar. 
Herzlicher Dank, o mein Lamola, sei dir; du machst, daß sie 

zu mir 

Kommt, ja du schicktest uns selbst beide ins Hochzeitsgemach. 
Schön war sie immer gewesen, ja schöner als alle die Schönen; 25 

Da aber schien mir 's sogar, daß sie sich selbst übertraf: 
Wahrlich, du hättest geschworen, es hab' Elegia der Göttin 

Artemis' Züge entlehnt oder auch Heras Gesicht. 
Herrlicher wurde das Haus mir und duftender, ja auch die Wände 

Schienen vom Lächeln verklärt, da meine Göttin sich naht 30 
Eben erst hatte dein Rat mich bestimmt, und ich wollte von 

hinnen, — 

Aber da stand sie, da schmolz mir an der Brust sie dahin. 



IL 13. Der Kaiser (Caesar) Ist Sigismund, der bald darauf genannte Maccenas 
Cosüno de" Medid. 

151 



Non potuit primo, quamvis bis terque iterumque 
Atque iterum fuerit nixa, puella loqui. 
35 Pro verbis lacrymae, lacrymae pro voce fuerunt. 

Quäle, dei magni, pondus habent lacrymae 1 
Nam me flexerunt, quanquam potuere quadrigas 

Solis et irati sistere tela Jovis. 
Mens mihi mutata est. Heroum gesta valete, 
40 Maecenasque tua cum probitate vale. 

Vos quoque grandisoni longe procul ite cothurni; 

Possidet ingenii jus Elegia mei, 
Utque elegi im bell es nobis sine fine place reut, 
Lux mea de tali carmine nomen habet. 
45 Qui potuit primus dominae contemnere fletus, 

Quisque fuit, vere saxeus ille fuit. 



mctro. Scribendum putavi flexus sed certus. Saepius commutari sed et et 
scribarum negligentia observarant vlri docü ad Liv. XXI, 26. et Catull. LXVI, 22. 
Videtur Antonius ob oculos habuisse Vlrgtllanum »lud Aen. IV, 554. Aeneas 
celsa in puppi jam certus eundi, unde non repugnaverim, si malueris flexus 
jam certus. 

36. Ovid. Amor. II, 19, 18. oscula, di magni, qualia quotque dabat! 
36. Ovid. Amor. II, 5, 51. 52. 

(Oscula) ex animo dedit optima, qualia possent 
Excutere irato tela trisulca Jovi. 

39. Ovid. Amor. II, 1, 35. 36. heroum Clara valete nomina. I, 1, 28. ferrea 
cum vestris bella valete modis. 

42. Ludov. Carbo, lector gymnasU Ferrariensis ab anno 1456 ad annum 1465 
teste Borsetto in Hlstoria almi Ferrariae gymnasil parte II. p. 39. in carmine 
manu scripto fol. 184. codicis Coburgensis: Borsius omne meum possidet 

45. Codex Cob. primo, Florent primum. Tlbull. III, 2, 1. 2. 3. 4. 

Qui primus caram juveni carumque puellae 

Eripuit Juvenem, ferreus ille fuit. 
Durus et ille fuit, qui tan tum ferre dolorem, 

Vivere et erepta conjuge qui potuit. 

ldem I, 10, 1. 2. 

Quis fuit. horrendos primus qui protulit enses? 
Quam ferus et vere ferreus ille fuit! 

152 



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Erst zwar vermochte das Mägdlein, obgleich sie's zwei-, dreimal 

versuchte 

Und immer wieder aufs neu, gar nicht zu sprechen vor Schmerz: 
Tränen nur fand sie statt Worte; ihr einziger Laut war ein Schluchzen. 35 

O, ihr Unsterblichen, schwer wiegen die Tränen fürwahr! 
Mich hat ihr Weinen gerührt, und ich hätt' dem Gespanne des 

Phöbus, 

Hätte des zürnenden Zeus* Pfeilen mich kühn widersetzt 
Aber mein Sinn ist geändert Lebt wohl nun, ihr Taten der Helden, 

Du auch, leb' wohl, mein Mäcen, der du so leutselig bist! 40 
Bleibt mir vom Leibe, hochtrabende Verse im Stil des Kothurnus; 

Nur Elegia noch hat über den Genius Macht 
Weil mich die stille, elegische Dichtung so wunderbar anspricht, 

Hat auch mein herziger Schatz wohl seinen Namen daher. 
Wer es zuerst übers Herze gebracht, aus dem Weinen des Liebchens 45 

Nichts sich zu machen, der war sicher aus Felsen und Stein. 



36. Ovid.. Amor. II, 19, 18: 

Große Götter, wie gab Küsse sie mir und wie viel! 

38. Ovid., Amor, n, 5, 51—52: 

Küsse gab sie die besten nach Lust, die dem zornigen Jovi 
Sein dreispitzig Geschoß hätten entreißen gekonnt. 

39. Ovid., Amor, ü, 1, 35—36: 

Gefeierte Namen der Helden, 

Übet mir wohl! 
L 1, 28: 

Lebet mit euerem Maß, eiserne Kriege, mir wohl. 

42. Lodovico Carbone in einem Gedichte, BL 184 der Koburger Hand- 
schrift: 

Borsio verfüget allein Uber mein ganzes Genie. 

45. Tibull. UI, 2, 1-4: 

Eisern war, der zuerst dem liebenden Mädchen den Jüngling, 
Welcher dem Jüngling zuerst seine Geliebte geraubt. 

Aber auch jener war hart, der gelassen zu tragen den Jammer, 
Und von der Gattin getrennt, länger zu leben vermocht. 

153 



Ferreus Aeneas, de tigride natus Ulixes, 

Dums Virgilius, durus Homerus erat 
Scilicet humano mollique ex sanguine cretus 

Non hominum movear Iuctibus et crucier! 
Qui tribuit lacrymas homini deus, inde fatetur 

Ex lacrymis, idem et mollia corda dedit 
Desine me placida verbis abducere terra, 

Desine me domina dissociare mea. 



Ovidius Amor. III, 6, 59. 60. 

Ille habet et silices et vivum in peetore ferrum. 
Qui tenero lacrymas lentus in ore viäet. 

47. Ovld. Metamorph. VII, 32. 33. 

Hoc ego si patiar. tum me de tigride natam. 
Tum ferrum et scoputos gestare in corde fatebor. 

Ludov. Carbo in carmine manuscripto jam citato eodem codids nostri folio: 

Tigribus asperior, Lernaea saevior hydra. 

Durior es scopulis. durior es chalybe, 
Si potes in taiem sensus de f ledere mentem, ut 

Sustineas tantum deseruisse ducem. 

Idem In ailo poemate folio codids nostri proximo: 

Ferreus ilte quidem, Armenia de tigride natus. 

Durior et scopulis. durior et chalybe. 
Qui carae patriae mollissima Jussa recuset. 

49. Cod. Cob. cretus, FlorenL natus. 

51.52. Respldt locum Juvenalls XV, 131-133. 

Mollissima corda 
Humano generi dare se natura fatetur. 
Qua/ lacrymas dedit. 

Rorentinus ex lacrymis quo vel mollia corda dedit; Codex Coburgensis 
ex lacrymis quidem vel mollia corda dedit. Neutrum stare potest. Fed 
ex lacrymis. idem et mollia corda dedit, verbis inde fatetur ex lacrymis 
in parenthesi poslüs. Conferas etiam Tibullianum illud III, 6. 16. et indo- 
mitis mollia corda dedit. 

54. Cod. Cob. vitlose placida pro domina. quae est scrlptura Florentini. 

154 



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Wohl war Äneas aus Eisen, Odysseus der Sohn einer Löwin, 

Harten Gemüts war Virgil sicherlich auch und Homer. 
Aber ich, traun, der ich sanftem und menschlichem Blute ent- 
stamme, 

Sollte nicht menschlicher Schmerz rühren und ängstigen mich? 50 
War es ein Gott, der dem Menschen die Tränen veriieh'n — das 

bezeugen 

Deutlich sie selbst — , so gab er ihm auch fühlend ein Herz. 
Gib es drum auf, mich mit Worten der friedlichen Stadt zu ent- 
locken, 

Gib es nur auf, denn du trennst von der Geliebten mich nicht. 



Derselbe I, 10, 1-2: 

Wer wohl war's, der zuerst die gräßlichen Schwerter entblößte? 
Was für ein wilder, fürwahr, was für ein eiserner Mann! 

Ovid., Amor. III. 6, 59—60: 

Der hat Kieselgestein und lebendes Eisen im Busen, 
Der in dem zarten Gesicht Tränen zu sehen vermag. 

Lodovico Carbone, a. a. O.. auf demselben Blatt: 

Wilder als Tiger und grausamer noch als die Hydra von Lerna, 
Härter ja bist du als Fels, härter sogar noch als Stahl, 

Wenn die Gesinnung du also verändern gekonnt, daß du's fertig 
Brachtest und solch einen Herrn ließest so schnöde im Stich. 

Derselbe in einem anderen Gedichte, Bl. 185 derselben Handschrift: 

Eisern fürwahr Ist der Mann, von armenischer Tig'rin entsprossen, 

Härter ist jener als Fels, härter sogar noch als Stahl, 
Welcher den sanften Geboten des Vaterlands Achtung verweigert. 

51—^52. Bezieht sich auf die Stelle bei Juvenal XV, 131—133: 

Dem Menschengeschlechte 
Schuf die Natur weichmüüg das Herz, wie sie selber bekennet, 
Weil sie Ihm Tränen verliehn. 

Vgl. auch Ttbull. in, 6, 16: 

(Amor) Hat in die roheste Brust sanfte Gefühle geflößt 

155 



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55 Postquam mens rediit nyraphae, sie pauca locuta est, 

Pauca solet seraper, semper honesta loqui: 
I, si certa tuos persuadet causa recessus, 
Sed me posthabitam mox obiisse puta. 
Si steteris, vivam; sin ibis, luce relinquar. 
60 Jura meae vitae juraque mortis habes. 

Vixdum finierat, cum quam mollissimus inquam: 

Crede mihi, non est cur vereare necem. 
Enecer ipse prius, certe prius enecer optem, 
Quam tibi vel minimi causa doloris eam. 
65 Laetus agam tecum, sine te mihi nulla futura est, 

Si qua futura, tarnen moesta futura dies. 
Tu mihi, tu certe jueunda et summa voluptas, 

Tu mihi delirium, tu mihi dulce decus. 
Tu das ingenio vires, tu suggeris Oestrum, 
70 Et vates vatum religiosa colis. 

Desine me plarida verbis abducere terra, 

Desine me domina dissociare mea. 
Jamque oculis nymphae tristis defecerat humor, 
Praestiterat dictis credula nympha fidem, 
75 Inque meos vultus nitidos erexit ocellos. 

O oculos oculis sidera visa meis! 
Dicite, dii, vestrum cui desunt lumina; certe 
Furata est oculos nostra Elegia deis. 

58. Scripsi posthabitam, etsi in utroque libro legitur posthabitam. 
61. Cod. Cob. tum cum, Florent cum quam. 

65. Florent. sine te mihi nulla futura est. cod. Cob. repugnante metro sine te 
nulla mihi futura est. 

66. Codex Cob. si qua futura est moesta, Florentinus si qua futura tarnen 
moesta. quod metro poscente reeepi, Ovid. Herold. XXI, 39. 40. 

Si. nisi quae facie poterit te digna videri, 
Nulla futura tua est. nulla futura tua est. 

Idem Amor. III, 7, 17. quae mihi Ventura est, siquidem est Ventura, senectus. 

67. Florent jueunda et sola, codex Coburg, fueunde et summa. 
70. Cod. Cob. vatum, Florent. natum. 

77. Ovid. Amor. III, 3, 15. dicite di. Tibull. Eplst. I, 5. 6. 

Illius ex oculis, quum vutt exurere divos, 
Accendit geminas lampadas acer Amor. 

156 



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Als aber endlich die Sinne dem Liebchen zurückgekehrt, sprach sie: 55 
Dieses wenige, — stets redet sie ehrbar und kurz — : 

„Wenn ein triftiger Grund zum Gehn dich veranlaßt, so gehe, 
Aber das glaube mir, bald, sterb' ich Verlassene dann. 

Bleibst du, so lebe ich auf, aber gehst du, so schwindet das Licht 

mir. 

Beides, mein Leben und Tod, stehet in deiner Gewalt." 60 
Sprach's; ich sagte darauf, so liebevoll als ich nur konnte: 

„Trau'st du mir so etwas zu, daß in den Tod ich dich treib'? 
Eher doch brächt' ich mich um, eh' wünscht' ich selber zu 

sterben, 

Eh' ich dir Ursache gäb auch zum geringsten Verdruß. 
Heiter nur kann ich mit dir, nicht mag ich ohne dich leben; 65 

Wär mir ein Tag noch beschert, traurig nur wär er und schwer, 
Du nur, ja du nur gewährst mir die lieblichste, höchste der Wonnen. 

Du mein Entzücken und Lust, du meine süßeste Zier. 
Kräfte verleihst du der Seele und füllst sie mit hoher Begeist'rung; 

Wie eine Priesterin pflegst so du mein Dichtertalent " 70 
Gib es nur auf, mich mit Worten der friedlichen Stadt zu ent- 
locken, 

Gib es nur auf, denn du trennst von der Geliebten mich nicht 
Schon war versiegt in den Augen des Liebchens die Nässe der 

Trauer; 

Weil mir mein Liebchen vertraut', hat sie mir Glauben geschenkt 
Und ihre niedlichen Äuglein nun hob sie und blickt ins Gesicht 75 

mir — 

Ach, ihrer Augen Gestirn leuchtet' ins Auge mir hell. 
Saget, ihr Götter, hat einer von euch keine Augen mehr? Sicher 
Hat Elegia die Augäpfel den Göttern geraubt. 



66. Ovid. Heroid. XXI, 39, 40 (Sappho an Phaon): 

Wahrlich es wird, wenn ihr schönes Gesicht sie deiner nicht wert macht. 
Keine die Delnige sein, keine die Deinige sein. 

77. Ovid. Amor. III, 3, 15: 
Saget, 0 Götter 

157 



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Ulic insidias, illic sua tela Cupido, 

Luxurians illic retia tendit Amor. 
Mox mea candenti circumdat colla lacerto, 

Et sua conjungit mollia labra meis, 
Et centum et totidem tremula dedit oscuia lingua, 

Lingua suum atque suum dens peragebat opus. 



Jo. Jovianus Pontanus in Amoribus I, 7. 8. p. 14«. exempli Parisiensis: 

Nigraque formoso furata es lumina Amori, 
Et per te coecus dicitur die puer. 

81. VersteuH 81-88. dcsunl in libro Florentino.— Ovid. de arte amat II, 457—460. 

Candida jamdudum cingantur colla lacertis, 

Inque tuos flens est aeeipienda sinus. 
Oscuia da flenti, Veneris da gaudia flenti; 

Pax erit. hoc uno solvitur ira modo. 

84. Ovid. Amor. II, 5. 57. 58. 

Quod tota labellis 
Lingua tua est nostris, nostra reeepta tuis. 

Jo. Jovian. Pontanus in Amoribus IV, 11. 12. p. 151. exempli Parisiensis: 



Phryne, consere labra 
Pugnent humidulae per ora tinguae. 



Idem IX, 17. 18. p. 155. 



Ac linguam querulo cum suxerit ore trementem 
Exanimis collo pendeat ipsa tuo. 



Idem U, 39-44. p. 202. 

Ne linguam nostris committas forte labellis, 
Ne fernere id, quod te laedere possit, agas. 

Nulla fides legi, valeat reverentia legum, 
Culpa tua est, partes dens aget ipse suas. 

Nec sat erit suxisse genas, strinxisse labellum, 
Tuta nec in clauso lingua erit ore tibi. 

idem LH, 9. 10. p. 203. 

At tu quum dederis mihi suavia, consere linguam 
Inter labra, meo Semper et ore fove. 

158 



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Dort auf der Lauer liegt Amor und sendet von dort seine Pfeile, 
Dort hat Cupido, der Schelm, Netze und Fallen gestellt. 

Bald mit den Armen, so weiß wie Milch, umschlang meinen Hals sie, 
Während den Mund sie mir mit schwellenden Lippen verschloß. 

Küsse, wohl hundert um hundert mit spielender Zunge mir spen- 
dend, 

Lippen und Zunge und Zähn* fanden nicht Ruhe dabei. 

Tibull. Eplst. I, 5, 6: 

Sollen die Götter entbrennen, so zündet Cupido, der strenge, 
An ihren Augen ein paar Fackeln fürs Brautgemach an. 

Giov. Giovano Pontano, Amores 1, 7, 8, S. 148 der Pariser Ausgabe: 

Da du dem lieblichen Amor die dunkelen Augen geraubt hast, 
Ist nun der Knabe durch dich, Mädchen, erblindet, wie's heißt. 

81. Ovid, de arte amat II, 457-460: 

Jetzt umschlinge sogleich den weißen Hals mit den Armen 

Und an den Busen fest drücke die Weinende dir. 
Küsse die Weinende, gib der Weinenden Freuden der Liebe, 

So kehrt Friede zurück, so nur versöhnst du den Zorn. 

84. Ovid, Amor. Ii, 5, 57, 58: 

daß ich ganz mit den Lippen 
Deine Zunge, daß du meine mit deinen empfingst. 

Giov. Gioviano Pontano, Amores IV, 11, 12, S. 151: 

Phryne, o drücke Lippen auf Lippen, 
Streiten Im Munde laß sich die Zungen. 

Derselbe IX, 17, 18, S. 155: 
Wenn sie mit girrendem Mund deine zitternde Zunge gesaugt hat, 
Hangt sie von Wollust entseelt, fest dich umklammernd, am Hals. 

Derselbe LI, 39-44, S. 202: 

Lasse auch ja deine Zunge nicht etwa hinein zu den Lippen, 

Tue nicht ohne Bedacht etwas, was schaden dir kann. 
Schenk' dem Versprechen nur ja keinen Glauben, denn schließlich Ist's deine 

Schuld, wenn der bissige Zahn tut, was zu tun er gewöhnt. 
Und nicht genug ist's, die Wangen zu küssen, die Lippen zu drücken, 

Auch im geschlossenen Mund ist dir die Zung' nicht geschützt. 

Derselbe LH, 9, 10, S. 203: 

Wenn du mir Küsse willst geben, so drücke nur fest deine Zunge 
Zwischen die Lippen und halt in meinem Munde sie warm. 

159 



85 Tum mihi quae Semper sint ora bilinguia sensi, 

Qualia serpentes vulgus habere refert 
Millia si dederit mihi basia, millia carpam, 
Atque videbuntur millia pauca mihi. 



85. Scripsi tum pro tu codids nostri. Jo. Jovian. Pontanus In Amoribus VIII, 3. 4. 
p. 154. 

Cumque meis pariter conjunge labella labellis, 
Pro serpente mihi sit vaga lingua duplex. 

De duplid vel potlus bifida sivc bisulca lingua serpentum conferatur Aristoteles 
Historiae anlmalium libro II. cap. 17. ttwv öl naoä tag töv äXXcrv yhäxxag 
Ixovai aal ol 6q>etg xal ol oatioot tö dixgöav ainäv tlvai rifv ykörrxav 
äxgav, noli) de (idXioxa ol öqpetg' tä yag äxga air&v tau Xemä, &a.-reQ 
*QlzeS> tz* 1 °l xa * ') gxtntr) tozcnn'viir rifv yk&xxav. Locum philosophi ante 
oculos habult PHnlus Hlst. nat. libro XI. cap. 65. quanquam hic serpentibus 
trisulcam Unguam tribuit. Nec Ovidlo Ignota bisulca lingua serpentum: 
Metaraorph. IX, 63—65. 

Elaborque viro longum formatus in anguem, 
Qui postquam flexos sinuavi corpus in orbes, 
Cumque fero movi Unguam Stridore bisulcam. 

Simlliter Plautus in Persa II, 4, 28. tanquam proserpens bestia est bi Unguis 
et scelestus. Idem in Poenulo V, 1 , 74. b i s u 1 c 1 1 1 n g u a , quasi proserpens 
bestia. Ii lud ipsum nostrum osculari consertis Unguis, jam Plautl aetate 
notum, inducit cum quoque in memoriam serpentum bilinguium, in Pseudolo 
V, 1, 13—16. 

Ubi amans complexus est 
Amantem. ubi labra ad labella adjungit, 
Ubi alter alterum bilingui mani/esto 
Inter se prehendunt. 

Nec aliud slbi volunt gemlnae linguae Pontani in Amoribis XXVIII, 1—4. 
p. 177. 

Carae mollia Drusulae labella 
Cum. dux magne. tuis p remis labellis. 
Uno cum geminas in ore linguas 
Includis sirnu!. et simul recludis. 

• 

86. Codex Cob. serpentum. quod emendavi. 

87. Joannes Secundus Bas. VII. 

Centum basia centies, 
Centum basia millies. 

160 



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Da wohl hab ich's geahnt, was ein Mund mit zwei Zungen ver- 85 

möchte, 

Wie nach der Meinung des Volks Schlangen ihn haben. Wenn 

auch 

Tausend der Küsse sie gäbe, ich raubte ihr tausende wieder, 
Und mir schienen doch noch tausende wenig zu sein. 



85. Giov. Gioviano Pontano, Amorcs VIII, 3, 4 : 
Mit meinen Lippen zugleich auch verbinde die deinen zum Kusse, 
Wie eine Schlange dann spielt doppelt die Zunge im Mund. 

Über die doppelte oder vielmehr zweiteilige oder zweigespaltcnc Zunge der 
Schlange vergleiche Aristoteles, Historia animalium II, Kap. 17: .(die Schlangen- 
zunge) hat die Eigentümlichkeit, daß sie, ebenso wie die der Eidechsen an der 
Spitze in zwei Teile gespalten ist; aber diese Spaltung tritt bei den Schlangen 
mehr hervor und die Spitzen der Zunge sind fein wie Haare. Auch die Robben 
haben gespaltene Zungen.* Diese Stelle des Philosophen hatte PI in ins, Natur- 
geschichte, Kap. 65, vor Augen, obgleich er hier den Schlangen dreigespaltene 
Zungen zuschreibt. Auch dem Ovid war die zweigespaltene Schlangenzunge 
nicht unbekannt (Metamorph. IX, 63—65): 

Und ich entschlüpfe dem Mann, in Schlangengestalt mich verlängernd. 
Doch nachdem ich den Leib gekrümmt in gewundene Regel 
Und mit wildem Gezisch zweispaltig die Zunge bewegte. 

Ahnlich Plautus im Perser II, 4, 28: 

Zweizüngig und verschlagen wie ein kriechend Tier. 
Derselbe im Poenulus V, 1, 74: 

Mit zweigespaltner Zunge wie ein kriechend Tier. 

Auch dieses Küssen mit verschlungenen Zungen, schon zu Plautus Zeit be- 
kannt, erinnert ihn an die doppelzüngigen Schlangen (Pseudolus V, 1, 13—16): 

Wenn der Freund umarmt die Freundin, wenn sich Lippe drängt an Lippe, 
Wenn zweizüngig Spiel der eine mit dem andern, ihn umschlingend 
Treibet 

So bedeuten auch die .Zwillingszungen' bei Pontano, Amores XXVIII, 1—4, 
S. 177, ganz dasselbe: 

Der teuren Drusula schwellendes Lippenpaar, 
Wenn du's, o Herr, an deine Lippen drückst, 
In einem Munde die Zwillingszungen 
Zugleich einschließet und wieder frei läss't. 

87. Joannes Secundus Bas. VII: 

Hundert Küsse hundertmal, 
Hundert Küsse tausendmal, 

ii Wl 



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Quicquid olent violae, Spirant opobalsama quicquid, 
90 Tale quid ex bucca noster olebat amor. 

Jam modo non Arabes mercator, nec petat Indos; 

Hic quod in eoo littore quaerit habet 
Linquat apis flores, os suggat et hujus abunde 

Mella, nec Hyblaeis deteriora, dabit 

Mille et basia centies. 
Et tot millia millies. 
Quot guttue Siculo mari. 

Catullus V, 7-11. 

Da mihi basia mille, deinde centum. 
Dein mille altera, dein secunda centum, 
Dein usque altera mille, deinde centum, 

Conturbabimus illa, ne sciamus. 



89. Hunc versum et reliquos usque ad Ariern rursus exhibet Florentinus editor. 
Juven. II, 41. hirsuto spirant opobalsama collo. Marüal. XI, 8. lassa quod 
hesterni spirant opobalsama drauci. 

91. Cod. Cob. nec petat. Florent. ne petat. 

92. Scripsi quod pro quid codids Coburgensis et Florentini. 

93. Florent. suggat, quam scripturam supra eplgrammate VII. libri secundi Herma- 
phroditi expressam vldimus ab editore Parisiensi. Codex Coburgensis succet. 
Vita b. Columbae Reatinae in Actis sanctorum tomo V Maji p. 340. quatenus 
possin t abstrusa mella ruminando succare. Mox Florent ab inde, codex 
Cob. abunde. 

94. Jo. Jovianus Pontanus in Amoribus XVI, 23. 24. p. 162. 

Oscula si liceat teneris sumpsisse labellis, 
Vilis Hymettus erit. vilis et Hybla mihi. 

Idem ibidem L, 3. p. 201. 

De labris, mea Stella, tuis mihi mella liquescunt. 

Joannes Secundus Basio XIX. 

Mellilegae volucres, quid adhuc thyma cana rosasque 

Et rorem vernae nectareum violae 
Lingitis. aut florem late spirantis anethi? 

Omnes ad dominae tabra venite meae. 
lila rosas spirant omnes. thymaque omnia sola. 

Et succum vernae nectareum violae. 

162 



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Düfte, wie Veilchen sie spenden, wie Balsamgebüsch sie ver- 
breitet, 

Solcherlei atmet der Mund meiner Geliebtesten aus. 
Nicht zu den Arabern mehr, zu den Indern nicht gehe der Kauf- 
mann; 

Was er am östlichen Strand suchet, das findet er hier. 
Biene, verlasse die Blumen und saug ihren Mund; überreichlich 
Gibt er dir Honig, der nicht steht dem hybläischen nach. 



Tausend Kusse tausendmal, 

Ja, so viele tausend Tausend, 
Als das Mittelmeer halt Tropfen. 

CatuUus V, 7-11: 

Denn Kusse gib mir tausend, wieder hundert, 
Tausend wieder in einem fort, und hundert. 

Dann noch mal tausend, dann wieder hundert. 
Sind's viel Tausende nun, so wirren alle 

Durcheinander wir dann, sie nicht zu wissen. 

89. Juvenal n, 41: 

vom Salbengemische duftet der zottige Hals dir. 
Martial. XI. 8: 

So wie der Balsam riecht, der entquoll ausländischen Stammen. 

94. Giov. Gioviano Pontano, Arno res XVI, 23—24: 

Darf ich von ihren so zärtlichen Lippen mir Küsse erobern, 
Schätz' ich Hymettus gering, mache aus Hybla mir nichts. 

Derselbe, ebendaselbst L, 3: 

Von deinen Lippen, o Stella, ergießt sich mir flüssiger Honig. 

Joannes Secundus, Bas. XIX: 

Honigsammelnde Schwärmer, was schlürft ihr in Thymian und Rosen, 
Was aus den Veilchen im Lenz Nektar und duftigen Tau, 

Oder besuchet die Blüten des weithin duftenden Fenchels? 
Kommt zu der Liebsten und fliegt auf ihre Lippen im Chor. 

Diese ja duften den Duft aller Rosen und Thymianblüten, 
Und den nektarischen Saft lieblicher Veilchen im Lenz. 

II« 163 



95 Desine me placida vcrbis abducere terra, 

Desine me domina dissociare mea. 
Non hac una Venus, non unus in urbe Cupido est, 

Sunt centum, non hac unus in urbe deus. 
Hac etsi innumeri sint urbe deique deaeque, 
100 Sola mihi facie bella Elegia placet, 

Atque adeo grata est, quantum non grata Catullo 

Lesbia, nec Gallo grata Lycoris erat 
Sunt hic praeterea veteres fidique sodales, 
Sanctius hic meus est, hic Farafalla meus. 
105 Ergo vale, et nostro scribas quandoque Guarino, 

Quam salvum nostro nomine redde virum. 



m 

HERMAPHROD1TI AD GUARINUM VERONENSEM. 

Quantum Romulidae sanctum videre Catonem, 
Quantum Cephoeni volitantem Persea coelo, 
Alcidem Thebae pacantem viribus orbem, 
Tantum laeta suum vidit Verona Guarinum. 



100. Florent. facie. cod. Cob. faciet. 

101. Codex Cob. non grata, Florent. nec grata. 

102. Ovid. Amor. I, 15. 30. et sua cum Gallo nota Lycoris erit. 

104. Panormita ad Cambium fol. 60. Hbrl VeneM: hesterno vesperi redditae 
mihi sunt ex Bononia literae a Joanne Farafalla, Siculo quodam con- 
terraneo meo. viro eloquenti. et juris civilis non solum doctore, sed etiam 
docto. Idem ad Xanthium fol. 63. a Farafalla nostro Hieras accepi; valet. 
sed in re tenui. Idem ad Antonium Cremonam fol. 19. de Farafalla meo 
si quid senseris scribe. 

105. Cod. Cob. scribas quandoque. Florent. sc n bis si quando. 

III. 

Descrlpsi hoc epigramma ex codice Coburgensi. Conferas Ovid. Amor. 
III, 15, 7. 8. 

Mantua Virgilio gaudet. Verona Catullo. 
Pelignae dicar gloria gentis ego. 
Martialls XIV, 195. 

Tantum magna suo debet Verona Catullo. 
Quantum parva suo Mantua Virgilio, 

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Gib es nun auf, mich mit Worten der friedlichen Stadt zu ent- 95 

locken, 

Gib es nun auf, denn du trennst von der Geliebten mich nicht. 
Nicht diese einzige Venus nur gibt's in der Stadt, nicht nur einen 

Amor, — nein hundert; so viel göttliche Wesen sind hier. 
Aber es mögen Unzahlige Götter und Göttinnen hier sein, 

Nur Elegia gefällt mir mit dem hübschen Gesicht. 100 
Auch ist sie lieb mir wie nicht dem Catullus die Lesbia lieb war, 

Wie ihrem Gallus so lieb auch die Lycoris nicht war. 
Außerdem habe ich hier noch viel alte und treue Genossen. 

Sanzio lebet mir hier, hier Farafalla, mein Freund. 
Lebe in Frieden, und schreibst du zuweilen an unsern Guarino, 105 

Wünsche dem Manne von uns Freunden viel Segen und Heil. 

ID. 

Hermaphroditus an Guarino von Verona. 

Sowie des Romulus Enkel auf Cato, den tugendgeschmückten, 
Sowie die Leute des Cepheus auf Perseus, den schwebenden, 

schauten, 

Theben auf seinen Alciden, der kraftvoll den Erdkreis gebändigt, 
Also schaut das beglückte Verona auf dich, Guarino. 

102. Ovld., Amor. I, 15, 30: 

Und mit dem Gallus auch wird seine Lycoris berühmt. 

104. Panormita an Cambio S. 60: „Gestern abend empfing ich aus Bo- 
logna einen Brief von Giovanni Farafalla, einem Landsmann von mir aus Sizilien, 
einem redegewandten Manne, der im bürgerlichen Rechte nicht nur Doktor ist. 
sondern auch wirklich viel davon versteht." Derselbe an Sanzio S. 63: „Von 
unserem Farafalla habe ich einen Brief bekommen; er ist gesund, lebt aber in 
bescheidenen Umständen." Derselbe an Antonio Cremona S. 19: „Wenn du von 
meinem Freunde Farafalla etwas hören solltest, so schreibe mir." 

DL Vgl. Ovid., Amor. DL 15, 7—8. 

Mantua freut sich Virgils; Verona seines Catullus, 
Wahrend man mich den Ruhm nennt des Pclignischen Stamms. 

Martial. XIV, 195: 

Was die so große . Stadt Verona ihrem Catull dankt, 
Das die so kleine Stadt Mantua ihrem Virgil. 

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IV. 

GUARINI AD HERMAPHRODITUM. 



Musarum decus, Antoni, per saecula salve. 
Theocriton, antiquum Siculae telluris alumnum, 
Effingi s, prisca revocans dulcedine vatem: 
Sicilides Latio per te dabit Aetna Camenas. 

v. 

EIUSDEM AUCTORIS AD QUENDAM PUERUM. 

Cum nequeat nummos, mittit tibi carmina vates, 

Tu tarnen argento carmina pluris habe. 
Excipiunt quemvis a morte, rcdempte, Camenae; 

Carmine vivit Itys, carmine vivit Hylas. 
5 Fortunate puer, quem dilexere po€tae; 

Care puer vati, non moriere, puer. 
Et te sandus amat vates, ut teque perennet 

Conetur, at tu cur amet ille stude. 



IV. 

Carmen desumtuin est ex epistola illa Guarini ad Jo. Lamolam, quam 
supra dedimus In Testlmonlis. Inest vero etiam in appendlce codi eis Co- 

V. 

Est ultimum Carmen appendids in codice nostro, unde descripsi. 

3. Codex dempte, quod cum ferri non posset, correxi redempte. 

4. Ovid. Metamorph. VI, 658. 59. 

Prosiliit Ityosque Caput Philomela cruentum 
Misit in ora patris. 

Propert. I, 20, 48. 

Tum sonitum rapto corpore fecit Hylas. 

6. Ovid. Amor. I, 10, 62. carmina quam tribuent fama perennis erit. 

Hic finis codicis Coburgensis. Librarius subscripsit: 'Eyi) Nixolaög 

166 



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IV. 

Guarino an Hermaphroditus. 

Sei mir gegrüßet, Antonio, ewige Zierde der Musen! 
Stellest du doch den Theökritos dar, der sizilischen Erde 
Sprößling, erneuernd die lieblichen Weisen des älteren Sängers: 
Also gab Aetna durch dich den Lateinern sizilische Musen. 

V. 

Derselbe Autor an einen Knaben. 

Da es ihm mangelt an Geld, so schickt dir der Sänger Gedichte; 

Achte indessen das Lied höher als Silber und Gold. 
Jeglichen, wer es auch sei, befreien die Musen vom Tode: 

Lebet nicht Itys im Lied, lebet nicht Hylas im Lied? 
Glücklich zu preisender Knabe, den Dichter so lieben! O Liebling, 5 

Feuer dem Sänger, 0 nein, sterben nicht sollst du, mein Knab'l 
Dich auch liebt ein geweiheter Dichter, und dich zu verew'gen 

Ist er bestrebt; doch du frag* dich, warum er dich liebt. 



V. 4 — 6. (Statt zweier von Forberg zitierter Stellen stehe hier passender 
Tibull. I, 7; 63-65: 

Purpurnes Haar hat Nisus im Uedel Wenn Lieder nicht wären, 

Zierte des Pelops Arm glänzendes Elfenbein nicht! 
Leben wird, wen die Muse besingt.) 

Ovid., Amor. L 10. 62: 

Einzig dauert der Ruhm, welchen Gesänge verldhn. 

167 



VL 

ANTONII PANORMITAE LAUS ELYSIAE. 

Elysia, auricomas inter celeberrima nymphas, 

Quae forma aut animo laus erit apta tuo? 
Colla nives, et labra rosas, et luraina vincunt 

Sidera, culta Helene, nuda Diana dea es. 
5 Quum loqueris, quamvis rara et perpauca loquaris, 

Sola tarnen digna es multa loqui atque loqui. 
Quid loquar artiftces digitos, quid pensa, quid artes, 

Et quibus evitas otia mille modos? 
Inter opus tantum dulce, o dulcissima, cantas, 
10 Et cantu nolens pectora multa capis. 

Nam saltu licet ipsa lyrae, licet ipsa choreae 

Sis decus, ad thiasos rara vocata venis. 
At si quando venis, paulum cessura labori, 

Te Charites sociant, te comitatur Amor. 
15 Quacunque incedis, Spirant violaeque rosaeque, 

Incedis noctu, nox fit et illa dies. 
Quidquid habent omnes divi divaeque decoris, 

Quidquid habent laudis, tu quoque laudis habes. 
Hoc etiam felix, quod formosissima pulcro 
20 Scilicet et casto casta puella places. 

Ista puellarum decus es, decus ille virorum, 

Clari ambo, et claris moribus ambo pares. 
Ambos ergo deus longaevos servet in annos, 

Saepius et timidos jungat utrumque Venus. 



VTL 

AD GALGAN UM. 

Quod tibi tarn sero mitto, Galgane, libellum, 
Da veniam; mitti noluit ipse über. 

vi. 

Hoc carmen Hcrmaphrodlto subjlcit editor Partsicnsis ex codice mem- 
branaceo bibliothecae Mediceae. 

5. Paris, et pauca. Inde fed metro jubente et perpauca. 

168 



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VI. 

■ 

Lob der Elysia von Antonio Panormita. 

Meine Elysia, gefeiertste Schöne, mit goldenen Locken, 

Preist dich wohl irgend ein Lob würdig nach Geist und Gestalt? 
Nacken und Lippen und Augen beschämen Schnee, Rosen und 

Sterne; 

Helena bist du im Schmuck, nackt bist Diana du selbst. 
Selten und wenig zwar sprichst du, und doch bist du wert es 5 

alleine, 

Vieles zu sprechen, so schön ist jedes Wort, was du sagst. 
Was soll von kunstreichen Fingern ich sagen, Handarbeit und 

Künsten, 

Allerlei Arbeit, womit du dir vertreibst deine Zeit? 
Während der Arbeit dann singst du, o süßestes Mädchen, so lieblich, 

Daß du, willst du's auch nicht, Herzen bezwingst durch Gesang. 10 
Leider, obgleich du die Zierde des Reigens und musischen Spiels bist, 

Kommst du doch selten herbei, wenn man dich rufet zum Tanz. 
Lassest du aber dann einmal die Arbeit ein wenig im Stiche, 

Kommst mit den Grazien vereint, kommst du mit Amor zum Tanz. 
Wo du auch gehst, da duften die Veilchen und duften die Rosen, 15 

Gehst du in finsterer Nacht, wird auch das Dunkel zum Tag. 
Alles, was Göttern und Göttinnen eigen an Zierde und Schmuck ist, 

Alles was diese des Lob's würdig macht, zieret auch dich. 
Glücklich auch trifft es sich, Schönste, daß du, solch ein züchtiges 

Mädchen, 

Grad einem Jüngling gefällst, züchtig und hübsch wie du selbst 20 
Bist du die Zierde der Mädchen, so ist er die Zierde der Männer; 

Beide ja seid ihr berühmt, beide an Tugenden gleich. 
Beide erhalte euch Gott bis zum hohen gesegneten Alter. 

Venus vereinige euch, schüchternes Pärchen, recht oft. 

VII. 

An Galgano. 

Daß ich so spät dir mein Büchlein, o Galgano, schicke, verzeih mir's. 
Wollte das Büchlein doch selbst nicht, daß ich's schicke zu dir. 

169 



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Saepe equidem monui, dominum pete, candide codex; 
Respondit: lapides, non mea scripta legit 



vm. 

PETRO LUNENSI. 

RESPONDET, QUOD NOL1T DESCRIBERE BELLA NOSTRI TEMPORIS, 
TAMETS1 SPLENDID A ILLA SINT. 

Scilicet Etrarii sunt inclyta gesta senatus 
Et sunt anguigeri fortia facta ducis, 



VH. 

Recepi hoc epigramma ex opusculis Panurmitae Venettis 1553 cdiiis, ubi 
locum tenet inter carmina XXIV. 

VIII. 

Descripsi poeticam hanc Antonii epistolam ex tomo secundo Canninnm 
illustrium poetarum Italorum p. 112. 113. Petrus Lunensis Hispanus, pontifex 
Rom an as electus anno 1394, sumto nomine BenedlcÜ XIII. solus ex ponti- 
ficibus schismaticis Constantiensi fulmine non fractus obiit nonagcnarius anno 
1423 in Hispania. Unde dlscimus, Hennaphroditum scriptum fuisse ab Antonio 
ante annum 1423; nugas enim, quas versiculo nono comraemorat, nihil esse 
aliud nlsi epigrammata Hennaphroditl dubltari nequit Hermaphrod. II, 1, 24. 
nugis praefera beüa feram. In eodem epigrammate versu 3. secundum 
Vcnetum malles posthabitis nugis lusuque jocoque. Item I, 27, 1. Sancti. 
nugarum lector studiose mearum. Item I, 13, 1. 2. Antonius a Lepidino 
vocatur auctor nugarum. Etiam Marti alis epigrammata sua dicere amat 
nugas: U, I. nee tantum nugis serviet Ute meis. VTTJ, 3. tune potes 
dulces, ingrate. relinquere nugas? IX, 1. ille ego surrt nullt nugarum 
laude secundus. 

2. Anguigerum ducem vocat Philippum Mariam, ducem Mediolanensem , qui 
prindpatum tenult ab anno 1412 ad annum 1447. Fult ejus anagnostes 
a Ii quam diu Antonius noster, teste Paulo Jovio in Vitts XII. Vlcecomltum 
Mediolani prineipum p. 186. Oblectabat otium historiarum lectione. qua mm 
Antonius Panhormita, literarum nomine praeeipuo in honore Habitus, 
aliquamdiu fuit anagnostes. Vicecomitum Medlolanenslum , quorum pro- 
genies in Phllippo Maria defedt, instgne erat anguis caeruleus ter inflexus 
infantem rubrum ore tenens. Rd originem audiamus eundem Paulum Jovium 
in praefatione operis dtati exponentem: Otho (auctor nobilis gentts Viceco- 

asperrimis ad Nicaeam atque Orontem praeliis spectatae viriutis famam 
consequutus, oppugnante demum Hierosolymas Gothifredo. gloriosa totius 
exercitus acclamatione coronam promeruit, quam Volucem, Saracenorum 



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Wenn ich es öfters ermahnte: Nun geh', liebes Buch, zu dem 

Herren, 

Gab es zur Antwort: Der liest Steine nur, aber nicht mich. 

Vffl. 

An Pedro de Luna; der Autor antwortet ihm, er wolle die 
zeitgenössischen Kriegsereignisse, so glänzend sie seien, 
nicht zum Gegenstande seiner Dichtung machen. 

Herrliches freilich vollbringt der Senat des etrurischen Freistaats, 
Starkes der Herzog, dess* Schild ist mit der Schlange geschmückt; 

VIII. Pedro de Luna, aus Spanien, wurde 1. J. 1394 zum Papst gewählt 
und nahm den Namen Benedict XIII. an. Er war der einzige unter den schis- 
matischen Plpsten, der von dem Bannstrahl aus Konstanz nicht getroffen wurde ; 
neunzigjährig starb er i. J. 1423 in Spanien. Wir ersehen aus diesem Datum, 
daß Antonio seinen Hermaphroditus vor dem Jahre 1423 verfaßt hat, denn die 
.Scherze', welche er, Vers 9, erwähnt, sind ohne Zweifel nichts anderes als die 
Epigramme des Hermaphroditus. Vgl. Herrn. II , 1; 24. II, 1; 3. 1,27; 1. 

I, 13; 1—2. Auch Martial nennt seine Epigramme .Scherze' und .Possen'. 

II, 1. VIII, 3. IX, 1. 

2. Den .Schlangenträger' nennt er den Herzog FUippo Maria, Herzog 
von Mailand, welcher in den Jahren 1412—1447 regierte. Unser Antonio war 
eine Zeitlang sein Vorleser, wie Paolo Oiovio (Vitae XII Vicecomitum Mediolani 
principum, S. 186) erzählt: .Seine Mußestunden würzte er durch historische 
Lektüre; Antonio Panormita, dessen Name in der Literatur in hohen Ehren ge- 
halten wird, war eine Zeitlang sein Vorleser.* Die Visconti von Mailand, deren 
Stamm in FUippo Maria erlosch, führten im Wappen eine blaue, dreimal ge- 
wundene Schlange, welche ein rotes Kind, schon halb verschlungen, im Maul 
trägt. Den Ursprung des Wappenbtldes erzählt Paolo Oiovio in der Vorrede des 
erwähnten Werkes: .Otto (der Stammvater des edlen Geschlechts der Visconti) 
war in den helligen Krieg nach Syrien gezogen. Schon hatte er in zwei sehr 
schweren Treffen, bei Nlcaea und am Orontes, den Ruhm bewährter Tapferkeit 
erlangt, als er bei der Eroberung von Jerusalem durch Gottfried schließlich sich 
unter dem jubelnden Zuruf des ganzen Heeres den Lorbeerkranz verdiente, in- 
dem er den Woluk, einen Herzog der Sarazenen, der jeden tapferen Degen aus 
dem Heere der Christen zum Einzelkampf im freien Felde herausgefordert hatte, 
ganz allein vor allen andern, ohne daß die Wildheit des grausamen Barbaren 
oder der schreckliche Anblick seiner ungeheueren Waffen Eindruck auf ihn 
machte, glücklich besiegte. Er trug von dem Helme des erstochenen Feindes 
eine reiche und unsterblichen Ruhmes würdige Beute davon, nämlich eine goldene 
Schlange, die sich in unentwirrbaren Windungen drohend auf dem Scheitel des 

171 



Sunt et Aragonei praelustria proelia regis, 

Femina Parthenope mascula bella gerit, 
5 Ne morer, Ausonias omnis Mars efferat oras, 

Cogitur atque armis gens peregrina suis. 
Magna quidem sunt haec, et magno digna poeta, 

Dignaque percupida posteritate legi, 
Quaeque ego praetulerim nugis, quaeque ilicet ausim 
10 Atque suo atque gravi composuisse pede. 

Si nescis is sum, qui Virgilios et Homeros 

Malim quam Gallos Callimachosque sequi. 
Quamvis hi Veneres, quamvis hi bella reponant, 

Attamen auctori gloria cuique sua est. 
15 In pretio est, pulcre teneros qui flevit amores, 

In pretio pulcre est arma virumque canens. 
Sed mihi, nescio cur sicut tu, sicut et alter, 

Maluerim ex bellis inde venire tonos. 
Dixeris ergo canas Martern ducis atque senatus, 
20 Sive canas regem belligeramque nurum. 

Verum qualis erit ducis elargitio vati? 

Qualia, die sodes, praemia regis erunt? 



ducem, media in campo ad singulare certatnen fortissimum quemque ex 
Christiana acie provocantem ipse unus ante atios, nihil ejus immanis 
barbari ferocia vel terribili insignium armorum specie permotus. fortiter 
atque feliciter devicit. retulitque de confossi hostis galea opimum plenum- 
que immortali gloria spolium, auratam scilicet viperam inexplicatis spiris 
minaciter a cono cassidis erectam, et puerum passis manibus devorantem; 
quod unum auspicatae virtutis argumentum non modo gentilitiae laudis 
gestamen fuit. sed et posteris id insigne audacter usurpantibus et imperia 
et opes et late gloriam portendit. Transiit hoc insigne ad hodiemos quo- 
que duces Mediolanenscs c gente Austriaca. 

3. Alphonsum V intclligit, Aragoniae et Siciliae, deinde post etiam Neapolis 
regem, qui regnavit ab anno 1416 ad annum usque 1458. Antonius fuit 
ejus ab epistolis, idemque laudator celeberrimus. 

4. Femina Parthenope est Johanna II. regina Neapolitana ab anno 1414 ad annum 
1435. quae mox versu 20. belügera Alphonsi regis nurus dicitur, quanquam 
id minus accurate, cum regem regina adoptasset. 

6. Gens peregrina Italids coacta armis videtur esse Dalmatica, quam Veneti 
bello cum Hungaris gesto secundo decennio saeculi quinti deeimi in potesta- 
tem suam redegerunt. 

172 



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Glorreiche Treffen auch lieferte jüngst Aragoniens König; 

Parthenopeia, ein Weib, zieht wie ein Mann in den Krieg. 
Kurz, es verwüstet jetzt Mars die Gefilde Italiens alle, 5 

Zwingt mit den Waffen sogar fremde Nationen ins Joch. 
Großes geschieht, eines Dichtertalentes würdige Dinge, 

Wert, daß die Nachwelt einst forschend und staunend es liest. 
Alles das würde den Scherzen ich vorziehn und schwänge wohl 

gar mich 

Auf zum heroischen Ton, der zu der Schilderung paßt. 10 
Weißt du noch nicht, daß ich lieber Virgil und Homer als den 

Gallus 

Und den Kallimachos möcht' nehmen zu Vorbildern mir? 
Diese zwar schildern die Freuden der Liebe, und jene die Kriege; 

Dennoch hat jeder Autor seinen besonderen Ruhm. 
Der wird geschätzt, weil er zärtliche Klagen der Liebe so rührend, 15 

Jener, weil Waffengetös', weil er den Helden besingt 
Aber ich weiß nicht, warum grade ich, weder du, noch ein andrer, 

Sollt' in melodischen Vers bringen den lärmenden Krieg? 
Willst du mir sagen: „Besinge den Krieg des Senats und des 

Herzogs, 

Singe des Königs, der kriegführenden Stiefmutter Lob!" — ? 20 
Ja; aber wie wird der Herzog dem Dichter erkenntlich sich zeigen? 
Welche Belohnung, mein Freund, wird ihm vom König zuteil? 



Helmes aufrichtete, und einen Knaben mit hilfeflehenden Annen verschlang. 
Dieses Wahrzeichen siegreicher Tapferkeit wurde nicht nur von seinem Ge- 
schlechte ruhmvoll im Wappen geführt, sondern auch den Späteren, die das 
Wappen kühn sich aneigneten, zeigte es Herrschaft, Reichtum und großen Ruhm 
an." Dasselbe Wappen ging auch, nach dem spanischen Erbfolgekrieg, auf die 
Herzöge von Malland aus dem Hause Österreich über. 

3. Er meint Alton so V., König von Aragonien und Sizilien, spater 
auch von Neapel, der von 1416 bis 1458 regierte. Antonio war sein Sekretär; 
er wurde als sein Biograph und Lobredner berühmt 

4. Parthenope ist Giovanna IL, Königin von Neapel, 1414 bis 1435, 
welche etwas später, Vers 20, des Königs Alfonsos kriegerische Schwiegertochter 
genannt wird, was indessen unrichtig ist, da die Königin den König adoptiert 
hatte. 

6. Die fremde, von italienischen Waffen bezwungene Nation scheinen die 
Dalmatiner zu sein, die die Venezianer, in dem Kriege gegen die Ungarn, im 
zweiten Jahrzehnt des XV. Jahrhunderts, unter ihre Oberherrschaft brachten. 

173 



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Aut nulla, aut certe quam parva, simillima nullis, 
Et quibus haud Chartas, quas perarabis, emas. 
25 Usque adeo nostra sub tempestate tyranni 

Pro nibilo sacri carmina vatis habent 
Sit licet Aeneas dux, sit rcx alter Achilles, 

Si caret historico vate, peribit uter. 
Uli raucescant citharae, fons areat illi, 
30 Quicunque ingrati principis arma canit, 

Et me destituant Musae, me pulcer Apollo 

Non am et, indigni si ducis acta feram. 
At tu principibus qui jucundissimus extas, 
Petre, fac ingenio par mihi munus eat 
35 Tunc mea magnanimos largos regesque ducesque 

Evehet ad superos larga Thalia polos. 

IX. 

ELEG1A ANQELINAE. 

Quid quaeris, quid te tanto moerore fatigas, 
Spes mea, blanditiae deliciaeque meae? 

36. Martialis VHI, 56. sint Maecenatts. non deerunt. Flaut, Marones. 

IX. 

Inest haec elegia in Margarita pottica Albcrti Eibensis follo 146. exempli 
Argentinae anno 1503 excusi, cum eplgraphe: ex Joanne Antonio Her- 
maphrodita, unde patet, compilatorem nomen llbrl mlnim in modum sum- 
sisse pro nomine auctoris, atque adeo ex Hermaphrodito fecisse Hermaphro- 
ditam. Compilatorem dico, nam ineptc praeflxlt venusto carmini, quo Angelina 
nescio cui amorem suum fatetur, versiculos plane alienos sex: 

Uror et occultae redeunt praecordia flammae: 
O ego si sileam terque quaterque miser! 

Duicis, amoena fui, multis mea facta plaeebant, 
Sed super pretium nil mihi dulce fuit. 

Diruit haec eadem quae me construxerat ara. 
Una meae vitae causa necisque fuit. 

Ac primum quidem distichon est epigramma XXVI. libri secundi Hermaphrodit!, 
alterum est ultimum epigrammatis XXX. ejusdem libri, tertium aliunde petitum 
quo referatur difficile dictu. Ne tarnen queraris, deficere te Interpretern, ubi 



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Entweder nichts oder wenig, so karg, daß es fast so wie nichts ist, 

Daß du nicht 'mal das Papier, das du verschreibst, dafür kaufst. 
Immer noch halten zu unseren Zeiten die Herren Tyrannen 25 

Nichts von den Liedern, womit göttlich ein Sänger sie preist. 
Wenn auch der Herzog Aeneas, der König ein zweiter Achill wär, 

Spurlos vergehen sie beid', wenn sie der Sänger nicht nennt 
Jenem Poeten verstumme die Laut' und versiege die Quelle, 

Der einen Fürsten besingt, welcher mit Undank ihn lohnt 30 
Mögen auch mich die Kamenen verlassen, Apoll mich nicht lieben, 

Wenn ich unwürdiger Herrn Taten erzähle im Lied. 
Du aber, der an den Höfen der Fürsten so gern ist gesehen, 

Pedro, sieh zu, daß mein Lohn meinem Talente entsprech. 
Dann wird Thalia auf Flügeln des Ruhms freigebige Kön'ge, 35 

Herzög und Fürsten mir gern tragen zum Himmel hinauf. 

IX. 

Elegie der Angelina. 

Sag' mir, was sinnst du, was plagest du dich mit so großer Be- 
trübnis? 

Du, meine Hoffnung, mein Schatz, du meine Wonne und Glück! 



36. Martial. VIH, 56: 

Ist ein Mäcenas, so wird nicht fehlen, o Flaccus, ein Maro. 

IX. Diese Elegie findet sich in der Margarita poetlca des Albrecht von Eybe, 
Straßburg 1503, S. 148, unter der Überschrift: ,ex Joanne Antonio Hermaphro- 
dita*, aus der hervorgeht, daß der Abschreiber sonderbarerweise den Titel des 
Buches für den Namen des Autors genommen und so aus einem Hermaphroditus 
eine Hermaphrodita gemacht hat. Man kann ihn sogar in schlimmem Sinne Ab- 
schreiber nennen, denn ganz unpassend leitet er das hübsche Gedicht, in dem 
Angelina ich weiß nicht wem ihre Liebe gesteht, mit folgenden sechs gar nicht 
hierher gehörigen Verszeilen ein: 

Wehe, ich brenne! Am Herzen mir nagen verborgene Rammen, 
Und wenn ich schweige, so fühl' harter mein Elend ich noch! 

Lieblich war Ich und reizend, und allen gefiel mein Benehmen, 
Aber mir selber gefiel nichts so als Silber und Gold. 

Mich hat derselbe Altar, der erbaut mich hat, wieder zerstöret. 
Mir floß Leben und Tod beides aus nämlichem Quell. 

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Quid gemis, et totiens singultus pectora rumpunt? 
Quid lacrymis totiens lumina moesta raadent? 



maxime opus, fortasse est epitaphium puellae illius Perusinae, quae et Ladislao 
regi Neapolitano et sfbi Ipsa anno 1414, patris medid jussu decepta, necem 
ita con sei vissc traditur , ut venenato sudariolo incalescenüa membra in coitu 
perfricaret Certe potuit puella recte dlcere, dirul se eadem ara, qua fuisset 
construda. Intelligit cunnum, ad quem veluti ad aram sua solet mentula 
facerc Hbamenta. Prlap. LXXIH. 

Obliquis pathicae quid me spectatis ocellis? 

Non stat inguinibus mentula tenta meis. 
Quae tarnen exanimis nunc est et inutile lignum, 

UtUis haec. aram si dederitis, erit. 

Quis est, qui dubitet, aram, quam Priapus mentulae darf jubet, locum 
esse ad li band um aptum, sive sit cunnus, sive culus, sive os? Proxime 
enim addlt: 

Per medios ibit pueros. mediasque puellas 
Mentula, barbatis non nisi summa petet. 

Vult: date quod fodiat, illico surget mentula, et exsplendescet virtus innata; 
date culum, paedicablt, date cunnum, futuet, date os, irrumabit. Nihil stmpli- 
dus. Cave tarnen deproperes. Interpretes tantum non omnes bonam sen- 
tentlam desperant ex voce aram cruendam. Tcntant locum variis conjeduris. 
Mavult Scioppius arae, quasi dixerit Priapus, utilem fore mentulam ligneam 
suam tum, cum arae data fuerit ustulanda, Eggelingius cum Antonio arvum. 
Lessingius arrham, Burmannus secundus erucam, Orvillus coram aut sertum. 
Risum teneatis, amid! Desiderant viri docti locum similem. Nempe vetant 
dld recens, adhuc indidum ore aüol Forsan autem ne inauditus quidem est 
usus poeticus arae de cunno. Profert Burmannus secundus in Anthologia 
Latina tomo II. p. 592. epigramma Luxoril, poetae sexti saeculi, hoc: 

Zelotypus plures ineurvas clune puellas. 

Sed nulla est, quae te sentiat esse virum. 
C us t oilis clausus, Inn quam sis Omnibus aptus. 

Est tarnen internus Jupiter ex f amidi s. 
Si nihil ergo vales, vacuo cur arrigis orge, 

Et facis ignarus mentis adulterium? 

Versiculo quinto Codices manu exarati exhibent oge, quod cum nihlli sit, 
inde fedt Heinslus orge, Graecum quidem 6or>i Latinis literis scriptum, Bur- 
mannus secundus conjldt vacua cur arrigis arte. Quid si Luxorius dedit 
vacua cur arrigis ara, aut vacuae cur arrigis arae? Tum haberes, quo 
saüsfieret vel istls morosis. 



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Was sollen Seufzer und häufiges Schluchzen, die Brust dir be- 
engend, 

Was diese Tränen, die oft machen die Augen dir feucht? 



Das erste Distichon ist das XXVI. Epigramm des II. Buches des Hermaphro- 
ditus, das zweite der Schluß des XXX. Epigrammes desselben Buches; woher 
das dritte genommen sei, ist schwer zu sagen. Um aber meine Leser gerade 
bei dieser sehr schwierigen Stelle nicht im Stiche zu lassen, möchte ich vermuten, 
daB wir hier das Epitaphium jenes Mädchens aus Perugia vor uns haben, von 
welcher erzählt wird, dafi sie, durch ihres Vaters, eines Arztes, Befehl hinter- 
gangen, im Jahre 1414 den Tod des Königs Ladislao von Neapel und ihren 
eigenen dadurch herbeigeführt habe, daß sie beim Koitus ihrer beider erhitzte 
Geschlechtsteile mit einem vergifteten Schweißtuche abgerieben. Sicherlich 
konnte das Mädchen mit Recht sagen, daß sie durch denselben Altar zugrunde 
gehe, der sie erbaut habe. Sic versteht darunter die Fut, dem die Mentula, 
gleichsam als einem Altare, ihre Opfergaben darzubringen pflegt. Priap. LXXIU: 

Käufliche Dirnen, was schaut ihr mich schief an, so Uber die Achsel? 

Weil mir geschwellt nicht steht zwischen den Beinen der Schwanz? 
Ist er auch jetzt, wie ihr seht, ein entseeltes und wertloses Holzstück, 

Zeigt er sich nützlich sogleich, gebt ihm nur euren Altar. 

Wer kann hier zweifeln, daß der Altar, den Priapus für seinen Penis fordert, 
eben ein passender Opferplatz, eine Fut, ein Hinterer oder ein Mund sei? Denn 
gleich darauf setzt er hinzu: 

Jünglingen geht durch die Mitte mein Glied, durch die Mitte den Mädchen, 
Doch von den Bärtigen will's nichts als den oberen Teil. 

Das heißt doch: gebt ihm etwas zum Durchbohren, dann wird der Penis auf 
der Stelle sich aufrichten und in seiner natürlichen Bravour glänzen; gebt ihm 
einen Podex, so paediziert er, gebt ihm eine Fut, so fickt er, gebt ihm einen 
Mund, so irrumiert er. Nichts einfacher als das. Doch nicht zu hastig! Fast 
alle Kommentatoren verzweifeln daran, aus der Lesart ,aram* einen richtigen 
Sinn herauszubekommen und versuchen es an dieser Stelle mit Konjekturen. So 
zieht Scioppius .arae' vor, gleichsam als wolle Priapus sagen, seine hölzerne 
Mentula werde dann nützlich sein, wenn sie zum Verbrennen auf den Altar ge- 
geben werde; Eggeling liest mit Antonius ,arvum\ Lessing .arrham" Burmann II, 
.erucam", d'Orville .coram" oder .sertum'I Ist's nicht zum Lachen? Die Herren 
Gelehrten sehen sich nach einer ähnlichen Stelle um. Sie lassen freilich das nicht 
als neu gelten, was noch nicht von einem anderen ausgesprochen worden istl 
Vielleicht aber Ist der poetische Gebrauch des Wortes .ara' für „cunnus* gar 
nicht so etwas Unerhörtes. Burmann II bringt in seiner Anthologie latina, Teil II, 
S. 592, ein Epigramm des Luxorius, eines Dichters aus dem VI. Jahrhundert: 

12 177 



5 Sume animos, lux nostra, aniraae pars altera nostrae, 

Qui vitae arbitrium, mortis et unus habes. 
Sume, age, sume animos, o vita dulcior, o mi 

Dulcis amor, vita carior ipsa mea. 
Pone modum lacrymis, tantos compesce dolores, 
10 Angelina rogat, quod rogat obsequere. 

Ferrea non ego sum, neque sum de tigride nata, 

At placidus sanguis nobile corpus alit 
Te clari exomant mores, te vivida virtus, 
Te decor atque altae nobilitatis bonos, 
15 Et tibi frons laeta est et amica virentibus annis, 

Ingenuusque tuo splendor in ore sedeL 
Ula gerit silices et clauso in pectore ferrum, 

Quae talem imprudens nescit amare virum. 
Hoc unum superest, ut me miseratus amantem 
20 Excipias nostros in tua jura sinus. 

Tu me ardere facis, tu me languere furentem, 

Causa meae vitae causaque mortis eris. 
Tu nostrum sidus, tu gloria nostra perennis, 
Omnia tu nostrae jura salutis habes. 
25 Forma fuit teneris Semper suspecta puellis. 

Dii te perpetuent, cuncta et per saecula laetum 
Reddant, sint vitae stamina longa tuae. 

x. 

JOANNES JOVIANUS PONTANUS AD ANTONIUM 

PANORMITAM. 

Antoni, decus elegantiarum, 

Atque idem pater omnium leporum, 



11. Sic supra in elegia ad Lamolam versiculo 47 ferreus Aeneas, de tigride 
natus Ulixes. 



22. Similis versus 60 elegiac ad Lamolam: Jura meae vitae juraque mortis habes. 

X. 

Descripsi ex Parisiensl exemplo Amorum Pontani p. 157. 

178 



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Fasse nur Mut, meine Sonne, du anderer Teil meiner Seele, 5 
Der du alleinig verfügst mir über Leben und Tod! 

Fasse, ich bitte dich, Mut; der du teurer mir bist als mein Leben, 
Süßer Geliebter, der mir einzig mein Leben versüBt! 

Zügle die Tränen und dränge die Schmerzen zurück in die Brust dir. 
Sieh, Angelina, sie fleht; folg' ihrer Bitte, mein Lieb! 10 

Bin ich doch nicht wie von Eisen so hart, nicht von Tigern er- 
zeuget, 

Nein, meinen edelen Leib nähret ein friedliches Blut 
Dich aber sieht barlich schmückt die Sitte, leibhaftig die Tugend, 

Dich auch Zierde und Ehr hoher und edler Geburt 
Heiter erstrahlt deine Stirn und freut sich der blühenden Jahre, 15 

Während der Mund einen Zug frischer Natürlichkeit hat 
Wahrlich, von Kiesel und Eisen ein Herz in der Brust hat das 

Mädchen, 

Welches nicht solch einem Mann liebend ergeben sich mag. 
Eines nur fehlt mir: daß du, dich der Liebenden freundlich er- 
barmend, 

Ganz mich mit Seele und Leib aufnimmst als deinen Besitz. 20 
Du ja entzündest mein Feuer, du machst mich Ermattete rasen. 

Wie du zum Leben mich rufst, wirst du dem Tode mich weih'n. 
Aber du bist mein Gestirn, meine bleibende Sonne des Ruhmes; 

Über mein Wohl oder Weh schaltest und waltest nur du. 
Mögen die Götter dich immer erhalten, durch alle Jahrhundert' 25 

Lebe du froh und es spinn Klotho den Faden dir lang. 

x. 

Giovanni Gioviano Pontano an Antonio Panormita. 

Antonio, Zierde der feinen Schreibart, 

Und gleichfalls Meister lust'ger Geschichten, 



Zclotypus, du beugst zwar mehreren Mädchen den Hintern, 
Daß du ein Mann bist, das hat aber noch keine verspürt 

Schließest sie ein und bewachst sie, als wärest du allen gewachsen, 
Aber ein Jupiter Ist unterm Gesinde im Haus. 

Wenn du nun also nichts taugst, was wird er vorm leeren Altar steif? 
Warum begehst du im Geist Ehbruch, und weißt's nicht einmal? 

12- 179 



Unus te rogat ex tuis amicis, 

Cras ad se venias, ferasque tecum 
5 Quantumcunque potes facetiarum 

Et quicquid fuerit domi jocorum. 

Nam risus tibi tantum apparavit, 

Quantum Democrito diebus octo 

Profundi satis et super fuisset, 
10 Quod tecum patulo cupit palato 

Perridere suapte risione, 

Condita levitate ineptiisque. 

XL 

EPITAPHIUM ANTONII PANORMITAE AUCTORE JOANNE 

JOVIANO PONTANO. 

Siste hospes; fas est cantus audire dearum. 

Grata mora est, Musae nam loca sacra tenent. 
Antoni monumenta vides, hinc templa frequentant. 

IUe fuit sacri maxima cura chori. 
Illum saepe suis medium statuere choreis, 
Duxit compositos, arte decente, choros. 
Saepe lyram cessit Clio, cessere sorores, 

Concinuit teneros voce manuque sonos. 
Exstinctum flevitque Aon, flevitque Aganippe, 

Sebethus miseros egit in amne modos. 
Sirenes quoque de scopulis miserabile Carmen 

Ingeminant, planctu littora pulsa sonant. 
Pierides tristem ad tumulum fudere querelas, 

Pierides passis post sua terga comis. 
Hinc crevit desiderium, nec cura recessit 
Vatis, at exstincto vate remansit amor. 



XL 

Praefationi Hennaphroditi adjedt editor Parisiensis hoc epitaphium, quo 
nolui lectores fraudare. 

4. Parisiense cxcmplum mendose sacra. 
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Dich bittet einer von deinen Freunden 

Komm morgen zu ihm und bringe mit dir 

So viel du kannst von deinen Fazetien, 5 

Und was zu Haus sich findet an Scherzen. 

Denn so zum Lachen ist er grad aufgelegt, 

Daß auch Demokritos sicher acht Tage lang 

Genug und übergenug an dem Gelächter hätt', 

Das offnen Mundes er anschlägt mit dir; 10 

Ausschütten wollen wir uns vor Lachen, das 

Mit Pikanterie und Zoten sei gewürzt 

XL 

Epitaphium des Antonio Panormita, von Giovanni Gioviano 

Pontano. 

Weile hier, Fremdling; es ziemt sich der Göttinnen Sange zu 

lauschen, 

Lieb wird dir sein der Verzug, wohnen die Musen doch hier. 
Siehe Antonios Grab; hier kommen zum Tempel sie häufig, 

Denn ihrer heiligen Schar teuerster Schützling war er. 
Mitten hinein in den musischen Reigentanz riefen sie oft ihn, 5 

Wo er mit schicklicher Kunst führt* den geordneten Chor. 
Oft überließen ihm Klio und ihre Geschwister die Lyra, 

Zärtliche Weisen dann hob an er mit Stimme und Hand. 
Um den Verblichenen klagt Aonien und Aganippe, 

Sebethus murmelt, der Bach, Töne der Trauer um ihn. 10 
Selbst von den Klippen erheben Sirenen nun Lieder voll Schwer- 
mut, 

Seufzend, daß von ihrer Klag' ringsum der Strand widerhallt 
Auf einem Hügel ergießen Wehklagen pierische Musen, 

Denen das lockere Haar fällt auf den Rücken hinab. 
Lebhafter nur wird der Wunsch, denn sie waren bemüht um den 15 

Sänger 

Stets voll Eifer, und noch lieben im Tode sie ihn. 



Im 5. Verse haben die Handschriften .oge", was sinnlos ist, und daher von 
Heinsius durch ,orge\ das griechische dpyij ersetzt wurde. Burmann II ver- 

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Conveniunt nunc ad tumulum, celebrantque choreas, 
Et celebrant lusus, magne poeta, tuos. 

En audis, sonet ut lenis concenübus aura? 
Ut sonet appulsu concita terra pedum? 

Haec vati memores Musae post fata rependunt; 
Carminis hoc meritum est Num satis? Hospes abi. 



Zu deinem Hügel nun kommen sie alle und feiern die Tänze 
Und deine Scherze im Lied feiern sie, großer Poet 

Hörst du, wie sanft durch die Lüfte harmonische Töne erklingen? 
Wie, von den Füßen berührt, leise der Boden erbebt? 20 

So nach dem Tode belohnen die dankbaren Musen den Sänger; 
Das ist des Liedes Verdienst 1 Gehe nun, Fremdling, von hier. 



mutet .vacua cur arrigis arte.* Sollte nicht Luxorlus geschrieben haben .vacua 
cur arrigis ara" oder .vacuae cur arrigis arae*? Dann hatten wir eine Lesart, 
mit der auch jene eigensinnigen Herren zufrieden sein können. 



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APOPHORETA. 



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m 



Cato betrete unser Theater nicht, wenn aber doch, dann sehe er ruhig zu. 



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Von den Arten des Geschlechtsgenusses. 

Die verschiedenen Arten des Geschlechtsgenusses zu unter- 
suchen ist meine Absicht, freilich nicht alle überhaupt — denn 
wie könnte man die tausend Formen, die tausend Stellungen 
beim Geschlechtsgenusse, 1 mit denen erfinderische Übersättigung 
der Begierde der Venus zu opfern wagt, in einer Zahl aus- 
drücken? — sondern diejenigen, welche sich in einer gewissen 
Ordnung klassifizieren lassen, in die man leicht eine jegliche Art 
einreihen kann. Gib dich aber, lieber Leser, keiner falschen Hoff- 
nung hin. Ich gehöre nicht zu denen, die auf den Ruhm erpicht 
sind, eigene Erfahrungen oder neue Experimente in einem Fache 
vorzubringen, in welchem ich nicht einmal eine Prüfung abgelegt 
habe. Ich habe auch nicht vor, von Dingen, die ich gesehen und 
gehört habe, zu berichten; damit könnte ich dir, selbst wenn ich 
es noch so gern wollte, nicht einmal dienen, denn ich bin durch- 
aus von meinen Büchern abhängig, in denen ich so tief stecke, 
daß ich kaum noch mit Menschen verkehre. Ich ergriff diesen 
Zeitvertreib zunächst aus Neigung, indem ich eines durch das 



1 O vidi us, De arte amatoria I, 435—436: 

Wollt' ich die schmähliche List der Buhlerinnen verfolgen, 
Wären der Zungen mir zehn nicht und der Munde genug. 

Aloisia Sigaea, S. 320 (S. 193 der Conradt'schen Übersetzung): .So viele 
Stellungen der Körper einzunehmen vermag, so viele verschiedene Arten des 
Liebesgenusses gibt es. Ihre Zahl läßt sich nicht angeben; ebensowenig läßt 
sich sagen, welche Stellung die wollüstigste sei. In der Wahl der Stellung ist 
für jeden Menschen jedesmal Laune, Ort, Zeit maßgebend. Gleiche Liebe für 
alle Menschen gibt es nicht." 

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andere ersetzte, da die Philosophie, die ich einst zu meiner 
Lebensbeschäftigung erwählen wollte, jetzt daniederliegt — oder 
steht sie vielleicht in Flor, wenn fast jeder Tag neue Systeme 
hervorspriefien sieht, die schnell wieder untergehen, wenn heut- 
zutage beinahe so viele Philosophien vorhanden sind als es Philo- 
sophen gibt, wenn keine Schulen und statt der Gruppen nur 
noch einzelne Persönlichkeiten zu existieren scheinen? — Dann 
auch beschäftigte ich mich damit, um denen ein wenig zu raten 
und zu helfen, die sich in der allzufreien Naivetät der alten 
Schriftsteller und ihren gewürzten Pikanterien oft nicht zurecht- 
finden können, und sich über die schamhafte Kürze oder das 
Stillschweigen der Kommentatoren ärgern. Diese haben freilich 
für Knaben geschrieben, und niemand wird leugnen, daß sie recht 
hatten, sich nicht auf umständlichere und ausführlichere Schilde- 
rungen schlüpfriger Dinge einzulassen. 

Wenn ich mich irgendwo geirrt haben sollte, so entschuldige 
das, bitte, mit meinem geringen gelehrten Handwerkszeug, 
sowie mit der Unerfahrenheit in den ungewöhnlichen Lüsten, 
die in den Kleinstädten zu herrschen pflegt, und schließlich auch, 
sozusagen, mit der Biederkeit der koburgischen Schwänze. 

Ich bin hierin nicht der erste. Von meinen Vorgängern nenne 
ich Astyanassa, welche, nach Suidas, 1 zuerst „über die Stellungen 
beim Beischlaf" schrieb; Philaenis von Samos* oder vielmehr 
— damit man mir nicht nachsage, ich wolle fremden Ruhm ver- 
kleinern — den athenischen Sophisten Polykrates, der unter dem 

1 Suidas : .Astyanassa. die Magd der Helena. Menelaos' Gattin, welche zuerst 
verschiedene Lagen beim Koitus erfunden und Ober die Figuren des Beischlafes 
geschrieben hat Sie hat später Nachahmerinnen gefunden in der Philaenis und 
der Elephantine, welche ebenfalls schmutzige Schandbücher von dieser Art ge- 
scnwaizig veronentiicnten. 

1 Priapeia 63. 15 (nach der Übersetzung des Freiherrn Alexander v. Bernus): 

Hier besucht mich mit ihrem Buhlen oft Fräulein ... — fast wir 

Mir ihr Name entschlüpft und nachdem sie auf mehr 

Arten sich angegellt hat. als zu diesem Zweck 

Uns Philaenis erzählt hat begibt sie sich wieder hinweg. 

Ihr guter Ruf wurde von Aeschrion wieder gerettet der in dem Epitaphium 
der Philaenis (Athenaeus VIII. 335c) am Schlüsse sagt: 
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Namen dieser ehrenwerten Matrone ein Buch „über die verschiedenen 
Stellungen beim Liebesgenusse" schrieb; Elephantis 8 oder Ele- 
phantine, ein griechisches Mädchen, deren üppige Büchlein der 



Nicht war ich geil vor Männern, auch vorm Volke nicht; 
Doch hat Polykrates, wie sie sagen, von Athen der, 
Ein schlauer Schwätzer und begabt mit böser Zung 1 
Da irgendwas geschrieben, wovon ich nichts weiß. 

Timarchus (bei Lukian, pseudol. cap. 24) besaß das Bachlein der Philaenis: 
.Oder in welchem Buche hast du diese Worte und Ausdrücke jemals ge- 
funden? Wohl in den Schriften der Philaenis, die du immer in den Händen 
hast.' 

3 Suetonius.Tiberius, Kap. 43: .Seine verschiedenen Schlafgemächer schmückte 
er mit den malerischen und plastischen Darstellungen lasziver Szenen und Gruppen, 
und versah sie mit den Schriften der Elephantis, damit es niemandem beim 
Ausüben der Wollust an einem Muster der vorgeschriebenen Stellung fehlen 
möchte/ 

Priapeia 4: 

Schamlose Zeichnungen aus den Büchern der Elephantis 
Bringt dem gliedstarren Gotte Lalage dar und sie fleht: 

Es mit ihr doch auch zu versuchen, wenn ihm bekannt ist, 
Daß sie es ganz den Figuren der Bilder entsprechend versteht. 

Es gab also Maler, welche die von der Elephantis geschilderten Stellungen, 
vielleicht nach ihrem eigenen Vorgange, bildlich darstellten. Derartige Gemälde 
widmet Lalage dem Priapus mit der Bitte, er möge sie selber gründlich vögeln 
und prüfen, ob sie als eine gelehrige Schülerin alle diese abgemalten Varianten 
des Koitus getreulich nachmachen könne. Wer wollte daran zweifeln, daß solche 
Abbildungen lasziver Gestalten aus den Büchern der Elephantis, der Philaenis 
oder anderswoher entlehnt, durch ihren verführerischen Inhalt nicht die Phantasie 
der Künstler angeregt haben, sie wetteifernd nachzuahmen und immer vollendeter 
darzustellen? Hierauf bezieht sich Ovidius, De arte amat. II, 679—680: 

Um dich zu reizen, verleihn dem Genüsse sie tausend Gestalten; 
Nie hat deren ein Bild mehr zu erfinden vermocht. 

und der Autor des antiken Epigramms, welches Joseph Scaliger in seiner An- 
merkung zu Priapeia 4 veröffentlicht: 

Hat sie die allerlei Arten der hübschen Gemälde kopieret, 
Möge sie gehn und es häng' dieses jetzt über dem Bett. 

Sehr häufig wurden bei den Römern Wände und Plafonds mit obszönen 
Bildern geschmückt, wie dies z. B. Propertius II, 6, 27 ff. bezeugt: 

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Kaiser Tiberius in seinem Schlafzimmer aufbewahrt haben soll; 
Paxamos, 4 der ein Dodekatechnon von obszönen Stellungen ver- 
faßte; Sotades von Maroneia, 5 mit dem Beinamen Cinaedologus, 

Ja, die Hand, die zuerst unzüchtige Bilder gezeichnet, 
Schändliche Stücke zur Schau keuschen Gemächern gebracht, 

Die hat sicher den Blick anständiger Mädchen vergiftet, 
Und zur eigenen Nichtswürdigkeit jene geweiht. 

Nicht mit solchem Gebilde hat einst man die Zimmer geschmücket, 
Noch an die Wände so frech Taten des Lasters gemalt. 

* Suidas: .Paxamos, Dodekatechnon handelt von den unzüchtigen Stellungen.* 
Ich glaube, dafi hier ohne Grund eine gewisse Kyrene mit dem Beinamen 
.Dodekamechanos' aufgeführt wird. Jene galante Dame scheint nämlich die 
.zwölf Künste" der Venus nicht sowohl beschrieben, als vielmehr praktisch aus- 
geübt zu haben. Suidas, s. v. .\o>i\> x(un)yavm< : .Eine gewisse Kyrene, eine be- 
rühmte Hetäre, wurde mit dem Beinamen .Dodekamechanos' genannt, weil sie 
den Liebesgenuß in zwölferlei Weisen vollzog.' 

Aristophanes, Frösche 1326—1328: 

Meine Lieder willst tadeln du, 
Nachahmend die zwölf Wendungen 
Der Schmiegsamkeit Kyrenes? 

Sie wird auch in den Thesmophorien , Vers 98, aber nur beiläufig, erwähnt. 
Es ist wohl zweifelhaft, ob jener Musaeus zu den Schriftstellern über die 
Systematik des Liebesgenusses zu zählen sei; Martialis Xll, 95: 

Was Musaeus Verbuhltes hat geschrieben, 
Bücher, die sich mit Sybarit'schen messen, 
Und mit reizendem Salz getränkte Blätter, 
Lies, Instantius Rufus; doch ein Mädchen 
Sei bei dir, daß du nicht Thalassus Werke 
Deinen lüsternen Händen übertragest 
Und Ehegatte du werdest ohne Gattin. 

■ Athenaeus XIV, 620 e: .Die Gedichte des Sotades, in ionischem Dialekt, 
und vor ihnen die ,Ionica* Alezanders des Aetollers, Pyres von Milet, Alexis 
und anderer, waren bekannt. Der letztere hatte den Beinamen Cinaedologus. 
Sotades von Maroneia tat sich in dieser Stilgattung hervor. Carystius von Per- 
gamon in seinem Werke über Sotades, ebenso wie Apollonius, der Sohn des 
Sotades, der ein Buch Über seines Vaters Gedichte verfaßt hat, stimmen in 
dieser Meinung überein. ■ Dieser Sotades nahm ein schlechtes Ende. Da er die 
Ohren des Ptolemaeos Philadelphos, Königs von Ägypten, mit kühneren An- 
spielungen belästigte, als sie königliche Ohren vertragen können, ließ ihn der 
König in ein bleiernes Gefäß einschließen und ins Meer werfen. 
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von dem das ganze Genre den Namen sotadische Bücher erhalten 
hat, als solche, die wegen allzu großer Schamlosigkeit bemerkens- 
wert sind; Sabellus, von dem Martialis sagt XII, 43: 

Wollusttriefendes hast du mir, Sabellus, 

Vorgelesen in zu beredten Versen, 

Wie des Didymus 1 Dirnen nicht sie kennen, 

Noch der lüsternen Elephantis Bücher. 

Neue Formen der Venus gibt es dorten, 

Wie sie wagen verlebte Buhler mögen: 

Was verschwiegen wohl Ausgediente bieten, 

Wo sich Fünfe zu einer Gruppe fügen, 

Sich aus mehreren eine Kette bildet, 

Was erlaubt bei verlöschter Lampe sein mag. 

Das verdiente nicht, daß du beredt wardst 

Ferner gehört zu meinen Vorgängern Pietro Aretino, 2 .der 
Göttliche" genannt, dem ein ungerechtes Gerücht nachsagt, er habe 
zu sechzehn von Giulio Romano gemalten und von Marc An- 
tonio in Kupfer gestochenen, sehr obszönen Bildern Verse von 
unübertroffener Zügellosigkeit gedichtet; Lorenzo Veniero, 8 ein 



1 Wer die .Dirnen des Didymus' waren, weifi man nicht. In Ermangelung 
bestimmterer Nachrichten möchte ich wenigstens die Vermutung äußern, daS 
unter den viertausend Büchern, welche der Grammatiker Didymus, nach Seneca, 
Briefe, 88, geschrieben haben soll, auch irgendeines über die Stellungen der 
Freudenmädchen gewesen sei, das man wohl mit den Büchern der ElephanUs 
zusammen aufführen konnte. Sicherlich konnte ein Mensch, der mit dem größten 
Scharfsinn untersuchte, ob Anakreon mehr ein Wüstling oder ein Trunkenbold 
gewesen sei, und ob Sappho ein öffentliches Frauenzimmer war oder nicht, auch 
ganz gut Untersuchungen über die Arten des Liebesgenusses anstellen. 

• Siehe Bayle, Dictionnaire unter Pierre Aretin und Murre Journal zur 
Kunstgeschichte, Bd. XIV, S. 1-72. 

» Pierre Bayle, Dictionnaire, unter Pierre Aretin: .Es existiert ein Dialog 
zwischen Maddalena und Giulia, unter dem Titel ,La puttana errante', in wel- 
chem die verschiedenen Paarungen, fünfunddreißig an der Zahl, ausführlich durch- 
genommen werden. Aretino, obgleich das Werk stets unter seinem Namen ge- 
druckt erschien, leugnet seine Autorschaft ab und sagt, daß es von einem seiner 
Schüler, namens Veniero, sei.* Brunet, im Manuel du libraire: .Puttana errante, 
ein sehr seltenes Werkchen, wegen der Obszönitäten, mit denen es angefüllt 

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venezianischer Nobile, Verfasser eines italienischen Buches unter 
dem Titel .La puttana errante", in welchem er sich herausnahm, 
nicht weniger als fünfunddreißig Arten des Beischlafs aufzuzählen; 
schließlich Nicolas Chorier, ein französischer Rechtsgelehrter, der 
den Namen der Aloisia Sigaea, einer spanischen Jungfrau, seiner 
„Sotadischen Satire von den Geheimnissen Amors und der Venus" 
vorsetzte, obgleich das Büchlein auch unter dem Namen des 
Johannes Meursius und dem Titel »Elegantiae latini sermonis" 
herausgegeben wurde. Man weiß nicht, ob man an diesem Buche 
mehr die sorgfältige und keineswegs pedantische Eleganz des 
lateinischen Stils, oder den feinen Witz und die artige Manier der 
Scherze, oder die oft aufblitzenden Funken römischer Bildung, 
oder die große und vielseitige Beredsamkeit, die gleichwie mit 
Edelsteinen, mit ausgesuchten Wendungen und Sentenzen von an- 
tiker Prägung geschmückt ist, oder die großartige Kunst, mit der 
es ein einziges Thema unerschöpflich variiert, bewundern soll. 
Die übrigen übergehe ich. 

Meinen Vorgängern (von den Schriften der alteren unter den 
Angeführten hat uns leider die Zeit nichts übriggelassen) fehlten 
weder hnsterblickende Zensoren, noch eifrige Leser. Vielleicht 
werden beide auch meinem Buche nicht fehlen. Es ist etwas 
Allzumenschliches, und ich schrieb es, unbekümmert um Tadel 
oder Beifall, für solche Leute, die nicht gleich die Augen- 
brauen zu runzeln und die Natur mit einer Heugabel auszutreiben 
pflegen, sondern die sich auszuleben wagen, die öffentlich nicht 
scheinen wollen was sie im geheimen nicht sind, und die auch, 
wie in allen Dingen, so in der Liebe, die goldene Mittelstraße für 
die beste halten. Mögen dann die anderen mir gewogen bleiben 
und sich selber den Ruhm der Weisheit zuerkennen. 



ist, des Aretino durchaus würdig, aber ihm fälschlich zugeschrieben. Der wahre 
Name des Verfassers ist Lorenzo Veniero, ein venezianischer Nobile. Er ver- 
faßte es, um sich an einer Kurtisane, namens Angela, zu riehen, die er unter 
dem Schimpfnamen Zaffetta (im venezianischen Dialekt Tochter eines Sbirren) 



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Das Venuswerk kann entweder mit dem männlichen Gliede 
oder ohne dasselbe ausgeübt werden. Wenn mit dem Gliede, so 
kann die Reibung des Gliedes, worin der Inbegriff der Wollust 
besteht, in der weiblichen Scham, im Hintern, im Munde, in der 
Hand, oder in anderen Höhlungen des Körpers bewerkstelligt 
werden; wenn ohne das Glied, so kann die weibliche Scham ent- 
weder mit der Zunge, oder mit der Klitoris oder mit irgend 
einem Dinge, das dem mannlichen Gliede ähnlich ist, bearbeitet 
werden. 



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ERSTES KAPITEL. 



Vom Koitus. 

Zuerst will ich mich mit demjenigen Liebeswerke befassen, 
das durch die Einführung des männlichen Gliedes in die Scheide 
ausgeübt wird. Es ist das was man eigentlich koitieren nennt 
Und zwar gibt es verschiedene Arten des Koitus. Er kann näm- 
lich ausgeführt werden, indem der Mann sich auf das auf ihrem 
Rücken liegende Weib legt, oder indem er auf seinem Rücken 
und sie auf ihm liegt, oder indem er auf seinem Rücken und sie 
gleichfalls auf ihrem Rücken auf ihm liegt, oder indem der Mann 
sitzt und das Weib, welches ihm entweder das Gesicht oder den 
Rücken zukehrt, vor sich hält, oder indem er steht, wobei sie ihm 
entweder Gesicht oder Rücken zukehrt. Diese einzelnen Stellungen 
will ich nun näher betrachten. 

Der Koitus, wobei der Mann auf dem Weibe liegt, ist die ge- 
wöhnliche und auch die der Natur am meisten angemessene Art 
Aloisia Sigaea, S.322— 323 (S.194): „Mir gefällt am besten die ge- 
wöhnliche Art des Liebesgenusses und die dabei übliche Stellung, 
indem das Weib auf dem Rücken liegt und der Mann auf ihr: Brust 
an Brust, Leib an Leib gepreßt, Scham an Scham, während die harte 
Stange die zarte Ritze spaltet. Denn was läßt sich Süßeres denken als 
das Bild eines auf dem Rücken liegenden Weibes, das die wonnige 
Last eines geliebten Mannes trägt und in der verzückten Raserei 
einer rastlosen, aber willkommenen Aufregung schwelgt? Welch 
herrlichere Augenweide gibt es, als das Antlitz des Geliebten, 
welch höheren Genuß, als seine Küsse, seine Seufzer, die Glut- 

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blicke seiner vor Wonne brechenden Augen? Was wäre köstlicher, 
als liebend sich in seine Anne schmiegen, sich Gefühlen hin- 
geben, die kein Hindernis kennen, die nichts vom Altwerden 
wissen? Was reizt ein Liebespaar so sehr zu süßester Wollust, 
zu höchstem Genuß, wie die brünstigen Bewegungen der ge- 
gebenen und erwiderten Stöße? Und wenn sie beide vor Wollust 
ihre Seelen aushauchen — was ruft sie sicherer ins Leben zurück, 
als das Elixier ihrer flammenden Küsse? Wer der Göttin der 
Liebe von hinten seine Huldigung darbringt, der befriedigt nur 
diesen oder jenen seiner Sinne, wer aber von vorne ihrem Heilig- 
tume sich naht, der befriedigt sie alle!" 

Der Lehrmeister der Liebe (Ovidius de arte amatoria III, 771 
bis 773) gibt schönen Frauen den Rat, sich ganz besonders dieser 
Art des Koitus zu bedienen: 

Jegliche kenne sich selbst Nach dem Körper wählet die Weise. 

Ein' und die nämliche Art schicket für alle sich nicht. 
Ist sehr schön ihr Gesicht, so muß auf dem Rücken sie liegen. 

Diese Stellung kann in verschiedener Weise variiert werden. 
Der Mann kann als Reiter das auf dem Rücken liegende Weib 
zwischen seine Schenkel nehmen, oder sie kann ihn zwischen die 
ihrigen nehmen; im letzteren Falle kann sie wieder dadurch ab- 
wechseln, daß sie die Beine entweder auseinanderspreizt oder 
hochhebt 

Auf diese Weise, mit ausgespreizten Beinen, wünscht Caviceo von 
seiner Ottavia, daß sie das Liebesspiel treibe (Aloisia Sigaea, S. 124 
[S. 74]): „Ich verlange nicht daß du die Hinterbacken hin und her 
bewegst und dadurch auf meine Stöße antwortest; ebensowenig 
wünsche ich, daß du die Beine hochhebst, wenn ich oben auf dir 
liege, — weder beide zugleich, noch das eine oder andere. Ich 
wünsche vielmehr vor allen Dingen, daß du die Schenkel aus- 
spreizest und so weit wie nur möglich öffnest Halte deine Kleine 
meinem Schwänze hin, so daß ich sie gut treffen kann und bleibe 
unbeweglich in dieser Körperstellung, bis ich fertig bin. Zähle 
jeden meiner Stöße und nimm dich in acht, daß du dich dabei 
nicht verzählst" Wünschest du, lieber Leser, dazu eine bildliche 

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Darstellung, so verweise ich dich auf den Roman „Felicia ou 
Mes frddaines" Teil II, Kap. 25, an welcher Stelle sich eine Kupfer- 
tafel findet 

In jene andere Stellung, mit emporgehobenen Schenkeln, bringt 
Callias dieTullia (Aloisia Sigaea, S.68— 69 (S.401): „Wenn ich mich 
auf deine geliebte Brust stürze, dann umschlinge mich mit deinen 
Armen, und nichts darf deine Umschlingung lösen! Hebe die 
Schenkel empor, so hoch du kannst, bis deine niedlichen Füßchen 
mit den Fersen deine so glatten Hinterbacken wie im Kusse 
berühren." 

Will jemand seinem Liebchen, das auf dem Rücken liegt und 
die Beine hochhebt, den Spieß hineinrennen, so kann er sie auch 
eine andere und vielleicht viel angenehmere Stellung als die eben 
geschilderte einnehmen lassen, indem er sie die hochgehobenen 
Beine über den Lenden des Reiters kreuzen läßt. Ein sehr hüb- 
sches Bild von dieser Stellung, das jeden, selbst einen Hippolytus, 
sinnlich zu reizen imstande wäre, siehst du im IV. Teile der schon 
zitierten „Felicia", Kap. 25. Gar nicht uneben ist auch die kurz 
vorher befindliche, zum Kap. 21 gehörige Figur. Diese Positur 
scheint auch Doris in dem Epigramm des Sosipater (Analecta 
Brunkii I, S. 504) eingenommen zu haben: 

Als ich die Doris mit rosigem Hintern aufs Ruhbett gelegt hatt', 
Ward ein Unsterblicher ich in ihren Gliedern so zart; 

Sie aber spreizte die herrlichen Schenkel und stieg auf den Ruh'nden; 
Regelrecht haben wir beid* Kyprias Wettlauf vollbracht 

Daß Doris nicht geritten habe, geht aus dem Ausdruck diareipag 
hervor; sondern sie lag ausgestreckt und drückte mit hochgehobenen 
Beinen ihren Reiter an sich. 

Es können aber auch die Füße der Liegenden von anderen 
hochgehoben werden. So pflegte Fabrizio der Liebe mit Tullia, 
unter Beihilfe des Aloisio (Aloisia Sigaea, S. 248—249 [S. 1 49]). Tullia 
erzählt: „Aloisio und Fabrizio eilen herbei. ,Hebe die Schenkel 
hoch,* sagt Fabrizio, indem er die Lanze einlegt Ich tue es; er 
wirft sich auf meine Brust und taucht die Lanze in die ewig 
offene Wunde. Dabei hält Aloisio meine beiden Unterschenkel 

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hoch, indem er seine Hände unter die Kniekehlen legt, und be- 
wegt meine Lenden hin und her, ohne daß ich mich im geringsten 
anzustrengen brauche. Wirklich eine eigentümliche und dreiste 
Art, ein Weib in Bewegung zu setzen! Ich rufe: ,Ich brenne!' — 
aber schneller als ich es aussprechen kann, löscht eine schäumende 
Flut von Venussaft die Feuersbrunst." 1 

Indem sie die Füße hochhebt, oder sich von anderen hoch- 
heben läßt — was ich nicht weiß 2 — , gibt sich Leda mit Zu- 
stimmung ihres Mannes den herbeigerufenen Ärzten hin (Mar- 
tialis XI, 71): 

Leda sagte dem alten Gemahl, sie wäre hysterisch, 

Und beklagte, daß not täte der Liebe Genuß; 
Weinend und seufzend jedoch erklärte sie, ihre Gesundheit 

Gelte so viel ihr nicht, lieber noch sei ihr der Tod. 
Er fleht, daß sie ihn nicht in den blühenden Jahren verlasse, 

Und läßt zu, was er nicht selber zu leisten vermag. 
Ärzte kommen sogleich herbei und die Ärztinnen gehen; 

Und nun die Bein' in die Höh! O, welche lästige Kur! 

Von vorn kann auch der Mann dem Weibe die Sache besorgen, 
indem sie sich halb zurücklehnt, sich auf das Bett oder einen 
Sessel stützend, oder indem sie sich auf ihre Seite legt. 

Und zwar empfiehlt Ovid die letztere Stellung den jungen 
Mädchen, die zart gerundete Schenkel und tadellose Brüste haben 
(De arte amatoria III, 781—782): 



1 Daß derartige KOnste auch zu Aristophanes' Zeiten nicht unbekannt waren, 
beweist die Stelle, Friede, Vers 889-890: 

So daß sogleich, wenn ihr die Beine nur erhebt, 
Das Opferfest mit ihr ganz feierlich begehn könnt. 

Vgl. dazu Vögel, Vers 1254: 

Zuerst, die Berne ihr aufhebend, will ich hineingehn. 

■ Es geht wohl aus der Situation hervor, daß sie sich zu dieser Kur zwingen 
lassen will (Anm. d. Obersetzers). 

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Ist untadlig die Brust und jugendkräftig die Schenkel, 
Lege sie selbst sich zurück 1 auf den geneigeten Pfühl. 

Den Koitus eines vorn übergebeugten Mannes mit einer im Sessel 
zurückgelehnten Schönen schildert Aloisia S.102 — 105 (S. 60) hübsch 
und angenehm nach ihrer Weise: „Fröhlich und lüstern," so er- 
zählt Ottavia, „lief Caviceo herzu, hob mir das Hemd auf, und 
griff mit mutwilliger Hand nach meiner Kleinen. Dann sagte er 
mir, ich solle mich hinsetzen. Als ich saß, stellte er mir unter 
jeden Fuß einen Stuhl und ließ mich die Schenkel so hoch heben, 
daß das Gartenpförtlein sich bequem dem erhofften Angriff öffnete. 
Außerdem griff er jedoch noch mit der rechten Hand unter meinen 
Popo und zog mich ein bißchen näher an sich heran. In der 
Linken hielt er die gewichtige Lanze. Dann ließ er sich auf 
mich fallen, setzte den Sturmbock an meine Tür an und schob 
den Kopf des Gliedes in die äußere Scham hinein, deren Lippen 
er mit den Fingern auseinander hielt. Hier aber zögerte er und 
machte keinen Versuch mehr, tiefer einzudringen. ,Meine süßeste 
Ottavia/ sagte er, ,umarme mich, hebe deinen rechten Schenkel 
hoch, und lege ihn über meine Lenden!' — ,Ich verstehe nicht, 
was du willst', antwortete ich. Hierauf faßte er selbst mit der 
Hand unter meinen Schenkel und brachte ihn in die gewünschte 
Lage über seinen Lenden. Endlich richtete er den Pfeil gegen 
die Zielscheibe seiner Liebesglut. Zuerst tat er einen leichten 
Stoß, dann einen stärkeren und zuletzt einen so gewaltigen, daß 
ich bestimmt glaubte, in der größten Lebensgefahr zu schweben. 
Sein Glied war steif und hart wie von Horn. Mit solcher Gewalt 
stürzte er sich auf mich, daß ich ausrief, er reiße mich auseinander. 
Einen Augenblick hielt er in seinem Werk inne und sagte: 
.Schweig doch, bitte, mein Herzchen! So muß es gemacht werden! 
Halte ganz mäuschenstille!' Wieder faßte er mit der Hand unter 
mein Gesäß und zog mich näher heran, denn ich machte ein 
Gesicht, als wäre ich am liebsten davongelaufen. Und unverzüg- 
lich bearbeitete er mich dermaßen mit schnellen Stößen, daß ich 

1 Eine andere Stellung würde herauskommen, wenn wir der Lesart einiger 
Ausgaben folgten: 

Stehe der Mann, sie selbst lieg' auf geneJgetem Pfühl. 

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beinahe in Ohnmacht fiel. Dann bohrte er mit einem plötzlichen 
Stoß die Lanze hinein, daß deren äußerste Spitze oben in der 
Wunde stecken blieb. Ich erhebe ein Geschrei. Da ergoß Caviceo 
den Saft der Venus. Ich fühlte mich von einem heißen Regen 
benetzt. Als Caviceo schon schlaff wurde, ergriff mich das 
juckend -wollüstige Gefühl, wie wenn ich selbst einen Saft aus- 
scheiden wollte; da hob ich aus eigenem Antrieb mein Gesäß 
empor und ich fühlte sogleich mit großem Entzücken, wie in mir 
sich irgend ein Saft absonderte, der mir an jenem Teile ein 
wundervolles Gefühl verschaffte. Ich verdrehte die Augen, mein 
Atem keuchte, mein Gesicht brannte wie Feuer, mein ganzer 
Körper schien sich aufzulösen. Und ich rief: Ach, ach, ach! 
Caviceo, ich sterbe! Halte meine entfliehende Seele zurück ! ,M 

Die Art des Koitus schließlich, bei welchem das Weib halb 
auf dem Rücken sich auf ihre Seite, und zwar auf die rechte 
Seite legt, hält Ovidius (De arte III, 787—788) für sehr einfach 
und keineswegs anstrengend: 

Tausend Weisen es gibt; ganz einfach ist es und mühlos, 
Wenn auf der rechten Seif halb auf dem Rücken sie liegt. 

Er empfiehlt diese Lage besonders hochgewachsenen Frauen 
(ebendas. 779—780): 

Knie'n auf den Polstern muß mit zurückgebogenem Nacken 
Eine Frau, die hervor raget durch große Figur. 

Auf diese Weise scheint Phyllis befriedigt worden zu sein, 
Martial X, 81: 

Als zu der Phyllis früh zwei Buhlen waren gekommen, 
Und sie jeder zuerst nackt zu umarmen begehrt, 

Bot sie beiden zugleich sich zur Lust an, und es geschah auch: 
Dieser hob ihr den Fuß, jener die Tunika auf. 

Nämlich den Fuß des auf der Seite liegenden Mädchens 
mußte derjenige, der sie von vorn bearbeitete, aufheben, während 
der andere die Tunika lüftete, um zu ihren Hinterbacken zu ge- 
langen. 

199 



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Wir gehen zu derjenigen Figur über, bei welcher der Mann 
auf dem Rücken und das Weib, mit dem Gesicht ihm zugewandt, 
auf ihm liegt Hier spielt umgekehrt das Weib die Rolle des 
Reiters, der Mann die des Reittiers. Diese Stellung heifit das Roß 
des Hektor, nach Martial XI, 104, 13 1: 

Hinter der Tür befriedigten selbst sich die phrygischen Sklaven, 
Wenn auf Hektorischem Roß ihre Gebieterin saß. 

Ovid aber stellt ausdrücklich in Abrede, daß diese Stellung 
der Andromache gefallen habe und daß sie ihr bei ihrem hohen 
Wuchs weder habe gefallen können noch brauchen, denn solch 
ein Ritt sei nur für Kleine geeignet (De arte III, 777—778): 

Sitze die Kleine zu Pferd'; nie saß die Thebaische Gattin, 
Weil sie die Größeste war, auf dem Hektorischen Roß. 

Ich bin in dieser Streitfrage nicht kompetent. 

Gewiß ist, daß Sempronia die genannte Stellung mit Chrysogonus 
einnimmt (Aloisia III, S. 69 [S. 241]): Chrysogonus vermag vor Un- 
geduld nicht länger zu warten und ruft: „Deine Kleider hast du aus- 
gezogen, jetzt, Sempronia, nimm jene Stellung ein, die, wie du 
weißt, mir so hohen Genuß bereitet!" Er legt sich auf den 
Rücken, sie steigt auf ihn und indem sie sich sitzend ihm zu- 
wendet, stößt sie mit eigener Hand seinen glühenden Speer in 
sich hinein, nachdem sie die Schenkel auseinander gespreizt hat" 

Dieselbe Stellung verlangt jener Sklave (Horaz, Satir. II, 7, 48) 
von der kleinen Hure, welche 

nackt bei dem Scheine der Lampe 
Mit ihrem Hintern, die Geile, das liegende Rößlein so tummelt 

Der Matrone hingegen, welche, in derselben Satire, Vers 64 
„nicht sündigt von oben", benagt diese Positur durchaus nicht: 
der Geschmack ist verschieden. 

Auch jene kleine Hure, welche Xanthias einlädt „aufzusitzen", 
war gewiß nicht damit einverstanden, denn sie hat (Aristophanes, 
Wespen, 501) 

„ganz ereifert mich gefragt, 
ob ich meinte, des Hippias Tyrannis zu erneun? 4 ', 

200 



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wobei sie mit der Zweideutigkeit des Namens Hippias spielt. 
Hierher gehört auch der Vers 677 der „Lysistrata", in welchem 
der Altmeister der Pikanterie behauptet, das weibliche Geschlecht 
eigne sich vorzüglich zum Reiten und Fahren: 

„Gar ein ritterhaft Geschöpf ja aufzusitzen ist das Weib." 

Nicht viel anders spricht er von den Weibern der Schiffer auf 
Salamis, Vers 60 desselben Stückes, „sie kamen schon auf Yachten 
angestochen", denn xeXtfveg sind sowohl Rennschiffe als Renn- 
pferde. An derselben Stellung erfreut sich Piango, in dem Epi- 
gramm des Asklepiades (Analecta Brunkii I, 217): 

Welche beim Reiten Philaenis, die feurige, schlug, daß die Renner, 
Ihre hesperischen, wild schäumten beim Druck ihrer Hüft'. 

Sie, die in der Reitbahn der Venus mehr verschiedene Stel- 
lungen ausführen konnte als selbst Philaenis, die vielgewandte 
Künstlerin in der Ausschweifung, dankt ihrer Schutzgöttin in 
diesem Epigramm, daß sie einige italische Jünglinge, die neulich 
unter ihr gelegen hatten, so bedient hatte, daß sie mit schlaffen 
Gliedern, denen es nach mehr nicht gelüstete, davongegangen 
waren. Auch Lysidica, die in der Rennbahn der Venus nicht so 
leicht zu ermüden war, pflegte die Männer zu besteigen, wie das 
nächstfolgende Epigramm des Asklepiades sagt: 

Oft entkleidet bestieg sie die feurigen Renner, doch niemals 
Rieb sie beim hurtigen Ritt Lenden und Schenkel sich wund. 

Wenn solche Lustdirnen der Venus eine Peitsche, Zügel und 
Sporen opfern, spielen sie damit auf die Stellung an, die sie bei 
Ausübung des Beischlafes am häufigsten annahmen: sie ritten, 
sie wurden nicht geritten. Etwas anderes kann es nicht be- 
deuten. 

Und nichts anderes ist es, wenn Fotis ihren Lucius „mit der 
Frucht der schwebenden Venus speist" (Apuleius, Metamorph. II, 
Kap. 17): „Mit diesen Worten ist sie auf meinem Bette, sitzt 
rittlings auf mir, wiegt sich auf und ab, läßt mit wollüstigen 

201 



Gesten ihr reges Kreuz so lange spielen und speist mich mit der 
Frucht der schwebenden Venus, bis wir beide, mit ermatteten 
Sinnen und erschlafften Gliedern hinsinken, und in gegenseitiger 
Umarmung die Seele aushauchen." 

Die nächstfolgende Stellung, der Mann in der Rückenlage und 
auf ihm das Weib, gleichfalls auf dem Rücken liegend, wird von 
Rangoni mit der Ottavia ausgeführt, unter der Anleitung der 
Tullia (Aloisia Sigaea, S. 277—279 [S. 167J): 

„Rangoni: Sieh, wie er mir steht Aber ich will auf einem 
neuen Wege ans Werk gehn. 

Tullia: Auf einem neuen Wege? Nein, bei meiner Geilheit! 
Auf einem neuen Wege wirst du nicht ans Werk gehen. 

Rangoni: Ich habe mich versprochen. Ich wollte sagen, in 
einer neuen Stellung. 

Tullia: In welcher denn nur? Aber da fällt mir gerade die 
richtige ein: man nennt sie Hektors RoB. Lege dich auf den 
Rücken, Rangoni, und laß deine hochaufgerichtete, blitzschleudernde 
Lanze sich dem Feind entgegenstrecken, den sie durchbohren will. 
So ist's gut. 

Ottavia: Was soll ich tun, Tullia? 

Tullia: Steh auf und nimm, ihm den Rücken zuwendend, 
Rangoni zwischen deine Schenkel, so daß die Spitze seines 
Dolches genau auf deine darüber befindliche Scheide trifft So 
ist's gerade die richtige Stellung. Alles in Ordnung. 

Rangoni: O, dieser Rücken einer Dione! O, diese elfenbein- 
weißen Lenden! O, dieser Hintere, welch eine Feuersbrunst ent- 
zündet er in mir! 

Tullia: Laß doch solche schlecht angebrachten Redensarten! 
Wer unsern Hintern rühmend preist, unserer Kleinen kein Kompli- 
ment erweist Aber du, Ottavia, du bist vernünftig. Ihre lüsterne 
Kleine hat deinen Dicken ganz und gar verschluckt, Rangoni. 

Ottavia: Laß es kommen, Rangoni! Mach doch, mach doch! 
Laß es kom . . . Rangoni, hilf mir doch! 

Rangoni: Ich bin fertig, Ottavia! Ich bin fertig! Kommt es 
dir auch? Kommt es dir auch? 

Tullia: So schnell seid ihr beide erschlafft?" 

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Die pygischen 1 Mysterien, zu welchen Eumolpus, bei Petronius 
(Kap. 140), ein Mädchen einlädt, scheinen in der eben be- 
schriebenen Position gefeiert worden zu sein: „Eumolpus ver- 
schob nicht, das Mädchen zu den pygischen Opfern einzuladen. 
Er bat das Mädchen, sich auf seine Gütigkeit zu setzen (auf ihn, 
dessen Güte die Mutter ihre Tochter empfohlen hatte). Dem 
Corax aber befahl er, da Ii er unter das Bett, worin er lag, knien 
sollte, die Hände auf die Erde, und mit dem Hintern seinem 
Herrn nachhelfen. Er gehorchte langsam dem Befehl und arbeitete 
der Kunst des Mädchens im gleichen Rhythmus entgegen. Wie 
das Ding zu seinem Ausbruch kommen wollte, rief Eumolpus mit 
heller Stimme dem Corax zu, geschwinder zu arbeiten. So 
zwischen seinem Lohnsklaven und seiner Freundin liegend, 
amüsierte sich der Alte wie auf einer Schaukel." Was Wunder, 
wenn bei diesen pygischen Mysterien das Glied des Eumolpus 
einmal ein Versehen machte und aus einer Höhlung in die andere 
abirrte? 

Eine Abbildung dieser Stellung findet sich, in Kupfer ge- 
stochen, in dem schönen Werk von d'Hancarville, Monumens du 
culte secret des dames romaines, Kap. XXV, und der Leser wird 
nicht böse sein zu hören, was der gelehrte Herausgeber dazu schreibt: 
„Diese Stellung ist nach dem Geschmack vieler, und selbst die 
Damen finden daran mehr Gefallen. Man behauptet, daß der 
Priapus dabei tiefer eindringt, und daß sich die Schöne durch 
ihre Bewegungen eine größere Wollust und einen reichlicheren 
Erguß verschafft" 

Ob es möglich ist, daß der Mann mit dem Rücken auf dem 
Weibe liegend, mit ihr den Koitus bequem ausübt, mögen Sach- 
verständige entscheiden. Treffend sagt Tüll ia (Aloisia S. 320 [S. 194}): 
„Aber viele von diesen Stellungen sind unausführbar; sie würden 
selbst dann unausführbar sein, wenn Glieder und Leiber der im 
Heiligtum der Venus Opfernden in einer Weise biegsam wären, 
wie man es bei Menschen nicht voraussetzen kann. Dem grübeln- 
den, klügelnden Geist kommen ja viele Gedanken, die sich in 
Wirklichkeit nicht ausführen lassen. So wie den Wünschen einer 



1 Von nvfi), der Hintere (Anm. d. Übersetzers). 

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ungezügelten Seele nichts unerreichbar erscheint, so will auch eine 
ausschweifende und maßlose Phantasie keine Schwierigkeit an- 
erkennen. Schmiegsam schlüpft sie immer ans Ziel, überall sieht 
sie einen Weg; aus starrenden Felszacken und klaffenden Abgrün- 
den macht sie sich eine Ebene. Aber für den Leib ist nicht alles 
so einfach, wie der Geist, sei's im guten sei's im bösen, es hin- 
stellen möchte." 

Wie Männer im Sitzen es den Weibern von vorn besorgen, 
ist in dem anderen Werke von d'Hancarville, Monumens de la 
vie prive*e des douze Cesars, Taf. XXVII, zu sehen, während 
Taf. XV desselben Werkes der Neugier des Lesers den Koitus 
eines sitzenden Mannes mit einem auf seinem Schöße sitzenden 
Weibe zeigt Der Sitzende ist Augustus, er durchbohrt auf seinem 
Schöße mit souveräner Dreistigkeit die Terentia, 1 des Maecenas 
Gattin, der auch zugegen ist, aber aus Rücksicht auf den Kaiser — 
schläft Eine ähnliche Figur findet sich in La Fontaine, Contes 
et nouvelles en vers, bei der Novelle Le tableau, Teil II, S. 223 
der Amsterdamer Ausgabe von 1762 (der sog. Edition des fermiers 
ggnäraux). 

Nichts ist häufiger als der Koitus im Stehen und von vorn, 
welcher, da er sich mit leichter Mühe fast an jedem beliebigen 
Orte ausführen läßt, wenn man nur die Kleider des Schätzchens 
aufhebt und der Mann seinen Speer herausholt, sich gerade für 
diejenigen eignet, die eine sich ihnen flüchtig darbietende Ge- 
legenheit sogleich benützen wollen, besonders wenn es in aller 
Eile, wie es bei heimlichen Genüssen fast immer ist, abgemacht 
werden muß. So standen die ewig geilen Nachbarinnen des 
Priapus da, über deren Mannstollheit er sich beklagt (Pria- 
peia XXVI): 

„— entweder schneidet 
ihr mein samenspendendes Glied mir ab, das 
in unzähligen Nächten die wie die Katzen 
rammelnden Nachbarinnen mir durch Ermüdung verleidet, 
da sie noch geiler sind als im Frühling die Spatzen, 
oder ich platze vor Geilheit." 



1 Dio Cassius UV, 19: .Er war nämlich so sehr in sie verliebt, daß er ihr 
sogar einmal erlaubte, sich mit der Livia in einen Wettstrelt wegen ihrer Schön- 

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Aus meiner Studentenzeit erinnere ich mich eines sehr be- 
rühmten Professors der Medizin — fast hätte ich seinen Namen 
genannt — der, um die Sache zu bekräftigen, seine Tochter herbei- 
holte, und, indem er mit dem Finger auf das errötende Mädchen 
hinwies, zu seinen lächelnden Zuhörern sagte: „Die habe ich im 
Stehen gemacht" Eine Abbildung dieser Stellung findet sich 
Monumens de la vie priv£e des douze Casars, Taf. XL VI und 
eine ähnliche Monumens du culte secret des dames romaines, 
Taf. XIII. 

Aber der Mann kann auch im Stehen mit einem Weibe koi- 
tieren, die ihm das Gesicht zuwendet, während er sie hochhebt, 
und zwar so, daß er entweder ihren ganzen Körper aufhebt und 
ihre Schenkel auf den Lenden des Mannes liegen, oder daß er 
nur den unteren Teil des Körpers hochnimmt und der Oberkörper 
auf dem Rücken ruht! Willst du deine Augen an dem Anblick 
dieser Figur mit ihren beiden nicht ungraziösen Varianten laben, 
so schlage (du wirst es nicht bereuen) in den Monumens du culte 
secret des dames romaines die Tafel XXIV und in den Monu- 
mens de la vie priv6e des douze Casars die Tafel XL auf. Eine 
dieser beiden Stellungen hatte (wenn ich mich nicht irre) Ovid 
vor Augen (De arte III, 775—776). 

Sich auf die Schultern hob Atalantas Schenkel Milanion; 
Lasset sie so empfahn, sind sie von schöner Gestalt. 

Sicherlich schildert AloisiaSigaea S.31 3—31 6(S. 1 89) dieMeisterin 
der Galanterie, die erstere der beiden Stellungen, und zwar so leb- 
haft, graziös und galant, daß nichts darüber geht: „Als nächster 
folgte Latour. Nackt wie ich war, sprang ich vom Bett herunter," 
erzählt Tullia; „ihm bäumte sich der Schwanz. Da säumte er 
nicht länger; mit beiden Händen ergriff er meine beiden Brüste 
und bohrte mir zwischen die Schenkel seinen heißen und steifen 
Speer. „Sieh, o Herrin," rief er dabei, „wie dieses Geschoß auf 
dich losfährt 1 aber es wird dir nicht den Tod, sondern alle Wonnen 

heit einzulassen.* Die Idee dieses Wettstreites war nicht unangebracht; oder 
meint ihr, er hätte sie in einem anderen Kostüm miteinander konkurrieren lassen 
als in demjenigen, in welchem sich die drei Göttinnen vor den gierigen Augen 
des Paris präsentierten? 

205 



der Welt bringen. Sei, bitte, der blinden Mentula Führerin auf 
diesem dunklen Pfade, damit sie nicht das Ziel verfehlt; meine 
Hände möchte ich nicht zurückziehen, um sie nicht des Glückes 
zu berauben, dessen sie genießen." Ich tat nach seinem Wunsch; 
den heißen Speer bohrte ich in die heiße Wunde. Er fühlte es, 
er stieß, er war drin. Sofort, schon beim zweiten oder dritten 
Stoß, kam es mir und brach mit einem unglaublich wonnigen 
Kitzel hervor; es fehlte nicht viel, so waren meine Knie unter 
mir zusammengebrochen. „Halte sie auf!" rief ich, „halte sie 
auf, — meine Seele entflieht mir!" — „Ich weiß wohl auf welchem 
Wege sie flieht," versetzte er lächelnd. „Ohne Zweifel denkst du, 
sie werde durch jene untere Öffnung entweichen, die ich besetzt 
halte. Aber ich halte sie auf das beste verschlossen 1" Während 
er so sprach, hielt er zugleich den Atem an, um dadurch die 
strotzende Mentula noch dicker zu machen. „Ich werde deine 
flüchtige Seele zurücktreiben!" fuhr er fort, indem er mir einige 
sehr heftige Stöße versetzte. Tiefer drang der Dolch in das 
blühende Fleisch ein. Und so kräftig führte er diese süßen Stöße, 
so köstliche Wonne durchdrang mich, daß er, da er es freilich 
nicht mit dem ganzen Körper vermochte, so doch alle seine Be- 
gierden, Wünsche, Gedanken, all sein Verlangen und all seine 
wahnsinnige Leidenschaft mit seinen wütenden Stößen in mich 
ergoß. Als er nun das heiße Naß fühlte, das ich in meiner rasen* 
den Wonne verspritzte, da griff er mit beiden Händen unter 
meinen Popo und hob mich hoch empor. Ich umschlinge die 
Glieder des Rasenden so eng ich kann mit meinen Armen und 
umklammere seine Lenden und sein Gesäß mit raeinen Schenkeln 
und Füßen; so hing ich ihm am Halse, ohne den Boden zu be- 
rühren; ich hing, wie wenn ich von einem Nagel festgehalten 
würde. Da die Arbeit sich in die Länge zog, verlor ich die Ge- 
duld und abermals löste Venus in mir einen Springquell heißer 
Glut Vom brennendsten Feuer der Liebe verzehrt, mußte ich un- 
willkürlich ausrufen: „Ich fühle, .... ich fühle alle Wonnen der 
Juno, deren Schoß ihren Jupiter als Gatten empfängt! Ich bin 
im Himmel!" In diesem Augenblick trieben Venus und Amor 
meinen Latour auf den Höhepunkt der Wollust, heiß spritzte sein 
Saft empor, sein Same ergoß sich über mein Saatfeld. Eng wie 

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der Efeu den Nußbaum umschlingt, umklammerte ich mit Armen 
und Schenkeln Latour." 

Die zweite der Arten, in welchen, wie wir gesehen haben, der 
Mann im Stehen mit dem Weibe, das er hochhebt, koitieren kann, 
zeigt — mit einigen Abweichungen — der Koitus des Corrado und 
der Tullia (Aloisia S.317 [S. 191]): „Er öffnete mir," das sindTullias 
Worte, „die Schenkel. Conrad war mir nicht unangenehm, gefiel 
mir aber auch nicht eben besonders. Ich verweigerte mich ihm 
nicht, gab mich ihm aber auch nicht hin. Er versuchte aber eine 
neue Art, die eigentlich recht sinnreich war. Er ließ mich auf 
den Rücken mich ausstrecken und legte sich mein rechtes Bein 
über seine linke Schulter; dann versetzte er mir den Stoß, den 
ich erwartete, wenn ich ihn auch nicht begehrte, nachdem er noch 
mein linkes Bein über seine rechte Hüfte gelegt hatte. In die 
tiefste Tiefe drang seine Lanze ein, und dann begann er zu 
stoßen, zu schieben, zu drücken. Was brauche ich noch weiter 
zu sagen?" 

Es kann nun aber auch der Mann das Weib, nach der Weise 
der vierfüßigen Tiere stehend, von hinten begatten 1 — bei denen 
bekanntlich der Koitus so vonstatten geht, daß das Männchen von 
hinten auf das Weibchen steigt Einige glauben, daß die Weiber, 
wenn man sie von hinten bearbeitet, fruchtbarer werden. Lucre- 
tius, De rerum natura IV, 1259—1262: 

Viele auch meinen, es könne 
Besser empfangen das Weib, wenn der Mann sie begattet in der Art, 
Wie die vierfüßigen Tiere, bei hängender Brust und gehob'nen 
Schenkeln, so findet der Same den Weg zu verborgenem Orte. 

Aloisia Sigaea, S. 194: „Manche behaupten, die von der Natur 
selber gewiesene richtige Stellung für den Liebesgenuß sei die, 
wobei das Weib sich nach Art der Tiere vorne aufstütze und ihre 
Lenden nach hinten hinausstrecke; denn auf diese Weise dringe 
die männliche Flugschar bequemer in die weibliche Furche ein 
und der Same gelange sicherer in das Zeugungsfeld. Doch be- 



1 Ausführlicher handelt Plinius von der Begattung der Tiere im X. Buche, 
Kap. 63. 

207 



haupten die Ärzte, jene Stellung — der Koitus von hinten — sei 
nicht der Natur angemessen: sie widerspreche der Bildung der zur 
Fortpflanzung bestimmten Teile." 

Wie dem auch sei, es geschieht oft, daß man einem Weibe 
nicht anders als von hinten beikommen kann. Auf welche andere 
Weise könnte wohl ein Dickwanst mit einer wohlbeleibten oder 
schwangeren Frau das Geschäft sonst zu Ende bringen? Des- 
wegen sagt man von Augustus, daß er die Livia Drusilla, da sie 
schon sechs Monate von ihrem Manne Tiberius Nero schwanger 
war, nach der Art des lieben Viehes umarmt habe. Von dieser 
Umarmung gibt die Tafel VII in den Monumens de la vie priv£e 
des douze Cesars ein liebliches Bild. Warum sollte ich dir aber 
vorenthalten, was der wohlgelahrte Herausgeber zur Erklärung der 
Tafel bemerkt: „Diese Drusilla ist die berühmte Livia, die Gattin 
des Tiberius Nero, der zu den Freunden des Antonius gehört 
hatte. Augustus faßte eine große Leidenschaft für sie, und Tibe- 
rius überließ sie ihm, obgleich sie schon sechs Monate schwanger 
war. Man machte viele Witze über diese Liebschaft des Kaisers, 
und eines Tages, bei Tische, als Livia an der Seite des Augustus 
lag, näherte sich ihr einer der nackten Knaben, die von den 
römischen Damen zu ihrem Vergnügen aufgezogen wurden und 
sagte: „Was machst du hier, o Herrin? Siehe, dein Gatte" — und 
er zeigte auf Nero — „ist dort" 1 Livia kam kurze Zeit darauf 
nieder, und man sagte in Rom auf offener Straße, daß Leute, die 
Glück haben, schon nach dreimonatlicher Ehe Kinder kriegten, was 
sogar zu einer sprichwörtlichen Redensart wurde. Ein Geschichts- 
schreiber sagt, daß Augustus seine Gemahlin wegen ihres schwan- 
geren Leibes nach der Weise des Viehes liebkosen mußte; und 
diese frivole Position stellt der Cameo des Apollonius, eines be- 
rühmten Graveurs des augusteischen Zeitalters, dar. Der Zustand, 
in welchem sich Livia befand, mag freilich die Stellung nötig ge- 
macht haben, aber es scheint auch, daß sie von jeher Geschmack 
an der Manier der Alten gehabt habe, sei es, weil diese glaubten, 
wie es Lucrez bezeugt, daß diese Haltung die Zeugung günstig 
beeinflusse, sei es vielmehr, daß sie dieselbe wegen des Raffine- 



■ Vgl. Dio Cassius, XLVffl. Buch, 44. Kapitel. 

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ments vorzogen. Die sonderbarsten und unnatürlichsten Stellungen 
haben jederzeit, nach der Meinung einiger Wollüstlinge dazu bei- 
getragen, den Genuß zu vermehren und zu würzen. Aber man 
muß eingestehen, daß die Einbildungskraft noch über die Mög- 
lichkeit hinausgeht" 

Einen sonderbaren Grund für die Notwendigkeit des Koitus von 
hinten tiftelt Aloisia in ihrer Schlauheit aus; HI, S. 73 (S. 243): „Man 
preist besonders jene Muscheln, die nicht gar zu weit unten sitzen, 
so daß sie völlig zwischen den Schenkeln verborgen sind; sie darf 
vielmehr nur neun bis zehn Zoll vom Nabel entfernt sein. Bei 
den meisten Weibern sitzt die Liebesgrotte so tief unten, daß man 
sie leicht mit dem andern Wege zur Wonne verwechseln könnte. 
Mit solchen ist der Beischlaf schwer zu vollziehen. Teodora 
Azpilcueta konnte nicht entjungfert werden, als bis sie sich platt 
auf den Bauch legte, die Knie aufstützte und die Lenden empor- 
streckte. Vergebens hatte, solange sie auf dem Rücken lag, ihr 
Gatte bei seinen Versuchen sich in Schweiß gearbeitet Der Liebe 
Müh war völlig umsonst gewesen." 

Ovid rät besonders denjenigen Weibern, deren Leib von Run- 
zeln durchfurcht zu werden beginnt, sich durch den Koitus von 
hinten befriedigen zu lassen (De arte III, 785—786): 

Du auch, der auf den Leib Lucina Runzeln gezeichnet, 
Flüchtigen Parthern gleich ficht mit gewendetem Roß. 

Darauf scheint auch die Lehre hinzudeuten, die er kurz zu- 
vor, V. 774, gibt: 

Die, der ihr Rücken gefällt, lasse von hinten sich schau'n. 

Aber abgesehen von der Notwendigkeit, ist es sicher, daß sich 
die Frauen oftmals nur aus Sinnenreiz von hinten besteigen lassen, 
da die höchste Wollust in der Abwechslung besteht Aus keinem 
anderen Grunde läßt sich auch Tullia von Fabrizio von hinten 
bearbeiten (Aloisia Sigaea, S. 249—250 [S. 149]): 

„Aloisio steht auf" — so erzählt Tullia, „zu neuem Kampf 
rüstet sich Fabrizio: hochrot und drohend starrt ihm schwellend 
das Glied. ,Ich bitte Euch, gnädige Frau, 4 sagt er, .dreht Euch 

M 209 



herum!' Seinem Wunsche gemäß drehe ich mich herum. Als er 
aber meine Hinterbacken sah, neben deren Weiße Elfenbein und 
Schnee dunkel hatten erscheinen müssen, da rief er: ,0, wie seid 
Ihr schön! Aber bitte, richtet Euch auf die Knie auf und neigt 
den Oberkörper vornüber I 4 Ich senke Kopf und Brust und hebe 
das Gesäß empor. Schnell und feurig stößt er den Speer tief in 
meine Scheide hinein. Mit seinen Händen packt er meine beiden 
Brüste. Dann beginnt er sich hin und her zu bewegen und bald 
strömt ein wonniger Bach in den weichen Schoß der Liebe. Auch 
ich verspüre wunderbare Wonnen und es fehlt nicht viel, so 
schwinden vor Wollust mir die Sinne; eine solche Menge Samen 
aus Fabrizios Lenden überströmt und kitzelt mich; eine solche 
Menge meines eigenen Saftes erschöpft alle meine Kräfte. Diese 
eine Begattung kostete mich mehr Kräfte als die drei vorher- 
gehenden zusammen genommen." 1 

Eine recht artige Abart des Coitus aversus ist auf Tafel XXVIII 
in den Monumens du culte secret des dames romaines dargestellt 
Ein Weib stemmt dort die Hände auf den Boden, während ihr 
Unterleib von einem aufgehängten Seil gestützt wird; hinter ihr 
steht ihr Galan. Solch eine Stellung ungefähr muß die Frau 
jenes Zimmermannes eingenommen haben, von der Apuleius 
(Metamorphosen IX, 7) erzählt, ihr Liebhaber habe sie in „aller 
Ruhe von hinten bearbeitet, während sie sich über ein Faß ge- 
bückt hatte". Zu diesem reizenden Schwank findet sich eine 
Illustration bei La Fontaine, Contes et nouvelles en vers, II, S. 215, 
bei der Novelle „Le cuvier". 



1 Diese Stellung ist ziemlich alten Ursprungs. Auf sie beziehen sich die 
Stellen bei Aristophanes, Der Friede, Vers 896: „auf der Erde ringen, stehend 
nach Art der Vierfüßer" und Lysistrata, Vers 231: „Nicht will ich dastehn wie 
eine Löwin, auf dem Küchenmesser (dargestellt)." 



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ZWEITES KAPITEL. 



Von der Päderastie. 

Das ist es, was ich über den Koitus zu sagen hatte, ich gehe 
nun dazu über, von einer anderen Art des Sinnengenusses zu 
sprechen, nämlich demjenigen, den sich das männliche Glied mit 
Hilfe des Hintem verschafft. Wenn jemand das Geschäft verrichtet, 
indem er seinen Penis in den After eines Mannes oder eines 
Weibes einführt, treibt er Päderastie. Wer Päderastie treibt, heißt 
paedicator, paedico, draucus, 1 während der, welchen er dazu be- 
nützt, pathicus, cinaedus, catamitus, s mollis, delicatus heißt; ein 
schon älterer oder ausgedienter Pathicus heißt exoletus. Da die 
Päderastie weit seltener mit Weibern als mit Männern getrieben 
wird, pflegt man sie die männliche Venus zu nennen. Dabei wird 
die Wollust entweder aktiv, von Seiten des Päderasten, oder passiv, 
von Seiten des Pathicus, befriedigt Daß der erstere ein Vergnügen 
empfindet, ist leicht begreiflich, da jede Reibung der Mentula 
einen Sinnenreiz ausübt Wie aber der Pathicus ein Vergnügen 
daran haben kann, wenn ihm ein fremder Penis in seinen Dann 
hineingebracht wird, ist schon schwieriger zu verstehen, wenigstens 
für meine beschränkten Begriffe, der ich in diesem Fach völlig 
Laie bin. Man braucht trotzdem nicht anzunehmen, daß die 

1 Draucus, Täter, von dpdö, für dravicus, wie cautus für cavitus, lautus 
für lavitus. 

1 Catamltus ist nach Festus der Name des Oanymedes, Jupiters Bettgenossen. 
Ahnliche Beispiele von entstellten griechischen und anderen Namen rinden sich 
häufig: Proserpina für Persephone, Aesculapius für Asklepios, Carthago für 
Karchedon, Pollux für Polydeukes, persona für prosopon, Sibylla für Siobula, 
masturbare für manustuprare. 

14» 211 



Wollustempfindung des Pathicus nur eine bedingte sei oder daß 
er sein Schamgefühl nur darum dem Päderasten preisgebe, um 
sich dadurch selber ein Vorspiel zum regelrechten Koitus zu ver- 
schaffen, noch daß er seinem eigenen schlaffen Gliede durch das 
Schauspiel eines anderen kraftigen Gliedes oder durch einen ge- 
wissen Kitzel im Hintern aufhelfen wolle; dieselbe Wirkung üben, 
wie Panormita lehrt (Hermaphroditus, I. Buch, XX. Epigramm), ein 
in den Anus hineingestoßener Finger, 1 oder, wie AJoisia Sigaea, 
S. 210—211 (S.125) ausführt, die Schläge auf den Podex aus: „Von 
einem unserer Bekannten, dem Markgrafen Alfonso, habe ich erzählen 
hören, daß ihn Rutenhiebe zum Liebeskampf anregen müssen; 
ohne dieses Mittel wäre er gänzlich ohnmächtig. Er läßt sich 
das Hinterteil mit Ruten streichen — und zwar kräftig; während 
dieser Zeit liegt seine Gemahlin rücklings auf dem Bett schon 
in der geeigneten Stellung bereit; während man ihn schlägt, richtet 
sein Glied sich empor und wird um so steifer, je heftiger die 
Schläge sind. Sobald er sieht, daß seine Waffe in gutem Stande 
ist, stürzt er sich auf seine Gattin, und indem er der unter ihm 
liegenden mit den kräftigsten Stößen zusetzt, überströmt er sie 
mit den himmlischen Gaben der Venus, und genießt mit ihr aller 
Wonnen, die die Göttin der Liebe zu gewähren vermag. 9 Und 
was war es anders, was des Genfers Rousseau geschicktes Glied 
erfahren hat, wenn er als Knabe Mademoiselle Lambercier zwang, 
ihm jene Züchtigungen auf seine Hinterbacken zu erteilen, nach 
denen er sich sein ganzes späteres Leben hindurch so sehr ge- 
sehnt hat? Hören wir ihn selbst, wie der unsterbliche Autor diese 
heitere Episode mit der ihm eigenen Eleganz im ersten Buche 
seiner französisch geschriebenen Bekenntnisse (Ausgabe von 



1 Auf ähnliche Weise führt Oenothea einen ledernen Penis in das Gesäß 
des Encolpus ein, um das schlaffe Glied des Knaben zu reizen. Petronius 138: 
„Oenothea brachte eine lederne Mentula herbei, bestrich sie mit öl, streute 
kleingestoßenen Pfeffer und Nesselsamen darauf, und begann, sie mir nach und 
nach in den Anus hineinzuführen." Von einem anderen Gebrauch des ledernen 
Penis werde ich weiter unten, im VII. Kapitel, zu schreiben haben. 

2 Der Verfasser der „Gynäoiogfe" (Chrn. Gfr. Flittner) erzählt (LH, S. 392), 
dafi noch heutzutage in den Londoner Bordellen diejenigen, welche es wünschen, 
von eigens dazu angestellten Personen gegeißelt werden. 

212 



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Genf, 1782, von S. 22 an) mit Auslassung einiger rein schmücken- 
der Zusätze erzählt: „Da Fräulein Lambercier uns mit der Liebe 
einer Mutter zugetan war, nahm sie auch deren Gewalt über uns 
in Anspruch und trieb dieselbe mitunter so weit, daß sie uns auch 
wenn wir es verdient hatten, wie eine Mutter ihr Kind, züchtigte. 
Ziemlich lange ließ sie es bei der Drohung bewenden, und diese 
Androhung einer mir ganz neuen Strafe versetzte mich in einen 
großen Schrecken; aber nach ihrer Erduldung fand ich sie weniger 
schrecklich, als ich sie mir in der Erwartung vorgestellt hatte, ja, 
was noch eigentümlicher ist, diese Züchtigung flößte mir noch 
größere Zuneigung zu der ein, die sie mir erteilt hatte. Es ge- 
hörte sogar die ganze Aufrichtigkeit dieser Zuneigung und meine 
natürliche Folgsamkeit dazu, um mich davon zurückzuhalten, ab- 
sichtlich eine Unart zu begehen, die in gleicher Weise hätte ge- 
ahndet werden müssen, denn der Schmerz und selbst die Scham 
war mit einem Gefühle von Sinnlichkeit verbunden gewesen, das 
in mir eher das Verlangen, es von derselben Hand von neuem 
erregt zu sehen, als die Furcht davor zurückgelassen hatte. Wer 
sollte glauben, daß diese im Alter von acht Jahren von der Hand 
eines Mädchens von dreißig Jahren empfangene Züchtigung über 
meine Neigungen, meine Begierden, meine Leidenschaften, über 
mich selbst für meine ganze übrige Lebenszeit entschieden hat? 
Lange gepeinigt, ohne zu wissen wovon, verschlang ich mit 
brennenden Augen schöne Mädchenerscheinungen; unaufhörlich 
stellte meine Einbildungskraft mir ihr Bild wieder vor die Seele, 
einzig und allein um sie mir in der Ausübung des Strafakts zu 
zeigen, und ebenso viele Fräulein Lambercier aus ihnen zu machen. 
Mit meinen Gedanken nur immer bei dem weilend, was ich emp- 
funden hatte, wußte ich trotz der oft sehr lästigen Wallungen des 
Blutes meine Begierden nur auf die Art der Wollust zu lenken, 
die mir bekannt war. In meinen törichten Einbildungen, in meinen 
erotischen Tollheiten, in den überspannten Handlungen, zu denen 
mich dieselben nicht selten trieben, mußte mir in der Einbildung 
das andere Geschlecht eine Hilfe leihen, ohne daß ich je auf den 
Gedanken geriet, daß es zu einer anderen Dienstleistung geeignet 
sei als zu der, zu welcher ich es heranzuziehen brannte. Aber 
als ich im Laufe der Jahre zum Manne herangereift war, ver- 

213 



schmolz mein alter kindlicher Geschmack dergestalt mit dem an- 
deren, daß ich ihn nie aus meinen sinnlichen Begierden entfernen 
konnte; und diese Narrheit hat mich in Verbindung mit meiner 
angeborenen Schüchternheit bei den Frauen stets sehr wenig 
unternehmend gemacht, weil ich weder alles zu sagen wagte, 
noch alles zu tun vermochte, indem die Art von Genuß, wovon 
der andere nur als das letzte Ziel galt, von dem, welche ihn er- 
sehnte, nicht verlangt, noch von denjenigen, von welcher die Er- 
füllung abhing, erraten werden konnte. So habe ich mein Leben 
lang trotz aller Gelüste den Personen gegenüber, die ich am 
meisten liebte, geschwiegen. Unfähig, meinen Geschmack ein- 
zugestehen, befriedigte ich ihn durch den Umgang mit Persönlich- 
keiten, die ihn in mir wach erhielten. Wie schwer mir solche 
Gestandnisse angekommen sind, kann man daraus schließen, daß 
ich es nie in meinem Leben habe über mich gewinnen können, 
meine Tollheit denen zu bekennen, die ich doch mit einer so 
rasenden Leidenschaft liebte, daß ich nicht zu sehen und zu hören 
vermochte, daß ich völlig außer mir geriet und mein ganzer Körper 
von einem krampfhaften Zittern befallen wurde. Auch in den 
Stunden der innigsten Vertraulichkeit hatte ich nicht das Herz, 
sie um Gewährung der einzigen Gunsterweisung zu bitten, die 
mir zu den übrigen noch fehlte. Diese ist mir nur einmal in 
meinen Kinderjahren von einem Mädchen meines Alters zuteil 
geworden, und noch dazu ging von diesem der Vorschlag aus." 

Kehren wir nun zu dem Punkt zurück, von dem wir abgeschweift 
waren. Wenn das Wollustgefühl des Pathicus nicht so aufgefaßt 
werden kann, als übertrüge es sich von seinem Hintern, gleichsam 
auf einem Umwege, auf seine Mentula, so müssen wir zu dem 
Schluß kommen, daß die Pathici eben solch eine Begierde im 
Hintern verspüren, wie andere im Penis, und daß sie im Podex 
eine wahre Quelle der Wollust haben, von der Unerfahrene nichts 
wissen. 1 Sicherlich bezeugt die Geilheit des Podex Martialis (VT, 37) 
ganz ungeschminkt: 

1 Um das juckende Oefühl im Hintern zu stillen, hatten die Einwohner von 
Siphnos, einer der kykladischen Inseln, die Gewohnheit, einen Finger hinein- 
zustecken. Die Griechen nannten diese Manipulation siphnisieren. Suidas: 
„2upvtdfriv, den Arsch mit dem Finger bearbeiten." 

214 



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Vom Gesäße, zerrissen bis zum Nabel, 
Hat Charinus auch nicht ein Überbleibsel, 
Und stets ist er doch brünstig bis zum Nabel. 
O wie arge Begierde plagt den Armen! 
Er ist ohne Gesäß und doch Kinäde. 

Auch Tullia wird von dieser Art wütender Geilheit ergriffen, wie 
sie selber erzählt (Aloisia Sigaea, S. 253—254 [S.152]): „Da ich sah, 
daß mein Reden mir nichts nützte, fügte ich mich dem Willen dieser 
Rasenden. Aloisio neigte sich über mein Gesäß, setzte die Stange 
an das Hinterpförtlein an, stieß, bohrte und sprengte sie schließ- 
lich mit einer kräftigen Anstrengung. Ich stöhnte. Sofort zog er 
den Speer aus dem Loch heraus, vergrub ihn in meine Kleine 
und überströmte mir die schlüpfrige Liebesfurche mit reichlichem 
Samen. Nachdem er fertig war, ging Fabrizio in der gleichen 
Weise ans Werk. Mit schnellem Angriff legte er die reine Lanze 
ein und stieß sie sofort in den Leib. So steckte er eine Zeitlang 
abwechselnd sie hinein und zog sie wieder heraus. Mich aber — 
ich hätte es nicht für möglich gehalten — versetzte ebenfalls das 
Jucken in eine solche Raserei der Sinne, daß ich bestimmt glaube, 
ich würde mich an diese Art von Vergnügen recht gut gewöhnen 
können, wenn ich wollte." Das Jucken im Gesäß bestätigt auch 
Coelius Rhodiginus, Lectionum antiquarum, Buch XV, Kap.X: „Man 
weiß, daß die Kinäden, während sie schamloserweise gebraucht 
werden, die höchste Wonne genießen," und gibt auch die Ursache 
dafür an — ob es Wahrheit oder Phantasie sei, mögen die Ärzte 
entscheiden. — „Bei denjenigen, deren (Samen)leitungen nicht von 
natürlicher Beschaffenheit sind, sei es, daß die zur Mentula führen- 
den Stränge versagen, wie es bei Eunuchen und ähnlichen Leuten 
ist, sei es aus anderen Ursachen, sammelt sich diese Flüssigkeit 
im Gesäß an. Haben sie großen Oberfluß von Samen, so staut 
sich dort jene Absonderung an, und sie empfinden, sobald ihre 
Begierde erregt ist, das Bedürfnis nach einer Reibung in dem 
Körperteil, in welchem sich die Absonderung angestaut hat. Daher 
lassen sich solche, denen die Feuchtigkeit in das Gesäß über- 
gegangen ist, so gern als Pathici gebrauchen." 

Auf jeden Fall steht soviel fest, daß der Pathicus ein Wollust- 

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w 

\ 

1 

gefühl hat. Und zwar waren die Pathid im alten Rom so be- 
gierig, einen steifen Penis im Hintern zu haben, daß sie keine 
große Men tula sehen konnten, ohne daß ihnen der Schaum vor 
dem Munde stand, und daß sie den letzten Heller hingegeben 
hatten, um die Gunstbezeugungen gliedbegnadeter Männer zu J 
genießen. 

Juvenalis IX, 32—36: 

Menschen beherrscht das Geschick; ihr Geschick auch haben 

die Teile, 

Welche sich bergen im Schoß. Denn wenn dir erbleichen die 

Sterne, 

Nutzlos bleibt im Verborgnen das Maß der gewaltigen Sehne, 
Hätt' auch nackt dich gesehn mit in Geilheit schäumendem Munde 
Virro. 

Martialis I, 96: 

Er fragt vielleicht, weshalb er mir Weichling scheinet. 
Wir baden uns zusammen: er blickt nie aufwärts, 
Vielmehr verschlingt sein Auge Männerliebhaber, 
Und der Glieder Anblick macht ihm seinen Mund wässrig. 

Derselbe n, 51: 

Wenn in dem ganzen Schrein du oft nur einen Denar hast, 

Hyllus, und diesen dazu glatter noch als dein Gesäß, 
Wird ihn der Bäcker doch nicht, ihn wird kein Garkoch erhalten, 

Sondern einer, der stark pranget mit männlicher Kraft. 
Denn dein Magen, der arme, muß schaun des Gesäßes Gelage 

Und muß jämmerlich stets hungern, wenn dieses verschlingt. 

Und von welchem Beifall hallten die Bäder wieder, wenn dort 
Männer eintrafen, deren Mentula das^Durchschnittmaß überschritt! 
Martialis IX, 33: 

Wenn, Flaccus, du im Bade Beifall hörst klatschen, 
So wisse, daß für Ehefrau'n ein Glied da ist 

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Juvenalis VI, 373, 374: 



Schon von ferne gesehen und allen bekannt in die Bäder 
Schreitet er. 

Die Pathici verrichteten ihr Geschäft nicht ohne gewisse 
Finessen. Und zwar bestand die Regel ihrer Zunft hauptsächlich 
aus zwei Vorschriften, erstens, daß sie sich die Haare ausrupfen 
ließen und zweitens, daß sie ihr Gesäß zu bewegen verstanden. 

Zunächst mußten die Pathici sorgsam die Haare von der 
ganzen Oberfläche des Körpers entfernen. 1 Sie enthaarten sich 
die Lippen, die Arme, die Brust, die Beine, das Schamglied, vor 
allem aber machten sie den Altar der Wollust, den Podex, glatt 
Martialis II, 62: 

Daß du die Brust, daß die Schenkel du dir, daß die Arme du rupfest, 
Daß das geschorene Glied gürtet gekürzetes Haar, 

Das, Labienus, geschieht — wer wüßt's nicht? — für die Geliebte. 
Wem zu Gefallen enthaart wird, Labien, dein Popo? 

Derselbe IX, 27: 

Obgleich du, Chrestus, deinen Sack enthaart trägest 
Und nacktem Geierhalse deine Scham gleichet 
Und glatter als Kinädenhintre dein Haupt glänzet 
Und nicht ein Haar auf deinen Schenkeln aufsprosset 
Und oft mit Zangen von den Lippen rupfst die Haare: 



1 Stets jedoch mit Ausnahme des Haupthaares, auf dessen Pflege sie große 
Sorgfalt verwandten. Horatius, Buch IV, Ode X. sagt zu Ligurinus: 

Wenn dein um die Schulter wallendes Haar unter dem Stahle sank 
und Epod. XI: 

— neue Liebe 

Zum zarten Knab', dem langes Haar vom Haupte wallt. 

Sie werden deshalb von Martialis (HI, 58; fl, 57) „capillati" und (XII, 97) 
„comati" genannt. 

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Sind Numa, Curius, Quintius, Camill, Ancus, 
Die stets im Mund', und wen man je behaart nannte, 
Und drohend klingen deine Wort' und hochtrabend, 
Und mit Theatern keifst du und dem Zeitalter. 
Begegnet währenddessen dir ein Mannschänder, 
So — winkst du ihn herbei. 

Derselbe IX, 57: 

Nichts ist schäbiger als Hedyls Mantel. 

Eins ist aber — er wird's gestehn — sein Hintrer, 

Der noch mehr als sein Mantel abgeschabt ist 

Dahin gehört auch der Podex des Hyllus (Mart II, 51), der 
noch mehr abgerieben ist als der letzte Denar, den er besitzt; 
dahin der gerupfte Leib des Pathicus Otho (Suetonius, Otho, 
Kap. XII), auch jene Anspielung auf den jüngeren Vibennius in 
dem Gedichte des Catullus (34): „die haarigen Hinterbacken kannst 
du nicht für ein As verkaufen". Deshalb bittet Galba den Icelus, 
daß er sich zuvor rupfen lasse, ehe er seine Verführungskünste 
ausübe. (Suetonius, Galba, Kap. XXII): „Er war eher geneigt, die 
Männer zu lieben, und zwar nur recht vierschrötige und er- 
wachsene. Es wurde erzählt, daß er in Hispanien, als Icelus, einer 
seiner alten Bettgenossen, ihm den Tod Neros ankündigte, ihn 
nicht nur öffentlich unter Küssen an sich drückte, sondern ihn 
auch bat, daß er sich unverzüglich die Haare ausrupfen lasse und 
ihn dann verführt habe." 

Den Podex glätteten sich auch solche Männer, die sich im 
übrigen bemühten, mit struppigem Haupthaar und nie geschorenem 
Barte die gravitätische Würde der alten Philosophen zu markieren. 
Martialis IX, 47: 

Zenos Namen und den Demokrits und des dunkelen Plato 
Und, wer im Bilde noch sonst starret von zottigem Haar, 

Nennst du, als wärest du selbst des Pythagoras Schüler und Erbe, 
Und dem des Samiers gleich wallet dein Bart dir herab. 

Doch, was den Lockigen fremd und schmachvoll ist den Behaarten, 
Hast du den steifen Schwanz gerne im glatten Gesäß. 

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Juvenalis II, 8 — 13: 



Äußerem traue man nicht; denn wo nicht füllten die Gassen 
Sünder mit ernstem Gesicht? Du rügest das Laster und bist doch 
Selbst der bekannteste Pfuhl in der Zahl der somatischen Buhlen. 
Freilich die Glieder so rauh und die stachelnden Borsten am Arme 
Lassen ein trotzig Gemüt uns ahnen; doch hinten am glatten — 
Schneidet der lachende Arzt frisch weg die geschwollenen Warzen. 

Persius IV, 37—38: 

Kämmest und salbest ja immer die Borsten am Backen, warum denn 
Muß vom Gemachte geschoren dir ragen gerade der Mehlwurm. 

Daher gibt Martialis dem Charidemus den Rat, sich die Hinter- 
backen zu enthaaren, damit man ihn eher für einen Pathicus als 
für einen Fellator halten möchte, VI, 56: 

Weil von Borsten das Bein und die Brust von Zotten dir starret, 
Denkst du, du könntest damit täuschen den Ruf, Charidem? 

Glaube mir, rotte das Haar dir aus vom sämtlichen Körper, 
Stelle auch Zeugen dafür, daß du dich hinten enthaart. 

„Weshalb?" fragst du; du weißt, daß viel von Vielen gesagt wird. 
Lasse du sie, Charidem, denken, du seist ein Kinäd. 

Aber nicht nur Pathici pflegten die Haare vom Körper zu ent- 
fernen, sondern überhaupt Männer, die an ein verfeinertes Genuß- 
leben gewöhnt waren. 1 Quintiiianus, In st it. orat I, 6: „Wenn also 
in Rom solche Dinge aufgekommen sind, wie das Enthaaren, das 
Kräuseln des Haupthaares, das Durchzechen in den Bädern, so 
wird dies, wenn es auch jetzt über uns hereingebrochen ist, nicht 
dauernde Gewohnheit bleiben, denn es läßt sich gegen alle diese 
Dinge vieles einwenden." Sonderbar ist es, daß derselbe Quinti- 
iianus, der sich über die gekräuselten Haare aufregt, über das ge- 

1 Die Haare aus der Achselhöhle zu entfernen, galt aber für ein notwendiges 
Gebot d«r Körperpflege. Seneca, Briefe 114: „Der eine pflegt sich, der andere 
vernachlässigt sich mehr als recht ist: jener entfernt sich |die Haare selbst von 
den Schenkeln, jener nicht einmal von den Achselhöhlen." 

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meinsame Baden von Frauen und Männern sehr milde denkt; 
V, 9: „Denn wenn es für eine Frau ein Zeichen des Ehebruchs 
wäre, mit Männern zu baden, dann wäre es auch eins, mit 
jungen Leuten zu speisen, ebenso mit jemandem intime Freund- 
schaft zu pflegen, vielleicht wird der einen enthaarten Leib, einen 
unmännlichen Gang und weibisch schleppende Kleider weichlich 
und unmännlich nennen, dem diese Dinge Anzeichen der Un- 
keuschheit sind." Dergleichen Männer mit ihren fast weibischen 
Toilettenkünsten, wie wenn sie aus dem Schmuckkästchen zusam- 
mengesetzt wären, schildert Martial mehr als einmal, z. B. II, 29: 

Rufus, siehst du dort den, der die ersten Bänke besetzt hält? 
Welchem der ganze Marcell aus dem Haar, dem gesalbeten, duftet, 
Und dem, vom Bimsstein glatt, glänzt sein gerupfter Arm. 

Ferner V, 61: 

Wer ist das gekräuselte Herrchen, 
Welches ein Bein läßt sehn, nicht durch ein Härchen entstellt? 

Solche Galanterien verachtete auch der große Geist des Julius 
Caesar nicht; Suetonius, Kap. 45: „In bezug auf die Körperpflege war 
er besonders eigen; er ließ sich nicht nur (mit der Schere) die 
Haare vom Körper scheren und (mit dem Rasiermesser) fleißig 
rasieren, sondern sogar ausrupfen, was einige mißbilligten." Dazu 
brauchte man „Samni tische Gefäße mit Harz und Pech, das er- 
wärmt wurde, um Männer zu enthaaren und glattzumachen", 
welche Julius Capitolinus (Pertinax, Kap. 8) unter den Sachen des 
Commodus aufzählt, die auf Pertinax* Befehl öffentlich versteigert 
wurden. Man bediente sich zum Vertilgen der Haare entweder 
des Volsella (einer kleinen Zange) oder des Dropax oder Psüo- 
thrum (einer Salbe). Die Zange erwähnt Martialis in dem kurz 
zuvor angeführten Epigramm IX, 27. Vom Dropax oder Psilo- 
thrum spricht er III, 74: 

Du machst Glatz und Gesicht durch Dropax glatt und Psilothrum. 

Ferner VI, 93: 

— sie frischt sich auf mit Psilothron 

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und X, 65: 

Täglich glättest du dir die Haut mit Dropax. 

Dropax oder Psilothron wurde aus Harz bereitet, das mit öl 
flüssig gemacht wurde. Plinius, Hist nat XIV, 20: „Alles Harz 
löst sich in öl auf, und ich schäme mich zu bekennen, daß jetzt 
sein größter Wert darin besteht, daß es zum Ausrupfen der Haare 
am Körper der Männer dient" Aerius sagt im ersten Buche seines 
medizinischen Werkes: „Der einfachste Dropax ist der, den man 
Pechpflaster nennt Trockenes Pech wird in sehr wenig öl auf- 
gelöst Darauf wird es heiß auf die Haut gestrichen, die vorher 
geschoren werden muß und auf der es fest anklebt Bevor es 
gänzlich abgekühlt ist, wird es abgezogen. Dann wird es von 
neuem über Feuer erwärmt und wieder angeklebt; wieder wird 
es abgezogen, bevor es erkaltet, und alles das wird mehrere Male 
wiederholt." Daher der Ausdruck die „Jugend in Baumharz 4 ', 
Juvenalis VIII, 114, ebenso Juvenalis IX, 13 — 15: 

— an der Haut kein Teilchen im Glanz, wie 
Solchen die Bruttische Binde dir gab mit erwärmtem Leime, 
Sondern im Schmutze das Bein, voll wuchernder Haare, verkommen. 

Martialis III, 74 fragt den ängstlichen Gargilianus, der sich vor 
dem Rasiermesser fürchtet, ob er sich vielleicht auch die Finger- 
nägel mit Harz abschneidet? 

Beide Methoden des Enthaarens miteinander vereint, werden, 
wie ich glaube, bei Persius IV, 37 — 41 erwähnt: 

Kämmest und salbest ja immer die Borsten am Backen, warum denn 
Muß vom Gemachte geschoren dir ragen gerade der Mehlwurm? 
Wenn auch fünf Badknechte an diesem Gestrüppe sich mühten, 
Und den gesottenen Hintern mit Zangen verzerrten und zwackten, 
Doch wird kein Pflug hinreichen, das Farnkraut völlig zu tilgen. 

Denn die Zange ist die „volsella", und die gesottenen Hinter- 
backen scheinen von dem heißen Dropax herzurühren, durch 
dessen Aufstreichen das Fleisch gewissermaßen wie gekocht aus- 

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sah. Diese Stelle des Persius hat dem Ausonius bei seinem 
131. Epigramm (Peiper, S. 346) vorgeschwebt: 

Daß du mit siedendem Dropax die Weichen dir glättest, hat Ursach, 

Weil ein geglättetes Glied Huren zu reizen vermag. 
Nicht aber kann ich 's begreifen, weshalb du dein Hammerwerk 

Furchheim 

Reibest mit Bimsstein, warum deinen Popo du rasierst 
Oder es müßte denn sein, daß zweierlei Lüste dich jucken, 
Daß du am Hintern als Weib fühlst und im Schwänze als Mann. 

Clazomenae bedeutet hier ohne Zweifel „zerbrochene, zer- 
klüftete, gespaltene Hinterbacken", wie sie bei den Pathici vor- 
zukommen pflegen, 1 wie sie Carinus hat, dessen „geschlitzten 
Podex" Martialis VI, 37, erwähnt. Clazomenae, der Name einer 
Stadt, vom griechischen xAd£a>, ich zerbreche, abgeleitet, hat einen 
obszönen Doppelsinn. Ähnlich wird von Gonsalvo de Cördoba 
erzählt, er habe, wenn er Päderastie treiben wollte, gesagt, er 
wolle nach Aversa (= von hinten herum), wenn er ihn in den 
Mund (ori) stecken wollte, er wolle nach dem Orient, und wenn 
er eine Scheide lecken (lingere) wollte, er wolle nach Ligurien. 
Wenn es hier „gehämmerte Clazomenae" heißt, so will Ausonius 
andeuten, daß sie (die Hinterbacken) dem menschlichen Körper 
gewissermaßen angehämmert seien; so wie man etwa bei uns im 
Scherz von einem Kahlen sagen würde: er kratzt sein gehämmertes 
Kahla. 2 Was kann einfacher oder eleganter ausgedrückt sein? 
Der Sinn des Satzes ist keineswegs dunkel, wie Forcellini be- 
hauptet. Andere Herausgeber haben für „ineusas" „inclusas" (ein- 
geschlossen), worunter der Spalt zu verstehen sein soll, der von 
der Rundung der Backen beiderseits eingeschlossen ist. Aber 
erstens können die gespaltenen Backen zwar mit Fug und Recht 



1 In Italien als Schimpfwort allgemein: .Ctüo rotto* (Anm. d. Übersetzers). 

» Scalpit Calam ineusam. Cala kann auch durch .Pfahl' übersetzt werden. 
Dieser schreckliche philologische Kalauer ist genau so überflüssig wie die ge- 
zwungene Erklärung von ineudere. Letzteres bedeutet „paedicare* ; braucht man 
doch auch in vulgärer Redensart häufig das Wort .hämmern* für .koitieren" 
(Anm. d. Übersetzers). 
222 



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„Clazomenae" (zerklüftete) genannt werden, nicht aber der Spalt 
selber; und zweitens ist doch kaum anzunehmen, daß der Elende 
sich den Spalt und nicht vielmehr den Podex enthaart 

Es gab auch Männer, die sich die Haare von Frauen ent- 
fernen ließen. Solche Dienstwillige nannte man Ustriculae (von 
ustulare, sengen), weil sie mit dem heißen Dropax, den sie auf 
die Schenkel oder andere Körperteile brachten, die Haare ab- 
sengten. Tertullianus, De pallio, Kap. 4: „sich sogar der Ustri- 
culae bedienend/' wobei Salmasius (S. 284) den Witz macht: 
„wahrend die Ustriculae einst dazu da waren, die Schenkel zu 
enthaaren, scheint es heut ihre Aufgabe zu sein, den Verstand zu 
foltern." Wer wollte zweifeln, daß Augustus (vgl. Suetonius, 
Kap. 68), der „gewohnt war, die Schenkel mit heißgemachten 
Nässen zu sengen, damit die Haare weicher und feiner wüchsen," 
hierzu die angenehme Hilfe der Ustriculae in Anspruch genommen 
habe? 

Aber auch die Weiber selber entfernten sich die Haare von 
den Schamteilen, weil sie ihnen dort nicht am Platze schienen. 1 
Martialis XII, 32: 

Auch nicht ein Topf der Mutter, ekles Harz haltend, 
Womit Summöner Liebchen sich das Haar nehmen. 



1 Auch die Griechinnen verschmähten diesen Gebrauch nicht; Aristophanes, 
Lysistrata, Vers 89: 

und den Polei hat mit der Zange hübsch sie sich gerupft 

Derselbe, Frösche, Vers 515: 




— mit glattgeschorener Muschel versehn. 



Daß auch die Männer an einem glattrasierten Geschoß mehr Gefallen fanden 
als an dem mit weichem Flaum besetzten, so sonderbar dieses uns heutzutage 
scheinen mag, geht aus einer Stelle bei Aristophanes, Lysistrata, Vers 151—152, 
hervor, in der ein glattes Geschoß geradezu fflr etwas erklärt wird, was das 
Mannesglied aufrichten und zum Koitus anreizen könne: 

wenn nackt einher wir gehn mit glatter und geschoraer Scham, 
da wird das Ding den Männern stehn, daß sie uns ticken wollen. 

223 



Wie die Männer den Weibern, so boten umgekehrt auch 
raffinierte Weiber den Männern ihre Schamhaare zum Entfernen 
dar, wie Plinius, Hist nat XXIX, 1, voller Unwillen berichtet: 
„desgleichen die zur Schau gestellten behaarten Geschlechtsteile 
der Frauen! Ja, so ist es |in der Tat: durch nichts mehr als 
durch die Heilkunst ist die Sittenverderbnis befördert worden l u 
Ja, nicht einmal die Kaiser hielten es unter ihrer Würde, diesen 
Liebesdienst bei ihren Konkubinen zu verrichten. Suetonius, Do- 
mitianus, Kap. 22: JEs ging das Gerücht, daß er seinen Konku- 
binen eigenhändig die Haare entferne, und in der Gesellschaft 
der gemeinsten Huren bade." Lampridius, Heliogabalus, Kap. 31: 
„Im Bade hatte er jederzeit Mädchen bei sich, die er selbst mit 
der Haarsalbe enthaarte, mit der er sich auch den Bart abnahm, 
und zwar, was zu sagen man sich schämen muß, mit derselben 
Haarsalbe und zu derselben Stunde. Auch schor er eigenhändig 
die Schamteile seiner Liebhaber mit demselben Schermesser, wo- 

Aber auch bei älteren Frauen war es Gebrauch, die von allzu üppigem 
Haarwuchs starrende Scham zu rasieren, um weniger alt zu erscheinen. Mar- 
tialis X, 90: 

Weshalb rupfst du die alte Scham, Ligella? 
Weshalb reizest du deines Grabes Asche? 
Sauberkeiten, wie diese, ziemen Jungen. 
Und du irrst, wenn du das für eine Scham hältst, 
Wo schon längst keine Mentula mehr hinkommt 

Indessen galt es auch als Schimpf, wenn einem Weibe die Schamhaare ab- 
rasiert wurden; Aristophanes, Thesmophorienfeier, Vers 537—538: 

Entblößen wollen wir die Scham von Haaren ihr, damit sie lernt, 
Als Weib die Weiber nicht verlästern mehr. 

Diese Strafe wurde auch an Ehebrechern vollstreckt, die auf der Tat ertappt 
wurden, und zwar in der Weise, daß ein Rettich oder eine Meeräsche ihnen in 
den Hintern hineingestopft und der Hintere nebst der Scham mit glühenden 
Kohlen abgesengt wurde. Aristophanes, Wolken, Vers 1083: 

Wie aber, wenn er von dir die Keti ichstraf' und das Gerupf erdulden müßt*? 

Suidas, unter $a<pavl£: .So ging man mit den Ehebrechern um, welche auf 
der Tat ertappt worden waren: man nahm einen Rettich und stopfte ihn dem 
Täter in den Hintern, den man mit heißer Asche einrieb, nachdem man die 
Schamhaare ausgerupft hatte.' 

224 



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mit er nachher selbst seinen Bart rasierte." Was dem Lampridius 
hier so ekelhaft vorkommt, ist, daß der Kaiser nicht Bedenken 
trug, denselben Dropax, den er soeben wie ein Pflaster auf die 
Schamhaare der Weiber gelegt hatte, um sie zu entfernen, so- 
gleich und zur selben Stunde, ehe sich noch der üble Geruch 
verzogen hatte, auf seinen Bart zu kleben. 

Aber, um auf die Pathici zurückzukommen, so fehlte es auch 
ihnen nicht an erlauchten Liebhabern, welche sich die Mühe 
gaben, sie zu enthaaren, wie das Beispiel Hadrians zeigt, von 
dem Spartianus, Kap. 4, schreibt: „Daß er, während seines ver- 
trauten Aufenthalts am Hofe, Trajans Freigelassene bestochen, 
dessen Lustknaben gepflegt und ihnen häufig ihre Haut geglättet 
habe, hörte man damals oft und viel behaupten." Ich glaube, 
daß Hadrian die Lustknaben genau auf dieselbe Art „gepflegt" 
haben wird wie Heliogabal seine Weiber, nämlich mit Dropax, 
da ja auch sogleich gesagt wird, er habe ihnen häufig die Haut 
geglättet, was er nach meiner Meinung unzweifelhaft tat, indem 
er ihnen eingeweichtes Brot auf das Gesicht legte, wodurch ent- 
weder die Zartheit und Glätte der Haut erhöht oder der Bart- 
wuchs verzögert werden sollte. Suetonius berichtet vom Kaiser 
Otho, Kap. 12, „daß er nicht nur täglich sein Gesicht zu rasieren, 
sondern auch eingeweichtes Brot aufzulegen pflegte, und das 
habe er getan, sobald sich der erste Flaum zeigte, damit er nie- 
mals einen Bart bekäme". Deshalb sagt der bissige Juvenalis 
(11, 107) von diesem Kaiser: 

Freilich, dem obersten Kriegsherrn geziemt es, die Haut stets zu 

pflegen 

Und mit der Hand dem Gesicht anpressend zu dehnen den Brotteig. 

Ist es zu verwundern, daß auch die Frauen an diesen Toiletten- 
künsten Geschmack fanden? Wer erinnerte sich dabei nicht des 
von Juvenal so frappant geschilderten Weibes in jener nach des 
Salmasius Urteil „göttlichen" sechsten Satire, Vers 462—472? Ihr 
„schwillt unter der Masse des Brots das Antlitz", womit sie „die 
Lippen des armen Gatten verklebt", so daß man nicht weiß, ob 
das, was man „mit so vielen veränderten Mitteln bekleistert, 

15 225 



Was man da bäht und was vom gehörig gekochten und nassen 
Weizmehl Klumpen empfängt, wird's Antlitz oder Geschwür sein? 
Endlich befreit sie's Gesicht und entfernet das frühere Tünch werk: 
Wird allmählich erkannt, und mit der Milch läßt sie sich bähen, 
Die stets frisch zu besitzen sie mitschleppt Eselsbegleitung, 
Würde verbannt sie geschickt zum Hyperboreischen Pole". 

Es scheint aber auch, daß zuweilen zum Schminken und 
zur Hautpflege des Gesichtes ein Teig aus Kreide aufgelegt 
worden sei, wie jener Kinäde, bei Petronius, Kap. 23, der über 
dem Gliede des Encolpus so lange vergeblich herumarbeitete: 
„Akazienbäche liefen von der Stirn des Schwitzenden herab, und 
in den Runzeln seiner Wangen stak so viel Kreide, daß sie aus- 
sahen wie eine vom Platzregen abgewaschene Wand." — Aber 
lassen wir endlich dieses klebrige Zeug beiseite, damit wir nicht 
ganz daran hängen bleiben. 

Der andere Teil der Kunstfertigkeit des Pathicus besteht, wie 
ich sagte, in dem „cevere", d. h. in dem stoßweisen Hin- und Her- 
bewegen der Hinterbacken während des Aktes, welches sowohl 
ihm als dem Päderasten den Liebesgenuß angenehmer macht. Bei 
den Frauen nennt man dieselbe Bewegung, wie sie während des 
Koitus gemacht wird, „crissare". Martialis III, 95: 

Aber nun wirst du gefickt und schön bewegst das Gesäß du. 

Juvenalis II, 20—22: 

— und nachdem sie die Tugend gepredigt, 
Heben den Steiß sie. „Ich sollte dich achten, arschwackelnder 

Sextus?" 

Ruft der verschriene Varillus. 

Derselbe IX, 40: 

— rechnet und stößt mit dem Hintern. 

Plautus, Pseudolus III, 2, 75: 

Wenn der da niederkauert, stoße mit dem Hintern. 

226 



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Einige haben deshalb — ich weiß nicht, ob mit Recht — das 
Wort Cinaedus von tuvüv rä aldola (das Scham glied bewegen) 
ableiten wollen. Freilich gehörte eine gewisse Gelenkigkeit der 
Schenkel und Beweglichkeit der Hinterbacken zu den Tugenden 
der Pathici, vgl. Petronius, Kap. 23: „Es trat ein Kinäde ein und 
gab folgendes Liedchen von sich: 

Hieher versammelt euch, Lüstlinge, Kinäden, 
Strebet mit eilendem Fuße, vereint die Sohlen, 
Schenkel und Hüften gelenkig, die Hand grifflüstern, 
Weichliche Brüder, verschnittene Kapaunen." 

Hier ist auch zum Vergleich das 36. Epigramm aus dem 
L Buche des Hermaphroditus anzuführen, das der Interessent nach- 
schlagen möge. Da derjenige, der auf solche Weise den Hintern 
bewegt, einem andern zu Willen ist, wird das Wort „cevere" 
auch in der Bedeutung „schweifwedeln, schmeicheln" gebraucht. 
Persius I, 87: 

— oder wedelst du, Romulus, mit dem Schwänze? 

Gleichwie andererseits „irrumare" als „beschimpfen" gebraucht 
wurde. 

Daß mit Weibern ebenso wie mit Männern Päderastie ge- 
trieben werden kann, lehrt die Natur, daß sie es aber auch gern 
gehabt haben, dafür zeugen nicht wenige Denkmäler des Alter- 
tums. Apuleius, Metamorph. III, Kap. 20: „Während unseres Ge- 
schäkers waren unsere Lüste und Begierden wach geworden, und 
hatten unsere Sinne erregt Wir entledigen uns jeglicher Hülle 
und überlassen uns völlig entblößt dem Taumel der Wollust. 
Schon ermattete ich, als Fotis aus eigener Freigebigkeit mir ihr 
Knabenkränzlein darbot" Martialis IX, 67: 

Während der ganzen Nacht hab' ich ein Mädchen besessen, 
So leichtfertig, daß keins sie zu besiegen vermag- 

Müde von tausend Arten verlangt' ich, was Knaben gewähren. 
Eh' ich die Bitte getan, ward sie gewährt mir bereits. 

15* 227 



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Martialis XI, 104 (der Ehemann spricht zur Gattin): 

Du verweigerst mir das, was Cornelia dem Gracchus gewährte, 

Julia ihrem Pompej', Brutus, dir, Portia bot. 
Ehe den süßen Pokal gemischt der dardanische Mundschenk, 

Diente anstatt Ganymeds Juno dem Jupiter oft. 

So läßt sich auch, bei Aloisia Sigaea, an der oben angeführten 
Stelle, Tullia mit Aloisio und Fabrizio ein. Nicht anders variiert 
auch Crispa (Ausonius, 79. Epigr., S. 341, Peiper) den Liebes- 
genuß: sie läßt sich in beiden Höhlungen mahlen. 

Einen außerordentlichen Genuß fanden die alten Griechen in 
dem hinteren Gebrauche der Frauen. Es läßt sich kaum sagen, 
wie sehr sie einen schönen Popo bewunderten, so daß sogar die 
Mädchen untereinander öffentlich stritten, wer von ihnen den 
schönsten Popo habe, und irgend einen Paris herbeilockten, um 
den Schiedsspruch zu tun. So erzählt Athenaeus (XII, 554 c), daß 
in der Gegend von Syrakus ein Landmann zwei schöne Töchter 
hatte, welche, da sie sich öfter über die Schönheit ihrer Hinter- 
teile miteinander wetteifernd gestritten hatten, schließlich einmal 
auf offener Straße einen zufällig vorübergehenden Jüngling aus 
Syrakus anriefen und sich von ihm betrachten ließen. Dieser gab 
sein Urteil dahin ab, daß die ältere der beiden Schwestern den 
schöneren Popo habe und entbrannte sogleich in heftiger Liebe 
zu ihr. Als er nach der Stadt zurückkam, erzählte er seinem 
jüngeren Bruder, was ihm begegnet war. Dieser suchte die 
Mädchen in ihrem Dorfe auf, betrachtete sie nackt und verliebte 
sich in die andere. Die beiden Mädchen, die bald mit ihren An- 
betern, begüterten Jünglingen, durch das Band der Ehe verbunden 
wurden, wurden darauf in der Stadt „Kallipygoi" (die mit den 
schönen Hintern) genannt, weil sie, von niederer Herkunft, als 
einzige Mitgift diesen Körperteil aufweisen konnten. Aus Dank- 
barkeit widmeten sie der Aphrodite einen Tempel unter dem 
Namen Kallipygos. — Unter diesen Umständen kann es nicht 
wundernehmen, daß jede Dirne, die von der Natur mit präch- 
tigen Hinterbacken versehen war, auch zum gleichen Liebesgenuß 
wie die Knaben viel begehrt und willfährig war. Solchen Liebes- 

228 



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dienst erwies Mania dem Demetrius, nach dem Zitat des Komikers 
Machon, bei Athenaeus XIII, 579a. Als der König ihren Popo 
forderte, sagte sie, nachdem sie ihren Lohn empfangen hatte: 
„Sohn Agamemnons — jetzt steht er dir frei." Um dieses Kränz- 
lein bittet ein Jüngling, namens Ponticus, die Gnathaena, nach- 
dem er sie die ganze Nacht besessen hatte, in der Frühe, eben- 
falls nach Machon, Athenaeus XIII, 580f. Nichts anderes verlangte 
Demophon, der Liebling des Sophokles, von der Niko, welche 
Angst hatte, daß er ihren Popo, wegen dessen Schönheit das 
Mädchen einen Ruf genoß (es hieß, daß sie einen wahrhaft ent- 
zückenden Popo gehabt habe), dem Sophokles rühmend empfehlen 
würde, Ath. XIII, 582 f. Sehr witzig entschuldigt sich Gnathaenion, 
Ath. XIII, 581 c, wegen ihrer Nachgiebigkeit Denn als ein Grob- 
schmied sich unter seinesgleichen unanständigerweise rühmte, er 
habe diese kleine Hure fünfmal hintereinander zugeritten, machte 
ihr Andronikos, der davon gehört hatte und der sonst ihr bevor- 
zugter Liebhaber war, schwere Vorwürfe und fragte sie, warum 
sie jenem Hallunken so oft diesen Genuß gewährt habe, den er 
selber durch keine Bitten von ihr habe erlangen können. Das 
käme daher, antwortete Gnathaenion, weil sie sich ihre Brüste 
nicht von einem mit Schmutz und Ruß bedeckten Manne habe 
berühren lassen wollen; sie sei daher schlauerweise auf jene 
Stellung verfallen, bei der sie nur mit dem kleinsten und äußersten 
Teile des Elenden in Berührung kommen könne. Die Abbildung 
eines Mannes, der das Gesäß eines Weibes benutzt, gibt die 
Taf. XXVII in den Monumens du culte secret des dames romaines. 

Daß aber die Aufgabe des Pathicus mit Unbequemlichkeiten, 
ja sogar mit Gefahr verbunden ist, zeigt die Meisterin der Wol- 
lust, Aloisia Sigaea, S. 308 (S. 186): „Abgesehen von unerträglichen 
Schmerzen, die sich unvermeidlich einstellen, entstehen aus dieser 
Ausschweifung meistens, wenn der Eingang mit einem zu starken 
Instrument erbrochen wurde, die fürchterlichsten Krankheiten, die 
selbst die Kunst eines Äskulap nicht heilen könnte. Die Muskel- 
bänder werden zerrissen und es kommt dann vor, daß die Exkre- 
mente unfreiwillig ausgeschieden werden. Läßt sich etwas Ekel- 
hafteres denken? Ich habe vornehme Frauen gekannt, die durch 
die Bildung bösartiger Geschwüre in so schwere Krankheit ver- 

229 



fielen, daß sie kaum in zwei oder drei Jahren wieder gesund 
wurden. Auch ich" — sagt Tullia — , „bin nicht ganz heil aus 
den verruchten Umarmungen Aloisios und Fabrizios hervor- 
gegangen. Schon gleich im Anfang, als sie ihre Dolche in mich 
hineinbohrten, empfand ich heftigen Schmerz; bald tröstete mich 
dann freilich ein gewisses kitzelndes Gefühl für meine Schmerzen. 
Aber als ich wieder zu Hause war, ergriff mich von neuem ein 
brennender Schmerz an der von ihnen verletzten Stelle; ein rasen- 
des brennendes Jucken verzehrte mich und dieses heilige Feuer 
ließ sich trotz der freundlichen Pflege meiner Freundin Orsini 
kaum besänftigen. Wären meine Wunden vernachlässigt worden, 
ich hätte eines elenden Todes sterben müssen." 

Man begreift nun wohl, warum dem Knaben des Naevolus der 
Popo weh tat (bei Martialis III, 71), warum derselbe Dichter 
(VI, 37) das Gesäß des Charinus zerrissen nennt; und auf welches 
Wortspiel er (IX, 47) sein Epigramm zuspitzt: 

Du, der du kennest den Wert und dieWucht 1 der verschiedenen Sekten, 9 
Pannychus, teile mir mit, was für ein Dogma das lehrt. 

Es mußte nämlich dieser Weichling von einem Philosophen, 
der sich gewissermaßen als der Nachfolger und Erbe des Pytha- 
goras aufspielte, auch die Gründe für die Einrisse in den Hinter- 
backen und die Wucht der Glieder kennen. An der Krankheit der 
Pathici litt auch jener, über dessen verhämmertes Gesäß (Cla- 
zomenae) Ausonius, den ich oben zitiert habe, spottet. 

Sie wollten lieber Päderasten scheinen als Pathici. Daher 
jenes feine Epigramm, Martialis XI, 88: 

Lupus, Charisianus sagt, er müsse 
Schon seit lange der Knaben sich enthalten. 
Als den Grund ein Genosse wissen wollte, 
Gab er ihm zum Bescheid, er habe Durchfall. 

Willst du das Bild eines Päderasten sehen, der zwar bei 

1 Auch dieser Ausdruck (pondera) ist zweideutig, denn er bedeutet neben 
.Gewicht* auch die männlichen Geschlechtsteile. 

2 secta, Sekte, aber auch Spaltung, Einriß (Anm. d. Übersetzers). 

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seinem Vergnügen auf unwillkommene Weise gestört wird, das 
aber trotzdem sehr amüsant ist? Du findest das Kupfer im 
3. Kapitel des III. Teiles der „Felicia". 

Daß sowohl Griechen wie Römer ebenso eifrige Päderasten als 
tüchtige Kinäden waren, wer sollte das nicht wissen? Kommt 
doch in den griechischen und lateinischen Autoren, zum großen 
Ärger der Schulmeister, die männliche Venus auf jeder Seite vor. 

„Alle verzehrte die gleiche wahnsinnige Glut" — dies sind die 
Worte derAloisia Sigaea,S.299— 304 (S. 181), die wir nicht passender 
und feiner wiedergeben können und denen wir nur unsere Anmer- 
kungen hinzufügen, — „Volk, Adel, Könige. Dem König Philipp 
von Mazedonien 1 kostete dieser Wahnsinn das Leben; er fiel von 
der Hand des Pausanias, den er vergewaltigt hatte. So ergab sich 
dem König Nikomedes Julius Caesar, 2 der allen Männern Weib 

1 Wenig abweichend erzahlt dieses Justinus, IX, 6: .Dieser Pausanias hatte 
in den ersten Jahren der Mannbarkeit von Attalus gewaltsame Schändung erlitten; 
das Empörende dieser Behandlung war aber noch durch folgende Abscheulich- 
keit erhöht worden. Attalus hatte ihn nämlich zu einem Gastmahle zu locken 
gewußt, und ihn sodann im Zustande der Trunkenheit nicht nur zum Werkzeug 
seiner eigenen, sondern auch der Gäste Wollust, wie einen gemeinen Hurer, 
dienen lassen, und unter seinen Altersgenossen zum allgemeinen Gespött gemacht. 
Voll Verdruß darüber hatte Pausanias oft seine Klage vor Philippus gebracht. 
Da er mit mancherlei leeren Hoffnungen nicht ohne Spott hingehalten wurde, 
und Überdies seinen Gegner mit der Feldhermwürde beehrt sah, kehrte er seinen 
Zorn gegen Philippus selbst, und vollzog die Rache, die er an dem Gegner nicht 
\ouzienen Konnte, an aem ungerecnten Kicnter. 

2 Suetonius, Julius Caesar, Kap. 49: Cicero begnügte sich nicht damit, in 
einigen seiner Briefe zu erzählen, Caesar, im Purpurgewande von Trabanten in 
das Schlafzimmer und zum goldenen Königslager geführt, habe die Blüte seiner 
Jugend und seine Abstammung von der Venus bithynischer Befleckung preis- 
gegeben, sondern sagte ihm sogar einmal im Senat, als Caesar die Sache der 
Nysa, der Tochter des Nikomedes, verteidigte und dabei die ihm vom Könige 
erwiesenen Dienste geltend machte: .Laß doch dies alles weg, bitt ich dich! Es 
ist ja bekannt, was er dir und was du ihm geleistet hast.' Bei dem gallischen 
Triumphe endlich ließen seine Soldaten unter anderen lustigen Gassenhauern, 
dergleichen sie noch jetzt hinter dem Triumphwagen hersingen, auch jene all- 
bekannten Verse hören: 

.Gallien unterwarf der Caesar, Nikomedes Caesam einst. 
Siehe Caesar triumphiert jetzt, der die Gallier unterwarf! 
Nikomedes triumphiert nicht, der den Caesar unterwarf/ 

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war, wie er allen Weibern 1 Mann war. Augustus 9 hielt sich diesem 
schimpflichen Treiben nicht fem; Tiberius 8 und Nero rühmten sich 



Ca tul 1 us, carm. 57: 

Herrlich passen die geilen Kinäden zueinander: 
Caesar und der Pathicus Mamurra. 

1 Suetonius. Julius Caesar, Kap. 51: .Nicht einmal in den Provinzen waren 
die Ehefrauen vor ihm sicher, wie das folgende Distichon beweist, das die Sol- 
daten gleichfalls bei dem gallischen Triumphe sangen: 

Städter, wahret eure Weiber, unser Kahlkopf ziehet ein! 

Was in Gallien du den Huren schenktest, nahmst du hier auf Borg!' 

Derselbe, Kap. 52: .Helvius Cinna, der Volkstribun, äußerte gegen viele, er 
habe ein In aller Form abgefafites Gesetz in Händen gehabt, das er nach Caesars 
Befehl in dessen Abwesenheit habe publizieren sollen: daß es ihm, um Kinder 
zu zeugen, freistehen solle, welche und so viel Frauen er wolle, zu heiraten. 
Und um gar keinen Zweifel darüber zu lassen, daß der Ruf der unnatürlichen 
Unkeusch hcit und ehebrecherischer Verbindungen brennend auf ihm hafte, er- 
wähne ich, daß Curio der Vater ihn in einer seiner Reden ,den Mann aller 
Weiber und das Weib aller Männer* nennt* 

3 Suetonius, Augustus, Kap. 68: „Sextus Pompejus schalt ihn einen weibi- 
schen Weichling; Marcus Antonius sagte ihm nach, er habe sich die Adoption 
seines Oheims durch unkeusche Preisgebung verdient; Lucius, des Marcus 
Bruder: er habe seinen zuerst von Caesar genossenen Leib auch dem Aulus Hirt ms 
in Spanien für dreihunderttausend Sesterzien preisgegeben und um das Haar 
an seinen Schenkeln welcher zu machen, dasselbe häufig mit glühenden Nuß- 
schalen abgesengt. Ja auch das Volk bezog einmal in Masse am Tage einer 
Bühnenvorstellung als schimpfliche Anspielung auf ihn unter allgemeinem Beifall 
einen Vers, in welchem es von einem die Pauke schlagenden Priester der Götter- 
mutter hieß: Sieh, wie dieser Weichling mit dem Finger hier den Kreis regiert.' — 
Das Bildnis des Kaisers Augustus, wie er unten liegt, kann man in den .Monu- 
mens de la vie privee des douze Cesars*, Tafel VI, das des Caesar mit Niko- 
medes, ebendaselbst, Tafel I sehen. 

* Suetonius, Tiberius, Kap. 44: .Auch geht die Rede, er sei einmal beim 
Opfern von der Schönheit eines Knaben, der das Rauchfaß vortrug, so entzündet 
worden, daß er sich nicht habe enthalten können, gleich nach vollbrachtem Opfer 
denselben abseits zu führen, und ihn, sowie dessen Bruder, einen Flötenspieler, 
zu mißbrauchen, worauf er später beiden, weil sie sich einander diese Unzucht 
vorgeworfen hatten, die Beine habe zerschlagen lassen.* Diese Schandtat des zügel- 
losen Menschen sieht man in dem angeführten Werke d'Hancarville's, auf Tafel XX 
abgebildet 
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dessen. Nero heiratete Tigellinus, 1 Sporas 9 heiratete Nero. Den 
besten aller Fürsten, Trajan, 8 begleitete ein „Pädagogium" auf 
seinem siegreichen Zuge durch den ganzen Orient; dieses sog. 
Pädagogium war eine Schar lieblich-anmutiger und schöner Knaben, 
die er tags und nachts zum Liebesdienst in seine Arme rief. An- 
tinous diente dem Hadrian 4 als Mädchen: Nebenbuhler der Plo- 



1 Oder vielmehr den Pythagoras. Tadtus, Aruulen, XV, 37: .Er hatte jed- 
wede Schändlichkeit erschöpft, welche ihn noch lasterhafter machen konnte; nur 
daß er wenige Tage darauf einem Menschen von jener greuelhaften Schar, mit 
Namen Pythagoras, sich feierlich antrauen ließ. Man hängte Uber des Kaisers 
Gesicht den Brautschleier, man sah die Zeugen, Mitgift, Brautbett und Hochzeit- 
fackeln; ja alles ward zur Schau gestellt, was selbst beim Weibe die Nacht ver- 
hallt* Derjenige, den Tadtus hier Pythagoras nennt, scheint derselbe zu sein, 
den Suetonius, Nero, Kap. 29, entweder nach seinem Amte oder irrtümlich Dory- 
phorus (Lanzenträger, Trabant) nennt: .Den Freigelassenen Doryphorus nahm er 
seinerseits ebenso zum Manne, wie er den Sporas zum Weibe genommen hatte, 
wobei er auch die Töne und Aufschreie der Gewalt leidenden Jungfrauen nach- 
ahmte.' Bildlich dargestellt auf Tafel XXXVIII des angefahrten Werkes. 

2 Suetonius, Nero, Kap. 28: .Den jungen Sporas, den er entmannen ließ, 
und auf alle Weise zu einem Individuum weiblichen Geschlechts umzugestalten 
suchte, ließ er mit rotem Schleier und Mitgift nach feierlicher Vollziehung der 
Heiratszeremonien in seinen Palast fahren und wie seine Gemahlin behandeln. 
Es existiert darüber noch heute ein nicht ungeschickter Einfall eines Witzlings: 
.Es wäre dn Glück für die Menschhdt gewesen, wenn Domitius, Neros Vater, 
eine solche Gemahlin gehabt hätte.* Diesen Sporas klddete er in die Tracht 
der Kaiserinnen, ließ ihn in dner Sänfte tragen, und führte ihn auf den Fest- 
versammlungen und Messen von Griechenland und darauf auch zu Rom am 
Bilderfeste unter häufigen zärtlichen Küssen als Begleiter mit sich umher.* Die 
monstraöse Hochzeit ist auf Tafel XXXIV des von mir so oft zitierten französischen 
Werkes abgebildet. 

8 Spartianus, Hadrianus, Kap. 2: .Er (Hadrianus) gewann sich die Liebe des 
Trajanus, wiewohl die Aufseher der Knaben Trajans, deren Liebe dieser leiden- 
schaftlich ergeben war, auf des Gallus Anstiften sdne Eifersucht rege zu machen 
suchten.' — Ich kann mich kaum enthalten, hier mit Graterus zu bemerken, daß 
von seiten des Gallus keine Mißgunst im Spiele gewesen sd. 

4 Spartianus, Hadrianus, Kap. 14: .Bei einer Fahrt auf dem NU verlor er 
seinen Liebling Antinous und beweinte ihn auf eine unmännliche Weise. In Hin- 
sicht auf diesen herrschen verschiedene Gerüchte. Nach den einen ging er für 
Hadrian freiwillig in den Tod, nach anderen aber aus einer ganz anderen Ursache, 
welche des Jünglings Schönheit und Hadrians wollüstige Neigungen leicht er- 
raten lassen. Die Griechen vergötterten ihn zum großen Wohlgefallen Hadrians 
und schrieben ihm Orakelsprüche zu, deren Verfasser übrigens Hadrian selbst 

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tina, aber glücklicher als diese. Um seinen Tod trauerte der 
Kaiser, und da er nicht mehr unter den Lebenden weilte, so er- 
hob er ihn zu den Göttern, indem er ihm Altäre und Tempel 
weihte. Von Antonius Heliogabalus, dem Neffen des Kaisers Se- 
verus, berichtet ein Schriftsteller des Altertums, er habe alle Öff- 
nungen seines Leibes 1 zum Liebesgenuß zu benutzen gepflegt; 
daher hätten ihn seine Zeitgenossen als ein Scheusal betrachtet 
Dieser Liebe huldigend, tanzte mit feierlicher Miene die Philo- 
sophie im Chor der Päderasten. Alkibiades und Phaedon waren 
des Sokrates' 2 Bettgenossen, so oft sie ihren Lehrer munter haben 



gewesen sein soll." Hieronymus bei Hegesippus: „Antinous, der Sklave des 
Kaisers Hadrian, nach dem auch gymnische Spiele unter dem Namen der An- 
tinoTschen veranstaltet wurden. Auch gründete Hadrian eine Stadt (Antinoe) 
nach seinem Namen und stellte Priester in seinem Tempel an." 

1 Lampridius, Heliogabalus, Kap. 5: .Denn wer hätte auch einen Fürsten er- 
tragen können, dem jede Öffnung seines Körpers zur Befriedigung seiner Wollust 
diente, da man diese selbst bei einem unvernünftigen Tiere nicht dulden würde! 
So bestand seine Hauptbeschäftigung in Rom darin, daß er sich Kundschafter 
hielt, die ihm wohlbeschlagene Mannspersonen aufsuchen und solche in den 
Palast zur Befriedigung seiner Wollust bringen mußten. Er führte überdies in 
seinem Palast das Urteil des Paris auf, wobei er selber die Rolle der Venus über- 
nahm, auf einmal seine ganze Kleidung fallen ließ, ganz nackend dastand, mit 
der einen Hand die Brust, mit der andern die Schamteile bedeckend, und darauf 
niederkniete und den aufgehobenen Hintern einem Päderasten preisgab." Ferner, 
Kap. 6: .In den Hierodes war er so sehr verliebt, daß er — was man ohne 
Erröten nicht einmal sagen kann — ihm die Schamglieder küßte und dabei be- 
hauptete, er feiere die heiligen Floralien.* Er entblödete sich nicht, die schamlose 
Hochzeit des Nero und Pythagoras zu wiederholen: Lampridius, Kap. 10: .Unter 
ihm stand Zoticus in einem solchen Ansehen, daß die ersten Hofbeamten insgesamt 
ihn als Gemahl ihres Gebieters betrachteten. Er vermählte sich auch förmlich 
in Gegenwart eines Ehestifters, übte den Koitus aus und rief dabei aus .Stoß zu, 
Magirus!', und dieses geschah, während Zoticus kränkelte." Magirus (Koch) 
hieß Zoticus nach dem Gewerbe seines Vaters, eines Kochs. 

2 Wer wüßte aber nicht, daß es dennoch dem Sokrates nicht an eifrigen 
Verteidigern gefehlt habe? Statt aller nenne ich nur einen: Bruckerus, Hist. 
crit. philos. I, 539—540. Gewiß, Plato führt im .Gastmahl", daß ich mich der 
Worte des Nepos (Alcib., Kap. 2) bediene, das Zeugnis des Alcibiades an: .er er- 
innere sich, bei Sokrates übernachtet zu haben und nicht anders von seiner Seite 
aufgestanden zu sein, wie ein Sohn von der Seite seines Vaters." Daß Xanthippe, 
und nicht mit Unrecht, über den intimen Verkehr ihres Mannes mit dem schönen 
Alcibiades sehr ungehalten gewesen sei, erzählt Aelianus, Vermischte Geschichten, 
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wollten. Von den geschlechtlichen Gewohnheiten dieses heiligen 
Mannes stammt der Ausdruck „Somatische Liebe." Jede Hand- 
lung, jedes Wort des Sokrates galt allen Philosophen der ver- 
schiedenen Richtungen für geheiligt; man erbaute ihm eine Ka- 
pelle, man errichtete ihm einen Altar. Seine Handlungen erhielten 
Gesetzeskraft; seine Worte genossen die Autorität von Orakel- 
sprüchen. 

Die Philosophen verleugneten nicht das Beispiel ihres Heroen 
und Nationalgottes — denn zu den Heroen wurde Sokrates ge- 
rechnet. Lykurg, der einige hundert Jahre vor Sokrates der Gesetz- 
geber der Lakonier war, erklärte, niemand könne ein tüchtiger 
Bürger sein, der nicht einen Freund im Bette habe. Er ließ 
die Jungfrauen sich ganz nackt vor aller Augen auf der Schau- 
bühne zeigen, damit die Männer durch den freien Anblick ab- 
gestumpft würden und nicht mehr den Stachel der Liebe empfänden, 
der sie von Natur zu ihnen treibt, sondern mit erhöhter Glut 
sich ihren Freunden und Geliebten zuwendeten. Was man öfter 
sieht, das reizt ja nicht. Und nun gar erst die Dichter! 1 Ana- 



XI, 12, so daß sie einmal einen Kuchen, der dem Sokrates von Alcibiades zum 
Geschenk übersandt wurde, mit Füßen trat, worauf ihn Sokrates lächelnd aufhob 
und zu ihr sagte: .Nun, so wirst du auch nichts davon bekommen." .Was aber 
du?" fragst du. .Ich mache mir nichts daraus; aber du Sokrates, konntest kaum 
solche Sitten und solche Freunde haben." Von den Sokratikern genügt es, den 
Plato zu nennen, von dem Diogenes Laßrtius III, 23, erzählt, er habe den Aster, 
Phaedrus und Alexis, vor allem aber den Dion; er führt auch ein Epigramm des 
Plato auf Dion an, mit dem Schlußsatz : 

.Dio, der du das Herz schäumen in Liebe mir läßt." 

1 Auch Pindar. Über ihn Valerius Maximus IX, 12, ext. 7: „Pindarus legte 
im Gymnasium einem Knaben, den er einzig lieb hatte (nach Saidas : Theozenos), 
das Haupt in den Schoß, um der Ruhe zu genießen; und man bemerkte nicht 
früher, daß er verschieden sei, als bis der Übungsmeister den Platz schließen 
wollte und ihn vergebens aufzuwecken suchte." Sophocles. Über ihn Athenaeus 
XIII, 603 e: „ein Knabenliebhaber war Sophocles, wie Euripides ein Weiberheld 
war", der auch im nächsten Kapitel, 604 d, die artige Schnurre hinzufügt von dem 
Knaben, den Sophocles, nachdem er seinen Mantel als Unterlage ausgebreitet, 
umarmt hatte. Der Bursche stahl den Mantel und machte sich aus dem Staube. 
Als Euripides dieses erfuhr, spottete er über den betrogenen Dichter und sagte, 
er habe selber wohl auch einmal jenen Jüngling gebraucht, aber sonst nichts 

235 



kreon 1 glühte für Bathyilos. Die Witze des Komödiendichters 
Plautus betreffen fast alle dieses Thema. So z. B.: „Ich werde 
es machen 2 wie die Lustknaben; mich niederbückend werde ich 



weiter zugegeben. — Ich muß mich wundem, daß in dieser Stelle des Athenaeus 
dem großen Casaubonus das Wort siQog9elvai verdächtig schien, da doch nichts 
klarer und treffender sein kann. Jeder von beiden hatte dem Knaben eine 
Ladung seiner weißen Flüssigkeit gegeben, aber der eine gab noch den Mantel 
zu und der andere nichts. 

« Horatius, Epod. XIV, 9, 10: 

Anders war auch für Bathyllus von Samos entzündet in Liebe 
Anakreon aus Teos nicht. 

- Eigentlich lauten die Worte des Plautus, G st eil aha IV, 1, 5: 
Muß das Werk der Knaben treiben, mich zum Kistchen niederbücken, 

d. h. ich will mich bücken, um das Kistchen von der Erde aufzuheben, in der 
Weise derjenigen, welche den Päderasten den Popo hinhalten, um ihnen zu 
Willen zu sein. Denn „puerile officium" ist hier dasselbe wie „puerile corolla- 
rium" (Knabenkränzlein) bei Apuldus, Metamorph. III, cap. 20 und das einfache 
„puerile" bei Martiaüs IX, 67, conquiniscere aber, nach Nonius, ed. Qothofredus, 
S. 531 , ist „sich bücken", und ganz besonders scheint der Ausdruck von der 
Stellung des Pathicus gebraucht worden zu sein, wie im Pseudolus ID. 2. 76: 

Und bückt er her sich, streck' den Arsch auch du! 

Man sagte auch, noch etwas bezeichnender „ocquiniscere". Nonius, S. 567: 
„Ocquiniscere heißt eigentlich sich bücken. Pomponius, im .Prostibulum' : daß 
ich keinen Bürger hinterlistigerweise päderastiert habe, es sei denn, daß er 
mich selbst gebeten und sich hinübergebückt habe. Derselbe, im .Pistof: 
wenn mir nicht jetzt gleich irgendwer in die Hände läuft, der sich bückt, daß 
ich das Ding in einen sicheren Ort hinein verstecken kann." Von der Stellung 
des sich Bückenden war die des sich Niederknienden nicht sehr abweichend, 
wie sie Heliogabalus, bei Lampridius, Kap. 5, einnimmt: „mit hochgehobenen 
Hinterbacken sich den Päderasten darbietend." Jener Timarchus, bei Lucianus, 
pseudol. Kap. 19, kniete nieder, er bückte sich nicht: »Den damals Anwesenden, 
die dich niederknien sahen, ist es noch gut im Gedächtnis, was er mit dir tat, 
auch wenn dein Gedächtnis wie ein Sieb ist.* 

Willst du beide Stellungen sehen? In den Monumens de la vie pr. d. d. C. 
hast du auf Tafel XXVII den sich Bückenden, auf Tafel XXXVIII einen sich 
Niederknienden. Weil man, wenn man einen Kaktus im Freien pflanzt, sich bückt 
(der Südländer tut das noch heute in gebückter, nicht in hockender Stellung, 
Anm. d. Übersetzers), geschah es, daß man von Leuten, die sich päderasüeren 
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mich auf ein Kistchen aufstützen" oder: „Paßte 1 des Soldaten 
Klinge gut in deine Scheide?" Ja, der größte Meister der Dicht- 
kunst, Vergilius Maro, der wegen seiner angeborenen großen 
Schamhaftigkeit Parthenius, d. h. der „Jungfäuliche" genannt wurde, 
er liebte einen gewissen Alexander, der ihm von Pollio geschenkt 
worden war und den er unter dem Namen Alexis besungen hat 2 
Auch Ovid litt an dieser Krankheit; doch zog er die Mädchen 
den Knaben vor, weil er bei diesen Belustigungen der Liebe eine 
gegenseitige Wonne und nicht eine für ihn einseitige verlangte. 
Er ziehe, sagte er, diejenige Liebe 8 vor, die beide Teile auf den 
Gipfelpunkt der Wonne führe, und darum mache die Knabenliebe 
geringeren Eindruck auf ihn. Da nun die Mädchen und Frauen 

ließen, sagte, sie schissen, und zwar schissen sie Mentulae, wie es denn wirklich 
so aussehen kann, als wäre das in den Hintern des Pathicus hinein- und heraus- 
gehende Glied ein Exkrement. Daher jener Vers, Priapeia 69: 

so betrachte mich, Dieb, und werd' dir bewußt, 

was der Schwanz wiegt, den du dann auskacken mußt. 

Hierher gehört auch das Epigramm, Martialis IX, 69: 

Wenn du mal tickst, Polycharmus, so pflegst du am Ende zu scheißen 
Wenn man dich päderastiert, was, Polycharm, tust du dann? 

1 Pseudolus IV, 7, 85. 

* Du konntest, Aloisia, ja du hättest eigentlich müssen den Namen des 
Horaz hinzufügen. Epod. XI: 

So hält Lydscus, der an Zartheit jegliches 

Weib zu besiegen sich rühmt, in Liebe mich gefangen jetzt; 
Von welchem weder meiner Freunde offner Rat, 

Mich zu entfesseln vermag, noch Ihre harten Spötterei'n. 

Sat. I, 2, 116, 119: 

Wenn das Glied dir schwillt, und ein Mägdlein 
Oder ein Hausbürschlein bei der Hand ist, welches zum Angriff 
Gleich dir ständ', ei, wolltest am Schwanzkrampf lieber du bersten? 
Ich nicht! 

3 Ovidius, De arte amat. 11, 683-684: 

Nicht lieb* ich den Genuß, in dem nicht beide zerschmolzen, 
Weniger ziehet darum Liebe der Knaben mich an. 

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sich, wenn sie nur ihre weiblichen Reize darzubieten hatten, ver- 
nachlässigt sahen, die einen durch ihre Liebhaber, die anderen 
durch ihre Gatten, in deren Häuser sie durch die Ehe eingetreten 
waren, so ließen sie sich dazu herbei, die Stelle von Knaben zu 
vertreten. Dieser Wahnsinn wurde zu einer solchen Höhe ge- 
trieben, daß man zu dieser Gefälligkeit, zu der die verheirateten 
Frauen sich schon herbeigelassen hatten, sogar schon die Neu- 
vermählten in der Brautnacht zwang. So hatte der Gatte ab- 
wechselnd einen Knaben und ein Mädchen in seiner Frau und 
die beiden Geschlechter waren in einem und demselben Körper 
vereinigt. In einem alten Scherzgedichte droht Priapus jedem 
Gemüsedieb, der seinem Pflock zu nahe komme, er werde ihn 
zwingen, ihm zu gewähren. 1 

Was in der Hochzeitsnacht die Braut dem gierigen Gatten 
Zitternd gewährt voll Angst, er könnte sie sonstwie verwunden. 

Von dem Recht der Künstler und Dichter Gebrauch machend, 
läßt Valerius Martialis- seine Einbildungskraft spielen und gibt 
in einem seiner Epigramme vor, er höre seine Frau murmeln, 
auch sie habe einen Popo, und er möge doch von seiner un- 
sinnigen Liebe zu Knaben ablassen. Juno, sagt sie, gefalle 
auch von hinten dem Jupiter. Der Dichter aber läßt sich nicht 
überzeugen; er antwortet, der Knabe habe eine andere Rolle 
zu spielen als die Frau und sie habe sich mit der ihrigen zu 

1 Priapeia DL 

« XI. Buch, 43. Epigr.: 

Orimmig lärmst du und schiltst, da du mich beim Knaben betroffen, 

Gattin, und sagst, auch du botest das nämliche dar. 
Wie oft sagte das auch dem verbuhlten Donnerer Juno! 

Dennoch teilete der mit Qanymedes das Bett. 
Auch der Tirynthier hat den Hylas niedergebeuget: 

Glaubst du, daß keinen Popo Megara habe gehabt? 
Daphnes Flucht hat Phoebus geschmerzt; der öbalischc Knabe 

Hat seine Flammen jedoch wieder zu löschen gewußt. 
Wenn die Briseis auch oft im Bette ihm wandte den Rücken, 

Zog ihr den zarten Freund Aeacus Enkel doch vor. 
Spar's drum, Dinge von dir mit männlichem Namen zu nennen, 

Gattin, und glaube, daß zwei weibliche Glieder du hast. 

238 



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begnügen. In den Freudenhäusern saßen 1 unter der Lampe 2 und 
dem Täfelchen, 3 das ihren Namen trug, Knaben und Mädchen; 



Ähnlich XII. Buch, 96. Epigr.: 

Da dir das Leben des Manns und seine Treue bekannt ist, 

Und dein ehelich Bett keine berühret und kränkt, 
Weshalb quälen dich, gleich Konkubinen, du Törin, die Diener, 

Deren Genuß nur kurz und nur ein flüchtiger ist? 
Dafi dir, mehr als dem Herren, ein Knabe leistet, beweis' ich: 

Er macht's, dafi du dem Mann bist das alleinige Weib. 
Er gibt, was du als Frau nicht geben willst. .Doch, ich geb* es,' 

Sagst du, .daß nicht des Gemahls Liebe verirre vom Bett.' 
Anderes ist das: ich will die Chier, nicht die Mariske. 

Beide verwechsele nicht, sieh als Mariske dich an. 
Eine Gemahlin und Frau muß auch ihre Grenzen erkennen: 

Lasse den Knaben ihr Teil, mache von deinem Gebrauch. 

1 Sie saßen als .Vornsitzende* (= Lockvögel) bei Plautus, Poenulus I, 2, 54. 
Andere standen (Horat. SatJrae I, 2, 30): 

Andere wollen nur solche, die stehen vor stink'gen Bordellen. 
* Horat. Sat. II, 7, 48: 



— irgend ein Weibsen, das 
Unter dem Schein der Laterne mir grad auf den strotzenden Spieß läuft. 

Juvenalis VI, 130—131 : 

— vom Schwälen der Lampe 
Trug sie zum eigenen Pfühl die Gerüche des säubern Gemaches. 

3 Juvenalis VI, 123 (von der Messalina): 

Lyciscas Namen (titulus) erborgend. 

Pctronius, Kap. 7: .ich sah Einige unter Aufschriften und nackten Huren 
verstohlen umherwandeln. Endlich, aber schon zu spät, merkt* ich, daß ich in 
ein Haus der Wollust geführt sei.' Martialis XI, 45: 



Wenn du die Schwelle betrittst der ein Täflein 
Wohinein dich ein Knab' oder ein Mägdlein gelockt. 

Aus einer Stelle bei Plautus (Poenulus V, 3, 20, 21) geht hervor, daß die 
Mädchen einen andern Namen annahmen (wenn sie in den Dienst der Venus 
vulgivaga traten): 

Denn heute sollen andere Namen sie bekommen und 
Unwürdiges Gewerb mit ihrem Leibe treiben dann. 

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erstere unter ihrem Gewand mit weiblichem Putz geschmückt, 
letztere unter ihrem Rock Manneskleider tragend und mit Knaben- 
frisuren. Unter dem äußeren Anschein des einen Geschlechtes 
war das andere feil. Der ursprüngliche Sitz dieses Lasters war 
Asien; 1 aber auch Afrika hielt sich von diesem Übel nicht frei, 
das bald auch Griechenland ansteckte und sich über die an- 
grenzenden Länder Europas 2 verbreitete. Orpheus, der in Thracien 
diese schmutzige Liebeslust eingeführt und durch seine Lieder 
auch andere dazu verführt hatte, wurde von den cikonischen 
Frauen, die sich verschmäht sahen, zerrissen: 

Unter dem Götterfest, in nächtlicher Feier des Bacchus, 

Wild zerfleischt den Jüngling umher durch die Felder verstreuten. 3 

Man erzählt aus jenen Zeiten des Altertums von den Kelten, 4 
sie hätten jeden mit Spott und Hohn überschüttet, der sich von 



1 Die Meinungen gehen hier auseinander. Herodot I, 135: .Die Perser 
haben von den Hellenen die Knabeniiebe gelernt.' Dagegen Plutarch, Über 
Herodots Boshaftigkeit, XIII: .Wie können die Perser den Griechen diese Un- 
keuschheit verdanken, wenn alle Geschichtschreiber darüber einig sind, dafi es 
bei ihnen Eunuchen gab, noch bevor sie an das griechische Meer kamen?" 
Athenaeus XIII, 602 f.: .Die Päderastie wurde in Griechenland zuerst von den 
Kretern eingeführt, wie Timaeos berichtet. Andere aber behaupten, dafi derjenige, 
welcher zuerst diese Art der Liebe zu pflegen begann, Lalos gewesen sei, 
welcher, als er von Pelops gastfreundlich aufgenommen worden war, in Liebe zu 
Chrysippos, dem Sohne seines Gastfreundes, entbrannte, ihn auf seinem Wagen 
entführte und mit ihm nach Theben floh." Und wem wäre nicht die uralte Ge- 
schichte von der Zügellosigkeit der Einwohner Sodoms bekannt? 

8 Namentlich Euboea, woher der Ausdruck rabcioY^tv, nach Hesychius so- 
viel wie .Päderastie treiben", da bei den Bewohnern der Stadt Chalkis auf 
Euboea .die männliche Venus häufig vorkam*. Man sagte auch, in gleicher 
Bedeutung, qnxtdl£uv, nach dem Namen einer uns unbekannten Stadt Suidas: 
.auch ([txuM j'.v bedeutet Päderastie treiben". Ahnlich aupvtd^ttv, von der Insel 
Siphnos im ägäischen Meere abgeleitet. Hesychius: .oc^-vtdftev ist befingern, 
Päderastie treiben. Es wurde nämlich den Siphniern nachgesagt, dafi sie Knaben- 
liebe pflegten." Daß oupvui&iv auch in veränderter Bedeutung gebraucht wurde, 
haben wir oben gesehen. 

» Virgilius, Georg. IV, 521—522. 

« Athenaeus XIII, 603a: .Unter den Barbaren lieben die Kelten, obgleich sie 
sehr schöne Weiber haben" — ist es ein Wunder, daß solch ein unersättlicher 
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dieser Krankheit freigehalten: ein solcher habe kein Amt und 
keine Ehrenstellung erhalten können. Wer sich sittenrein bewahrte, 
den floh man wie einen Unreinen! Wenn eine ganze Stadt wahn- 
sinnig ist, und ihren Wahnsinn offen zur Schau trägt, dann ist es 
nicht gut, der einzige Weise zu sein; und weil es nicht gut ist, 
ist es auch nicht anständig." — Das sind der Aloisia inhaltsreiche 
Worte. 

Auch in neuerer Zeit 1 ist die Liebe zur männlichen Venus 
nicht verschwunden; das beweist das Beispiel der Perser, von 
denen diejenigen Reisenden, die ihr Land besucht haben, berichten, 
daß sie dieser Art von Wollust sehr ergeben seien (vgl. Adam 
Olearius, V. Teil, 15. Kap. seines Reisewerkes); der Italiener und 
Spanier, wenn wir dem Zeugnis der Aloisia Sigaea (die wir schon 
zu Hermaphroditus I, 13 zitierten) trauen können; der Holländer, 
bei denen um die Mitte des XVIII. Jahrhunderts diese Unsitte so 
eingerissen war, daß sie, wie Joh. Dav. Michaelis in seinem in 
seiner Muttersprache verfaßten Mosaischen Recht erzählt, § 258, 
nicht anders als durch die Androhung der Todesstrafe eingeschränkt 
werden konnte; der Pariser, von denen der Verfasser der „Gynäo- 
logie", der vielbelesene Chrn. Gfr. Flittner, die Sache im II. Teil, 
S. 427 erwähnt, indem er hinzufügt, daß es heutzutage fast in 

Schürzenjäger, wie Julius Caesar einer gewesen sein muB, nicht umhin konnte, 
in Gallien intime Provinzialverhältnisse anzuknüpfen? — „die Knaben weit mehr, 
so daß es oft geschieht, dafi ein Mann auf Fellen zwischen zwei Lieblingen 
schläft.' 

1 Verzeihe mir ein wenig, Marcus Pullarius, dafi ich dich beinahe vergessen 
hätte. Ausonius, Eplgr. 77 (S. 341 Pdp.): 

Was für ein Marcus? Nun der, welchen .Knabenmarder* sie neulich 
Haben genannt, der die Zier sämtlicher Knaben verdarb, 

Der aus perverser Begierd' in die Podices Wunden hineinbohrt, 
.Spieß-ihn-auf nennt der Poet ihn oder . Drücke- den-Knab'. 

Ausonius nennt ihn .Pullaria feles\ weil er, wie die Wildkatze (denn 
feles ist dasselbe wie felis) auf Vögel, so auf Knaben Jagd machte, sowie mit 
den Worten des Ludlius (dessen Satiren also Ausonius noch das Glück hatte, zu 
lesen) .subulo', weil er die Hinterbacken der Kinäden mit dem Penis, fast wie 
mit einer Schusterahle (subula), anbohrte, und .pullipremo', einen Knabendrücker 
und Knabenbearbeiter. 

16 241 



allen größeren Städten Europas Männer gebe, welche entweder, 
weil sie der gewöhnlichen Liebesfreuden überdrüssig seien, oder 
aus Furcht vor ekelhafter Ansteckung, die Hinterseite der Venus 
der alten Sitte vorziehen, — mit einziger Ausnahme der Eng- 
länder, denen diese Gewohnheit als der verabscheuenswürdigste 
Frevel erscheint Aber um nicht in allgemeinen Wendungen zu 
sprechen, führe ich noch das Beispiel der beiden weltberühmten 
Feldherren Gonsalvo de Cördoba 1 und Vendome 2 an, das aus den 
zeitgenössischen Geschichtsquellen zur Genüge bekannt ist, dem 
ich noch von Berühmtheiten unserer Zeit — nach respektwidrigen 
Gerüchten — beifügen könnte das eines großen Schriftstellers und 
eines sehr großen Königs, eines Vaters seiner Untertanen, dessen 
Geistesschärfe und Redegabe, dessen gründliche Kenntnis der 
meisten Wissenschaften, und zwar nicht bloß der gewöhnlicheren, 
sondern auch der mehr abseits liegenden zu seinen Lebzeiten 
aufs höchste gepriesen wurden, 8 so daß er selbst dem Manne, in 
dem wir heut so viel Kraft ciceronianischer Beredsamkeit mit 
Freuden bewundern, wie sie Deutschland seit dem Tode des 
großen Ernesti nicht mehr gesehen hat, ein Sphinxrätsel aufgeben 
würde, wenn wir nicht fürchteten, daß durch unsere Schuld, ob- 
wohl gegen unsere Absicht und Meinung, irgend ein Makel auf 
das ehrwürdige Andenken so hervorragender Männer fallen könnte. 

Wozu aber anderwärts nach Beispielen suchen, wenn wir 
deren unzählige in unserem Hermaphroditus haben? Ich erinnere 
an die Pathici Mamurianus, I, 12; Lentulus, I, 14; Quintius, 1, 17; 



1 AloisiaIU,48(S.228): .In seiner Jugend war er ein sehr eifriger Päderast ge- 
wesen und wenn's seinem Schwanz einmal nach einem hübschen Knaben ge- 
lüstet hatte, so pflegte er zu sagen, er wolle nach» Hinterpommern ' (im Original: 
.nach Aversa'). 

* Siehe Cnrn. Dan. Voß, Geschichte des XVIII. Jahrhunderts, V. Teil, S. 364. 
Von weniger berühmten Päderasten finden sich in den ergötzlichen Briefen der 
Elisabeth Charlotte, der Witwe Philipps, Herzogs von Orleans, die erst vor 
35 Jahren veröffentlicht wurden, die folgenden erwähnt (Ausgabe von Strasburg, 
1789, S. 74, 284 , 350): der Kardinal von Bouillon, der Chevalier de Lorraine, 
Comte de Marsan und Francois Louis Prince de Conti, die ihre Lust an dem 
Comte de Vermandois, einen Kinäden, befriedigten; sie mögen mit dieser Fuß- 
note zufrieden sein. 

3 Honny soit qui mal y pense. 

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Sterconus, 11,6; oder an die Päderasten Pegasus, 1,7; die Senesen, 1, 13; 
Corydon, 1, 17; Mattia Lupi, 1,26,36; Amilius,I,34; Philopappa,II,6; 
Succinus, II, 17. Vieles aus diesem Gebiete enthalten auch die 
Dichtungen des Pacifico Massimi. 

I. Elegie (S. 107 der Pariser Ausgabe). 

Meiner Verderbtheit Grund ist einzig mein Lehrer, dem leider 
Vater und Mutter mich einst übel beraten, vertraut 

König der Knabenschänder wohl war er; entfloh seinen Händen 
Doch auch nicht einer, an dem nicht seine Kunst er geübt. 

Vieles erlernt' ich von ihm, was besser ich niemals gelernt hätt'. 
Vieles verschluckte mein Steiß, mehreres ging durch den Mund. 

II. Elegie, an Ptolemaeus (S. 110). 

Alles, was ich erspart hab\ Undankbarer, heb' ich für dich auf; 

Niemand soll, außer dir, haben mein Gut und mein Geld. 
Größer um vieles ist auch mein Penis geworden, denn sieben 

Zoll maß er sonst, und er hat jetzo wohl reichlich schon zehn. 

IV. Elegie, an Marcus (S. 113). 

Günstiger hättest du nicht mir, o Marcus, begegnen wohl können, 

Noch an gelegnerem Ort, als es grad heute sich trifft. 
Nirgends ein Mensch in der Nähe; vor Zeugen ist sicher das 

Plätzchen. 

Weder ein Mann noch ein Weib schwätzt unsre Heimlichkeit aus. 
Unter dem Weidengebüsch, auf grünender Wiese, gescheh* es — 

Dämmernd umschattet der Baum uns mit der Krone von Laub, 
Während das sanfte Geriesel des Bächleins zum Schlafen uns 

einlädt 

Und von den Zweigen ein Chor munterer Vögelein singt. 
Komm denn und rücke mir näher und lehne dich sanft an die 

Brust mir, 

Du, den ich liebend begehr', Ursache all meiner Pein. 

16« 243 



XIV. Elegie (S. 128). 

Als ein Toskaner mir solch einen lieblichen Knaben einst brachte, 

Wie man an Jupiters Tisch selten zu sehen ihn pflegt, 
„Diesen hier," sprach er, und hielt ihn am Ohr, „übergeb' ich dir 

jetzo, 

Daß er dir nachts sowie tags über nicht komm' von der Seit'. 
Götter und Göttinnen geben, daß Liebe an diesen dich fesselt: 

Wenn du Minett mit ihm machst, kann er nur lernen von dir." 
Darauf erwiderte ich: „Mich freut's, daß den Anstand du freigibst. 

Könnt' ich vergelten dir je diese Gefälligkeit ganz? 
Zweifle nicht, gut ist der Knabe und besser noch wird er, hat jeder 

Teil seines Körpers erst mal meine Gelahrtheit verschluckt" 
Fröhlich ging er; ich nehme mir froh meinen Schatz, denn zu lange 

Schien mir die Zeit und es kam schwer mich der Aufschub 

schon an. 

O über solch einen Vater! Bravissimo! Den laß ich gelten, 

Weil er allein in der Stadt Großes zu schätzen versteht. 
Der knüpft dem Knaben den Steiß zu, ein andrer dem Lehrer 

den Penis: 

Glaubt ihr denn, Narren, man kann lernen auf solche Manier? 
O, dieser glückliche Knabe, dem ich zum Lehrer bestellt ward, 
Und dem ein günstig Geschick solch einen Vater geschenkt! 

XV. Elegie (S. 131). 

Wenn auch der Penis versagt seinen Dienst, die Begierde erlischt 

nicht: 

Wenn's auch der Greis nicht mehr kann, wär' er doch gern 

Päderast. 

XX. Elegie (S. 139). 

Solch einen winzigen Schwanz hab' ich, so fehlt dieser Teil mir, 

Daß er mir nie, wie ich mein', wuchs oder ab wieder fiel. 
Nicht mit den Fingern berühren, nicht kann ich ihn sehn mit 

den Augen, 

Leider hat karg das Geschick mit diesem Gut mich bedacht. 
Dir könnt' ich, Cybele, folgen, auch ohne mein Glied zu verschneiden; 
Scherben und Messer braucht's nicht, bin ich doch so schon Eunuch. 

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Schändlich zwar ist es zu sagen, doch muß ich die Wahrheit 

gestehen : 

Schlimmere Knaben als mich gibt es nicht mehr auf der Welt. 
Frühe schon ward ich geweiht dem Dienste der schmutzigen Venus; 

Knabenschänd'rische Hand hatte mich dazu geführt. 
In meinem Darme rumorten wohl tausend und stattliche Schwänze 

Und mein Popo ward bei Tag wie auch des Nachts malträtiert 
Hätte die Päderastie meinem Penis nur etwas geholfen, 

Müßte er, steif, bis zum Kopf, schlapp, bis zur Sohle mir gehn. 
Nichts hat dies alles genutzt, er wuchs nicht, im Gegenteil eher 

Blieb er zurück, der Popo wurde zu häufig gebraucht 
Wünscht doch ein jeglicher Knabe dies eine: es möge sein Penis 

Wachsen ihm, bis er die Hand ausfüllt, die ihn umspannt 
Heißt es doch oft auch, es täte ihm gut, wenn die Hand ihn recht 

fest hält: 

Übelen Lasters ein Grund ist die Gewohnheit gewiß. 
Mög ihn ein jeder behalten so wie die Natur ihn erschaffen. 

Diesem verlieh sie ihn lang, jenem nur spärlich und kurz. 
Glaubet auch nur nicht, das komme vom Hintern; 's ist alles 

erlogen. 

Womit wir Päderastie treiben, das nennen wir Mann. 
Gebet euch nicht wie die Bestien Preis, daß ihr unten stets lieget, 

Bei der Umarmung den Mund hinreichen sei euch genug. 
Davon erhitzt sich der Steiß, von den Fingern gerupfet, und davon 

Ist der elende Popo feigen- und blatternbedeckt, 
Daher auch seh ich so manchen mit blassem Gesichte einhergehn, 

Daß du vermutest, er hab' gelb sich mit Krokus geschminkt. 
Dazu der schweiß'ge Gestank aus den Achseln, an Böcke erinnernd, 

Welche mit stachlichem Bart schnüffeln am Leibe herum. 
Oft auch berstet mit Schwären an hundert Stellen die Haut ihm, 

Daß das Gesäß man ihm muß brennen mit glühendem Stahl. 
Grade so ist's, wenn bei allzuviel Sonne, bei allzuviel Regen 

Rote Granaten die Schal' überall sprengen entzwei. 

Wir haben genug Päderastie getrieben. Jetzt sei Irrumieren 
die Parole! 



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DRITTES KAPITEL. 1 



Vom Irrumieren. 

Den Penis in den Mund eines andern bringen und ihn dort 
zur Erektion kommen lassen, heißt „irrumare". Die eigentliche 
Bedeutung dieses Wortes ist „die Mutterbrust reichen", denn 
„ruma" ist, nach Nonius (ed. Gothofredus, S. 579) der altlateinische 
Name für mamma. Der in den Mund eingeführte Penis soll ent- 
weder mit den Lippen oder mit der Zunge gekitzelt und aus- 
gesogen werden. Derjenige, welcher sich zu dieser Verrichtung 
hergibt, ist ein Fellator, denn „fellare" ist bei den Alten „saugen", 
ebenfalls bei Nonius, S. 547. Dem entspricht das griechische 
&r)Xd£(o, ebenso wie dieselben Konsonanten wechseln in ftfa und 
<pi)Q fera, &v?M$ und (pvkhq follis, degnög und (peQftög formus, 
deutsch: warm, dUßa und yMßa, dXdca und yXdco. 

Als Erfinder dieser Schweinerei gelten die Lesbier. Der 
Scholiast zu Aristophanes' Wespen, Vers 1346, führt das Zeugnis 
des Komikers Theopompos in seinem „Odysseus" an: 

„damit ich nicht das alte, oft gesagte Wort 

anführen muß: ,wir machen's mit dem Mund', 

was, wie man sagt, ein lesbisch Mädchen einst erfand." 

Daher gebrauchte man den Ausdruck Xeoßid&iv oder /.eoßl&iv 
von denjenigen, welche als Irrumatoren oder Feilatoren die les- 



1 Ich beobachte also die gleiche Reihenfolge wie Priapela XIII: 

Mädchen, dich bohr ich von vorne, dich, Knaben, von hinten zu Schanden; 
Strafe drei jedoch trifft die bärtigen Diebe — verstanden? 

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bische Unsitte nachahmten. Suidas: „Aeoßlacu, den Mund ver- 
unreinigen; die Lesbier nämlich waren wegen dieses Lasters be- 
rüchtigt" Ebendaselbst unter Stynndgetv: „XeoßuL&iv heißt mit 
dem Munde freveln 44 . 1 In der Bedeutung „fellare" ist das Wort 
von Aristophanes, Wespen, Vers 1346, gebraucht: 

Schau, wie gewandt ich dem Gelage dich entführt, 
Als du die Zechgenossen lesbisieren wolltest schon. 

ferner Frösche, Vers 1308: 

Und diese Muse, hat sie nie noch lesbisiert am End'? 2 

als „irrumare 44 dagegen bei Hesychius: „Aeoßid&tv, im Munde 
eines Mannes erigieren." 

„Lesbisieren 44 und „phönizisieren" werden manchmal mitein- 
ander verbunden, gewissermaßen als ob es auch eine Liebes- 
technik der Phönikier wäre. Lukianus, pseudol. Kap. 28: „Um 
aller Götter willen, sage mir, was dir einfällt, da doch die Menge 
auch das von dir sagt, daß du lesbisierst und phönizisierst 41 
Worin der Unterschied zwischen beiden Worten bestehe, geht 
hieraus nicht hervor. Sicher ist, daß Timarchus, gegen den Lukian 
so schwere Beschuldigungen erhebt, ein Fellator war, wie eine 
bald darauf folgende Stelle zeigt Als er nämlich zu einem 
Hochzeitsmahle in Kyzikos gekommen war, wurde er zurück- 
gewiesen, wobei die Dame ihm die Unzucht seines Mundes mit 



1 Völlig unbestimmt drückt sich Eustathius, S. 741, aus: haMCuv heißt 
Unzucht treiben. 

2 Ob der Vers 918 aus der Frauenvolksversammlung hierher gehört, weiß 
ich nicht: 

Schon reget in dir, armes Kind, 
Der Kitzel sich ion'scher Lust: 
Du scheinst mir eine Leckerin nach Art der Lesbierinnen. 

Die Fellatrix scheint hier Labda, nach dem ersten Buchstaben von kiojuify iv. 
genannt zu sein; aber die Stelle ist ganz vereinzelt, denn bei Varro, nach Nonius 
<S. 523, Qothofr., verglichen mit Jos. Scaligers Anm. zu Priapeia L XXV III) heißt 
es: depsistis, dicite Labdae; aber die Lesart ist weder gesichert, noch der Sinn 
des Satzes klar. Der Vers des Ausonius, Epigr. 120, hat hiermit nichts zu tun, 
wie wir weiter unten sehen werden. 

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den Worten vorwarf, sie dulde keinen Mann, der selbst einen 
Mann nötig habe. 1 Aber auch das, was vorhergeht, kennzeichnet 
das Laster des Timarchus mit genügender, ja mehr als genügender 
Deutlichkeit. Was konnte z. B. der, welcher den Timarchus über- 
raschte, vor einem Jüngling „auf den Knien liegend" für eine 
andere „Tätigkeit" gesehen haben als die eines Fellators? (Kap. 20). 
Woher hatte sich der lasterhafte Mann in Ägypten den Beinamen 
„die Bräune" zugezogen, als dadurch, daß er sich, dem Gerücht 
zufolge, „an einen Matrosen machen wollte", der ihm „den Mund 
dermaßen verstopft habe, daß er beinahe erstickt wäre"? (Kap. 27). 
Woher der Spottname des „Kyklopen", als davon, daß ihm ein 
Jüngling, als er betrunken dalag, „mit einer geraden und ziemlich 
spitzigen Stange" anfiel wie ein neuer Odysseus, um ihn in den 
offenstehenden Mund hineinzubohren? „Du aber, als der ,Kyklop\ 
duldetest es, mit offenem Munde und so weit als nur möglich 
gähnend, daß dir jener das Maul — blendete!" 2 (Kap. 27). Brauche 
ich noch hinzuzufügen, wie die Leute vor seinen Küssen fliehen 
(Kap. 23), wie seine Zunge gegen ihn eine Injurienklage anstellt 
(Kap. 25)? Es sind dies Dinge, die man ebensogut einem Fellator 
als einem Cunnilingus nachsagen kann. Aber daß auch das 
Irrumare dem Manne nichts Ungewöhntes war, scheint die 
Stelle in Kap. 18 anzudeuten: „Oder bist du etwa kein solcher?" 
da nämlich kurz vorher die Rede ist „von einem alten Sünder, 
von Kinäden, einem Menschen, der Dinge tut und leidet, die sich 
gar nicht aussprechen lassen", so muß auch die aktive Teilnahme 
an den „unaussprechlichen Dingen" zu den Lastern des Timarchus 
gezählt werden. Mit Recht konnte Lukian daher von Timarchus 
sagen, daß er „lesbisiere" und „phönizisiere", wenn er dem einen 
Worte die Bedeutung „fellare", dem andern die Bedeutung „irru- 
mare" unterlegte. Nichtsdestoweniger bleibt es unklar, welches 
der beiden griechischen Wörter dem einen oder anderen latei- 
nischen entspricht Ja, nicht einmal das ist über allen Zweifel 

1 Forberg übersetzt diese Stelle aus dem Griechischen so, als ob Timarchus 
von einem Hochzeitsmahl durch die Hausherrin fortgewiesen wäre. Wielands 
Übersetzung ist hier verständlicher und klarer (Anm. d. Übersetzers). 

2 Nicht das Auge, wie es der homerische Odysseus dem Polyphem tat 
(Anm. d. Übersetzers). 

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erhaben, ob Lukian das Xtoßid&tv und das <poivud&iv so unter- 
schieden wissen wollte, daß das eine „fellare", das andere „irru- 
mare" bedeutet. Denn „phönizisieren" konnte man auch vom 
Cunnilingus sagen 1 — die genaue Bedeutung dieses Wortes 
werde ich weiter unten, im V. Kapitel, geben; es erübrigt sich 
daher, hier Beispiele von Weibern, welche sich ihre Schamteile 
lecken ließen, aufzuführen. 

Höchst merkwürdig ist eine Stelle in Galenus* Schrift „de vi 
simplicium", X. Buch, in welcher er „lesbisieren" und „phönizisieren" 
voneinander unterscheidet, indem er sagt, daß das eine noch 
schändlicher sei als das andere (Rosenbaum, Gesch. d. Lustseuche, 
S. 260): „und es ist für einen anständigen Menschen weit schänd- 
licher, ein Kotfresser (xongocpä'/og) als ein äio%QovQyög oder Kinäde 
genannt zu werden. Aber auch von den d,iaxQovQy<m» verabscheuen 
wir mehr die Phönikier als die Lesbier (und) etwas ähnliches 
scheint mir der zu tun, welcher Menstrualblut trinkt". 2 Er hält 
also jemanden, der menschliche Absonderungen als Heilmittel ge- 
braucht, für gemeiner als einen „Schamlosen" oder einen Kinäden; 
unter den „Schamlosen" aber scheinen ihm die Phönizisierenden 
verächtlicher zu sein als die Lesbisierenden. Es läßt sich daher 
nicht bezweifeln, daß er unter den ersteren die Feilatoren, unter 
den letzteren die Irrumatoren versteht Denn wenn er diejenigen 

1 Ich weiß nicht, ob der Spottname Rhododaphne, der ihm von den Syriern 
beigelegt wurde, eine versteckte Anspielung auf den Cunnilingus enthalten soll, 
so nämlich, daß die Rose sich auf die weibliche Scham und das Lorbeerblatt auf 
die leckende Zunge bezöge. Sicherlich schien die Sache dem Lukian zu 
schlüpfrig, als daß er sie erzählen konnte: .In Syrien nannten sie dich Rhodo- 
daphne — warum, schäme ich mich herauszusagen' (Kap. 27). — Französisch: 
faire feuilles de roses = cunnum lingere. (Anm. d. Übersetzers.) 

2 Zum besseren Verständnis der Stelle des Galenus führe ich auch das Vor- 
hergehende an: .Das Trinken des Schweißes, Urins und weiblichen Menstrual- 
blutes ist unzüchtig und schändlich, nicht weniger auch wenn man, wie Xenokrates 
zu tun vorschlägt, die Teile des Mundes und Rachens mit Kot überschmiert und 
diesen hinabschlingt. Er spricht auch von dem'Einnehmen des Ohrenschmalzes. 
Ich aber würde mich nicht entschließen können, dasselbe einzunehmen, selbst 
wenn ich danach niemals wieder erkranken sollte. Den Kot halte ich aber noch 
für viel ekelhafter, und es ist usw.* Übrigens ist wohl wv tpaivctai statt 
V qaivftai zu lesen, nach der glänzenden Vermutung des gelehrten Rost in 
Gotha. 

249 



für verächtlicher hält, welche den Kotfressern am nächsten kommen, 
so muß er solche Männer, die als Feilatoren ihren eigenen Mund 
besudeln lassen, mehr verabscheuen als solche, die als Irrumatoren 
einen fremden Mund verunreinigen, und gleichen Abscheu muß 
er vor den Cunnilingi, vor denen, welche Menstrualblut trinken, 
empfinden, von denen weiter unten die Rede sein wird. 

Die Unsitte der Lesbier fand im Altertum Nachahmer. Sehr 
übel berüchtigt waren deswegen die Einwohner von Nola. Ver- 
gleiche das 79. Epigramm des Ausonius (S. 341 Peiper), in welchem 
von der Fellatrix Crispa gesagt wird, sie übe diese Unzucht aus, 
„die den Nolanern großstädtische Üppigkeit eingab". Aber hier 
ist das ganze saubere Epigramm: 

Außer den Paarungen, die bei geschlechtlicher Liebe erlaubt sind, 

Hat die verderbte Begierde unzüchtige Akte erfunden, 

Wie sie des Herkules Erbe, auf Lemnos vereinsamt, einst übte, 

Die Afranius beredt im Lustspiel brachte zur Bühne. 

Solche auch, die den Nolanern großstädtische Üppigkeit eingab; 

Alles das praktizieret nun Crispa am eigenen Leibe, 

Treibt Onanie, ist Fellatrix und läßt sich von vom und von hinten — 

Daß sie einst sterbend mag sagen, es gäb' nichts, was sie nicht erfahren. 

Was bedeutet das? Crispa wollte natürlich nicht den Bei- 
schlaf, die erlaubte Vereinigung der Geschlechter, unversucht 
lassen, aber auch ebensowenig die Onanie, d. i. die Wollust des 
Philoktetes, 1 des Erben der Pfeile des Herakles, noch die — passive — 
Päderastie des Kinäden Afranius, von dem es, Quintiiianus, Instit. 
orat X, 1, heißt: „Unter den Lustspieldichtern ragt Afranius hervor, 
wenn er nur nicht seine Stücke mit häßlichen Szenen der Knaben- 
liebe besudelt hätte, die seine eigene Neigung verraten;" — schließ- 
lich auch nicht das Irrumiertwerden, d. i. die Üppigkeit, die die 
Nolaner brandmarkt. Kürzer und deutlicher wird alles im vor- 
letzten Verse zusammengefaßt, der in wörtlicher Übersetzung 



1 Porberg betrachtet den Philoktetes als Kinäden. Dagegen spricht ver- 
schiedenes; so vor allem die Einsamkeit, in welcher der Verwundete lebte. Vgl. 
Rosenbaum, S. 153 (Anm. d. Übersetzers). 
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lautet: „sie wichst ab, saugt und wird in beiden Höhlungen ge- 
mahlen". 

Einige wollen auch das berühmte Rätsel des Coelius, bei 
Quintiiianus, Instit oral VIII, 6, hierauf deuten, in welchem er von 
„einer für ein Viertel -As verkäuflichen Klytaemnestra" sagt: „in 
triclinio coam, in cubiculo nolam", wobei sie in dem „nolam" 
eine Anspielung auf ein Weib, namens Nola und auf die Unsitte 
der Nolaner sehen. Ansprechender ist die Erklärung des Alciat, 
der der Meinung ist, daß es sich um die berühmte Clodia, die 
Schwester des Clodius und Gattin des Metellus handele, welche 
Coa genannt wurde, weil sie den Koitus bei der Tafel ausüben 
wollte und Nola, weil sie sich weigerte, es im Schlafgemach zu 
tun. Denn daß Spalding sich über das ungewöhnliche Schimpf- 
wort „verkäuflich" (quadrantaria) wundert bei einem Weibe, die 
ihr Schlafgemach nicht betreten ließe — das ist im Grunde ge- 
nommen Haarspalterei. Warum sollen wir nicht annehmen, daß 
Clodia, gleichwie Messalina, übersättigt von der Leichtigkeit des 
Ehebruchs, zu neuen und ungekannten Wollüsten ihre Zuflucht 
genommen habe, 1 so daß sie sich nicht mehr im Dunkeln brauchen 
lassen wollte, sondern bei Licht, wie Martial XI, 104 von sich 
selbst sagt: 

Dich das Dunkel erfreut, ich liebe als Zeuge die Lampe, 
Und der Lenden Kraft probe bei Licht ich allein. 

ja sogar vor lebenden Zeugen, denen sie sich, wenn nicht in 
liegender Stellung, so doch (mit ihren Galanen) gehend und 
zurückkehrend, zeigte. Wer wollte daran zweifeln, daß die Zügel- 
losigkeit soweit gegangen sei? Augustus tat ja nichts anderes, 
wenn ihm Marcus Antonius (Suetonius, Augustus, Kap. 69) vor- 
wirft, er habe „die Frau eines Mannes von konsularischem Range 
in Gegenwart ihres Gatten aus dem Speisesaale ins Schlafzimmer 
geführt und darauf mit geröteten Ohrläppchen und in Unordnung 
gebrachter Frisur wieder zur Tafel zurückgeführt". Ebenso erzählt 
Suetonius von Caligula, Kap. 25: „er habe beim Hochzeitsmahle, 
zu dem er eingeladen war, dem ihm gegenüberliegenden Piso die 

1 Tadtus, Annalen XI, 26. 

25/ 



Weisung gesendet: ,Laß dir nicht einfallen, meine Frau zu be- 
lästigen!' worauf er sie sofort von der Tafel weggeführt habe", 
und daß er (Kap. 36) vornehme Frauen „mit ihren Männern zur 
Tafel geladen habe, wo er sie dann, wenn sie an seinen Füßen 
vorübergingen, sorgfältig und langsam, wie ein Sklavenhändler, 
beaugenscheinigte, ihnen auch wohl das Gesicht am Kinne mit 
der Hand aufrichtete, wenn etwa eine aus Verschämtheit es nieder- 
senkte. So oft es ihm dann beliebte, verließ er den Tafelsaal, 
ließ die, welche ihm am besten gefallen hatte, zu sich rufen, und 
wenn er bald darauf mit den noch sichtbaren Spuren seiner Aus- 
schweifung zurückkehrte, so lobte er sie entweder oder tadelte sie 
auch wohl vor aller Welt, indem er die einzelnen Vorzüge oder 
Mängel ihres Körpers oder ihres Benehmens beim Beischlaf her- 
zählte". Auch Horaz, Oden III, 6, 25 — 32 charakterisiert eine 
Römerin aus der Zeit des Sittenverfalles: 

Bald sucht sie schamlos jüngere Buhlen sich, 
Wenn zecht der Ehemann, wählet auch nicht einmal, 
Wem unerlaubte Lust sie hastig 
Schenk' insgeheim, nach gelöschter Fackel; 

Nein, aufgefordert, selber mit Vorbewußt 
Des Manns, steht auf sie, ob ein hispanischer 
Schiffsherr sie ruft, ob ein Verkäufer, 
Hoch die bedungene Schmach bezahlend. 

Ein solches Beispiel von Schamlosigkeit bietet schließlich 
jenes Bankett, das im Beisein des römischen Papstes Alexanders VI. 
den fünfzig nackten Huren gegeben wurde, und dessen Schilde- 
rung sich im Hermaphroditus (II, 37, Anm.) findet Sind das 
nicht genug „Coae" im Speisesaal? Clodia also hatte ihr Ver- 
gnügen daran, auf solche Weise bei einem Manne zu liegen; aber 
allein mit ihm im Schlafgemach, ohne Zeugen sein wollte sie 
nicht, daher die scherzhaften Beinamen coa und nola. Ein wenig 
klarer hätte sich Clodius ausdrücken können: im Speisesaal vola 
und draußen nola. 1 

1 Quintiiianus selbst sagt, daß man schon zu seiner Zeit die Pointe des 
Witzes nicht mehr verstanden habe, und mit diesem Geständnis hätten sich die 

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Nicht nur die Nolaner, sondern überhaupt die Osker 1 waren, 
der Überlieferung zufolge, der Wollust sehr ergeben, so daß 
manche das Wort „obszön" von „Osci" ableiten wollen, welche 
früher Opsci oder Opici hießen. Festus, S. 553: „fast in allen 
Kommentaren wird Opicus für Oscus geschrieben, woher auch 
schamlose und freche Worte „obscen" genannt wurden, weil un- 
flätige wollüstige Handlungen bei den Oskern sehr häufig waren. 

Die Alten gebrauchten zur Bezeichnung schamloser Hand- 
lungen verschiedene Umschreibungen. So sagten sie für irrumare 
„den Mund verletzen" (offendere buccam), 2 „den Mund verderben" 
(corrumpere buccas), 3 „den Köpfen mitspielen" (illudere capitibus), 4 
„auf die Köpfe losspringen" (insultare capitibus), 6 „den Kopf nicht 



Philologen zufrieden geben können. Übrigens muß doch noch ein Doppelsinn 
darin liegen, der vor dem Schlafgemach der neuen Klytaetnnestra und dem 
Schicksal des Agamemnon warnt (Anm. d. Übersetzers). 

1 Nola, eine Stadt in Campanien, das zum Gebiete der Osker gehört. Des- 
halb beziehen auch einige die .campanische Krankheit* (Horatius, Sat 1, 5, 62) 
auf die Wollust, was aber in bezug auf die Ursache nicht recht zutrifft. 

* Varro im .Marcipor' (Nonius, S. 687): .dann steckt er das männliche 
Glied in den Schlund (frumen) und verletzt den Mund des Volumnus*. 

» Martialis III, 75: 

Züchüge Münder mit Geld zu verderben hast du begonnen; 

ahnlich II, 28: 

Auch Vetustillas Mund locket, der warme, dich nicht. 

4 Suetonius, Tiberius, Kap. 45: .Wie gewohnt er war, auch Frauen, und 
zwar von edler Familie, am Kopfe mitzuspielen, bewies am klarsten das End- 
schicksal einer gewissen Mallonia, die ihm zugeführt worden war und sich 
schlechterdings geweigert hatte, sich seinen unnatürlichen Lüsten zu bequemen. 
Er gab sie den öffentlichen Anklagern preis und ließ selbst vor Gericht nicht 
ab, sie zu fragen, ob sie sich jetzt anders besonnen habe? bis sie aus dem Ge- 
richte sofort nach Hause stürzte und sich dort den Dolch ins Herz stieß, nach- 
dem sie zuvor ihm, dem struppigen, stinkenden Lustgreise mit lauter Stimme 
seine unnatürlichen Lüste nach dem Munde vorgeworfen hatte.' 

'■' Suetonius, Caesar, Kap. 22: .Dieser Erfolg (die Erlangung des Consulats 
über das jenseitige Gallien) machte ihn so übermütig, daß er wenige Tage darauf 
in voller Senatsversammlung sich nicht enthalten konnte, die prahlerische Äuße- 
rung zu tun, er habe trotz des Seufzens und Widerstrebens seiner Widersacher 
erreicht, was er begehrt, und werde von nun ab allen auf den Köpfen herum- 
springen. Und als ihm darauf jemand die spottende Antwort gab, das werde für 

253 



schonen" (non parcere capiti), 1 „den Mund verkeilen" (os percidere), 2 
„das Oberste verlangen" (summa petere), 8 „das Höhere berühren" 



ein Weib keine leichte Sache sein, versetzte er, auf den Witz eingehend, auch 
in Syrien habe eine Semiramis geherrscht, und ein großer Teil Asiens sei einst 
den Amazonen unterworfen gewesen.* Nämlich die Redensart .auf den Köpfen 
tanzen', die Caesar in anständigem Sinne gebraucht hatte, verdreht sein Gegner 
ins Obszöne, indem er dabei zugleich auf Caesars schlüpfriges Abenteuer in 
Bithynien anspielt. 

1 Lactantius, Instit. div. VI, 23: .Ich spreche von denen, deren ganz gemeine 
Begierde und verabscheuenswerte Wut nicht einmal des Kopfes schont.' Ahn- 
lich bei Juvenal VI, 299—300: 

Kümmert die trunkene Venus sich darum? 
Weifi sie doch Penis und Kopf nicht einmal auseinanderzuhalten. 

2 Martialis U, 72: 

Postumus, gestern beim Mahl erzählte man eine Geschichte, 
Die ich beklage — denn wer billigte Dinge, wie die? — 
Daß dir dein Mund sei verhauen; 

— und, mit dem Gleichklang von .rumor' und .irrumator' fflgt der Dichter hinzu: 

und wie das Gerficht in der Stadt geht, 
Heißt es, Caecilius sei's, der diese Schandtat verfibt'. 

So auch in, 73: 

Doch das Gerücht sagt, du wärst kein Kinäde. 

Derselbe HI, 80: 

Aber der Leumund nennt böse von Zunge dich doch. 

Derselbe III, 87: 

Niemals, Chione, erzählt das Gerücht, bist beschlafen du worden, 
Und in der Welt geb' es nichts reineres als dein Geschöß. 

Doch du bedeckest beim Baden nicht den Teil, welchem es not tut: 
Übertrage den Schurz, wenn du dich schämst, aufs Gesicht. 

Das einfache .perddere' heißt Päderastie treiben, so bei Martial IV, 48; 
VD, 62; DC, 47; XI, 28; XII, 35; Priapeia XIII u. XV. Wenn einige Ausgaben 
hier die Lesart .praecidere' haben, so ist das meines Erachtens ein Irrtum von 
selten der Herausgeber. 

3 Martialis XI, 46: 

Wozu plagst du umsonst nur die armen Gesäß* und Geschösse? 
Suche das Obere, dort finden die Greise noch Trost. 

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(altiora tangere), 1 „die Zunge zusammendrücken" (comprimere 
linguam), 3 „sich in der unaussprechlichen Vereinigung ver- 
einigen" (füywa&cu xyv ä^xov fä$iv), s dagegen für fellare 
„mit dem Munde zu Willen sein" (ore morigerari), 4 „sich mit 
dem Munde Mühe geben" (ore adlaborare), 0 „Männer um die 



Priapeia LXXIV: 

Bohren wird mein Glied sich mitten durch Mädchen und Knaben, 
Doch von den Billigen will nichts als das Obere ich. 

1 Priapeia XXVIII: 

Dich werde ich päderastieren mit meinem baumlangen Glied; 
Und wenn auch diese lästige und schwere Strafe nicht zieht, 
Gehe ich höher hinauf. 

2 Plautus, Amphitruo I, 1, 192: 

Und deine verruchte Zunge will ich heut' zusammendrücken. 

.Comprimere' sagte man also vom Irrumator, als wäre er ein Beischläfer; 
gerade wie .percidere* verhauen, als wäre er Päderast. 

3 Plutarchus, Caesar (Kap. 32): .Es wird erzählt, daß er (Caesar) in der 
Nacht vor dem Ubergang (über den Rubicon) einen ruchlosen Traum gehabt 
habe; es war ihm nämlich, als habe er mit der eigenen Mutter die unaussprech- 
liche Vereinigung vollzogen.* Dazu die Glosse des Hesychius: .döfaTovQyia 
(das Tun unsagbarer Dinge), Begehen unzüchtiger Handlungen, Frevel, das Un- 
aussprecnucne veruDen. 

4 Suetonius, Tiberius, Kap. 44: .Das Bild des Parrhasius, welches die Atalante 
darstellt, wie sie dem Meleager mit dem Munde zu willen ist, war ihm mit der 
Bedingung vermacht worden, dafi er, falls er an dem Gegenstande Anstoß nähme, 
eine Million Sesterzien statt desselben erhalten solle. Er zog das Bild nicht nur 
der letzteren Summe vor, sondern stellte es sogar in seinem Schlafgemache auf.' 

* Horatius, Epod. VIII, 17-20: 

Steh'n ungebildetere Nerven wen'ger steif 

Und reizt die Wollust wen'ger dich, 
Damit sie zu erwecken aus der stolzen Ruh 

Du mit dem Mund dich quälen mußt? 

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Mitte lecken" (lambere medios viros), 1 „lecken" (lingere), 2 „schweigen" 
(tacere). 3 



1 Martialis D, 61 : 

Als undeutlicher Flaum auf deinen Wangen dir sproßte, 
Hast du mit ekeler Zung' Männern die Mitte geleckt. 

Derselbe m, 81 : 

Baeticus, du Castrat, was hast mit der Fut du zu schaffen? 
Diese Zunge, sie soll lecken den Männern die MM*. 

Ausonius, Epigramm 78, S. 341 Peiper: 

Castor, der Männern das Ding in der Mitte zu lecken begehrte, 
Aber die Leute nicht könnt' haben zu Hause bei sich, 

Fand einen Ausweg, daß nicht als Fellator er Glieder verderbe: 
Bei seiner eigenen Frau fängt er mit Lecken nun an. 

Castor ist also aus einem Fellator ein Cunnilingus geworden. 

2 Marl ia Iis HI, 88: 

Zwillinge sind diese Brüder, doch lecken verschied'nes Geschlecht sie. 
Sind unähnlich sie sich, oder sich ähnlich, sagt an? 

Der eine war also Fellator, der andere Cunnilingus. 
Derselbe VII, 55: 

Lecken sollst du — nicht mein's, denn das ist keusch und schmächtig, 
Sondern jenes verfluchte Glied, das Tribut zu zahlen. 
Kommt aus dem abgebrannten Jerusalem her. 

Es ist mir unbekannt, woher Scioppius (zu Priapeia X) wissen will, Martialis 
sei mit einem tüchtigen Gliede versehen gewesen, da er doch an dieser Stelle 
offen bekennt, seine Mentttla sei nur schmächtig. Er heißt aber den Chrestus 
zum Schimpf statt der seinigen die Mentula eines Sklaven von jüdischer Abkunft, 
der zu einem jährlichen Tribut von zwei Drachmen für den Jupiter Capitolinus 
verurteilt war, lecken. Desselben jüdischen Sklaven geschieht bereits im 35. Epi- 
gramm des gleichen Buches Erwähnung: 

trägt doch mein Sklave 
Seine judäische Last, die keine Vorhaut versteckt, 

d. h. er hat einen beschnittenen Penis, mit freier, nicht unter der Vorhaut ver- 
borgener Eichel, mit einem Worte, einen .enthäuteten' (recutitus) Penis, denn so 
ist, wie ich glaube, das Wort von den enthäuteten Gliedern der Juden' bei 
Marti al VII, 30 zu verstehen. Es sind Glieder, von deren Eichel die Haut ab- 
gezogen ist, wie ja auch recinctus, regelatus, reseratus u. dgl. das Gegenteil von 
dnctus, gelatus und seratus bedeuten. Auch kann man nicht dagegen einwenden, 
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Wie Persius das Wort cevere in der Bedeutung „schweif- 
wedeln" gebraucht, so Catullus das Wort irruraare in der von 



daS die recutita colla mullae, IX, 57, offenbar .ein mit neuer Haut bedeckter 
Hals* sei, da eine ähnliche Mehrdeutigkeit auch anderwärts gefunden wird, wie 
bei revindre. Ich kann denen nicht beistimmen, welche die .recutiti* für Leute 
halten, denen die beschnittene Vorhaut wieder von neuem gewachsen sei, denn 
ein .recutitus* zu sein, galt immer für verächtlich. Petronius, Kap. 68: .Zwei 
Fehler hat er aber doch : wenn die nicht wären, wäre er vollkommen und tadel- 
los: er ist beschnitten (recutitus) und schnarcht.' Warum sollte man denn auch 
eine Eichel mit neu gewachsener Haut für verächtlicher halten, als eine solche 
ohne alle Haut? 

3 Wer irrumiert wird, kann nicht sprechen, weil ihm die Mentula das Maul 
zustopft, daher schweigt er. Marti a Iis III, 96, auf den CunnUingus Gargilius, 
dem er, falls er ihn erwischt, mit der .dritten Strafe* droht: 

Wenn, Gargfl, ich dich treffe, sollst du schweigen, 

denn wie Ehemänner in solchem Falle bartlose Jünglinge zu paedicieren pflegten, 
so irrumiert en sie bärtige Männer. Daher ermahnt er auch, II, 47, einen Gallus, 
die Netze einer berüchtigten Ehebrecherin zu fliehen, damit er nicht, wenn er 
erwischt würde, von ihrem Manne irrumiert werde: 

Meinst du, es hilft dir dein Arsch? Ihr Gemahl ist kein Päderast, nur 
Zweierlei hat für ihn Reiz, entweder Mund oder Fut. 

Aus diesem Grunde aber auch will er selber die Thelesina heiraten, II, 49: 

Ich will nicht Thelesina zur Gattin mir nehmen! .Warum nicht?* 
Weil sie die Ehe doch bricht .Aber mit Knaben.* Ja, dann! 

Daher auch sieht er sich selbst enttäuscht durch den Galan seiner Polla, X.40: 

Da man immer mir sagte, meine Polla 
Halt's mit einem Kinäden heimlich, Lupus, 
Überfiel ich ihn, kein Kinäde war es. 

Nämlich anstatt eines Knaben, den er päderastieren konnte, fand er einen 
grobknochigen Erwachsenen, also einen, der weniger geeignet war, durch Preis- 
gabe seines Hintern die Schuld zu büßen, obgleich er ja auch, nach der grau- 
sanieren oitte anderer, dem ertappten cneDrecner natie entweder eine meerasene 
in den Hintern hineinstopfen können, vgl. Juvenalis X, 317: 

und dem Ertappten im Arsch schon sitzt der schmerzende Meeraal. 

oder einen Rettich, vgl. Lucianus, Vom Tode des Peregrinus Kap. 9: .In 

17 257 



„schimpflich behandeln". 1 So sagt er (XXVIII, 9, .10), daß er selbst 
von Memmius „irrumiert" worden sei: 

Du, o Memmius, hast mich ja gehörig 
Lange und langsam mit dem Ding gehudelt, 

deswegen, weil er selber in Bithynien die Gemeinheit und den 
Geiz dieses Praetors, der seine Begleiter wie die Bettelbuben be- 
handelte und daher auch (X, 12) „irrumator praetor" genannt 
wird, kennen gelernt hatte; und er droht seinen Zechbrüdern 
(XXXVII, 7, 8), zu denen sich sein Mädchen geflüchtet hatte: 

glaubt ihr, daß ich nicht der Mann wäre, 
Zweihundert anzubohren solcher Bankhocker? 

und fügt hinzu, damit niemand zweifele, er werde das wirklich 
tun, daß er die Schandtaten der albernen Kerle draußen an die 
Wand der Kneipe schreiben werde: 



Armenien wurde er beim Ehebruch ertappt, vermochte aber zu fliehen, nach- 
dem man Ihm In den Hintern einen Rettich gestopft hatte." 

Catullus XV: 

In das offene Tor gespreizter Beine 

Stopft man dir einen Aal hinein und Rettich. 

Etwas dunkler ist jenes Epigramm des Martialis IX, 4: 

Da sich Galla bereits für zwei Goldstücke läßt vögeln, 
Und auch mehr noch gewährt, wenn du das Doppelte gibst, 

Woher, Aschylus, kommt's, daß du zehn Goldstücke bezahltest? 
Nicht das Fellare, o nein, .Schweigen' kostet so viel. 

Nicht ihre Schamhaftigkeit verkauft Galla so teuer, sondern sie läßt sich 
das ihr unbequeme Schweigen, das mit dem Fellare verbunden ist, so hoch be- 
zahlen, denn für eine Schwätzerin, als welche Martialis selber, IV, 81, sie 
kennzeichnet, war das Schweigen eine schwere Aufgabe. Hierher gehört auch 
das Epigramm XII, 35, das sogleich (S. 267) angeführt werden wird. 

1 In gleichem Sinne wurde das Wort stuprum gebraucht Festus, S. 449: 
.Daß die Alten , stuprum' für .turpitudo' sagten, geht auch aus Neleus' Gedicht 
hervor: greulich und schimpflich werd' ich täglich gezüchtigt Naevius: und 
sie wollten lieber dort durch eigene Hand umkommen, als mit Schande zu ihren 
Landsleuten zurückkehren .' 
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euer Kneipennest will ich 
Mit Kohlenstäben bis zum Giebel anschreiben. 



Die anderen Stellen aus Catull (XXI, 12 und LXX1V, 5), die 
man als Belege für den figürlichen Gebrauch des Verbums irru- 
mare anzuführen pflegt, scheinen mir nicht hierher zu gehören. 

Einen Schamlosen (impudicus) scheint man namentlich den- 
jenigen genannt zu haben, der sich zum Pädiziert- und Irnimiert- 
werden hergab. Priap. LIX: 

als ein Dieb wirst du kommen und wirst als ein Schamloser fortgehn. 

Cicero, de oratore II, 256: „Wenn du von vorn und von hinten 
ein Schamloser bist" Horatius, Epist. I, 16, 36: 

Nennt mich das nämliche Volk einen Dieb und spricht mir die 

Scham ab. 

Lampridius, Kaiser Commodus, Kap. 10: „Schon als Knabe 
war er leckerhaft und schamlos", vgl. dazu Kap. 5: „ja, auch die 
Schande ersparte er sich nicht, daß er sich Jünglinge hielt, die 
auf ihm lagen", und Kap. 1 : „von seinen ersten Knabenjahren an 
war er niederträchtig, boshaft, grausam, wollüstig, sogar im Munde 
befleckt und geschändet". Andererseits wird schamhaft (pudica) 
eine von einem Manne unberührte Jungfrau genannt; Priap. XXXI: 

Schamhafter mögest du sein als selbst die Vesta, 

oder eine Frau, die sich an den Freuden des ehelichen Verkehrs 
genügen läßt, wie Martialis X, 63 ihr Lob singt: 

Auch der seltene Ruhm des Ehebetts ward mir: ich kannte 
(Das ist mein keusches Verdienst) nur einen einzigen Schwanz. 

Beispiele von Feilatoren und Fellatricen, wie sie beim leckeren 
Mahle sitzen, bedauere ich, bis zum Nachtisch aufgehoben zu haben, 
füge sie aber hier bei, und zwar aus der Aloisia III, 43—45 (S. 224). 
Chrysogonus überredet die Sempronia schmeichelnd, ihm mit dem 
Munde gefällig zu sein: „Chrysogonus kam vorgestern nach- 

17« 259 



mittag" — so erzählt Ottavia — „zu meiner Mutter. Das ganze 
Haus lag in tiefem Schweigen und die beiden waren in voller 
Sicherheit Wie er im besten Spiel und Feuer war, sagte er: 
,Heute früh habe ich von einer neuen Art von Wollust Kenntnis 
erhalten. Einer unserer vornehmsten Herren sagte mir — ohne 
sich der Sache im geringsten zu schämen, er könne sich nichts 
Ekelhafteres, nichts Unreineres denken, als jenen unteren Körper- 
teil seiner Gemahlin, durch den sie Weib sei — , und er hat doch 
ein sehr hübsches Weib. In jener Jauche wohnen, sagte er, 
die übelriechenden Stymphaliden; im Munde dagegen' — bei 
diesen Worten gab Chrysogonus ihr einen Kuß auf die Lippen — 
,wohne die wahre Venus, wohnen die wahren Liebesgötter. Daher 
flieht und haßt er jene Grotte, die einen mephitischen Geruch 
ausströmt; er liebt dagegen den reinen Mund, das reizende Ge- 
sicht Nur von diesem will er etwas wissen, nur für dieses steht 
er ihm! Seine Gemahlin ist ebenso geistreich wie schön, und 
sie ist noch gefälliger, als sie geistreich und schön ist Sie 
kennt keinen anderen Genuß als den Genuß, den ihr Gatte hat; 
was ihm gut dünkt, das dünkt auch ihr gut; willig fügt sie sich 
allen seinen launenhaften Einfällen. Und so leistet sie ihm auch 
mit ihrem Munde den verlangten Liebesdienst Nun, und du, 
Sempronia? Was würdest du tun, wenn ich dich darum bäte? 
Wenn du mir diesen Gefallen verweigern solltest, so würde ich 
mich auch nicht mehr meines dir gegebenen Wortes erinnern. 
Ferner wird es dir nicht entgehen, daß der schöne Leib eines 
schönen Weibes, wie Sokrates zu sagen pflegte, nichts weiter ist 
als eine lebendige Schatzkammer der Begierden, der die Männer 
ihre Wollüste anvertrauen, in die sie ihrer Begierde heiße Fluten 
leiten und wo sie ihre Wollust suchen. Was kommt es denn 
auch, ich bitte dich, darauf an, ob der Strom der Wollust sich 
durch diesen reinen Kanal ergießt' — hiermit küßte er ihren 
Mund — ,oder durch jenen schmutzigen?' — damit zeigte er 
nach unten — ,wenn du mir nur einen Gefallen erweisen willst?' 
Er hätte ja einfach befehlen können; aber er überredete sie zu 
etwas, wozu sie schon von selber sich entschlossen hatte. ,0!' 
sagte sie lächelnd, indem sie die sich aufrichtende Mentula hervor- 
holte, ,was für Weisen lassest du mich bei diesem Konzert spielen 
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und auf was für einer Flöte?' Hierauf setzte sie ihre Lippen an 
die Spitze des Speeres, ließ die Zunge spielen und verschaffte 
der Mentula nie gekannte Wonnen, indem sie sie bald so, bald 
so drehte. Als sie aber merkte, daß der Strom des Venussaftes 
hervorbrechen wollte, da ekelte ihr und sie wich zurück. ,Du 
verlangst doch wohl nicht,' sagte meine Mutter, ,daß ich mich mit 
solcher Schändlichkeit beflecke? Ich sollte einen flüssigen Menschen 
trinken?' Kaum hatte sie dies gesagt, da bespritzte ein reichlicher 
Regen ihr die Kleider. Jener wurde ganz wütend und schrie: 
,Du erdreistest dich, du Törin, solch ein schönes Stück Arbeit zu 
verderben?' — »Verzeih mir!' sagte sie, ,ein anderes Mal wirst 
du mich gehorsamer finden.' Sie hielt ihr Versprechen und trank 
flüssige Menschen. — Der Witz hat Salz! Denn der Same hat 
ja salzigen Geschmack." 

Mit dem Munde war Mancia dem Marino zu Willen, nach der 
Erzählung der Eleonora, Aloisia III, 46 (S. 226): ..Meine Base ist mit 
dem Neapolitaner Marino vermählt; in Marinos Busen aber brennen 
höllische Schwefelfackeln der fürchterlichsten Lüste. Der Wüstling 
sucht in Mancia das Weib auch oberhalb der Brüste, während 
doch bei den Brüsten das Weib aufhört oder anfängt. Er will 
ihren Mund, wie wenn ihre Kleine sich dahin versteckt hätte oder 
wie wenn der Mund mit dieser in gewisser Verbindung stände, 
um gemeinsam an den Spielen der Venus teilzunehmen. Ich 
machte ihr Vorwürfe, wie sie nur leiden könne, daß ihr und 
ihrem Geschlecht ein solcher Schimpf angetan werde. ,Was willst 
du?' antwortete sie mir. .Marino sucht sich meinen Mund zum 
Schauplatz seiner Wollust aus, und ich kann mich nicht beklagen. 
Wir gefallen unserem Gatten nur dadurch, daß wir Weib sind. 
Wenn eine Frau sich stets als Weib erweist — man möge von ihr 
verlangen, was man wolle — , so wird sie überall und stets gefallen."* 

Auf die nämliche Weise versucht Alfonso diese selbe Eleonora 
zu gebrauchen, Aloisia III, 47 (S. 226): „Denke dir, liebe Ottavia, wie 
weit Alfonsos Raserei geht," fuhr Eleonora fort. „An einem dieser 
letzten Tage hatte er in ehrlichem Kampfe zwei- oder dreimal 
schon seine Waffe erprobt Plötzlich kehrt er sie gegen den 
Mund. — ,Um diese Tür zu erbrechen,' sagte ich zu ihm, ,ist 
dein Katapult nicht da. Du bist wahnsinnig und möchtest auch 

261 



mich wahnsinnig sehen.* — ,Dich möchte ich rasend sehen, nicht 
mich,' erwiderte Alfonse., ,denn daß du mich liebst, das verdanke 
ich nur deiner leidenschaftlichen Glut und keineswegs meinem 
eigenen Verdienste. Wenn ich in Wahnsinn geriete, vergäße ich 
vielleicht die Achtung, die ich dir schulde, und lieber wollt' ich 
sterben, wenn ich nicht für dich leben darf.' — Diese Worte er- 
weichten mein hartes Herz und bestimmten mich, auf den Spaß 
einzugehen. Ohne mich zu sträuben, öffnete ich meine Lippen 
und küßte sein heißes, vor Verlangen zitterndes Glied. Weiter 
kam es aber nicht, denn bald kehrte die kluge Mentula von selber 
zu dem Orte zurück, von dem sie sich verirrt hatte. Das Wollust- 
opfer, das der Unkeusche, ob Sünde oder nicht, oben begonnen 
hatte, vollendete er in der Mitte." 

Auch Gonsalvo de Cordoba war ein Liebhaber dieser Stellung. 
Aloisia III, 48 (S. 227): „Man erzählt von dem großen Kriegs- 
helden Gonsalvo de Cordoba, daß er in seinem Alter diese Art 
der Wollust sehr geliebt habe." 

Eine neue Art des Fellare ersann der in Ausschweifungen 
große Geist des Tiberius. Suetonius, Tib., Kap. 44: „Noch Ärgeres 
und Schmählicheres ist ihm nachgesagt worden, was sich kaum 
erzählen oder anhören, geschweige denn glauben läßt: er habe 
nämlich Knaben vom zartesten Alter, die er seine „Fischchen" 
nannte, angeleitet, ihm beim Baden zwischen den Schenkeln 
herumzuschwimmen und zu spielen, durch Lecken und Beißen 
seine Sinne anzureizen; ja sogar, daß er sich von schon kräftigeren, 
aber von der Brust noch nicht entwöhnten Kindern an dem 
Schamgliede oder an den Brustwarzen habe saugen lassen — 
lauter Arten der Wollust, zu denen ihn allerdings seine Körper- 
beschaffenheit und sein Alter geneigter machen mochten." Ein 
Bild des erfindungsreichen Mannes, wie er sich von seinen 
Fischchen reizen läßt, ist in den Monumens de la vie pr. d. d. C, 
Taf. XVIII zu sehen. 

Männer im vorgerückten Alter, deren Mentula aufgehört hat, 
ihnen zu Willen zu sein, sind eher geneigt, sich der Wollust des 
Irrumare zu ergeben. Darauf beziehen sich die nachstehenden 
Stellen bei Martial IV, 50: 

zu alt, den Mund zu schänden, ist niemand. 

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Derselbe XI, 46: 



Suche das Obere, dort finden die Greise den Trost. 
Derselbe III, 75: 

Lange zwar schon, o Luperais, verlernte dein Penis das Stehen; 

Dennoch strengst du dich an, Törichter, fähig zu sein. 
Züchtige Wangen durch Gold zu verführen nun hast du begonnen; 

So auch gereizt, wacht nicht Venus zum Leben dir auf. 

Aus diesem Grunde sind die Irrumatores von den Ehemännern 
weniger zu fürchten. So nimmt Martialis die Sache leicht, als er 
(X, 40, in dem oben zitierten Epigramm) den Lupus überraschte, 
der als Irrumator ein Rendezvous mit seiner Polla hatte: denn 
Lupus ist wohl eher für einen Irrumator als für einen Beischläfer 
zu halten; darauf scheint auch das Wortspiel mit „inrupi" (ich 
drang ein) hinzudeuten. Auch der Gatte der Glycera — wenn 
sie einen solchen hatte — brauchte nicht zu fürchten, daß seine 
Geschäfte von Lupercus besorgt würden; Martial XI, 40: 

Seine Glycera liebt Lupercus zärtlich 

Und er einzig besitzet und beherrscht sie. 

Daß er bei ihr nicht schlief — den ganzen Monat, 

Klagt er traurig, und sagt' dem Aelianus, 

Als ihn dieser befragte nach dem Grunde, 

Seine Glycera leide gTad an Zahnschmerz. 

Ob der Ausspruch des Lepidinus, im Hermaphroditus I, 13, 
daß, wer einmal irrumiert habe, gar nicht wieder davon ablasse, 
wahr sei, mögen die Sachkundigen entscheiden. Aloisia, S. 223, 
sagt allerdings von dieser Unzucht: „Wer sie einmal probiert hat, 
der liebt sie über alle Maßen." 

Daß nach dem Fellare der Mund mit Wasser ausgespült 
werden muß, ist wohl selbstverständlich. Darauf bezieht sich 
Martial II, 50: 

Daß du den Mund befleckst und Wasser trinkest, das paßt sich. 
Lesbia, du brauchst da Wasser, wo nötig es ist. 

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Damit läßt sich auch Priapeia XXX erklären: 

Geh' durch die Rebstöcke dort, aber pflückst du dir Trauben, 

dann Freundchen, 
Kriegst du auch Wasser, doch nicht so, wie zu holen du's kamst 

Priapus meint: „du bist hergekommen, um Trinkwasser zu 
holen; wenn du aber Trauben stiehlst, werde ich dich irrumieren, 
worauf du dann das Wasser eher zum Mundausspülen als zum 
Löschen des Durstes nötig haben wirst. Auch Martialis' Epigramm 
auf Chione III, 87, von mir schon früher zitiert, gehört hierher. 

Es war eine viel schändlichere Zumutung, jemanden um den 
Mund zu bitten als um den Cunnus oder den Podex, Martial IX, 67: 

Während der ganzen Nacht hab' ich ein Mädchen besessen, 
So leichtfertig, daß keins sie zu besiegen vermag. 

Müde von tausend Arten, verlangte ich jene der Knaben: 
Eh' ich die Bitte getan, ward sie gewähret bereits. 

Noch unkeuscheres bat ich darauf errötend und lächelnd: 
Und die Verbuhlete sagt*, ohne zu zögern, es zu. 1 



1 Als ersten Gang des Mahles gibt also das Mädchen die Fut, als zweiten 
den Hintern und als dritten den Mund. Einige Kommentatoren des Martial sind 
der Ansicht, dafi auch die vollbusige Spatale so freigebig gewesen sei. Martialis 11,52 : 

Dasius weiß, wie die Bäder man zählt: er verlangte für dreie 
ihr mit der üppigen Brust, Spatalen ab, und sie gab's. 

Aber ich fürchte, dafi sie der guten Spatale unrecht tun. Dasius nämlich, 
der Bader, scheint nichts anderes zu wollen, als dafi Spatale, die wegen ihrer 
allzugrofien Körperfülle und ihres Fettansatzes den Raum von drei Weibern zum 
Sitzen beanspruchte, auch für dreie zahle. 

Auf jede Art freigebig war Phyllis. Martial XU, 65: 

Als sich die ganze Nacht in jeder Art willig 

Die schöne Phyllis meiner Lust gewährt hatte . . . 

Nun versteht man auch, was bei Martial .nichts abschlagen' sagen will, XI, 50: 
Phyllis, ich schlag' dir nichts ab, schlage auch du mir nichts ab. 

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Eifrig hütete man sich auch vor Überraschungen und Ent- 
deckungen. Martial XI, 45: 

Wenn du die Schwelle betrittst der ein Täflein tragenden Kammer, 

Ist dir, sei's, daß ein Knab* oder ein Mädchen dich lockt, 
Nicht genügend die Tür, auch der Vorhang nicht und der Riege), 

Und gesicherter noch soll das Geheimnis dir sein. 
Auch den geringsten Spalt, der verdächtig dir scheinet, verstopfst du, 

Löchlein auch, die vielleicht lüsterne Nadeln gebohrt. 
Niemand ist von so zarter, von so besorgter Verschämtheit, 

Cantharus, wer dort nur Knaben und Mädchen umarmt 

Es war indessen nicht der Fall, daß sich die alten Römer 
schämten, Irrumatores zu sein, wie man z. B. aus dem Gebrauch 
des Wortes als Schimpfwort, bei Catull, schließen kann, aber es 
galt für eine Schande, Fellator zu sein. Es steckt nämlich noch 
etwas Mannheit in der Dreistigkeit des Irrumators, dagegen gar 
keine in der passiven Rolle des andern, besonders dessen, der 
den edelsten Teil des menschlichen Körpers zu so schmutziger 



Ebenderselbe IV, 12: 

Keinem versagest du dich, doch schämst du, Thais, dich dess' nicht, 
Schäme dich wenigstens dess', Thais, daß nichts du versagst. 

Ebenderselbe XII, 71: 

Alles, Lygdus, versagst du meinen Bitten: 
Und doch hast du mir früher nichts versaget. 

Ohne Umschreibung, XII, 79: 

Wer nichts weigert, AttidUa, ist Fellator. 

Zu diesem Liebesdienst wollte sich wahrscheinlich Mallonia dem Tiberius 
nicht hergeben: den Beischlaf und die Päderastie hätte sie vielleicht geduldet, 
aber den Ekel vor der Unzucht mit dem Munde konnte die Ärmste nicht über- 
winden. Ich habe die betreffende Stelle aus dem Suetonius bereits oben an- 
geführt. Von einem Weibe, das nichts abschlägt, sagt Amobius II, 42, daß sie 
.nichts zu erdulden sich weigere*. 

Ovid, De arte amat. III, 766 nennt ein betrunkenes Wdb: 

.würdig, auf jegliche Art sich zu vermischen dem Mann." 



Verrichtung zwingt. Dazu kam, daß diese sich die größte Mühe 
geben zu müssen glaubten, um den durch das Fellare erworbenen 
übelen Geruch aus dem Munde zu verbergen, da sie sonst 
fürchteten, daß sie von ihren Tischgenossen oder von denen, die 
sie küssen wollten, geflohen würden. So ungern waren die 
Fellatores an der Tafel gesehen, daß man sorgsam vermied, 
ihnen einen Becher zuzutrinken, 1 oder den Becher zerbrach, 3 
wenn es einmal zufällig geschehen war, und daß man ihnen mit 
größtem Widerwillen 3 entgegenging, wenn sie einen zu küssen 

1 Martial II, 15: 

Daß du keinem aus deinem Becher zutrinkst, 

Tust du, Hermus, aus Rücksicht, nicht aus Hochmut. 

Ebenderselbe VI, 44: 

Niemand tränke dann noch, Calliodorus, dir zu. 

Seneca, De beneficiis II, 21: Obwohl dieser (Caius Caesar) von Freunden 
Geldbeiträge für die Kosten der öffentlichen Spiele annahm, so wies er eine 
große Summe, welche Fabius Persicus schickte, zurück. Und als ihm Leute, die 
nicht nach den Beitragenden, nur nach den Beiträgen fragten, darüber Vorwürfe 
machten, daß er's ausgeschlagen hätte, so erwiderte er: .Soll ich denn eine 
Wohltat annehmen von einem Menschen, von dem ich keinen Trunk annehmen 
würde?* Daß Fabius Persicus ein Fellator, nicht ein Cunnilingus war, geht aus 
dem Umstände hervor, daß Seneca kurz vorher die Frage aufgeworfen hatte, 
was ein in Gefangenschaft Geratener tun solle, wenn ihm ein verworfener, feiler 
und mit dem Munde unzüchtiger Mensch das Lösegeld anbiete. 

» Martial XII, 74: 

Das ist auch etwas wert, daß du kannst zutrinken in diesen, 
Wenn den Becher hernach, Flaccus, zerbrechen du mußt. 

Macedonius in den Analecta Brunkii III, 115: 

Gestern kam mir ein Stück ein Weib das besonderen Rufes 
Nicht sich erfreut. He, Knab', brich ihren Becher entzwei. 

s Martial XI, 95: 

Wenn du zu Küssen gerietest, die dir ein Fellator gegeben, 
Denk, in das Badebassin tauchtest du, Flaccus, den Kopf. 

Ebenderselbe 1, 94: 

Du sangst schlecht, als du wardst beschulen, Aegle. 
Gut singst jetzt du; nun kann man dich nicht küssen. 

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drohten. Daher kam es, daß sie lieber Kinäden als Fellatores 1 
scheinen wollten, wie Phoebus bei Martial III, 73: 



Gliedbegnadete Knaben schlafen bei dir, 
Doch nicht hebet sich dir, was jenen, Phoebus. 
Was, ich frage dich, Phoebus, soll ich denken? 
Glauben möchte ich fast, du sei'st ein Weichling: 
Doch nicht nennet Kinäden dich der Leumund. 

Auch Callistratus bei ebendemselben XII, 35: 

Als wenn offen du dich, Callistratus, gegen mich zeigtest, 
Sagst du mir häufig, du seist öfter von Männern umarmt 

Nicht so offen, wie gerne du schienest, Callistratus, bist du, 
Denn wer solches erzählt, weiß ich, verschweiget noch mehr. 2 

Ebenderselbe I, 83: 

Lippen und Antlitz leckt, Manneja, stets dir ein Hündchen: 
Wundern kann ich mich nicht, letzet ein Hund sich am Kot. 

Seneca, De benefidis IV, 30: .Was hat kürzlich dem Fabius Persicus, 
dessen Kuß auch Unkeusche vermieden, zur Priesterwürde verholten?* 

1 Da die Römer Küsse im Übermaß austeilten und empfingen, wie das 
hübsche Epigramm des Martial XI, 98 beweist, so ist es nicht auffällig, daß die 
Fellatores mit schweren Herzen die Kußspenden entbehrten. Ihrem schmutzigen 
Haupte gibt unser Meister aus Bilbilis auch an anderer Stelle einen Hieb, II, 42: 

Zoilus, was verdirbst das Bassin du durch dein Geslß uns? 
Soll's noch besudelter sein, Zoilus, tauch' mit dem Kopf. 

Ebenderselbe VL 81 : 

Als ob du zürntest dem Volk, so badest du dich, Charidemus: 
Brauchest das ganze Bassin, um dir zu waschen den Schoß. 

Und nicht möcht* ich, daß so dein Haupt, Charidemus, du badest; 
Aber da bad'st du das Haupt: bade dir lieber den Schoß. 

2 In der letzten Verszeile stecken einige Anzüglichkeiten verborgen, die 
eine im .schweigen', das, wie wir oben sahen, mit der Tätigkeit des Fellntors 
verbunden ist; die andere in .erzählen* — die ehrliche Anwendung der Zunge 
anstatt der unzüchtigen gebraucht, ebenso wie III, 84: 

Was erzählt deine Buhlin? Nicht ein Mädchen 
Mein' ich. Was denn? Tongilion, die Zunge. 

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Daher gibt er dem Charidemus, der nicht in dem Rufe eines 
Pathicus stehen mochte, und deswegen mit behaarten Beinen 
und zottiger Brust einhergeht, den Rat, er solle sich lieber für 
einen Pathicus als für einen Fellator halten lassen, VI, 56: 

Weil von Borsten das Bein und die Brust von Zotten dir starret, 
Denkst du, du könnest damit täuschen den Ruf, Charidem? 

Glaube mir, rotte das Haar dir aus vom sämtlichen Körper, 
Stelle auch Zeugen dafür, daß du dich hinten enthaart. 

„Weshalb?" fragst du? Du weißt, daß vieles von vielen gesagt wird. 
Lasse du sie, Charidem, denken, du seist ein Kinäd. 

Die Fellatoren wurden, wie es der Sache entspricht, erkauft, 
und zwar bisweilen für nicht wenig Geld. Martial XI, 66: 

Ein Angeber und Ränkemacher bist du, 
Auch ein Wucherer bist du und Betrüger, 
Ein Fellator und Bandit. Mich wundert's, 
Weshalb nicht du, Vacerra, Geld besitzest. 

Ebenderselbe III, 75: 

Lange zwar schon, o Lupercus, verlernte dein Penis das Stehen; 

Dennoch strengst du dich an, Törichter, fähig zu sein. 
Aber Eruken sind und erregende Zwiebeln vergeblich, 

Und zu der Wollust nützt nicht Satureja dir mehr. 
Züchtige Wangen durch Gold zu verführen nun hast du begonnen; 

So auch gereizt wacht nicht Venus zum Leben dir auf. 
Könnte sich einer genug darob wundern oder es glauben, 

Daß, Lupercus, was nichts kostet, dich kostet so viel? 

Der Verfasser würde glauben, ein Unrecht zu begehen, wenn 
er bei diesem Kapitel den Raben mit Stillschweigen überginge, 
den unser Dichter einen Fellator nennt, XIV, 74: 

Grüßender Rabe, 1 wie kommt es, daß du als Fellator mußt gelten? 
Kam eine Mentula nie doch in das Haupt dir hinein. 



1 Den Grund dieser Benennung erfahren wir bei Macrobius, Satumal. II, 4: 
.Als er (Augustus) stolz auf den Sieg bei Actium zurückkehrte, kam ihm unter 

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— weil nämlich nach dem Volksglauben der Rabe mit dem 
Munde koitieren soll. Plinius, Hist nat X, 12: „Das Volk glaubt, 
daß sie mit dem Schnabel Eier legen oder sich begatten. Aristo- 
teles bestreitet das, sagt aber, daß es mit jenem Schnäbeln, 
welches man häufig bemerke, sich gerade so verhalte, wie bei 
den Tauben." 

Erasmus in seinen Adagia, s. v. lesbiari (S. 409 der Frank- 
furter Ausgabe), stellt es in Abrede, daß zu seiner Zeit noch die 
Unzucht des Irrumierens existiert habe: „Aet/d&üv ist, wenn ich 
mich nicht irre, bei den Griechen so etwas wie ,fellare' bei den 
Lateinern. Denn der Ausdruck ist noch übrig geblieben, ob- 
gleich die Sache selbst, wie ich meine, schon in früheren Zeiten 
abgeschafft worden ist." Ich fürchte, daß das nicht stimmt; ich 
höre wenigstens, daß man auch heutzutage noch nicht einmal 
dieses Genre gänzlich verabscheut, worüber wohl diejenigen am 
besten urteilen können, die das Leben der Großstädte kennen. 
Die Abbildung eines Fellators zeigt die Taf. XXI in den Monumens 
de la vie pr. d. d. C, obgleich diese niedliche Kupfertafel wohl 
mehr in das spintrische Genre, von dem weiter unten die Rede 
sein wird, als in das unsrige gehört 



den Glückwünschen den ein Mann entgegen, der einen Raben trug, den er die 
Worte sprechen gelehrt hatte: .Sei gegrüßt, Caesar, Sieger und Kaiser'. Der 
Caesar, welcher über den unterhaltsamen Vogel erstaunt war, kaufte ihn für zwanzig- 



VIERTES KAPITEL. 

Von der Masturbation. 

„Masturbieren" bedeutet den Samen durch Reiben des Gliedes 
mit der Hand hervorlocken, das Wort ist aus „manu stuprare" 
(mit der Hand schänden) zusammengezogen. Und zwar kann 
diese Handlung mit der eigenen oder einer fremden Hand aus- 
geführt werden. Geschieht es mit eigener Hand, so pflegt meistens 
die Linke gebraucht zu werden. Daher die „buhlende Linke" bei 
Martial IX, 41: 

Daß du, Ponticus, nie beiwohnest, sondern die Linke 

Brauchest als Buhlin, die Hand statt der Geliebten dir dient, 
Hältst du für nichts? Doch es ist ein gewaltiger Frevel, das 

glaub' mir, 

So groß, daß dein Verstand kaum ihn zu fassen vermag. 
Einmal wohnete bei Horatius, dreie zu zeugen, 

Einmal nur Mars, daß ihm Ilia Zwillinge gab. 
Alles wäre zu nichte gemacht, wenn, sich selber befleckend, 

Beide zu schmutziger Lust hätten die Hände gebraucht. 
Sei versichert, es sagt die Natur dir selber: „es ist das, 

Ponticus, was mit der Hand so du vergeudest, ein Mensch. 

Dahin gehört auch desselben Epigramm XI, 73: 

Lygdus, du schwörst mir stets, daß auf meine Bitten du kämest, 
Und du bestimmst die Zeit, und du bestimmest den Ort. 

Wenn ich vergeblich lag, gequält von langer Begierde, 
Hat statt deiner mir oft Hilfe die Linke gewährt 

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und das sechste des Ramusio (S. 62, Pariser Ausgabe): 

Was sollst du tun? Ist denn deine Linke nicht kräftig und tüchtig? 

Brauche nur die, dann entbehrst andere Buhlen du leicht, 
Was die Linke umsonst verschafft, das kaufe nur ja nicht. 

Aber auch die Rechte wurde zu diesem Zwecke von einigen 
gebraucht Derselbe Ramusio da Rimini sagt im vierten Ge- 
dichte (S. 61): 

So sehr quälet, Donatus, die Brunst mich, daß, wenn nicht du mir 
Hilfe leistest, mein Glied elendig gehet zugrund. 

Nicht meine Rechte, die leider verletzt ist, kann Rettung mir bringen, 
Geld hab' ich auch nicht, und er, Hylas, der schöne, ist fern. 

Keine Fut und zu ficken gibt's nichts; daß ich kehre zum Leben. 
Löse die Venus, du kannst um einen Heller es tun. 

Pacifico Massimi in der XII. Elegie (S. 126 der Pariser Ausgabe) : 

Was ist zu machen? Verspätete Brunst will fast mich zersprengen, 
Und ich spritzte wohl drei-, viermal die Schläuche gleich voll. 
Lange schon macht* meine Mentula nicht mit der Fut mehr 

Bekanntschaft, 

Lange schon hat eines Manns Därme sie nicht mehr durchbohrt. 
Aber jetzt steht sie mir täglich und steht mir allnächtlich, und niemals 

Sinkt sie, bei Tag und bei Nacht trägt sie erhaben ihr Haupt 
Ach, meine Worte verhallen; es hört sie kein Knabe, kein Mädchen, 

Niemand kommt: ihres Amts walte die Rechte wie oft. 

Wir sahen soeben, wie streng Martialis den Onanisten Ponticus 
tadelte, deswegen, weil er mit dem Finger einen Menschen ver- 
geude; indessen trug der Tadler selbst kein Bedenken, wenn er 
von der Brunst zersprengt wurde, sich seiner dienstfertigen Hand 
zu bedienen. Martial II, 43: 

Mich dagegen bedient als Ganymedes die Hand, 
und XI, 73: 

Hat statt deiner mir oft Hilfe die Linke gewährt 

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Auch kam es ihm, trotz seiner Sittenstrenge, nicht in den 
Sinn, zu weinen, wenn er den Kinäden Telesphorus ermahnt, 
XI, 58: 

Wenn du, Telesphorus, siehst, daß ich will und bemerkst, daß 

er stehe, 

Forderst du viel; denn du brauchst nicht mir den Willen zu tun. 
Und wenn ich nicht dir schwur: „Ich will dir's gewähren", ent- 
ziehst du 

Mir deine Schenkel, die dir vieles erlauben bei mir. 
Wie, wenn einmal der Barbier, indeß sein Messer der Hals fühlt, 

Mich um die Freiheit bäf, oder um Geld und um Gut? 
Ich verspräch's; denn es ist dann nicht ein Barbier, der mich anspricht, 

Sondern ein Räuber; die Furcht ist ein gebieterisch Ding. 
Liegt sein Messer jedoch verwahret im krummen Behälter, 

Brech' ich sofort dem Barbier Schenkel und Hände zugleich. 
Dir freilich tue ich nichts; doch wird, wenn die Linke gewaschen, 

„Angeführet" dafür hören der gierige Geiz. 1 

noch wie er von seiner Gattin bei einem Knaben ertappt wird, 
welches artige Epigramm, XI, 43, wir oben gebracht haben; noch 
wenn er die Thelesina will, II, 49: 

Weil Thelesina buhlt. „Aber mit Knaben." Ich will. 

noch wenn er, ich weiß nicht wem, rät, er möge den Steiß des 
Galesus als seinen Teil benutzen, XI, 22: 



1 Das heißt: er selber wird mit der Linken der notleidenden Mentula zu 
Hilfe kommen und wenn dann, nach getaner Arbeit, die Hand vom Samenerguß 
feucht geworden ist, wie die Schamhaare des Ravola — wenn es sich nämlich 
in der Stelle des Juvenal IX, 4 um Schamhaare handelt: 

Ravola, als er der Rhodope feuchtes Geschoß mit dem Barte 
Abrieb — 

dann wird der habgierige Kinäde abgedankt, er mag mit niedergeschlagenen 
Mienen hingehen, wie jener Erbschleicher beim Horaz (Sat. 11, 5, 69), der in dem 
Legat nichts fand als .Tränen für sich und die Seinen*. Übrigens erinnert uns 
die .gewaschene Linke* an jene Ehebrecherin, Juvenal XI, 188, welche 

Feucht mit verdächtigen Flecken ihr Prachtkleid bringet nach Hause. 

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Zwiefach machte die Männer Natur, für Mädchen ist ein Teil, 
Einer für Männer bestimmt Sei dir der deine genug. 

Ist vielleicht das, was der Päderast im Hintern vergeudet, 
weniger Mensch als das, was der Onanist durch die Finger 
verliert? 

Da es der Mentula eigen ist, sich beim bloßen Anblick einer 
schönen nackten Frauengestalt aufzurichten, heischt die Brunst 
oft gebieterisch Befriedigung, denn „nicht stolz denkt einer, dem 
es steht". 1 Da geschieht es denn, wenn die Freundin die ihr 
lästigen Kleider abgeworfen hat (Juvenal VI, 237—238): 

In dem verborgenen Orte steckt heimlich indessen der Buhle, 
Still wie ein Mäuschen; ihm reißt die Geduld und er spielt an 

der Vorhaut. 2 

oder Martial XI, 104: 

Selber befriedigten sich vor der Tür die Phrygischen Sklaven, 
Wenn auf Hektorischem Roß ihre Gebieterin saß 

oder wenn sich bei den Tänzen gaditanischer Mädchen, die 
zweifellos nicht sehr verschieden waren von denen, an welchen 



1 Suidas, unter iavvxdg, wahrscheinlich aus dem Aelius Dionysius. 

2 Nicht der Wollust, sondern des Anstandes wegen wurde die Vorhaut von 
denjenigen heruntergezogen, die vom jüdischen Gesetze abgefallen waren und 
es unwillig ertrugen, daß man sie für Verschnittene hielt und .Verstümmelte* 
nannte, weshalb sie sich Mühe gaben, die nackte Eichel zu bedecken. 
I. Macc. 1, 15: «sie machten sich selbst Vorhäute'. L Cor. 7, 18: .Ist jemand 
beschnitten berufen, der zerre nicht (an der Vorhaut)*. Celsus, De medicina 
VII, 25: .Ist die Eichel nackt, und jemand will sie des Anstandes wegen be- 
decken, so läßt sich das machen, aber leichter bei einem Knaben als bei einem 
Manne, leichter bei jemandem, der einen solchen Fehler von Natur hat, als bei 
jemandem, der nach der Sitte gewisser Völker beschnitten worden ist* Nach- 
dem er die Heilung des angeborenen Defektes der Vorhaut auseinandergesetzt 
hat, fährt er fort: .Aber bei dem, der beschnitten ist, muß die Haut unter dem 
Ringe der Eichel mit dem Messer von dem inneren Stamme der Mentula los- 
getrennt werden. Das ist nicht allzu schmerzhaft, weil, sobald die oberste 
Schicht abgelöst ist, das übrige, bis zur Schamgegend herunter, mit der Hand 
losgetrennt werden kann; auch fließt nicht soviel Blut dabei. Die losgelöste 
Haut aber wird wieder bis über die Eichel ausgedehnt, darauf mit vielem kalten 

is 273 



sich die Spanier bekanntlich bis auf den heutigen Tag so wunder- 
bar 1 ergötzen, oft selbst den Greisen ihre lumpigen Zipfelchen 
regen, Martial VI, 71: 

Die zu dem Bätischen Klang sich in üppigen Stellungen zeiget 
Und Gaditanische Kunst übet im lüsternen Tanz, 

Reizen den Pelias selbst, den zitternden, könnt* und am Holzstoß 
Hektors erregen zur Lust Hekubas alten Gemahl. 

Juvenal XI, 162—165: 

Doch du erwartest vielleicht, es beginne auf gadische Weise 
Lüsterner Tanz nach melodischem Chor, und, bewähret im Beifall, 
Schwebten am Boden dahin mit beweglichen Hüften die Mädchen, 8 
Reizungsmittel der schon erschlafften Venus 

Wasser behandelt und mit einem Pflaster umgeben, das eine Entzündung wirksam 
unterdrückt. Sobald die Gefahr der Entzündung überstanden ist, muß die Rute, 
von der Scham bis zum Ringe, verbunden werden, die Haut aber wird über die 
Ei( hei gezogen, und zwischen beide ein Pflaster gelegt So wird es bewirkt, 
daß der untere Teil fest anliegen bleibt, der andere aber so heilt, dafl er nicht 
anwächst* Aus dieser Stelle läßt sich schließen, daß zur Zeit des Celsus noch 
nicht der Gebrauch aufgekommen war, das Haupt des Penis zu entblößen, 
TOMiM nmrj (Entblößung der Spitze) genannt, der später unter den Juden 
allgemein war. Die Operation wurde, nach Buxtorf, Lexicon Talmudlcum, so 
vollzogen, daß, nachdem die Vorhaut abgeschnitten war, die übrige Haut von 
dem Beschneider mit zugespitzten Daumennägeln nach rückwärts gezogen wurde. 
Hätte diese Sitte schon bestanden, so wäre die Vorschrift, betreffs des Abtrennens 
der Haut von der inneren Rute mit einem Messer nicht nötig gewesen. Man 
nannte wohl daher, wie ich einst vermutete, die Juden .recutiti" (Enthäutete), 
von der auf solche W« ise zurückgezogenen Haut des Penis, ohne welche Opera- 
tion die Beschneidung als nicht vollzogen galt; doch spricht Geisas dagegen. 

1 Jul. Caesar Scaliger, PoCtica, Buch I, S. 64: .Zu den schamlosen (Tänzen) 
gehörten der ^ixvtana genannte, denn ^txvoöo&u heißt wellenförmige Be- 
wegungen mit Lenden und Hüften machen. .Crissare' nennen es die Lateiner. 
Bei den Spaniern ist noch jetzt dieses verabscheuenswerte Schauspiel in Übung.' 

* Hierbei, lieber Leser, darfst du den Zweck des Qaditanischen Tanzes nicht 
etwa übersehen. Mit vibrierenden Hinterbacken beugen sich die Mädchen zum 
Boden zurück und legen sich zum Schluß platt auf den Rücken, bereit zur 
Wollust Von dieser Art Tanz verschieden war die ßlßaatg der Lakedaemonier, 
wobei solche Sprünge gemacht wurden, daß die Fersen an den Hintern schlugen. 
Aristophanes, Lysistrata, Vers 82: 

Ich turne nackt und springend schlag ich mit dem Fuß den Arsch. 

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um andere Stellen zu übergehen, die schon im Hermaphroditus, 
Buch I, epigr. 5, aufgeführt sind. 

Aber die Mentula wird nicht nur durch den Anblick einer 
schönen nackten Frau erregt, sondern auch bloße Phantasievor- 
stellungen, besonders Traumbilder, haben — wer wüßte das 
nicht? — die Wirkung, einen mit angenehmen Gefühlen ver- 
bundenen Samenerguß herbeizuführen. Selbst Priapus ist solchem 
Erlöstwerden ausgesetzt Präap. XLVIII: 

Fühlt sich der Teil, woran man erkennt, 

Daß ich Priap bin, feucht an, so nennt 

Man das nicht Tau oder Reif — nein, dann hängt 

Nur vom Saft daran, den man versprengt, 

Wenn man ein geiles Mädchen sich denkt. 

Einen gewissen Ruf als Onanist hat Diogenes der Cyniker 
erlangt, von dem man erzählt, er habe vor allen Leuten sein Glied 
abgerieben und dabei gesagt: „wenn ich doch auch meinen 
bellenden Magen so abreiben könnte!" 1 

Wenn sich jemand von fremder Hand masturbieren läßt, so 
kann er dies tun nicht nur, um sich selbst, sondern auch um 
dem anderen einen sinnlichen Genuß zu verschaffen. 



PoUux IV, Kap. 14: .Bißaotg war ein lakonischer Tanz. Es wurden Preise 
dafür ausgesetzt, und nicht nur unter den Knaben, sondern auch unter den 
Mädchen. Die Hauptsache bei diesen Tänzen war das Springen und den Hintern 
mit den Fersen berühren. Die Sprünge wurden gezählt, wie denn von einer 
Jungfrau in einer Inschrift gesagt ist, sie habe tausend Sprünge getanzt' Noch 
künstlicher war die bc/Ldbaiopa genannte Art des Tanzes, bei welcher es galt, 
mit der Ferse die Schulter zu berühren. PoUux a. a. O.: .Ecladismata waren 
Tänze, die von Frauen ausgeführt wurden. Man mußte dabei mit der Ferse bis 
über die Schulter schlagen.* Auch in der neueren Zeit sind solche Leistungen 
nicht gerade unerhört: J. C. Scaliger, Poetica, Bach I, S. 65: .noch jetzt berühren 
die Spanier (beim Tanz) das Hinterhaupt und andere Körperteile mit der Ferse.' 

1 Diogenes Laertius VI, 2, 46: .Als er eines Tages auf offenem Markte 
masturbierte, sagte er: , Ich wollte, ich könnte auch meinen Bauch so reiben, 
daß ihm der Hunger verginge'." Plutarchus, De Stoicorum repugnantiis, Werke, 
Teil II, S. 1044: .Er (Chrysippus) lobt den Diogenes deswegen, weil er sich 
öffentlich masturbierte, und dabei zu den Umstehenden sagte: , Ich wollte, daß 
ich auch meinen Hunger auf diese Weise aus dem Bauche treiben könnte'.* 

18* 275 



Auch gehört es zu den Künsten der Dirnen, sich der Finger 
zu bedienen, um das schlaffe Glied des Mannes zu reizen. Und 
zwar kann das Glied schlaff herabhängen wegen zunehmenden 
Alters. So, wenn das Weib alt ist, Martial VI, 23: 

Immer, o Lesbia, verlangst du, soll steif für dich stehen mein Penis. 

Aber bedenk' doch, das Ding ist ja kein Fingergelenk! 
Wenn du mich auch bestürmst mit schmeichelnden Händen und 

Worten, 

Ist doch ein schlimmer Tyrann gegen dich selbst dein Gesicht 

Ebenderselbe XI, 29: 

Wenn du mich frostigen Mann mit deiner greisigen Rechten 
Zu liebkosen beginnst, tötet mich, Phyllis, dein Daum. 

oder wenn der Mann selbst zu alt ist. Martial XI, 46: 

Maevius, nur noch infolge von Träumen 1 erhebt sich dein Penis, 
Und auf die Füße bereits rinnet der Harn dir herab. 

Auch den ermüdeten Fingern versaget das runzlige Glied sich, 
Gänzlich erloschen; kein Reiz hebt sein gesunkenes Haupt 2 



1 Es ist zu beachten, wie grofien Fleiß die großen Geister des Altertums 
auf die Erforschung der Naturvorgänge verwandten, mit welcher Natürlichkeit 
sie die Empfindungen der Sinne wiedergaben! Wie wenige würden es heut- 
zutage wohl wagen, einen solchen Vers zu schreiben, ohne dabd zu fürchten, 
daß sie das als etwas ganz Natürliches hinstellen, was vielleicht nur eine Schwäche 
ihrer eigenen Mentula ist? 

» Ahnlich geht es dem Bassus, der gewohnt ist, mit langgelockten Knaben 
Unzucht zu (reiben, und der dann, wenn er ermüdet zum ehelichen Bett zurück- 
kehrt, mit schlaffer Mentula, welcher die Finger seiner jugendlichen Gattin nicht 
mehr aufhelfen können, daliegt. Martial XII, 97: 

. . . Buhlst du, Bassus, und gar mit Langgelockten, 
Die du dir für der Gattin Geld verschafft hast. 
Und so kommst du erschöpft zur Herrin wieder, 
Den erkauft sie sich hat für viele Tausend, 
Und dess 1 Glied nicht die süßen Schmeichelworte 
Noch der weiche Daumen zum Stehen bringt 

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Aristophanes, Wespen, Vers 737—740: 

Ihn ernähren ja will ich, gewähren ihm, was 
Für den Greis sich gehört: 

Denn ich sorge dafür, daß ein Dirnchen sein Glied 
Und die Lenden ihm reibt . . . 

Ebendaselbst, Vers 1343-1345: 

das Zipfelchen ist morsch 
Und läßt sich's gern gefallen, wenn's gerieben wird. 

Aber auch solche Männer, welche in kräftigem Alter stehen 
und bei den Mädchen noch leistungsfähig sind, finden Gefallen 
daran, wenn die Hände ihrer Bettschätze nicht müssig liegen 
bleiben und die Finger finden, was sie in jenen Teilen zu tun 
haben, wo Amor heimlich Pfeile schmiedet (Ov. ars II, 708). Mar- 
tialis beklagt sich darüber, daß ihm seine zimpferliche Gattin mit 
ihren strengen Grundsätzen solcherlei Liebesdienste zu leisten 
sich weigert, XI, 104: 

Nicht mit Bewegung, noch Worten geruhst du, das Werk zu er- 
muntern, 

Noch mit den Fingern; als ob Weihrauch du aufstellst und Wein. 1 

Penelope aber tat dem Odysseus den Gefallen, Martial in 
demselben Epigramm: 

Wenn auch der Ithaker schnarchte, so hielt seine Gattin, die keusche, 
Edle Penelope, doch immer sein Glied in der Hand. 

Auch die Freundin des Ovid war, wenn auch ohne Erfolg, so 
gefällig in jener unglückseligen Nacht, da ihm der Teil seiner 



1 Mit solcher Hartherzigkeit der Lenden drohen auch die verschworenen 
Weiber in Aristophanes' Lysistrata, Vers 227. ihren Männern: 

Doch sucht zu zwingen er die Widerstrebende, 
Verdrießlich füg' ich mich und bleibe kalt dabei. 

277 



selbst, den er den „schmählichsten" nennt, wie abgestorben, von 
einem feindlichen Geschick berührt, daliegt, und das Mädchen, 
damit ihre Zofen nicht erfahren, daß sie unberührt geblieben ist, 
die Schmach verheimlicht, indem sie sich Wasch wasser geben 
laßt. Amor. III, 7, 73—74: 

Hat mein Mädchen nicht auch ihn gar für würdig gehalten, 
Daß sie kosend an ihn legte die zärtliche Hand? 

Auch Juvenalis dachte an die Macht der Finger im Liebes- 
spiel bei der Stelle VI, 196—197: 

wem reizen schelmische Worte 
Schmeichelnd den Penis nicht auf, als hätten sie Finger? 

Die Sache war ferner dem Autor des priapischen Distichons LXXX 
nicht unbekannt: 

Ob ein langer Schwanz oder ein dicker höher entzückt? 
Und welcher von beiden mehr anwächst, wenn man ihn drückt? 

noch dem Janus Dousa, von dem der boshafte Spötter Scioppius 
bei Gelegenheit dieses Epigram mes sagt: „Dousa bemerkt zu 
Petronius aus eigener Erfahrung, daß dieses Ding anwächst und 
größer wird, wenn eine geschickte Masseuse es behandelt" Man 
sieht hieraus, weshalb bei den Alten, wie auch bis auf den 
heutigen Tag bei den Türken, die Tradatores und Tractatrices 
(Masseure und Masseusen) so geschätzt waren, denen man die 
Gelenke, um sie nach den Regeln der Kunst geschmeidig zu 
machen, die Finger, um sie sanft abwechselnd zu kneten und zu 
ziehen, ja, nach der Reihe alle Glieder, um sie mit zarten, von 
Handschuhen vor der Sonne geschützten Händen zu streicheln, 
hinhielt. Seneca, Epist. 66: „Oder soll ich lieber wünschen, daß 
ich meine Gelenke den Dienern der Weichlichkeit hinbieten dürfe, 
um sie geschmeidig zu machen? Daß ein Weibsbild oder ein 
zum Weibe gewordener Mann meine Finger zärtlich recke? Wie 
sollte ich nicht einen Mucius für glücklicher halten, der das 

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Feuer so behandelte, als hätte er seine Hand einem Masseure 
hingehalten?" Martial III, 82: 

Die Gliederkneterin durchläuft den Leib kunstgerecht, 
Und bringt geübt die Hand an alle Gliedmaßen. 1 

Joannes Sarisberiensis berichtet im Polycraticum , Buch III, 
Kap. 13, nach irgend einem alten Schriftsteller, vielleicht Klearchos, 
wie Lipsius mutmaßt: „Wenn ein üppiger Reicher seine Wünsche 
auf wollüstige Lebensgewohnheiten richtet, so nimmt, während er 
auf seinem Pfühl liegt, ein Lustknabe mit gekräuselten Locken 
seine Füße und massiert vor den Augen der Anwesenden die 
Füße und, damit ich nicht mehr sage, die Schienbeine mit seinen 
zarten Händen. Er geht nämlich fast stets behandschuht einher, 
damit seine Hand, vor der Sonne geschützt, recht weich werde 
zur Bedienung des Reichen. Alsdann, die Freiheit etwas weiter 
ausdehnend, geht er mit unzüchtigen Handgriffen über den ganzen 
Körper hin und ruft den Kitzel wach, wodurch bei seinem er- 
schlafften Herrn sich das Feuer der Venus entzündet." 

Hier läßt sich auch, als am geeigneten Orte, jene Variation 
des Koitus beschreiben, bei welcher sich ein Mann der gefälligen 
Hand einer anderen, aber einer kunstgeübten Frau bedient, um 
die Hoden sanft zu drücken und die Hinterbacken schmeichlerisch 
zu streicheln. Wie es heißt, gibt es nichts Angenehmeres und 
Lieblicheres als diese Art des Koitus. Eine solche Szene, von 
Ottavia und Roberto, unter Beihilfe der Manilia aufgeführt, schildert 
Alois ms unerschöpfliches Genie mit wunderbarer Fülle, Mannig- 
faltigkeit und Eleganz der Sprache, III, 113—116 (S. 269). Die Worte 
sind der Ottavia in den Mund gelegt: „Dann führte uns Manilia 
in die Stechbahn der Liebe. Sie zog mir mein Kleid aus und 
legte mich nackt in mein Bett Roberto sprang mit einem Satze 
zu mir hinein. , Endlich habe ich,' rief er, indem er mich in seine 
Arme schloß, ,das höchste Glück, das ganze Glück. Auf deinem 

» Nicht weniger geschickt und kunstgerecht geht jener pfiffige Salber zu 
Werke, der, bei Juvenal VT, 421-422: 

unten ins Haar ihr die Finger gedrücket 
Und auch oben den Ton der Hüfte der Herrin entlockt hat. 



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1 



Triumphwagen thronend, Ottavia, werde ich auf diesem dunklen 
Wege/ — bei diesen Worten krabbelte er an meiner Kleinen — 
,dem Ruhm entgegengehen.' Meine Kleine, meine Schenkel, 
meinen Busen verschlang er mit gierigen Blicken. Und dem 
Knaben schwoll das Glied. .Erlaube,* sprach er, , erlaube mir, 
meine Venus!' Und er gab mir einen Kuß. — Ich erlaube dir, 
ich erlaube dir alles, was du begehrst Wie du mich wünschest, 
so werde ich sein. — ,0, die Schwätzerin!' rief Manilia, indem 
sie auf unser Bett zueilte, Jetzt gilt's zu handeln und nicht zu 
reden! Ich will euch beiden helfen und Dank mir wird eure 
Wollust neue Wonnen erhalten. Schön steht er dir, mein Roberto! 
Nun vorwärts! Auf Ottavias weiße Brust schwinge dich und 
überströme sie mit deiner Liebe.' Während Manilia noch sprach, 
sprang Roberto auf mich hinauf; sein Geschoß traf meine Kleine; 
Manilia aber fing mit dienstfertiger Hand den Speer auf, der doch 
nicht ganz das Ziel getroffen hatte und zurückgeprallt war. .Komm, 
kleiner Ausreißer!' sprach sie, ,komm in das Liebesgefängnis l 
Hier erwartet dich die Arbeit, die du deiner Herrin zu leisten 
hast.' Mit diesen Worten stemmt sie die Hände gegen des 
Knaben Hinterbacken und schiebt: augenblicklich verschlinge ich 
den Knaben und habe ihn ganz und gar drin. Manilia sagt mir, 
ich solle mich nicht rühren: ,Hebe das linke Bein hoch, Ottavia, 
und stemme dich mit dem andern gegen!' Ich gehorche. ,Und 
du, Roberto, stoße ganz sachte mit leisen Stößen. Du, Ottavia, 
küsse ihn, aber rühre dich nicht' Wir gehorchen. .Wenn ihr 
beide,' fügt sie hinzu, .den juckenden Gischt der Geilheit aus der 
Wollustader hervordrängen fühlt, dann stoße du, Ottavia, einen 
Seufzer aus; du aber, Roberto, küsse Ottavia mit sanften Bissen.* 
Er bearbeitet mich mit lebhaften, aber leichten und langsamen 
Stößen. Ich umarme ihn, ich küsse ihn, bewege mich aber nicht 
dabei. Ich fühle, wie ich fertig werde, da stoße ich einen Seufzer 
aus. , Jetzt, jetzt, Roberto!' ruft die kupplerische Amme, ,mach 
es der Ottavia, mach's ihr gut! Stoße, stoße, schnell, schnell, 
schnell!' Er stößt, er schiebt. In meinen Hals schlägt er seine 
Zähne ein. Wieder stoße ich einen Seufzer aus. ,Jetzt, jetzt,« 
ruft wieder Manilia, »verschaffe Roberto die Wonne deiner schnellen 
Stöße! Hebe die Lenden hoch, stoße flink von unten herauf. 

280 



•x 



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Gut so, mein Kind! Ich glaube, selbst Lais besaß nicht den 
Vorzug eines so beweglichen und gelenkigen Popos!' Der süße 
Knabe begann zu spritzen und ich fühle den innersten Schoß der 
Liebe von flüssiger Glut überströmt. Ich hatte weder Leib noch 
Seele geschont Ich war aber auch niemals in so schnellem Lauf 
ans Ziel der Wollust gelangt Manilia aber streichelte mit der 
einen Hand meinen Popo, mit der andern den des Roberto; zu- 
gleich preßte sie mir mit den Fingerspitzen die Schamlippen zu- 
sammen und zog sie wieder auseinander; zugleich streichelte sie 
dem auf mir liegenden Knaben in so geschickter Weise die Eier, 
daß sie das Letzte hergaben. Ohnmächtig sank das Kind an 
meine Seite; die Amme aber ging hinaus, mit den Händen 
klatschend: das Stück war zu Ende" 

Die hübschen Bilder der Kleopatra, welche die Geschlechts- 
teile des Julius Caesar und des Marcus Antonius mit zarter Hand 
knetet, sind in den Monumens de la vie pr. d. d. C, Taf. IV u. XII, 
das der Li via, welche sich in gleicher Weise mit Augustus be- 
schäftigt, in den Monumens du culte secret d. d. r., Taf. XVI, 
das einer Bacchantin und eines Faun ebendaselbst, Taf. V, zu 
sehen. Einen richtigen Masturbator zeigt die Taf. IV desselben 
Werkes, ein Mädchen, das den mit dem Otho beschäftigten Paede- 
rasten Tiberius mit dienstfertiger Hand unterstützt, die Taf. XLIV 
der Monumens de la vie pr. d. d. C. 

Aber es kommt auch vor, daß Wollüstlinge Gefallen daran 
finden, mit ihrer Hand die Glieder anderer zu reizen, worüber 
sich Martial, XI, 22, auf das höchste entrüstet: 

Daß dein struppiger Mund zerreibt des zarten Galaesus 

Weiche Lippen, er nackt als Ganymed bei dir liegt, 
Ist — wer leugnet's — zu viel. Doch genüg* dir's ; aber das Schwänzchen 

Reibe dem Knaben doch nicht immer mit lüsterner Hand. 
Mehr als das Glied vergeht an den glatten Knaben sich diese, 

Und viel früher als gut macht ihn zum Manne die Hand. 
Daher der eigne Geruch und das vorschnelle Haar und der Mutter 

Staunen, der Bart, darum meidet das Bad er am Tag. 
Zwiefach machte die Männer Natur, für Mädchen ist ein Teil, 

Einer für Männer bestimmt Sei dir der deine genug. 

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Das heißt, männlichen Wesen sei die Mentula gegeben, um 
die Mädchen, der Hintere, um die Männer zu befriedigen. Jener 
möge also lieber den Hintern als das Glied des Galaesus zur 
Befriedigung seiner Lust gebrauchen. Derselbe Zorn macht sich 
in dem Epigramm XI, 70, Luft AnTucca, die Knaben verkaufen will: 

O, dieses Frevelst die Lenden gibt rings das erhobne Gewand preis, 
Sichtbar wird hier das Glied, das deine Hand erst gemacht 

Er will damit sagen, es sei Unrecht, daß die wollüstige Tucca 
die Knaben, welche sie in der Schule der Unzucht aufgezogen 
habe, schon zum Verkauf bringe und ihre noch nicht mannbaren 
Glieder, die sie durch Drücken mit der Hand vorher größer ge- 
macht, den Blicken der Käufer bloßstelle. Auf ähnliche Weise 
frottiert Eumolpus die Rute des Encolpius, Petron., Kap. 140: 
„Indem ich dieses sagte" (so erzählt Encolpius), „hob ich das 
Gewand und stellte dem Eumolpus mich ganz dar. Zuerst er- 
staunte er; darauf, um sich von der Wirklichkeit zu überzeugen, 
knetete er mit beiden Händen der Götter Wohltat" (d. h. den sich 
aufrichtenden Phallus). 

Es erübrigt nun, damit ich keinen Punkt des Programm es, 
welches ich den Lesern versprochen habe, übergehe, etwas von 
der der vorigen verwandten Wollust zu sagen; die durch die 
übrigen Höhlungen des Körpers aufgenommen wird. Ich will das 
mit wenigen Worten abmachen. Und zwar kann ich mich, was die 
Brüste betrifft, der gewürzten Erzählung der Aloisia, III, 23—25 
(S. 211), bedienen: „Bei den beiden Muscheln unserer lieben Frau 
Venus" — so lauten die Worte der Ottavia — „ich fühle mich 
ganz von Scham übergössen. Ich schäme mich der Erinnerung, 
daß dieser Zwischenraum zwischen meinen beiden Brüsten zum 
Tummelplatz der Wollust gemacht worden ist Bei unserem 
Hause ist ein Laubengang, der, wie du weißt, auf unseren von 
Blumen aller Art prangenden Garten hinausgeht Dort wandelten 
Caviceo und ich auf und ab; er umarmte mich, küßte mich und 
versetzte meinen Lippen leise Bisse. Er griff mit der Linken mir 
in den Busen und rief: ,Mir fällt etwas recht Unartiges ein. Zieh 
dein Kleid aus, liebes Herz!' Was sollte ich machen? Ich zog 

282 



mich aus. Er verschlang mit seinen Blicken meinen nackten 
Busen und fuhr fort: ,Ich sehe Venus zwischen deinen Brüsten 
schlummern. Soll ich sie wecken?' Während er noch sprach, 
warf er mich rücklings auf eine Ruhebank und schob mir den 
glühenden, flammenden Schwanz — er stand ihm wirklich wunder- 
bar! — zwischen die Brüste. Wie hatte ich mich wohl seiner 
blinden Leidenschaft entziehen können? Mochte ich wollen oder 
nicht, ich mußte alles über mich ergehen lassen. Mit leisem 
Druck der Hand hielt er die Brüste zusammen, wohl in der Ab- 
sicht, daß sein lüsterner Muskel einen recht schmalen Weg zu 
dieser neuen Wollust finden sollte. Kurz und gut — während 
ich noch ganz verblüfft war über dieses ungewohnte Scheinbild 
einer lächerlichen Venus, überströmte er mich mit heißem Tau; 
er wurde fertig." Von den anderen Höhlungen des Körpers zu 
sprechen, den Achselhöhlen, meine ich, der Schamfuge, den Knie- 
kehlen und der Höhlung beim Steißbeine (nicht dem After), so 
genügt es, auf Heliogabalus hinzuweisen; Lampridius, Kap. 5: 
„Denn wer hätte einen Fürsten ertragen können, dem jede Öff- 
nung seines Körpers zur Befriedigung seiner Wollust diente, da 
man diese selbst bei einem unvernünftigen Tiere nicht dulden 
würde? 4 ' und auf Commodus; Lampridius, Kap. 5: „er selbst habe 
sich zum Werkzeug fremder Lust gebrauchen lassen und kein 
Glied an seinem ganzen Leibe, den Mund nicht ausgenommen, 
sei von den unkeuschen Berührungen beider Geschlechter (durch 
Fellare und Cunnum lingere) rein geblieben". 

Sollte nicht hier auch der Unzucht derjenigen Erwähnung ge- 
tan werden, welche entweder weibliche Leichen oder Statuen 
schänden? Es ist das zwar kein eigentlicher Koitus, da hier nicht 
zwei Koitierende zusammenkommen. Herodotus II, 89, erzählt, 
wie man in Ägypten jemanden dabei erwischt habe, als er einen 
frischen, weiblichen Leichnam in unzüchtiger Weise gemißbraucht 
habe: „Sie (die Leichenbalsamierer) hätten nämlich, versicherten 
sie, den Fall gehabt, daß sich einer mit der frischen Leiche eines 
Weibes vermischte, was sein Zunftgenosse angezeigt habe", wes- 
halb durch ein Gesetz verordnet wurde, daß die Leichen vornehmer 
und schöner Frauen den Leichenbesorgem erst drei oder vier 
Tage nach dem Tode übergeben werden sollten. Und wer wüßte 



nicht, was der Cnidischen Venus des Praxiteles passiert ist? 
Plinius, Hist. nat XXXVI, 5: „Man erzählt, daß ein von Liebe 
Hingerissener, indem er sich des Nachts versteckte, das Götter- 
bild umarmte und daß ein Flecken als Spur seiner Begierde 
zurückblieb." Ein ähnliches Versehen war das jenes Stieres, der 
nach der Erzählung des Valerius Maximus VIII, 11, „zu Syrakus, 
durch die allzu große Naturähnlichkeit einer ehernen Kuh zur 
Brunst und zum Koitus veranlaßt wurde. 



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FÜNFTES KAPITEL. 



Von den Cunnilingis. 

Es ist nun reichlich genug von dem Venuswerke die Rede ge- 
wesen, soweit es mit dem männlichen Gliede ausgeübt wird; 
sehen wir jetzt, wie das Opfer der Venus auch ohne Mentula be- 
gangen werden kann. Das kann entweder mit der Zunge oder 
mit der Klitoris geschehen. Es wird also zuerst von den Cunni- 
lingis und dann von den Tribaden zu sprechen sein. 

Wie es die Leidenschaft des Fellators oder der Fellatrix ist, 
das mannliche Schamglied zu lecken, so die des Cunnilingus das 
weibliche. Der Cunnilingus verrichtet die Sache, indem er die 
Zunge in die Scheide hineinsteckt. Diese unnatürliche Handlung 
legt Martialis XI, 61, mit genügender Deutlichkeit unverblümt dar: 

Mit der Zung' ein Ehmann, mit dem Mund ein Ehbrecher, 

Befleckter als der Vorstadt-Huren Mund Nannejus, 

Vor dem, wenn vom Suburer Fenster halbnackt ihn 

Die Hurenwirtin sieht, sie ihr Bordell schließet, 

Und den sie lieber unten küsset als oben, 

Der eben noch durch jede Leibespfort' eindrang, 

Und der mit kund'gem Worte sicher aussagte, 

Ob Knab', ob Mädchen in der Mutter Bauch wäre: 

— Freut, Ficker, euch, denn diese Sache geht euch an — 

Kann seine tickende Zunge nicht mehr brauchen. 

Denn während am geschwollnen SchoB er festhaftet, 

Und in des Leibes Innern Kinder schrein höret, 

Lähmt ekle Krankheit seine gier'ge Buhlzunge. 

Er kann nun weder keusch, noch unkeusch beiwohnen. 



Wie die buhlende Zunge des Nannejus, so wurde auch die 
des Zoilus von Lähmung befallen: Martial XI, 85: 



Zoilus, plötzlich wurde vom Schlag dir die Zunge gerühret, 
Während du lecktest Gewiß, Zoilus, wohnst du nun bei. 

Ein Cunnilingus war Baeticus, jener entmannte Priester der 
Kybele, zu dem Martial III, 81 sagt: 

Baeticus, Gallus, was hast mit dem weiblichen Schoß du zu schaffen. 

Wenn Deine Zunge doch sonst männliche Glieder nur leckt? 
Weshalb ist dir die Scham mit samischer Scherbe verschnitten, 

Baeticus, wenn die Fut dir doch so angenehm ist? 
Laß dir den Kopf doch kastrieren; denn bist du auch unten ver- 
schnitten, 

Spottest du Kybeles doch: bist mit dem Munde noch Mann. 

Ohne dieses keineswegs unklare Epigramm wäre ohne Zweifel 
die Zweideutigkeit im 77. Epigramme desselben Buches kaum zu 
verstehen : 

Ich vermute, dir sitzt im Schlund ein geheimerer Fehler, 
Denn was fräßest du sonst, Baeticus, Stinkendes auf. 

„Stinkendes fressen" (acuiQog)aYelv) kann nämlich in gleicher 
Weise vom Fellator, wie vom Cunnilingus gesagt werden, wie 
auch in der Stelle beim Galenus, die ich oben angeführt habe, 
beide „Koprophagen", Kotfresser genannt werden. Aber Baeticus 
macht sich mit dem weiblichen Schöße zu schaffen, er ist mit 
dem Munde Mann; er leckt also den Cunnus und saugt nicht die 
Mentula. Dagegen saugt die „Ehebrecherin" Zunge des Tongilion, 
sie leckt nicht: denn die Zunge des Cunnilingus ahmt den Ehe- 
brecher nach, weil sie hineindringt; die des Fellators die Ehe- 
brecherin, weil auf sie eingedrungen wird. Mit der Erklärung 
solcher Scherze haben sich die Herren Gelehrten meistens keine 
große Mühe gegeben. Ein Cunnilingus war der eine von den 
beiden Zwillingen, die an verschiedenen Geschlechtern lecken, 

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bei unserra Dichter aus Bilbilis III, 88. Jener Nachbar des Pria- 
pus, durch dessen Schuld, Priap. LXXVIII: 

die arme Landace 
Nun schwört, daß kaum vor Spalten noch gehn sie könne, 

wird mit klaren Worten ein Cunnilingus genannt Scioppius 
meint zwar, daß er nichts anderes als den Koitus an ihr ausgeübt 
habe; aber weshalb sollen wir hier von der eigentlichen und be- 
ständigen Bedeutung des Wortes abgehen? Was sind denn 
Gräben oder Spalte? Als ob die Fut, wie durch eifrigen Koitus, 
nicht auch durch die Zunge des Cunnilingus zu sehr gereizt und 
ausgeweitet werden könne. Auch der Kaiser Tiberius scheint in 
seiner Zurückgezogenheit auf Capri die Wollust der Cunnus- 
leckerei nicht verachtet zu haben, denn mit welcher anderen 
Schande als der des Cunnilingus kann dieser mit allen Schand- 
flecken besudelte Mensch gebrandmarkt sein in dem von Sue- 
tonius, Tib., Kap. 45 angeführten Worten aus einem Atellanischen 
Nachspiele: „Der alte Bock beleckt den Ziegen die Natur", die 
mit allgemeinem Beifall aufgenommen wurden? Den leckenden 
Tiberius stellt die Tafel XXII der Monumens de la vie pr. d. 
d. C. dar. 

Ebenso scheint jener Sextus Clodius, dem Cicero öfter (pro 
domo, Kap. 10 u. 18, pro Coelio, Kap. 32) schändliche Hand- 
lungen mit dem Munde und Unflätigkeit der Zunge vorwirft, den 
Cunnus geleckt zu haben. Daher jener beißende Spott in der 
Rede pro domo, Kap. 18: „Mein Sextus — erlaube mir, dich so zu 
nennen — , weil du ein Dialektiker bist und auch dieses schlecken 
möchtest — Natürlich wenn er leckte, so leckte er die Clodia, 
die Schwester des Publius Clodius 1 und Gemahlin des Quintus 
Metellus, eine Allerweltsfreundin. Cicero, pro domo, Kap. 31: 
„Frage danach den Sextus Clodius, laß ihn kommen; er hat sich 
allerdings versteckt; wenn du ihn aber aufsuchen lassest, so wer- 
den sie den Menschen bei deiner Schwester" (er spricht zu Publius 

1 Daß Clodia dem Publius Clodius nicht bloS Schwester war, verrät Cicero 
mit einem hübschen Scherz; pro Coelio, Kap. 13: .wenn ich nicht in Feindschaft 
stände mit dem Gatten — ich wollte sagen .Bruder 4 — jener Frau; — darin ver- 
spreche ich mich immer.' 

287 



Clodius) „finden, wie er sich mit gesenktem Haupte verbergen 
will." Die Redensart „mit gesenktem Haupte" ist hier zu be- 
achten; wir werden sie bald bei griechischen Autoren wiederfinden. 

Denn auch die Griechen schauderten nicht vor der Unzucht 
des Leckens zurück. Darauf beziehen sich die Epigramme LXXIV, 
LXXV und LXXVI in den Analecta Brunkii, Teil III, S. 165. LXXIV: 

Wie man das Wort hojt^ soll gebrauchen, das lehrt' dich Homeros, 
Aber die Zung' kv öxjj haben, wer lehrte dich das? 

Der unbekannte Dichter spielt auf die Zweideutigkeit des 
Wortes ivonrj an, das eine anständige Tätigkeit der Zunge be- 
zeichnet, wenn man es von &uo „ich sage", eine unanständige, 
wenn man es von dm) „Loch" herleitet 

LXXV: 

Fliehe den Mund des Alpheios; er liebet den Schoß Arethusas, 
Und kopfüber hinein fällt er ins salzige Meer. 

Auch in diesem Epigramm hat der unbekannte Dichter die 
Pointe in die Zweideutigkeit der Wörter atö/ui, xöknovg, ngip^g 
und äXfivgöv niXayog gelegt, welche sich sowohl auf den Fluß 
Alph^us in Arkadien und den Quell Arethusa in Sicilien, als auf 
den herabhängenden Mund des in die Scham der Pathica ver- 
tieften Cunnilingus beziehen können, und zwar mit einer Neben- 
bedeutung, worauf ich bald zurückkommen werde. 

LXXVI: 

Cheilon hat mit dem „leichon" gemeinsam die Buchstaben. Weshalb? 
Weil er die Lippen gern leckt, sei'n sie ihm gleich oder nicht 

Ein Witz auf den Namen des Cunnilingus Chilon. Das Epi- 
gramm will sagen, das derjenige mit einem gewissen Rechte ein 
„Lecker" sei, dessen Name schon dieselben Buchstaben (/e/Aoov 
und lelz<ov) enthalte, wie diese Tätigkeit und der sich schon da- 
durch als das ausweise, was er ist, und zwar als einer, der so- 
wohl die Lippen (xeiX&v) des Mundes, also etwas ihm Ähnliches, 
als auch die Lippen des Cunnus, etwas ihm Unähnliches, lecke. 
288 



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Denselben Inhalt scheint das Distichon des Meleagros auf Fa- 
vorinus zu haben, das Huschke in den Analecta critica, S. 245, 
veröffentlicht hat: 

Daß Favorinus arbeite, glaubst du nicht? Zweifle mit nichten! 
Denn mit dem eigenen Mund sprach von der Arbeit er mir. 

Wie Martial, nicht weniger als Horaz oft von glücklicher Kühn- 
heit, das Wort „erzählen" gebraucht (III, 84), um den Zungen- 
unfug des Fellators anzudeuten, so hier Meleagros „sprechen", um 
den Cunnilingus zu kennzeichnen. 

Etwas dunkler ist jenes Distichon des Ammianus in den Ana- 
lecta Brunkii, Teil II, S. 386: 

Nicht daß am Schreibrohr du leckst, mein Lieber, das macht dich 

verächtlich; 

Nein, daß du so etwas tust anderswo als bei dem Rohr. 

Dem Scholiasten scheint es zwar, als wolle der Autor hiermit 
einen trägen Menschen tadeln, der die Zeit mit Lecken an der 
Schreibfeder, so wie andere mit Nägelkauen, totschlägt, jedoch so, 
daß er bisweilen auch ohne Rohr leckt, den Cunnus. Aber man 
kann auch, — und ich weiß nicht, ob es nicht richtiger ist, — 
darin einen Hieb auf einen Menschen sehen, der gewohnt ist, 
seine Zunge zu dem schlüpfrigen Geschäft des Cunnilingus heraus- 
zustrecken und diese Gewohnheit auch im alltäglichen Leben, 
auch wenn er keinen Cunnus vor sich hat, nicht ablegen kann. 

So weit ging die ungeheuerliche Lust am Ungewohnten, daß 
man, so unglaublich es scheinen mag, sich nicht einmal damit be- 
gnügte, trockene Cunni zu lecken, sondern auch an solchen, die 
von Menstrualblut oder anderen Ausscheidungen feucht waren, 
Gefallen fand. Aristophanes, in den „Rittern", Vers 1283—1286, 
sagt von Ariphrades: 

Ist er freilich schon der Schlimmste, sann er doch noch andres aus: 
Seine Zunge ja besudelt hat er mit der Unzucht Schand', 
Und geleckt den Tau der Wollust, der jedwedem Brechreiz macht, 
Seinen Bart befleckt mit Unrat und der Weiber Scham gequält 

19 289 



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Die Scham irritieren, ihren Tau auflecken, den Bart besudeln 
— da habt ihr den Mann, der es nicht einmal verschmäht, feuchte 
Cunni zu lecken! Solch einen Bart muß der überraschte Ravola 
gehabt haben; Juvenalis IX, 4: 

als er der Rhodope feuchtes Geschöß mit dem Barte 
Abrieb, — 

obgleich ich meinen Zweifel nicht verhehlen will, daß der feuchte 
„Barr" des Ravola auch sein während des Koitus feucht gewordenes 
Schamhaar sein kann. Aus dieser Stelle des Aristophanes ersehen 
wir mit mehr als genügender Deutlichkeit, daß auch das Wort 
yX(OTTOJzoi€iv, „es mit der Zunge machen", welches in den „Wespen", 
Vers 1280 in bezug auf denselben Ariphrades zweideutig gebraucht 
wird, eher einen Cunnilingus als einen Fellator bezeichnet: 

Endlich noch Ariphrades, vor allen gar erfinderisch, 
Keiner, das beteuerte das Väterchen, belehret' ihn, 
Eigener, natürlicher Gewandtheit nur verdanket er's, 
Daß er im Bordell die Zunge so geschickt zu brauchen weiß. 

Derselbe Mann begegnet uns im „Frieden", Vers 885 noch 
einmal, wo ohne jede Umschreibung von ihm gesagt wird, daß 
er die weibliche Feuchtigkeit wie Brühe einschlürfe: 

Aufleckend ihre Brühe, schlürft und schluckt er sie. 

Ja, auch in diesem Genre fehlte es unter den Römern nicht 
an vertierten Nachahmern. Der Ruf des Mamercus Scaurus ist. 
Dank dem Seneca, bis auf die Nachwelt gekommen; De beneficiis 
IV, 31: „Wie? als du (o Vorsehung) den Mamercus Scaurus 
Konsul werden ließest, wußtest du da etwa nicht, daß er die 
monatliche Reinigung seiner Mägde mit offenem Munde auffing? 
Hat er denn selbst ein Geheimnis daraus gemacht? Hat er denn 
für einen reinen Menschen gelten wollen?" Ebenso Natalis; 
87. Brief: „In unseren Zeiten war Natalis ein Mensch von gott- 
loser und durch unreine Dienste entehrter Zunge, in dessen Mund 
die Weiber ihre Reinigung vollzogen." Sie waren also beide 
290 



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„Menstrualbluttrinker", wie Galenus die Cunnilingen nennt, wie 
wir im dritten Kapitel sahen. 

Nunmehr wird auch ganz klar, worauf Nikarchos in seinem 
Epigramm auf den Demonax, Analecta Brunkii, Teil III, S. 334, 
anspielt: 

Demonax, blicke herab nicht auf alles und sei mit der Zunge 
Nicht so gefällig; es trägt stachlige Borsten manch Fut 

Ob du gleich hier bei uns lebest, so schläfst du am Meere, am roten, 
Nährst aus der Lende dich, doch bist du nicht Semeies Kind. 

Er blickt nie aufwärts, wie jener Pathicus Maternus bei Martial 
I, 96; er lebt seiner lüsternen Zunge zu Gefallen, — sei nun die 
Fut struppig von Haaren oder enthaart, das macht ihm nichts 
aus; 1 während er in Griechenland zu leben scheint, muß er wohl 
in Phönizien 3 schlafen, da er seinen Mund mit dem Menstrual- 
blut, das bekanntlich von phönizischer (Purpur-) Farbe 8 ist, be- 



1 Nach meiner Meinung warnt Nikarchos spottisch den Demonax vor den 
.rauhen Borsten ■, an denen er sich den Mund blutig reiben könne, während 
doch in Wahrheit die Blutspuren auf eine andere Ursache zurückzuführen sind 
(Anm. d. Übersetzers). 

- In der Obersetzung habe ich dafür das .Rote Meer' gesetzt (Anm. d. Über- 
setzers). 

3 Gonsalvo de Cördoba pflegte Scherze von nicht viel anderem Genre zu 
machen, wie Aloisia erzählt, III, 48 (S. 227): .Er war auch ein großer Schlecker 
und zwar — das lasse ich mir nicht ausreden — wegen seines hohen Alters. Ein 
hübsches Madchen von zwanzig Jahren diente diesen seinen Lüsten. Wollte er 
lecken (ligurire), so sagte er, er mache eine Reise nach dem Lechfeld (Liguria).' 
Er hätte dieselbe Sache, mit dem Hintergedanken an den feuchten Cunnus, auch 
verblümterweise so ausdrücken können, daß er sagte, er wolle nach Phönizien, 
nach dem Roten Meere oder nach dem Salzmeere reisen. Die letztere Bezeich- 
nung macht auch das .salzige Meer', in welches, nach dem oben angeführten 
Epigramme der Anthologie, Alpheus hineinstürzt, durchaus verständlich. Derlei 
Anspielungen sind auch die .Salgama* (Salzlaken) des Ausonius, von denen so- 
gleich die Rede sein wird und die .Zwiebeln in faulender, salziger Lake', die 
Baeticus, bei Martial III, 77, verschlingt. Es wäre nicht zu verwundern, wenn, 
ebenso wie das Fellare als Nachahmung einer phönizischen Sitte, so auch das 
Cunnum lingere als ein Herumschwimmen im purpurroten Meere .vpoivixtCav* 
genannt worden wäre. Und es wurde in der Tat so genannt! Hesychius: 
.Skylax (der Hund), eine erotische Stellung, gleich derjenigen der Phönizisieren- 
den.* Also die Phönizisierenden bedienen sich einer Stellung, die .der Hund* 

19- 291 



sudelt; wie ein zweiter Bacchus wird er in der Lende 1 ernährt; 
kurz und gut, man hat hier das getreue Porträt des vollendeten 
Cunnilingus, wie er an der weiblichen Scham hängt, vor Augen. 

Auch im späteren Altertum hörte die sonderbare Leidenschaft 
der Cunnilingi nicht ganz auf. Den Namen des Castor und des 
Eunus hat das Dichtertalent des Ausonius in seinen Epigrammen 
78 (S. 341), 82, 84 (S. 343), 85 (S. 343), 86 (S. 344) und 87 (S. 344) 
zu einer keineswegs beneidenswerten Unsterblichkeit verholfen. 
Epigramm 78: 

Castor, 2 der Männern das Ding in der Mitte zu lecken begehrte, 
Aber die Leute nicht könnt* haben zu Hause bei sich, 

Fand einen Ausweg, daß nicht als Fellator er Glieder verderbe: 
Bei seiner eigenen Frau fängt er mit Lecken nun an. 

Epigramm 82, mit der Überschrift: Auf den Lecker Eunus: 

Eunus, was zieht dich wohl hin zu der Salbenverkäuferin Phyllis? 

Sagt man doch, daß du sie leckst aber nicht daß du sie fickst. 
Vorsicht! Sonst täuschen am End' dich die Namen der Waren. Es 

führt dich 

In der Sepiasischen Gaß' irr der Geruch in der Luft 
Wenn du glaubst, daß Costus und Cysthus gleich im Geruch sind, 
Und, daß Nardus genau rieche wie Sarda du denkst 

genannt wird. Wer kann wohl glauben, daB man mit einer Spur von Recht eine 
Stellung, wie sie das Irrumare und Fellare erfordert, nach den Hunden nennen 
wird, während doch für die Begierde des Cunnilingus kein passenderer Vergleich 
gefunden werden kann, als der mit den Hunden, da doch jedermann weifi, daB 
die Hunde, seitdem man ihren Abgesandten eine Schmach angetan hat, Cunni- 
lingi sind? 

» Ovid., Metamorph. III, 308-312: 

Es erträgt der sterbliche Körper 
Nicht den ätherischen Sturm und brennt von den Ehegeschenken. 
Unvollkommen annoch entreißt man dem Schoßt- der Mutter 
Nun das Kind, und näht es, dafern glaubwürdig die Mär ist, 
Zart in den Schenkel des Vaters; da füllt es der Zeitigung Monde. 

2 Vielleicht ist dieser Castor derselbe, der, nach der Angabe des Ausonius 
in den .Professores Burdegalenses', XXU, 7, ein Buch De cunctis regibus ambiguis 
verfaßt hat. 
292 



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Eunus der unglückliche leckt und riecht mit nichten dasselbe, 
Nicht denselben Geschmack haben ihm Nase und Mund. 

Glaube nur nicht, so scherzt er, daß die verschiedenen Gaben, 
welcher dir deine Phyllis, die Parfüm Händler in aus Capua (denn 
die Sepiasische Gasse, in der Salben und wohlriechende Wässer 
verkauft wurden, war in Capua) bietet, einerlei Geruch oder Ge- 
schmack haben. Denn weder der Costus 1 riecht wie der Cysthus, 2 
noch die Narde 3 schmeckt wie die sarda (Sardelle), eine Art kleiner 
Fische, die in Salz eingelegt wurden, mit welcher Salzlake denn 
Ausonius nichts anderes meint, als der Autor des griechischen 
Epigramms mit dem „salzigen Meer" und er selber bald darauf 
mit dem Worte „Salgama", — das Naß des feuchten Cunnus. Bei 
Eunus indessen fällt es wenig ins Gewicht, was er leckt und was 
er riecht. Er leckt und riecht verschiedene Dinge. Er riecht die 
wohlriechenden Salben, aber er leckt die übelduftende weibliche 
Scham. So hat eben die Nase des Mannes eine andere Geschmacks- 
richtung als sein Mund. 

Epigramm 84, auf denselben Eunus: 

Salgama ist nicht dasselbe wie Balsama. Weg mit den Düften! 
Mir gefällt's nicht wenn schlecht, auch nicht, wenn gut einer riecht. 

Anspielungen von ungefähr gleicher Art. Balsama nennt er 
die Wohlgerüche, welche Phyllis in ihrem Laden, Salgama die- 
jenigen, welche sie in ihrer Muschel feil hält Salgama ist 
eigentlich eine mit Salz gewürzte Brühe, in welche Wurzeln und 
Kräuter für den Wintergebrauch eingelegt wurden, deren Geruch 



1 Plinlus, Hist. nat. XU, 12: .Die Costwurz (Costus speciosus) hat einen 
brennenden Oeschmack und dnen ausgezeichneten Geruch; sonst aber ist der 
Strauch unnütz*. 

* Cysthus, griechisch xtJodoc, ist das weibliche Schamglied, der Cunnus. 
Aristophanes, Lysistrata, Vers 1158: 

Und ich sah einen schönern Cysthus nie. 

3 PUnius, Hist nat XII, 12: .Mehr muß von dem Blatte der Narde, als der 
Hauptzutat bei den Salben, gesagt werden.' 

293 



nicht für jede Nase angenehm ist 1 Wenn er hinzufügt, er möchte 
weder übel noch gut riechen, so entspricht das der Stelle bei 
Martial VI, 55, wo er zu dem parfümierten Coracinus, der selber 
ein Cunnilingus war, sagt: 

Lieber will ich nach nichts, als lieblich riechen. 
Epigramm 85: 

- w „ / / 

Aalg, w EQ(og und "Ivug, XelQcav und "Epcas, 7tvg wieder: 

Schreibst du die Namen, so nimm jedem den Anfang hinweg. 
Daraus dann bild' ich das Wort, das du, Meister Eunus, so gern 

machst 

So was in gutem Latein sagen, das hielt* ich für Schand. 

Die Anfangsbuchstaben der sechs griechischen Namen bilden 
das Wort Ul%si, er leckt Ein ähnliches Wortspiel macht der 
Autor des priapischen Gedichtes LXV1I auf das Zeitwort pedicare 
(päderastieren): 

Nimm von Penelope dir die erste Silbe und füge 
Jeweils die erste von Dido, von Cadmus und Remus daran; 
Was so entsteht, damit leiste, du Gartendieb, mir Genüge, 
Weil deine Schuld nur durch diese Strafe getilgt werden kann. 

Die Pointe in dem Scherz des Ausonius liegt in dem doppel- 
deutigen Ausdrucke „das Wort machen". Er selber will das 
Verbum „lecken" nicht „machen", d. h. hinschreiben, das sei eine 
Schmach für die Ohren der Lateiner; Eunus aber nimmt keinen 
Anstand, das Wort zu „machen", d. h. es praktisch auszuführen. 

Epigramm 86: 

Eunus, während du leckst die Scham deinem schwangeren Weibe, 
Lehrst du das Kind, das noch nicht da ist, schon Glossen ver- 

stehn? 

Du scheinst, sagt der Autor, bei deinen noch nicht geborenen 
Kindern, indem du ihnen die Zunge (glossa) entgegenstreckst, 

1 In den Läden der italienischen Krämer (Pizzicagnoli) macht sich der Geruch 
von öl und Salzlake sehr aufdringlich bemerkbar (Anm. d. Übersetzers). 

294 



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deine Lehraufgabe so zu erfüllen, weil du dich beeilst, sie die 
Interpretation schwieriger Stellen, die Glossen (glossae 1 ) zu lehren. 
So leckte auch jener oben erwähnte Nannejus, bei Martialis, 
schwangere Frauen. 

Epigramm 87 mit der Überschrift: Auf denselben Schulmeister 
und Schlecker: 

Eunus Syriscus, Schamgliederlecker, 

Opischer Magister (denn das lehrt' ihn Phyllis), 

Siehet das Weibergeschöfi viereckig gestaltet 

Zieht er's auseinander, ist's der Buchstab' Delta. 

Aber die beiden Wülste zu den Seiten der Schenkel 

Und die Gass' in der Mitte, wo der Spalt sich öffnet, 

Nennet er Psi, denn dreizackig ist's gestaltet. 

Wenn er seine Zunge hineinsteckt, ist es ein Labda, 

Und macht eine Figur, ganz wie ein Phi ist. 

O, du Dummkopf, du glaubst, es stünde ein Rho dort, 

Wo man doch ein langes Jota setzen müßte? 

Dir elendem Schweinigel würde ein Tau gehören, 

Und ein durchstrichnes Theta steh bei deinem Namen. 

Er nennt den Schlecker einen Opiker, weil unter den Oskern 
oder Opikern, wie Festus bezeugt, schmutzige Perversitäten weit 
verbreitet waren. 2 Er macht dann, oder vielmehr er läßt den 
Eunus Witze machen über die Gestalt des weiblichen Scham- 
gliedes, 3 das ihm bald viereckig (wohl als Rhombus, rautenförmig), 



1 Quintiiianus lnstit. orat. I, 1: .Er kann dann die Ausdeutung seltenerer 
Wörter, welche die Griechen yMaaaq nennen, lernen.' Alcuinus, Grammatica, 
S. 2086: .Glossa ist die Auslegung eines Zeitwortes oder Hauptwortes, wie z. B. 
catus, id est, doctus.* 

8 Capua lag im Gebiete der Osker. Außerdem gibt Ausonius dem Gram- 
matiker Eunus einen kleinen Seitenhieb, wenn er ihn gewissermaßen als 
.Professor des Oskischen' tituliert Wurde doch dieses Idiom als bäurisch und 
barbarisch von den Gelehrten gänzlich mißachtet (Anm. d. Übersetzers). 

» Da hier von der Gestalt des weiblichen Schamgliedes die Rede ist, halte 
ich es nicht für unangebracht, einmal mehrere lateinischen Bezeichnungen dieses 
Gliedes, von denen der größte Teil dem Wörterschatzkästchen der Aloisia ent- 
nommen ist, aufzuzählen: 



bald dreieckig, der Figur des griechischen Delta — A — ent- 
sprechend, vorkommt, wie auch Aristophanes die Scham Delta 
nennt, Lysistrata, Vers 151: „glatt gerupft am Delta"; bald findet 
er es dem Psi ähnlich, so nämlich, daß die Runzeln, welche die 



der Acker 



interf emineum, der Schenkelzwischenraum 
las Schiff 
die Pforte 
porcus, das Schwein 
porta, die Tür 
rima, die Spalte 
saltus, der EngpaB 
scrobs, die Grube 
sulcus, die Ackerfurche 
vagina, die Scheide 
virginal, das 



der 
das Saatfeld 
caverna, die Höhle 
clitorium, die Juckstelle 
concha, die Muschel 
cunnus, die Grube 
cymba, der Kahn 
cysthus (griech.), die Höhle 
fossa, der Graben 
hortus, der Garten 

vulva, die Hülle, Gebärmutter. 

Als Pendant dazu mögen auch die Bezeichnungen der männlichen 
schlechtsteile hier angeführt werden. Also: 

arma ventris, die Unterleibswaffe 
catapulta, das Wurfgeschoß 
cauda, der Schwanz 
caulis, der Stengel 
colei, die Hoden 
columna, die Säule 
contus, die Stange 

cuspis, der Spieß mit Hoden 
iura (eigentlich Mittel 
hexung) 
hasta, die Lanze 

inguen, die Weiche tormentum, die Maschine 

machaera, der Säbel trabs, der Balken 

mentula (aus meientula) der Schnuller thyrsus, der Bacchusstab 

ein Beiname des Priapus vasa , \ die Samenkapsel 

vasculum t 

vena, die Ader 

veretrum, das Schamglied 

verpa \ 

verpus J 

virga, die Rute 



Ge- 



pessulus, der Riegel 
Phallus, der Pfahl 
pilum, der Wurfpfeil 
pomum, das Früchtchen 
pyramis, die Pyramide 
scapus, der Schaft 
sceptrum, das Szepter 
seminale membrum, da.« 
subula, der Pfrien 
taurus, der Stier 



nervus, die Sehne 

nota virilis, das Manneskennzeichen 

palus, der Pfahl 

peculla, das Patengeschenk 

penis, der Schwanz 



j die Rute (?) 



Das dürfte genügen! 



, die Pflugschar. 



29b 



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4 



Vulva von beiden Seiten umgeben, die Schamlippen sind, die 
mittlere Gasse, wo der Spalt offen steht, der Eingang der Vulva; 
die dreizackige Gestalt aber des Buchstaben Psi — V — , den 
Ausonius im Technopaegnion, Vers 142, die „dreizinkige Gabel" 
nennt, stellt die Spalte durch die mittlere Linie dar, die Lippen 
durch die Schnörkel rechts und links. Er fügt hinzu, Eunus sei 
Labda, der Lecker, von dem Anfangsbuchstaben des Wortes 
Xelxstv, lecken; und er könne nicht umhin, wenn er sich den 
Eunus mit seiner buhlerischen Zunge an jenem Körperteil hängend 
vorstelle, an die Figur des Phi — * — (der Kopf vor der Spalte) 
zu denken. Das alles ist sonnenklar; und ich begreife nicht, 
weshalb sich der gelehrte £lie Vinet über die Dunkelheit dieser 
Ausdrücke beklagt. Auch das, was Ausonius in bezug auf die 
Buchstaben Rho und Jota hinzufügt, hat mir nicht einmal sehr 
viel Mühe zu entziffern gekostet. Wenn nämlich die Lesart richtig 
ist, scheint mir der Dichter sagen zu wollen: das geht nicht, 
Eunus, daß du deine eingelegte Lanze mit einem griechischen Rho 

— P — vergleichst, das sich als ein Spieß mit daran hängenden 
Hoden darstellt, da du im Venusturnier dich keiner anderen Lanze 
bedienst als deiner Zunge, eines Spießes ohne Hoden, deren Ge- 
stalt — wie du selbst zugeben mußt — eher die eines Jota 

— I — ist Nämlich mich, der ich dich kenne, täuschst du 
nicht, wenn du dich auch noch so gern für einen Beischläfer und 
nicht für einen Cunnilingus ausgeben möchtest, wie jener Gargilius, 
von dem Martialis, III, 96, sagt: 

Deine Zunge nur buhlt mit meinem Mädchen, 
Und du schwatzest, als wenn du sie beschliefest 

Schließlich wünscht er dem Menschen das Kreuz, durch den 
Buchstaben Tau — T — und den Tod, durch Theta. Ober das 
letztere kann kein Zweifel herrschen, denn es ist sicher, daß an 
den Gerichtshöfen der Griechen der Buchstabe 0, der Anfangs- 
buchstabe des Wortes Sdvarog, das Zeichen des Todesurteils war. 1 

I Persius IV, 13: 

Und du vermagst, vor das Schlechte das düstere Theta zu setzen. 
Siehe auch Martial VII, 37. 

297 



Ist diese Lesart durchaus einwandfrei, so kann ich dahingegen 
ein anderes Bedenken nicht verbergen. In den Handschriften und 
Drucken des Ausonius findet sich nämlich statt des Tau ein 8, 
was man, nach dem Vorgange des großen Joseph Scaliger nicht 
unpassend auf die Schlinge deuten kann, die dem Halse des 
Cunnilingus gebühre; nur habe ich hier einzuwenden, daß mir 
eine Minuskel, und noch dazu eine zusammengesetzte, wie man 
sie erst in späterer Zeit schrieb, in der Reihe der einfachen und 
voll ausgeschriebenen Majuskeln nicht ganz am Platze zu sein 
scheint. Ich weiß daher nicht, ob nicht Ausonius selber xav ge- 
schrieben hat, woraus dann, nachdem durch die Nachlässigkeit 
eines Abschreibers der Anfangsbuchstabe verloren gegangen war, 
av und schließlich sehr leicht ov (8) entstehen konnte. Daß das 
Tau bestimmt das Zeichen des Kreuzes war, wird niemandem 
entgangen sein. Tertullianus ad versus Marcionem III, 22: „Dieses 
ist nämlich der griechische Buchstabe Tau, unser T, eine Form 
des Kreuzes." 

Wie das Irrumare, so, und in noch größerem Maßstabe, 
scheint das Lecken des Cunnus hauptsächlich 1 eine sexuelle Ver- 
irrung des Greisenalters gewesen zu sein, ein Ersatz für die er- 
loschene Kraft der Mentula. Aloisia III, 48 (S. 227): „Er (Gon- 
salvo de Cördoba) war auch ein großer Schlecker, und zwar — das 
lasse ich mir nicht ausreden — wegen seines hohen Alters." 
Martialis XI, 47: 

Lattara, weshalb leckt er den Cunnus? Damit er nicht beischlaf \ 

Ebenderselbe VI, 26: 

Impotent wurde Sotades. Jetzt tut er lecken. 

Ebenderselbe XII, 86: 

Dreißig Knaben, soviel der Mägdlein auch, und nur ein Glied, 
Und dem die Mannskraft fehlt, hast du. Was wirst du da tun? 

1 Ich sage .hauptsächlich', denn daß es zuweilen auch — aus einer eigen- 
tümlichen geistigen Impotenz — jüngeren Männern gefiel, die Fut, die sie 
hätten ficken können, zu lecken, wissen wir aus dem Martial XI, 85: 

Zoilus, plötzlich wurde vom Schlag dir die Zunge gerühret, 
Während du lecktest. Oewiß, Zoilus, wohnst du nun bei. 

298 



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Natürlich lecken, so wie Linus, bei ebendemselben XI, 25: 



Linus; der als verbuhlt nicht wenigen Mädchen bekannt ist, 
Büßte die Mannskraft ein. Zunge, nun nimm dich in acht. 

Vielleicht leckte auch Sextillus. Martial II, 28: 

Tüchtig lache, Sextillus, den aus, der Kinäden dich nennet, 
Dreist auch strecke der Faust mittleren Finger ihm aus. 1 

Aber, Sextill, du bist Päderast nicht, auch nicht Fututor, 
Und Vetustillas Mund, locket, der warme, dich nicht 

Nichts ist's, räum' ich dir ein, Sextill, von diesem: was ist's denn? 
Weiß ich's? Doch du weißt's wohl: zweierlei könnte es sein. 

Zwei Dinge waren dem Sextillus, der weder koitierte, noch 
Kinflde, noch Päderast, noch Irrumator war, noch übrig: nämlich 
Fellare und Lecken. Was er von beiden vorzog, ist nicht deutlich. 

Denselben Vorwand, wie die alten Männer mit unfähig ge- 
wordenem Penis hatten auch die Eunuchen, 2 wenn sie leckten. 



1 Da der aus der Mitte der geballten Hand ausgestreckte Mittelfinger den 
steifstehenden Penis mit den Hoden darstellt, war es gebräuchlich, daß man mit 
dem Mittelfinger auf diese Art auf Kinäden hindeutete (die Griechen nannten das 
mit einem Worte tnaftaXl^tiv), sei es, um sie herzuwinken, sei es, um sie zu 
verspotten. Martialis I, 92 : 

Cestus klaget mir oft mit überfließenden Augen, 
Daß dein Finger an ihm, Mamurian. sich vergreift. 

Auch auf andere, denen man Verachtung bezeugen wollte, deutete man so. 
Ebenderselbe VI, 70: .Seinen mittleren Finger zeigt er (der stets gesunde Cotta) 
zum Schimpfe (den Ärzten).' Dieser Finger trug auch geradezu den Namen des 
Schandfingers. Persius, ohne irgend einen obszönen Nebengedanken, II, 33: 
.Die Großmutter weihet das Kind mit dem Schandfinger (infami digito).' 

* Den Eunuchen indessen , denen nur die Hoden ausgeschnitten oder zer- 
quetscht waren, während der Penis unversehrt geblieben war, fehlte die Libido 
keineswegs; sie konnten den Beischlaf ausüben, sogar mit größter Sicherheit, da 
sie nicht in Gefahr kamen, Kinder zu zeugen. Die Sache war den Damen in 
Rom recht gut bekannt. Martialis VI, 67: 

■ 

Wozu soviel Verschnitt'ne die Gallia habe, so fragst du. 
Pannychus? Weil sie gefickt sein will, doch ohne Gefahr. 

299 



Gregorius von Näzianz, in dem Epitaphium Basilius des Großen: 
„Die aus dem Weibergemach, diejenigen, die unter den Weibern 
Männer und unter den Männern Weiber sind, die nichts Männ- 
liches an sich haben, außer ihrer Gottlosigkeit, die auf natür- 
lichem Wege keine Ausschweifungen begehen können und deren 
einziges Vermögen darin besteht, mit der Zunge Unzucht zu 
treiben." 

Die Cunnilingi rochen übel aus dem Munde, daher man ihre 
Küsse ebenso sorgfältig vermied als die der Fellatores. Martial XII, 85: 

Obel rieche der Mund den Knabenschändern, 
Sagst du. Wenn es so ist, wie glaubst du, 
Daß er den Cunnilingis riechen müsse? 

Juvenalis VI, 366-368: 

Einige gibt's, die sich immer erfreun an feigen Eunuchen 
Und am weibischen Kuß, an des Bartes vergeblicher Hoffnung, 
Weil's abtreibender Kunst nicht bedarf. 

Hieronymus, Vita Hilarionis: .Ein Prokurator mit gekräuseltem Haar, der, 
um der Wollust lange und sicher fröhnen zu können, Eunuche geworden war.* 
Damit die Libido desto sicherer erhalten bliebe, waren die Weiber so schlau, 
daß sie den Sklaven nicht eher die Hoden herausschneiden ließen, als bis sich 
der Penis zur richtigen Größe entwickelt hatte, denn es war zu befürchten, daß 
er winzig und schwach bleiben würde, wenn die Operation vor der Zeit unter- 
nommen wurde. Eunuchen mit starker Mentula, die selbst den Prlapus heraus- 
fordern oder den Weichlingen die Steiße zersprengen konnten, waren sehr begehrt. 
Von denen wünschen sich die Weiber beschlafen zu lassen, ohne die Schwanger- 
schaft zu befürchten. Juvenai VI, 368-378: 

Doch ist des Vergnügens 
Höchstes erreicht, wenn reif in erglühender Jugend die Teile 
Kommen den Ärzten zur Hand, wo's schwarz schon unten geworden. 
Also, daß die ersehnten und erst im Wachsen gelass'nen 
Hoden, sobald zwdpfündig sie sich zu zeigen beginnen, 
Nur dem Barbier zum Schaden hinwegraubt Heliodorus. 
Schon von ferne geseh'n und allen bekannt in die Bäder 
Schreitet er und nimmt's keck mit dem Wächter der Reb' und des Gartens 
Auf, von der Herrin gemacht zum Verschnittenen. Mag er bei dieser 
Schlafen: doch hüte dich wohl, dem Eunuchen, o Postumus, deinen 
Bromius, sei er auch hart und reif, dem Barbier zu vertrauen. 

300 



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Ebenderselbe XII, 59: 

Dich erdrücket mit Küssen jeder Nachbar, 
Dich der haarige Pächter, bockig duftend, 
Ein Fellator dich auch und Cunnilingus. 

Ziegenböcke scheinen sowohl Fellatores als Cunnilingi bei 
Catullus XXXVH, 3—5 wegen des Gestankes aus dem Munde 
genannt zu werden: 

Glaubt ihr allein versehen euch mit Mannsgliedern, 
Allein befugt, wo irgend Mädchen blühn, alle 
Zu ficken, wie wenn unsereins ein Bock wäre? 

Man darf sich hierbei unter den Böcken keine kastrierten 
Ziegenböcke vorstellen, das wäre durchaus gegen den Sprach- 
gebrauch, der unter „hirci" stets kräftige, leistungsfähige Ziegen- 
böcke verstanden wissen will. Darauf geht auch der Sinn des 
Catullischen Satzes hinaus, nur auf anderem Wege. Meint ihr, 
so sagt er, daß nur ihr allein Mannesglieder habt, wie sie zu 
einem richtigen Koitus gehören, und daß alle anderen schon durch 
den Bockgestank ihres Mundes ihre stinkende cunnilingische oder 
fellatorische Schweinerei verraten und durch diese schmutzige Be- 
gierde auch die Schlappheit ihrer Glieder und ihre erschöpften 
Manneskräfte, weshalb sie denn nichts anderes könnten als saugen 
oder lecken, wie das ja die Gewohnheit derjenigen sei, die ihn 
nicht mehr zum Stehen brächten? Nun ist auch jene Atellanische 
Pikanterie auf den Kaiser Tiberius, von dem „alten Bock (hircus), 
der den Ziegen die Natur leckt", noch etwas besser 1 verständlich. 

Die Cunnilingi wollten am liebsten für Fututores gehalten 
werden, zunächst, damit sie nicht diejenigen abschreckten, welche 
sie küssen wollten. Martialis VII, 95: 

Hundert Cunnilingi treff* ich lieber 

Suetonius, De illustribus Grammaticis, Kap. 23: ,,Am meisten 
aber war er (Remmius Palaemon) in Wollust zu den Weibern ent- 
brannt, sogar bis zum schändlichen Mißbrauch des Mundes, und 
es wird erzählt, daß er einmal durch eine witzige Bemerkung von 

301 



jemandem lächerlich gemacht worden sei. Als nämlich jemand 
ihm im Gedränge begegnete und seinem Begrüßungskusse, trotz 
aller Anstrengung, nicht ausweichen konnte, sagte er: .Willst du, 
denn, lieber Meister, allemal, wenn du siehst, daß es einer eilig 
hat, ihn ablecken?" — dann auch, um die Gäste nicht abzu- 
schrecken. Aristophanes, Ritter, Vers 1288—1289, sagt von Ari- 
phrades : 

Keiner, der so argen Frevler nicht verabscheut inniglich, 
Möge jemals mit uns trinken von desselben Bechers Rand. 

— schließlich aber, weil sie nicht für Männer mit erschöpfter 
Nervenkraft, mit kleinem, daniederliegenden Penis und Hoden- 
bruch gehalten werden wollten. Martial III, 96: 

Deine Zunge nur buhlt mit meinem Mädchen, 
Und du schwatzest, als wenn du sie beschliefest 

Daher bemühten sich die Cunnilingi nicht weniger als die 
Fellatores, durch Wohlgerüche und Salben den Schmutz des 
Mundes zu verdecken. Martialis VI, 55; 

Weil von Kassia und von Zimt du immer 
Und vom Neste des Vogels Phönix triefest 
Und nach Niceros Bleigefäßen duftest, 
Lachst du mich, Coracinus, aus, der nicht riecht 
Lieber will ich nach nichts, als lieblich riechen. 

Damit der Leser nicht in Zweifel sei, ob Coracinus ein Fellator 
oder ein Cunnilingus war, wird er in einem anderen Epigramm 
ausdrücklich Cunnilingus genannt; IV, 43: 

Coracinus, ich hieß dich nicht Kinäden: 
Nimmer bin ich so dreist und unbesonnen. 
Was ich aber gesagt, ist unbedeutend, 
Was man weiß, was du selber läugnen nicht wirst: 
Coracinus, ich nannt' dich Cunnilingus. 

302 



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Man glaubte, daß Venus den Schimpf, der ihr und ihrem Ge- 
schlechte von den Männern angetan werde, dadurch räche, daß 
sie sie nicht nur zu Kinäden, sondern auch zu Cunnilingi mache. 
Daher die pathische Begierde des Philoktetes, 

Herkules' Erbe, auf Lemnos vereinsamt, 

um mich der Worte des Ausonius, Epigramm 79, zu bedienen, 
mit welcher Venus die Wunden gerächt haben soll, die jener dem 
Paris beigebracht hatte; Martial U, 84: 

Weichling war der Poiantische Held und den Männern zu Willen: 
So hat Venus gerächt, heißt's, daß er Paris erschlug. 

Im Anschluß an das soeben zitierte Distichon macht nun Mar- 
tialis den Witz, ein gewisser Sertorius sei ein Cunnilingus, wahr- 
scheinlich deshalb, weil er den Eryx, den Sohn der Venus, ge- 
tötet habe: 

Daß mit der Zunge Sertor, der Sizilier, Weiber bedienet, 
Kommt wohl, Rufus, daher, daß er den Eryx erschlug. 

Es scheint, daß die Cunnilingi meistens von bleicher Gesichts- 
farbe waren; den Grund dafür mögen die Ärzte ausfindig machen. 
Daraus werden dann die Anzüglichkeiten in Martials Epigramm 
auf den Charinus I, 77, verständlich: 

Charinus ist gesund, und siehet doch bleich aus. 
Charinus trinket mäßig, und siehet doch bleich aus. 
Charinus verdaut vortrefflich, und siehet doch bleich aus. 
Charinus liebt die Sonne, und siehet doch bleich aus. 
Charinus färbt die Haut, und siehet doch bleich aus. 
Charinus leckt den Cunnus, und siehet doch bleich aus. 

Er zählt hier nämlich in der Reihe derjenigen Ursachen, die 
die bleiche Gesichtsfarbe verhindern, schließlich auch den wahren 
Grund des Bleichwerdens auf. In ähnlicher Weise scheinen auch 
die Fellatores durch ihren blassen Teint kenntlich gewesen zu 
sein. Catullus, LXXX: 

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Wie nur mag es geschehn, daß dir dein rosiges Mündchen 

Gellius, immer so weiß wird wie gefrierender Schnee, 
Wenn frühmorgens vom Haus du fortgehst, oder die achte 

Stunde aus Mittagsruh spät den Verzärtelten weckt? 
Woher es kommt? Ich weiß nicht Wie? sagte die flüsternde Fama 

Wahrheit, daß du des Mann's Mittelgeschäfte verschlingst? 
Daher kommt's! Laut schreien ja Virros niedergerissene 

Weichen, und dir um den Mund nebelnd das molkige Naß. 

Die niedergerissenen Schamteile sind die des Irrumators, die 
von dem molkigen Samen des Virro gekennzeichneten Lippen 
sind die des Fellators Gellius; so muß aus sachlichen Gründen 
dieser etwas zweideutige Vers aufgefaßt werden. Übrigens habe 
ich oben einen gewissen Virro, einen Pathicus, aus dem Juvenal 
IX, 35 zitiert: 

Sähe auch Virro dich nackend, mit schmunzelndem, wäss'rigen Munde. 
Ich weiß nicht, ob es derselbe ist 

Auch die Pathici waren, wie die Fellatores, blaß. Juvenalis 
II, 50: 

Hispo den Jünglingen dient und bleichet von beiderlei Krankheit 

Er war Pathicus, da er sich von Jünglingen gebrauchen ließ 
(subit juvenes), und Fellator, da ihn der Dichter den Weibern 
gegenüberstellt, die sich nicht gegenseitig ihre Schamglieder ab- 
lecken: 

Vedia lecket die Cluvia nicht so, noch Flora Catulla. 

Unter den Weibern kam das Lecken der Schamteile sehr selten 
vor, wenn es auch nicht geradezu etwas ganz Unerhörtes war. 
Das Beispiel einer Cunnilinga wenigstens hat Martialis auf- 
bewahrt, wovon im nächsten Kapitel die Rede sein wird. 



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SECHSTES KAPITEL. 



Von den Tribaden. 

Tribaden, von dem Zeitwort xQtßa, „ich reibe", also Reiberinnen, 1 
sind solche Weiber, bei denen jener Teil der weiblichen Scham, 
den man die Klitoris nennt, so stark entwickelt ist, daß sie ihn 
wie eine Mentula, sei es, um den Koitus, sei es, um Päderastie 
auszuüben, gebrauchen können. Die Klitoris, 2 welche ein sehr 
leicht erregbarer, elastischer, dem Penis nicht unähnlicher Fleisch- 
wulst ist, pflegt bei allen Weibern nicht nur während des Koitus, 
dessen Wonnen sie durch vermehrten Kitzel wunderbar unter- 
stützt, sondern auch in der Brunst anzuschwellen; bei den Tri- 
baden aber entwickelt sie sich entweder durch ein Spiel der 
Natur oder durch häufigen Gebrauch zu außergewöhnlicher 
Größe. 8 Die Tribade hat Erektionen, sie bohrt die Klitoris in 

1 Sie heißen auch ttcugiatgiat. Hesychius: „txcu^laxQuu tQißAÖBq." Auch 
dtetatQiotQicu, bei demselben Autor: „diezaiefoigiai, Weiber, die Hetären zum 
Beischlaf suchen wie die Männer, dasselbe wie Tribaden." 

• Aloisia, S. 36 (21): .Aber ich habe vergessen* — so sagt Tullia — .dir von 
der Klitoris zu sprechen. Diese ist ein häutiger Körper, der ganz unten an der 
Scham sitzt und im kleinen die Gestalt dnes männliches Gliedes hat. Und wie 
wenn sie eine Rute wäre, so bringt die verliebte Begier sie zur Erektion und 
entflammt sie zu einem so starken Jucken, daß eine Frau oder ein Mädchen mit 
einem nur einigermaßen feurigen Temperament, wenn man zur Kurzweil die 
Klitoris mit der Hand berührt, meistens ihren Saft fließen läßt, ohne auch nur 
auf den wackeren Reiter zu warten." 

■ Nach der Angabe von Nicolas Venette, De la generation de l'homme ou 
Tableau de l'amour conjugal, tome 1, chap. 3, beobachtete (Franz?) Plater bei 
einer Frau eine Klitoris von der Länge eines Gänsehalses, während die Klitoris 
bei anderen, wenn sie sehr stark angeschwollen ist, etwas mehr oder weniger 
als die Hälfte eines kleinen Fingers zu messen pflegt. Wenn diese Frau keine 

» 305 



die Fut oder in den Podex, sie wird von süßester Wonne durch- 
schauert, sie verschafft dem Weibe, welches sie benutzt, einen 
zwar nicht vollkommenen, aber immerhin fühlbaren Wollustkitzel; 

Tribade war, konnte sie sicherlich eine sein. War es ein Wunder, dafi Weiber, 
die mit allzu großen Anhängseln versehen waren, sehnlichst wünschten, von 
solcher Unbequemlichkeit befreit zu werden? Die Amputation war indessen ge- 
fährlich. Plater wenigstens wagte nicht, die bereits angefangene Operation fort- 
zuführen, und Rodohamid (Abü '1-Hasan 'Alt 'bn Ridwän), ein Arzt aus Ägypten, im 
XI. Jahrhundert, wollte sie, nach Venettes Erzählung IV, 2, selbst auf die inständigen 
Bitten der Sultanin Oberhaupt nicht vornehmen. Ob wohl diejenigen kühner 
waren, denen Adramytes, der König der Lydier, die Weiber zur Kastration über- 
gab? Athenaeus XII. 515e: .Xanthos erzählt im zweiten Buche seiner Lydiaka, 
daß Adramytes, der König der Lydier, zuerst Weiber zu Eunuchen machen ließ 
und sie statt der männlichen Eunuchen brauchte." Was sie auch gewesen sein 
mögen, für die Kommentatoren waren diese Eunuchinnen eine schwere Cruz. 
Einige denken dabei an die Schnallen (fibulae), die auch noch heutzutage eifer- 
süchtige Italiener und Spanier, wie man erzählt, ihren Gattinnen als SchamgflrteJ 
vor die Geschlechtsteile legen; andere an die Nähte, mit denen die Neger in 
Angola und Kongo die Cunni der Mädchen schützen; aber so erklären heißt 
doch wohl nur an der Steile verzweifeln. Es scheint auch nicht, dafi jenen 
Weibern das widerfahren sei, was noch jetzt die Mädchen bei den Arabern, 
Kopten, Äthiopiern und in einigen Teilen Persiens und Innerafrikas erdulden 
müssen, denen die Vorhaut der Klitoris abgeschnitten wird, eine Sitte, für welche 
in Ersch und Grubers Enzyklopädie, in dem Artikel .Beschneidung', eine große 
Menge Belegstellen angeführt werden; denn wie hätte Athenaeus dasjenige 
.e&vovzio w' nennen können, was tatsächlich den Zweck hat, die Weiber frucht- 
barer zu machen? Ich glaubte erst, daß jene Tri baden gewesen, und durch die 
Exstirpation der abscheulich großen Klitoris zu Eunuchinnen gemacht worden 
seien; nun aber neige ich mehr zu der Meinung, der König habe mit den 
Weibern dasselbe vornehmen lassen, was, wie man weiß, die Viehzüchter mit 
den Sauen machen. Aristoteles, Historia animalium IX, 50: .Die Sauen werden 
kastriert, damit sie nicht länger den Trieb zur Begattung empfinden und schneller 
fett werden. Sie werden kastriert, nachdem man sie zwei Tage lang hat hungern 
lassen, indem man sie an den hinteren Schinken aufhängt. Man öffnet ihnen 
den unteren Teil des Unterleibes, gerade an der Stelle, wo sich bei den männ- 
lichen Schweinen die Testikeln befinden, denn an derselben Stelle liegt bei den 
weiblichen die Gebärmutter.' Plinius, Hist. nat. VIII, 51 : .Man kastriert auch 
die Sauen, wie die Kamele, indem man sie nach zweitägigem Fasten an den 
Hinterschinken aufhängt und die Gebärmutter ausschneidet; sie werden so 
schneller fett." Columella VU. 9, 5: .Auch den Sauen wird die Gebärmutter 
ausgeschnitten und mit Wundnarben verschlossen, damit sie nicht gebären." 
Schneider bemerkt zu der Stelle des Columella, daß dieses Verfahren noch heute 
nicht außer Gebrauch gekommen sei, und zwar würden Sauen, Kühe, Stuten 

306 



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kurz und gut, sie macht alles, was ein Beischläfer oder ein 
Paderast macht, abgesehen vom Samenerguß, obgleich es ja bei 
dem Koitus der Tribade nicht immer ganz trocken hergehen wird, 
da ja auch die Weiber im Moment der höchsten Erregung eine 
Feuchtigkeit abzusondern, zu entladen pflegen. 1 



und Schafe so kastriert, daS man ihnen die Eierstocke oder die Fallopische 
Röhre (Muttertrompete) herausschneide. Warum sollen wir nun nicht annehmen, 
dats AOramytes aui anniicne weise mit oem anaeren uescniecnie so verianren 
sei, um die Weiber, nachdem er ihnen die Eierstöcke hatte herausschneiden 
lassen, unfruchtbar zu machen? Dagegen scheinen die alten Ägypter, welche 
nach Strahn XVII (S. 824) die Gewohnheit hatten, .die Mädchen zu beschneiden 
und die weiblichen Teile auszuschneiden', nicht nach der Sitte der Lydier die 
verborgenen Eierstöcke herausgeschnitten zu haben — wie ich meine — , sondern 
die Vorhaut der Klitoris entfernt zu haben, wie es der obigen Notiz zufolge 
noch in jenen Ländern geschieht; denn die Verbindung der beiden Wörter .be- 
schneiden- und .ausschneiden* soll wohl eher einen gleichen als einen ganz 
verschiedenen Sinn haben. 

1 Vergleiche dazu wieder Aloisia Sigaea, S. 37 (21): .Mir selber,* so erzählt 
Tullia, .ist das (das Feuchtwerden) oft genug begegnet, wenn Call las seine ruch- 
losen Lüste an mir ausließ, wenn er den Kitzler streichelte und betastete. Seine 
Hände, die sich tändelnd ergötzen, überfließt aus meinem Oä rtlein plötzlich ein 
reichlicher Tau. Das ist für ihn Anlaß zu einer Menge von Witzen, von guten 
und schlechten Scherzen. Aber was kann ich dabei machen? Er lacht laut 
heraus, ich lache ebenfalls; ich werfe ihm vor, er sei zu stürmisch, er wirft mir 
vor, ich sei zu wollüstig; so werfen wir einander den Ball zu und während wir 
so zum Scherz streiten, stürzt er plötzlich sich auf mich, streckt mich auf den 
Rücken, mag ich wollen oder nicht, fährt in mich hinein, und erstattet mir in 
reichlicher Menge den Saft zurück, den, wie er scherzhaft bemerkt, mein Gärtchen 
verloren habe; er tue das, sagt er, damit ich mich nicht beklage, durch seine 
Schuld zu kurz gekommen zu sein.* Ebendaselbst, S. 74 (43): .Enger umschlang 
mich (Tullia) Callias; in meine Scheide stieß er mit solcher Gewalt den glühenden 
Schwanz hinein, daß es wahrhaftig aussah, wie wenn er selber ganz und gar in 
meinen Leib hineinfahren wollte: da strömte in mich hinein ein köstlicher Regen, 
und zugleich fühlte ich auch mich zerfließen, aber mit so unglaublich großer 
Wollust, daß ich in meiner Liebesraserei Anstand und Scham so ganz und gar 
vergaß, daß ich selber mit unermüdlichen Stößen von unten meinen Callias 
anfeuerte und ihn bat, er möge schneller machen. Dann lösten sich unsere 
Glieder, und wir beide sanken zu gleicher Zeit kraftlos hin." Leicht begreiflich 
ist nun, was Sosipater in seinem Epigramm Analecta Brunkii 1, 504 sagen will: 

Bis sich bei beiden der weißliche Spender des Lebens ergoß und 
Doris die Glieder erschlafft löste, gesättigt von Lust. 

20* 307 



Von alters her heißt es, daß diese geschlechtliche Verirrung 
bei den Weibern auf Lesbos — sei es infolge des Klimas, der 
besonderen Beschaffenheit des Bodens oder der Quellen, oder 
aus irgend einer anderen Ursache, das läßt sich nicht sagen — 
sehr gewöhnlich gewesen sei. Lucian, Hetärengespräche 5, 2: 
„Man sagt, daß die Weiber auf Lesbos solche (Tribaden) sind, 
welche es verschmähen, von Männern umarmt zu werden, 
dagegen selber die Weiber genießen, wie Männer." Wenn 
so etwas bei den Lesbierinnen als etwas Alltägliches vorkam, 
so müssen sie wohl sicherlich, einem Naturtriebe folgend, 1 
darauf verfallen sein, um die unerträgliche Brunst zu löschen. 
Die berühmteste, die Königin aller Tribaden war — wer hätte 
nicht von ihr gehört? — Sappho, gleichfalls eine Lesbierin. Seit 
Maximus Tyrius haben zwar mehrere Autoren mit der besten Ab- 
sicht versucht, den Vorwurf dieses Lasters von ihr zu nehmen; 
aber hören wir sie selber in den Worten des Ovid (die doch 
ohne Zweifel am zuverlässigsten und glaubwürdigsten die An- 
schauung des Altertums wiedergeben), wie sie ihre ungebetenen 
Schutzredner durch ihr eigenes Geständnis bloßstellt. Heroid. 
XXI, 15—20: 

Weder können mich jetzo Methymnas Mädchen noch Pyrrhas, 2 
Noch auch die übrige Schar Lesbierinnen erfreun. 

Reiske will zwar unter dem .weißen Lebenssaft* die — Schweißtropfen ver- 
stehen; aber das ist Unsinn, es ist der Saft, in den die beiden Geschlechter bei 
der letzten und höchsten Wallung der Wollust zerfließen. Aloisia, S. 81 (48): 
.Als ich so sprach (wir hören wieder die Tullia erzählen), da bohrt mit gewaltiger 
Kraft er die Lanze tief in den Leib mir. Mit befruchtendem Tau erfüllt er 
meine Scheide, und auch mir bricht der weiße Saft aus. Von übergroßer 
Wollust schwanden uns beiden die Sinne, und innig umschlungen sanken wir 
ohnmächtig hin.' Mehrere dergleichen Beispiele habe ich aus Aloisias Schätzen 
zusammengetragen und hier und da zitiert. 

1 Bei Weibern, die eine allzugroße Klitoris haben, kann nämlich ein Mann 
nicht hineinkommen, weshalb sie sich, wenn die Wollust in ihnen rege geworden 
ist, kaum anders helfen können, als indem sie sich als Tribaden Befriedigung zu 
schaffen suchen. Man vergleiche hierzu, wenn man Wert darauf legt, Venette 
IV, 2, 4. 

2 Pyrrha und Methymna waren Städte auf der Insel Lesbos. Mela II, 7: 
.Zur Troas gehört Lesbos, welches einst die fünf Städte Antissa, Pyrrha, Eresos, 
Methymna und Mytilene hatte.* 

308 



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Anactorie gilt mir nun nichts, nichts Cydno, die weiße, 
Meinen Augen ist nicht Atthis, wie früher, zur Lust, 

Hundert andere nicht, die ich nicht unschuldig 1 geliebt hab*; 
Du hast, Böser, was einst vieler gewesen, allein. 

und Vers 201 : 

Lesbierinnen, die ihr in Verruf als Geliebte mich brachtet 

Hier sind also im allgemeinen die Mädchen der Städte Pyrrha 
und Methymna, dann mit Namen Anactorie, Cydno und Atthis, 
als diejenigen genannt, mit denen Sappho nicht unschuldige 
»Verhältnisse" gehabt hatte; Suidas fügt noch die Namen Tele- 
sippa und Megara hinzu: »Ihre Freundinnen (tvatQcu), welche sie 
sehr liebte, waren drei: Atthis, Telesippa, Megara, und für diese 
entbrannte sie, wie man ihr nachsagte, in unreiner Begier." Da 
diese Stellen bei den alten Schriftstellern deutlich genug sind 
und zu begründeten Zweifeln keinen Anlaß geben, kann man mit 
ihrer Hilfe auch diejenigen erklären, welche sonst wenigstens 
etwas dunkler und mehrdeutig scheinen könnten, wie Horatius, 
Epist I, 19, 28: 

die männliche Sappho 

Ebenderselbe, Od. II, 13, 25: 

um ihre Landsmänninnen jammernd. 

Ovid., De arte amat. III, 331 : 
Sappho auch sei dir bekannt — was kann es Lasciveres geben? 



1 Es ändert an der Sache nichts, ob man liest .quas non sine crimine 
amavi' oder, wie es in einigen Ausgaben lautet, .quas hic sine crimine amavi*, 
denn auch die letztere Lesart würde noch immer, gerade durch die Entschuldigung, 
eine Selbstanklage einschließen. Nur darum handelt es sich, nachzuweisen, daß 
Sappho nicht erst von neueren Schriftstellern, sondern bereits sehr häufig im 
Altertum für eine Tribade gehalten worden sei, ob mit Recht oder Unrecht, 
wissen wir nicht Oder konnte die gegenseitige sinnliche Liebe unter Mädchen 
jemals einen anderen Vorwurf erfahren als den der Tribadie? 

309 



Ebenderselbe, Tristia II, 365: 

Was hat denn Sappho aus Lesbos gelehrt, als die Mädchen zu 

lieben? 

Martialis VII, 69: 1 

Ihre Gedichte gelobt hätt' auch die verbuhlete Sappho; 
Sie ist keuscher und nicht minder als diese, gelehrt. 

Einer anderen lesbischen Tribade, Megilla, hat das Genie des 
Lukian freigebigerweise zum Nachruhm verholten in dem oben 
angeführten Dialoge, der sehr amüsant und keineswegs über- 
mäßig obszön ist, denn er bricht gerade da ab, wo die Unter- 
redung auf den Kern der Sache kommt; trotzdem hat es unser 
Wieland in seiner mädchenhaften Schüchternheit nicht übers 
Herz gebracht, ihn ins Deutsche zu übersetzen. Der Philosoph 
von Samosata stellt uns die Hetäre Leaena vor, wie sie erzählt, 
durch welcherlei Künste Megilla sie verlockt habe, ihr zu Willen 
zu sein. Auf die Frage der Leaena: „Du also hast jenes Männ- 
liche an dir, und machst der Demonassa (denn Megilla beschlief 
auch die Demonassa in der Weise der Tribaden) das, was die 
Männer machen?«, antwortet die Tribade ungefähr: „Jenes zwar, 
Leaena, habe ich nicht; es fehlt mir aber nicht gänzlich; du 
wirst ja sehen, wie ich auf meine eigene und sogar viel an- 
genehmere Art den Koitus vollziehe. Ich bin geboren wie ihr 
anderen, aber meine Seele, meine Sinnlichkeit und alle meine 
übrigen Eigenschaften sind die eines Mannes. Ja, liebe Leaena, 
gib dich mir nur hin, wenn du meinen Worten nicht glauben 
willst, und du wirst die Erfahrung machen, daß ich den Männern 
in nichts nachstehe. Ich habe nämlich an Stelle des männlichen 
Gliedes etwas; aber leg' dich nur hin, du wirst ja sehen." Leaena 
gesteht dann, daß sie endlich, durch Bitten, durch Geschenke 
und ohne Zweifel auch durch die Neuheit der Sache bewogen, 
sich hingegeben habe. „Weil sie mich gar so sehr bat und mir 
ein kostbares Halsband und ganz zart gewebtes Linnen schenkte, 



1 Nicht ohne Grund laßt wohl Martial auf dieses Epigramm dasjenige folgen 
(Nr. 70), in welchem er die Philaenis, die Tribade der Tribaden, brandmarkt 

310 



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war ich ihr zu Willen. Da umarmte ich sie wie einen Mann, 
und sie machte an mir herum, küßte mich, keuchte und schien 
über alle Maßen sich an mir zu ergötzen." Als aber die neu- 
gierige Klonarion mit Fragen in sie dringt: „Was machte sie 
denn und wie denn? Sag' mir doch das vor allen Dingen," ent- 
täuscht sie sie: „Frage nicht so neugierig; es war so was Ge- 
meines. Nein, bei der himmlischen Aphrodite, ich kann dir's 
nicht sagen," — zum großen Bedauern des Lesers, der die 
sonderbare Geschichte gern genauer wissen möchte. 

Zu den Tribaden müssen ferner auch gerechnet werden: 
Philaenis, ohne Zweifel dieselbe, die über die Erotischen Stel- 
lungen geschrieben haben soll, nach Lukian, Amores, Kap. 28: 
„Unser ganzes Frauengemach sei Philaenis, berüchtigt durch 
ihre schamlosen mannweiblichen Liebesverhältnisse;" Sopho- 
clidisca in Plautus' Persern II, 2, 45, zu der Paegnium sagt: 
„Betaste mich nicht, du Durcharbeiterin (subagitatrix)," und Folia 
von Ariminum, die Horaz, Epod. V, 41: „von männlicher Begier 
entflammt" nennt, aber alle diese werden von den schamhafteren 
Schriftstellern nur so flüchtig erwähnt, daß der Wissensdrang des 
neugierigen Lesers unbefriedigt bleibt Aus demselben Grunde 
ist auch Senecas Wortkargheit in der zweiten Kontroverse, gegen 
Schluß, zu bedauern: „Hybreas, in seiner Verteidigungsrede für 
den Mann, der eine Tribade überrascht und getötet hatte, begann 
die Gefühle des getäuschten Ehemannes zu schildern; Dinge, von 
denen man eine indiskrete Untersuchung nicht hätte verlangen 
dürfen." 

Da ist unser trefflicher Bilbilitaner viel vollständiger, ausführ- 
licher und eingehender. Hören wir ihn, wie er die Tribade Bassa 
und ihre Kunst so deutlich schildert, daß nichts seine Skizze 
übertreffen kann. Martial I, 90: 

Weil ich, Bassa, dich nie umringt von Männern gesehen, 
Und weil nie das Gerücht einen Geliebten dir gab, 

Sondern den ganzen Dienst dir solche vom gleichen Geschlechte 
Leisteten, ohne daß je Männer erschienen dabei, 

Hatt' ich dich, muß ich gestehn, für Lucretia selber gehalten; 
Aber, o Frevel, es warst, Bassa, Fututor du selbst 

311 



Du kannst wagen, gepaart zwei weibliche Glieder zu einen, 
Und es erläget den Mann widernatürliche Lust. 

Wunderbarliches, wert des Thebanischen Rätsels, ersannst du, 
Daß es da Ehebruch gibt, wo es am Manne gebricht 

Scheint das, was Bassa tat, als sie es wagte, zwei Cunni zu 
vereinigen, nicht sonnenklar zu sein? Und trotzdem gibt es 
Kommentatoren, und zwar Gelehrte von Ruf, die diese sehr ver- 
ständliche Stelle ganz falsch so auffassen, als ob Bassa die Scham 
der anderen Weiber mit einem ledernen Penis (griechisch äfaoßog) 
bearbeitet habe, über welche Art Wollust, die der Bassa in ihrer 
erlogenen Männerrolle ganz fremd war, am Schlüsse dieses Kapitels 
einiges gesagt werden soll. 

Nichts Monströseres gibt es als die Sinnlichkeit der Philaenis, 
die die Cunni nicht nur der Tribaden mit der Brunst ihrer 
Klitoris anbohrte; Martial VII, 70: 

Du, Philaenis, Tribade der Tribaden, 

Nennest Freundin mit Recht die, der du beiwohnst 

und auch andere Mädchen, und zwar gleich elf an einem Tage, 
in der Art der Tribaden bearbeitete, sondern auch Knaben päde- 
rastisch schändete, ebendaselbst Vü, 67: 

Knaben schändet 1 Philaenis, die Tribade, 
Und von wilderer Lust entflammt, als Männer, 
Schlingt elf Mädchen sie auf an einem Tage 

und damit ihr keine der als männlich geltenden Lüste fremd 
bliebe, ergibt sie sich auch dem Laster der Cunnilingi, in den 
Schlußzeilen desselben Epigrammes: 

1 Für .paedicat pueros" konnte hier ebensogut .mit pueros" stehen, wenn das 
Versmaß es erlaubte. Denn etwas anderes bezeichnet der Ausdruck .viros ineunt' 
bei Seneca, Epist. 95, nicht, mit dem der große Justus Lipsius sich schrecklich 
abplagte: .In der Wollust steht also das schwache Geschlecht den Mlnnem in 
nichts nach. Hol' sie der Teufel! Solch eine perverse Manier raffiniert aus- 
gesonnener Schamlosigkeit! sie ficken die Männer!" Das ist die große Schänd- 
lichkeit, die dem Lipsius wert erschien, mit stygischer Finsternis bedeckt zu 
werden: die Tribaden sind Päderastinnen. 

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Wird Unzüchtiges dann verübt, befleckt sie 

Nicht an Männern den Mund — als männlich gält's nicht — 

Nein, verschlinget der Mädchen Mitte völlig. 

Geben Götter dir deinen Sinn, Philaenis, 

Der als männlich es gilt, die Scham zu lecken. 

Daß sich Philaenis in der größten Hitze ihrer Brunst auch 
selbst lecken ließ, verrät nicht undeutlich IX, 40: 

Als nach Rom zu den Tarpejaner Kränzen 
Diodorus aus Pharus ging, gelobte, 
Wenn ihr Gatte zurückgekehrt, Philaenis, 
Lecken sollte ihr das ein einfach Mägdlein, 
Was auch keusche Sabinerinnen lieben. 

Sie gelobt, daß, wenn ihr Mann zurückkehrt, ihr ein Mädchen, 
das wegen seiner Unschuld und Schamhaftigkeit geachtet sei, den 
Cunnus lecken sollte. Denn von schamlosen Weibern geleckt zu 
werden, war Philaenis schon gewöhnt; sie wünschte jetzt, einmal 
mit den Dienstleistungen eines keuschen Mädchens Erfahrungen 
zu machen, wie denn für die Menschen das höchste Vergnügen 
in der Neuheit und Ungewohntheit einer Sache besteht Es kam 
nämlich äußerst selten vor, daß Weiber von Weibern geleckt 
wurden, wie aus Juvenal II, 47—49 zu ersehen ist: 

nimmer zu finden 
Ist von so scheußlicher Art ein Beispiel bei unserm Geschlechte: 
Cluvia leckt die Vedia nicht, noch Flora Catulla. 

Gibt es aber etwas Stärkeres und Kräftigeres, etwas, das ge- 
eignet wäre, den Leser besser mitten in die Sache hinein zu ver- 
setzen, ohne ihm verkehrte und oft wiederholte Ansichten beizu- 
bringen, etwas Packenderes als jener Zornesausbruch, mit dem 
Juvenal in seiner Sittenstrenge gegen die Orgien der Tribaden, 
wie sie damals in Rom zur Nachtzeit gefeiert wurden, losdonnert? 
VI, 309-334: 

Dorthin stellen des Nachts sie die Sänfte und gehn um zu pissen, 
Und sie besudeln das Bild der Göttin mit spritzenden Strahlen, 

313 



Reiten einander, gewiegt wird beim Scheine des Mondes die Hüfte; 
Dann erst gehn sie nach Haus: du trittst, ausgehend am Morgen, 
In der Gemahlin Urin, wenn du gehst deine Freunde besuchen. 
Wohl sind der Bona Mysterien bekannt, wenn die Flöte die Lenden 
Aufregt, wenn von dem Hörne zugleich betäubt und dem Weine 
Rasen Priaps Mänaden mit wirbelndem Haar und erheben 
Wildes Geheul; o wie groß ist dann bei jenen die Wut nach 
Liebesgenuß, wie die Stimme bei springender Lust, o wie groß doch 
Abgelagerten Weins über triefende Schenkel Beströmung! 
Mägde der Kuppler entbietet zum Kampf Saufeja, den Kranz nimmt 
Erst sie herab und gewinnt den Preis der schwebenden Hüfte, 
Selber bewundernd den Schwung, womit Med u Iii na den Steiß wiegt: 
So gleicht mit der Geburt unter Herrinnen Stärke den Sieg aus. 
Nichts zum Scherze wird dort nur geheuchelt, alles geschieht da 
So wahrhaftig, daß leicht des Laomedon Sohn, den die Jahre 
Längst schon gekühlt und der Bruch des Nestor noch sich entzünden. 
Dann hält's geile Begier nicht länger, das Weib nur es zeigt sich, 
Und wiederholtes Geschrei schallt her von dem ganzen Gewölbe: 
„Schon ist es recht, laßt die Männer hinein!" Schläft etwa der Buhle, 
Schnell dann befiehlt sie den Jüngling herbei verhüllt mit der Kappe. 
Ist das nichts, geht auf Sklaven sie los, und nimmst du ihr diese, 
Dann gemietet erscheint der Wasserverkäufer, und wenn auch 
Dieser nicht da und an Menschen es fehlt, dann zögert sie auch nicht 
Hinzustrecken die Hüfte dem auf sie steigenden Esel. 

Was ersehen wir hieraus? Zunächst, daß es zweierlei Arten 
tribadischer Orgien gab; bei der einen trieben die römischen 
Damen, die sich in ihrer Frechheit alles herausnahmen, ihren 
Spott mit dem Altar der Pudicitia, bei der andern feierten sie das 
Fest der Bona Dea. Juvenal schildert zuerst, wie die Tribaden 
sich des Nachts in Sanften zum Altar der Pudicitia tragen lassen, 
als ob ihnen schon das Empörende der Sache an sich ein Reiz- 
mittel für ihre übersättigte Begierde wäre, wie sie dort im Drange 
Wasser zu lassen 1 die Statue der Göttin anschiffen, den Urin in 

1 Wenn die Weiber vor Geilheit aufgeregt sind, haben sie den Drang zu 
urinieren. Juvenalis VI, 63—65: 

Tanzet der zarte Bathyll die hüftenwiegende Leda, 

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langen Zügen umher verbreitend, vielleicht gar ihn in den Mund der 
Göttin hinein spritzend. 1 Durch diese Pfützen hindurch müssen 
dann die Männer schreiten, wenn sie ihren Patronen die Morgen- 
visite abstatten. Dann bearbeiten sie sich gegenseitig und lassen 
sich voneinander bearbeiten, — wirklich mehr als eine „Philaenis, 
die Tribade der Tribaden!" Andere eilen zu den Mysterien der 
Bona Dea, welche ja seit dem Frevel des Clodius 9 allgemein be- 

(er stellt Im Tanze mit wollüstigen Bewegungen die Leda dar, wie sie den 
Jupiter umarmt), 

Schifft sich Tuccia voll, und Appula wiehert vor Geilheit 

Wie beim Koitus selbst. 

Derselbe XI. 168-170: 

indes beim andern Geschlechte die Wollust 
Grade sich mächtiger zeigt, und die Reize, die Augen und Ohren 
Eben empfunden, sie äußern sich schnell im Drange des Harnes. 

Wenn Juvenal sagt, die Wollust des andern Geschlechtes sei größer, so 
das daher, weil er den Weibern einen größeren Genuß bei dem Koitus 
als den Männern; daher auch sein Seufzer VI, 254: 

denn wie klein ist unser Vergnügen!! 

Nach dem Schiedssprüche des Tiresias nämlich, bei Ludanus, Amores, 
Kap. 27, ist der Genuß der Weiber doppelt so groß als derjenige der Männer: 
.Wenn nicht schließlich das Urteil des Tiresias zu beachten ist, daß das Ver- 
gnügen der Weiber noch einmal so groß sei als das der anderen.' Martialis 
XI, 16: 

Wie oft wird dein Gewand dem geschwollenen Penis zu eng sein, 
Seist du, wie Curius, auch und, wie Fabridus, ernst! 

Du auch liesest vielleicht die lockeren Scherze des Büchldns, 
Mädchen, und schiffst dich voll, seist du aus Padua auch. 

1 Etwas doppeldeutig ist der Ausdruck .longis siphonibus*. Er meint ent- 
weder Pfützen von Urin zu den Füßen des Altars, oder er versteht darunter, 
um mich der Worte Lagranges zu bedienen, .den Urin selber, der der Göttin 
in langem Strahl in das Antlitz geschleudert wurde, was die schamlosen Wdber 
taten, indem sie ihre Harnöffnung mit der Hand zusammendrückten und den 
Urin ein Weilchen zurückhielten, der nach dieser Prozedur mit desto größerer 
Gewalt hervorspringt.' 

* Bald darauf, Vers 336-340: doch jede , 

Maure und Indier kennt die Harfnerin, was für ein Glied sie 

Größer als beide wohl sind des Caesars Anticatonen, 

Da, wo die Maus entflieht, wenn sie sich bewußt ist der Mannhdt, 

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kannt waren; dort regen sie sich bei Trompeten- und Hörner- 
klang und beim Weine zum Wettkampf der Cunni an, rasen, 
werfen die aufgelösten Haarflechten hin und her, wiehern und 
brunzen vor Lust Da wird, beinahe wie bei dem Gastmahl 
Alexanders VI., eine Prämie für die tüchtigste „Durcharb eiterin" 
ausgesetzt; Saufeja fordert die Mägde heraus, sich von ihr be- 
arbeiten zu lassen und nimmt sich selber als Siegerin den Kranz; 1 
keine aber übertrifft als Pathika die Medullina, die die Kunst des 
„Crissierens" gründlich versteht und die vibrierenden Schenkel 
raffiniert zu bewegen weiß; hier verschwindet jeder Standesunter- 
schied, hier wo es gilt, um den Siegespreis der Unzucht zu wett- 
eifern, sind die niedrigsten Mägde den Herrinnen gleichgestellt; 
nichts wird zum Spiel angedeutet, sondern alles geschieht im 
Ernst, 2 natürlich in der Art der Tribaden; schließlich aber siegt 
die Natur, die Tribade ist mit ihrer Kunst zu Ende und wird 
wieder zum Weibe „sans phrase", sie wendet sich von den triba- 
dischen Scheinlüsten, die sie nur reizen und ihre Brunst durchaus 

1 Die .hängende Hüfte* ist die Scham der obenaufliegenden Tribade, in der 
Weise der Fotis, bei Apuldus, Metam. II, Kap. 17, welche ihren Lucius .mit 
der Frucht der hängenden Venus speiste*. 

> Tatsächlich ist das alles im Jahre 1791 in Paris auf offener Bühne natur- 
getreu dargestellt worden, wo, wie der Verfasser der Gynäologie 10, 423 erzählt, 
ein nackter Mann ein ebenfalls nacktes Weib in der Rolle von Wilden, unter 
dem Beifallsklatschen einer großen Menge Zuschauer beiderlei Geschlechts, 
regelrecht umarmte. Aber es gibt nichts Neues unter der Sonne. Denn es war 
schon bei den Römern eine alte Sitte, daß die Bühne, wenn das Spiel zu Ende 
war, in ein Bordell verwandelt wurde, damit die Zuschauer Gelegenheit hätten, 
das, was sie eben noch mit lüsternen Augen gesehen hatten, selber ins Werk zu 
setzen, nicht ohne daß ein Herold vorher den Spektakel ankündigte. Tertullianus, 
De spectaculis, Kap. 17: .Sogar Prostituierte, die Opfer öffentlicher Wollust, 
werden auf die Bühne gebracht, noch mehr gedemütigt durch die Gegenwart der 
Frauen, denn nur denen war ihr Anblick ungewohnt; Männer jeden Alters und 
jeden Standes unterhalten sich laut über sie, während ein Herold ihre Wohnung, 
ihren Preis, ihr Lob, ja, alles was dem Publikum wissenswert scheint, ver- 
kündigt' — Isidoras, Orig. XVIII, 42: .Im Grunde genommen ist Theater und 
Bordell ganz dasselbe, denn, wenn das Spiel zu Ende ist, werden die Huren 
dort preisgegeben.' Solch ein ähnliches Spiel müssen auch die Entführer jener 
Dirnen getrieben haben, von denen Livius II, 18 erzählt: .In diesem Jahre kam 
es in Rom, als während der Spiele von jungen, mutwilligen Sabinern feile Dirnen 
geraubt wurden, durch einen Auflauf zu Zänkereien und beinahe zum Gefecht' 

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nicht befriedigen, wieder ab und von allen Seiten ertönt das Ge- 
schrei: „Jetzt ist's Zeit, Männer hereinzulassen", sogleich gehen 
welche, um Jünglinge aus den besseren Ständen herbeizuschleppen, 
oder, wenn sie keine finden, Sklaven, sind auch keine Sklaven bei 
der Hand, so wird der gemeinste Pöbel von der Gasse aufgelesen, 
ja wenn sie auch dessen Umarmungen nicht einmal genießen 
können, zögern diese schamlosen Weiber nicht, ihre Hinterbacken 
einem — Esel hinzuhalten. 1 

Über den Ursprung der Tribaden 3 findet sich bei Phaedrus 
eine Fabel IV, 15: 

Es fragte einer, woher die Tribaden wohl 

Und Weichling' stammen. Antwort gab ein Greis: 

Prometheus der aus Erde Menschen schuf, 

Hat jene Teile, die verhüllt man schamhaft trägt, 

Für sich besonders eines Tags geformt, 

Um sie den fertigen Körpern anzupassen dann. 

Nun traf es sich, daß Bacchus ihn zum Mahle lud, 

Wo er vom edlen Nektar manchen Becher trank. 

Spät kam er heim, ein bißchen schwankend schon. 

Vom Wein umnebelt und dem Schlaf schon nah 

Fügt er des Weibes Glied dem Manneskörper an 

Und gab dem Weiberleib des Mannes stolzes Glied. 

So kommt die Wollust nun zu spärlichem Genuß. 

Das den Weibern angefügte männliche Glied ist natürlich die 
Klitoris mit ihrer ungeheuer großen Spannung, deren sich die 
Tribaden statt eines Penis bedienen können; dagegen wird das 
Jungfernglied, welches den Männern angepaßt ist, wohl nichts 



1 Nicht zu übersehen ist hier die feine Beobachtung, welche der Dichter 
macht: .unter den stehenden Esel setzt sie ihr Gesäß*. Er weiß, daß ein Weib 
von einem Esei kaum anders als von hinten bestiegen werden kann. 

2 Anders stellt sich Plato, im Gastmahl, S. 191 e, die Sache vor. Er 
sagt dort, nachdem er die bekannte Erzählung, wonach Zeus die Menschen 
In zwei Naturen gespalten habe: .Alle Weiber aber, welche Abschnitte 
eines Weibes sind, die kümmern sich nicht viel um die Männer, sondern 
sind mehr den Weibern zugewendet und die Tribaden stammen aus diesem 
Geschlecht' 

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anderes sein als die hintere Öffnung, die den Kinäden ebenso 
juckt wie den Weibern meistens der vordere Eingang. 

Auch zu den Zeiten des Tertullianus fehlte es nicht an Tri- 
baden, die er „Reiberinnen" (Frictrices) nennt. De pallio, Kap. 4: 
„Siehe die Huren an, die Jahrmärkte der Pöbelwollust, ja sogar 
die Reiberinnen." Ebenderselbe, De resurrectione camis, Kap. 16: 
„Und doch nenne ich einen Kelch nicht vergiftet, in den irgend 
ein Sterbender hineingerülpst hat; aber ich frage dich, ob du 
einen solchen, der von dem Hauch einer Reiberin, eines Ober- 
priesters der Cybele, eines Gladiators oder eines Henkers ange- 
steckt ist, weniger verabscheuen würdest als deren Küsse?" Auch 
im Zeitalter der Aloisia waren die Kunstgriffe der Tribaden nicht 
in Vergessenheit geraten. „Halte mich," sagt Tullia, S. 30 (16), 
„darum nicht für schlechter als die anderen: dieser Geschmack 
ist fast über die ganze Welt verbreitet Die Italienerinnen, die 
Spanierinnen, die Französinnen lieben gern ihre Geschlechts- 
genossinnen, und wenn die Scham sie nicht zurückhielte, würfen 
sie sich am liebsten brünstig einander in die Arme." Ja sie bringt 
sogar Beispiele tribadischer Raserei und Anstrengung, III, 117 (272): 
„Fernando Porzios Schwester Enemonda war von großer Schön- 
heit Ihre Freundin war die nicht weniger schöne Francesca Bellini. 
Sie wußte selber nicht, wer von ihnen beiden die Freundin 
am heißesten liebte. Oft schliefen sie zusammen in Fernandos 
Hause. Dieser legte Francesca jene geheimen Schlingen, an denen 
Frau Venus ihren Spaß hat; das schöne Mädchen wußte, daß es 
begehrt wurde, und war stolz darauf. Von seinen Begierden ge- 
foltert, hatte der Jüngling schon beim ersten Schimmer der 
Morgenröte sein Bett verlassen; er kühlte seine Glut, indem er 
im Laubengang die frische Morgenluft einsog. Im Nebenzimmer 
krachte das Bett seiner Schwester, von heftigen Stößen erschüttert. 
Die Tür stand offen: Venus war dem Liebenden hold gewesen, 
indem sie die Mädchen diese Nachlässigkeit begehen ließ. Er 
tritt bei ihnen ein; blind vor Wollust, trunken vor Wollust, sehen 
sie ihn nicht. Nackt ritt Francesca auf der nackten Enemonda; 
sie ritt auf ihr Galopp. — „Die adeligsten und geilsten Schwänze," 
sagte Francesca, „bewerben sich um meine Jungfernschaft Ich 
werde den schönsten wählen, — aber nicht für mich, sondern für 

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dich. So will ich deinen und meinen Geschmack befriedigen." 
Bei diesen Worten bearbeitete sie sie mit aller Macht Fernando 
springt nackt in ihr Bett; die Mädchen in ihrer Angst wagen nicht 
davonzulaufen; er umklammert mit seinen Armen die von ihrem 
Ritt ermüdete Francesca, küßt sie und ruft: „Wie, du Bösewicht, 
du wagst es, meine so reine, so keusche Schwester zu schänden? 
Das sollst du mir bezahlen I Ich werde die Schmach rächen, die 
meinem Hause angetan ist Erdulde meine Glut, wie sie die 
deinige erduldet hat" — „Bruder, lieber Bruder," erwidert Ene- 
monda, „verzeih zwei Liebenden! Gib uns nicht der Schande 
preis!" — „Niemand wird etwas davon erfahren," versetzt er, 
„möge Francesca mir ihre Kleine schenken, dafür schenke ich 
euch beiden meine Zunge." Aber viel stärker und lebhafter noch 
ist das Gespräch der Ottavia mit der Tullia als Tribade, in dem- 
selben Werke, S. 23 (13): 

„Tullia: Weiche doch nicht zurück, ich bitte dich! öffne die 
Beine! 

Ottavia: Du hast mich ja nun ganz und gar: dein Mund ist 
auf meinen Mund gepreßt, deine Brust auf meine Brust, dein 
Schoß auf meinen Schoß; darum will auch ich dich umklam mern, 
wie du mich umklammert hast 

Tullia: Hebe die Unterschenkel noch höher! Schließe deine 
Lenden über meinen Lenden zusammen. Ich lehre dich in deiner 
holden Unerfahrenheit jetzt eine neue Venus kennen. Wie eifrig 
du mir gehorchst I Schade, daß ich nicht so gut kommandieren 
kann, wie du exerzierst! 

Ottavia: Ach! ach! meine liebe Tullia, meine Herrin, meine 
Königin! Wie du mich stoßest, wie du dich hin und her be- 
wegst! Ich wollte, diese Lichter würden ausgelöscht; ich schäme 
mich, daß das Licht es mit ansehen soll, wie ich unter dir liege. 

Tullia: Gib acht, was du zu tun hast! Wenn ich stoße, so 
mußt du gegenstoßen; rüttle, bewege deine Hinterbacken, wie ich 
die meinen bewege; hebe sie so hoch, wie du nur kannst! 
Fürchtest du, die Luft könnte dir ausgehen? 

Ottavia: Wirklich, du machst mich mit deinen schnellen Stößen 
ganz müde; du pressest mich zusammen; glaubst du, ich würde 
mir von einer anderen in so wilder Weise Gewalt antun lassen? 

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Tullia: Komm, Ottavia, umklammere mich! Nimm mich hin! 
Da! da strömt mein Leben! ... Oh! wie glüht mir der Busen! 
Ach, ach . . . ach! 

Ottavia: Dein Gärtchen setzt das meinige in Brand. Hör 
doch auf! 

Tullia: Endlich, meine Göttin, bin ich dir Mann gewesen . . . 
meine Braut! meine Gattin! 

Ottavia: Oh, wollte der Himmel, du wärest mein Gemahl! 
Welch eine liebende Gattin würdest du an mir haben! welchen 
angebeteten Gatten würde ich besitzen! Aber du hast mein 
Gärtchen mit einem Regen überschwemmt; ich fühle mich ganz 
und gar naß! Mit was für Greueln hast du mich überströmt, 
Tullia? 

Tullia: Ja, freilich — ich bin fertig geworden. Aus dem 
untersten Kielraum meines Schiffchens hat in blinder Trunkenheit 
die Liebe ihren Venussaft in deinen jungfräulichen Kahn ge- 
schleudert." 

Leo Africanus in seiner Descriptio Africae (S. 336 der Elzevir- 
Ausgabe v. J. 1632) erwähnt die Tribaden in Fes: „Die verstän- 
digeren Leute nennen diese Weiber (eine Art Hexen) sahhaqät, 
was Lateinisch fricatrices heißt, weil sie die fluchwürdige Ge- 
wohnheit haben, das Venuswerk untereinander auszuüben. Ich 
kann einen anständigen Ausdruck dafür nicht finden. Wenn es 
manchmal geschieht, daß schöne Frauen zu ihnen kommen, ent- 
brennen die Hexen zu ihnen in Liebe, nicht anders als die Jüng- 
linge zu den Mädchen, und verlangen von ihnen als Lohn den 
Beischlaf, unter dem Vorgeben, daß es die Geister wollen. Auf 
diese Weise geschieht es oftmals, daß sie in dem Glauben, sie 
gehorchten den Befehlen der Geister, von den Hexen gemißbraucht 
werden. Es gibt sogar Weiber, die Vergnügen an der Sache 
finden und den Verkehr mit den Hexen suchen; sie erheucheln 
irgend eine Krankheit und rufen eine von ihnen zu sich oder 
schicken auch ihren armen Ehemann zu ihnen. Die Zauberinnen, 
die natürlich sogleich Bescheid wissen, bestätigen dann, daß die 
Frau von irgend einem Dämon gequält werde, und deswegen nur 
dadurch von ihm befreit werden könne, daß sie sich in ihre Ge- 
sellschaft aufnehmen lasse." 

320 



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Ob es noch heutzutage Tri baden gibt? Wenn es jetzt keine 
mehr gibt, so existierten sie doch sicherlich in Paris bis kurz vor 
der großen Revolution, wenn man dem Autor der Gynäologie 
Glauben schenken darf. Bd. III, S. 428. Dort bestand ein richtiger 
Verein von Tribaden, die den Namen Vestalinnen angenommen 
hatten; sie hatten ihre regelmäßigen Zusammenkünfte in be- 
stimmten Häusern; der Verein zählte nicht wenig Mitglieder und 
aus den höchsten Klassen der Gesellschaft, hatte gewisse Gesetze 
für die Aufnahme von Novizen, drei Grade: d£sid6rantes, postu- 
lantes und initiees; die Neueingetretene mußte sich, bevor sie den 
Grad der „postulantes" erlangte, einer dreitägigen schweren Probe 
ihrer Standhaftigkeit unterziehen: in ein Zimmer eingeschlossen, 
das mit den wollüstigsten Bildern und mit den gliedbegnadetsten 
Priapusstatuen auf das üppigste dekoriert war, mußte sie ein 
Feuer im Brande erhalten, das auf geheimnisvolle Weise so prä- 
pariert war, daß es sogleich verlöschte, sobald man zu wenig oder 
zu viel Brennmaterial hinzutat; auf vier Altären in diesem Tempel 
standen die Statuen Sapphos, ihrer Lesbischen Geliebten und des 
Chevalier d'fion, dem es gelungen war, sein Geschlecht so lange 
zu verheimlichen, reich geschmückt und von einem beständig 
brennenden Feuer beleuchtet. Daß sich auch die Frauen in Eng- 
land nicht ganz von der Tribadie freihielten, berichtet derselbe 
Autor im III. Teile, S. 394. Er erzählt nämlich, daß in London, 
zu Ende des XVIII. Jahrhunderts einige, wenn auch kleine Vereine 
von Tribaden, unter dem Namen Alexandrinische Klubs, 1 bestanden 
hätten. 

Das Vorstehende möge in bezug auf die eigentlichen Tribaden 
genügen. Unter Tribaden im weiteren Sinne versteht man aber 
auch Weiber, die in Ermangelung einer wirklichen Mentula durch 
Hineinbringen eines Fingers oder eines ledernen Penis in die 
Fut sich eine Art trügerischen, wollüstigen Kitzel verschaffen. 
Von diesem Mißbrauch der Finger erinnere ich mich, vor einiger 
Zeit in Deutschland viele Klagen gehört zu haben, die aber 
schließlich, wie es zu geschehen pflegt, wieder verstummten. Der 



1 Alexandrina collegia steht im Text. Wohl ein Versehen für Anandrina 
(Anm. d. Übersetzers). 

21 321 



aus Leder angefertigte Penis aber, griechisch öuoßog genannt, 1 
soll früher bei den Weibern in Milet sehr beliebt gewesen sein. 
Aristophanes, Lysistrata, Vers 108—110: 

Seit uns im Stiche ließen die Milesier, 

Ja zu Gesicht kam kein achtzoll'ger Tröster mir 

Von Leder, uns zu dienen als ein Notbehelf. 

Suidas, s. v. öktoßog: „Ein (männliches) Schamglied aus Leder, 
dessen sich die Milesierinnen, die Tribaden und die welche sehr 
üppig waren, bedienten. Auch Witwen gebrauchten es." Derselbe, 
s. v. fuoTjrf: „Cratinus sagt irgendwo: Weiber aber, welche nach 
dem Koitus verlangen, mögen sich des Olisbos bedienen." Diese 
Stelle zitiert auch Hesychius. 3 Auf die Frage, ob auch noch heut 
vernachlässigte Schöne zum ledernen Notbehelf greifen, mag 
Aloisia in ihrer Naivetät uns die Antwort geben, S. 31 (17): „Die 
Milesierinnen machten sich aus Leder Dinger von acht Zoll Länge 
und entsprechender Dicke. Aristophanes sagt uns, die Frauen 
seiner Zeit hätten sich solcher Werkzeuge bedient Auch heute 
noch nimmt bei den Italienerinnen, und besonders bei den Spa- 
nierinnen, auch bei unseren asiatischen Geschlechtsgenossinnen, 
dieses Instrument den Ehrenplatz auf dem Putztisch der Damen 
ein und ist der kostbarste Gegenstand der ganzen Einrichtung. 
Es ist sehr teuer." 

Die römischen Damen 8 fanden, wie man weiß, großen Gefallen 
an einer gewissen Art unschädlicher Schlangen, welche eine sehr 



1 Einer anderen Anwendung des ledernen Penis ist oben bei Kap. II ge- 
dacht worden. (Der Olisbos, und wahrscheinlich ein solcher von übernatürlicher 
Größe, gehörte auch zu den — Requisitenstücken der antiken Bühne; er war für 
Komödien, Satirspiele und Atellanen unentbehrlich, und sein Oebrauch ist viel- 
fach durch Vasenbilder bezeugt. Vgl. Saufejus ab Amphoris, De olisbo, comi- 
corum vcteris Graeciae instrumenta. 1810. kl. 8°. (Anm. d. Obersetzers.) 

2 Nachzutragen ist hier Herondas VI, ein Dialog, in dem sich zwei intime 
Freundinnen über die besten Bezugsquellen von Selbstbefriedigeren sehr ungeniert 
mit Angabe sämtlicher Details unterhalten (Anm. d. Übersetzers). 

s Diese Art von Schlangen diente aber auch den Männern zur Kurzweil. 
Suetonius, Tiberius, Kap. 72: .Zu seinen Vergnügungen gehörte eine große, ge- 
zähmte Schlange; als er nun dieselbe wie gewöhnlich füttern wollte und sie von 

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kühle Körpertemperatur hatten, und in den Sommermonaten zur 
Abkühlung der Haut dienten. Martial, VII, 87: 

Wenn die kühlende Schlang' um den Hals Glaucilla sich windet 

Lukian, Alexander (Kap. 7): „In diesem Lande sahen sie eine 
Art ungewöhnlich großer Schlangen oder Drachen, die so harmlos 
und zahm sind, daß sie von einigen Weibern wie andere Haustiere 
aufgezogen werden, bei den Kindern schlafen, sich ohne böse 
zu werden necken und mit Füßen treten lassen, ja sogar wie 
Säuglinge an die Brust gelegt werden, um statt jener die Milch 
auszuziehen." Unser gelehrter Boettiger vermutet daher, gewiß 
nicht mit Unrecht, in seiner „Sabina", einem in deutscher Sprache 
geschriebenen Werke, das die genaueste Kenntnis des römischen 
Lebens verrät (S. 454), daß diese Schlangen den wollüstigen 
Damen auch andere Dienste geleistet haben. Hiernach wird es 
leicht verständlich, was der Mutter des Augustus, Atia, begegnet 
war oder ihr doch hätte begegnen können, wie Suetonius, Augustus, 
Kap. 94 schreibt: „In den Theologischen Abhandlungen" des 
Asklepiades von Mendes lese ich, Atia habe sich um Mitternacht 
zu einem feierlichen Gottesdienste in den Tempel des Apoll be- 
geben und sei dort, während die anderen Frauen schon schliefen, 
ebenfalls eingeschlummert. Da sei eine Schlange zu ihr geschlüpft 
und habe sich bald darauf wieder entfernt, sie selbst aber habe 



Amelsen verzehrt fand, sah er darin eine Mahnung, sich vor der Übermacht der 
Menge zu hüten.' PHnius (hist. nat. XXIX, 4) erwähnt die Sache flüchtig: .Die 
Askulapiusschlange wurde von Epidaurus nach Rom gebracht, und man hält sie 
jetzt allgemein in den Häusern.' Ebenso Seneca, De ira, II, 31: .Ohne Schaden 
läßt man sich bei Trinkgelagen kriechende Schlangen an den Busen schleichen.* Daß 
es keine kleinen Tiere waren, sieht man aus der Erzählung des Philostratos, Heroica 
VIII, 1 : .Er (der Lokrlsche Alax) habe auch eine zahme Schlange von fünf Ellen 
Länge gehabt; diese habe mit ihm getrunken, ihm Gesellschaft geleistet, auf dem 
Wege seinen Führer gemacht, und ihn begleitet wie ein Hund." Lukian sagt 
a. a. O., daß solche Schlangen bei Pella In Makedonien häufig vorkommen. Auch 
heute noch gibt es in Italien welche, vgl. Lipsius' Kommentar zum Seneca. 
(Gegen Ende des XIX. Jahrhunderts erzählte man sich von der Contessa Morosini, 
einer gefeierten Schönheit der venezianischen Aristokratie, daß sie fast stets eine 
kleine zahme Schlange bei sich trage (Anm. d. Übersetzers). 

21. 323 



sich beim Erwachen, in dem Gefühl, daß ihr Mann den Beischlaf 
mit ihr vollzogen, von demselben gereinigt" Es wäre auch nicht 
verwunderlich, wenn solch eine Schlange, auch ohne daß Atia sie 
es geheißen, einen Ort aufgesucht hätte, der ihr aus Erfahrung 
wohlbekannt war und wenn sie dann der vom Schlafe Aufwachen- 
den das Gefühl zurückgelassen hätte, das ein wirklicher Koitus 
zu hinterlassen pflegt 1 



1 In einem japanischen Roman, Inadzuma hyöshi, von Kyödcn, sucht eine 
Schlange den Schoß eines jungen Mädchens auf und ist durch keine Gewalt von 
dort zu vertreiben, .wie denn die Schlangen sehr wollüstige Tiere sind,* — 
bemerkt der Autor. Ann. d. Übersetzers. 



324 



* 



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SIEBENTES KAPITEL. 



Von dem Koitus mit Tieren. 

Da wir nun in unseren Untersuchungen so weit gekommen 
sind, liegt es ja von deren Gegenstand nicht fern, wenn wir auch 
einiges über die Zügellosigkeit derjenigen hinzufügen, die den 
Koitus mit Tieren ausübten. Es ist nachgewiesen worden, daß 
die Bewohner von Mendes 1 in Ägypten dem Bock göttliche Ehre 
erwiesen und sein Fest in der Weise feierten, daß sie ihm öffent- 
lich ihre Weiber, auch gegen deren Willen, preisgaben. Herodot 
II, 46: „Auch geschah in demselben Nomos (dem mendesischen) 
dieses Wunder, als ich dort war. Mit einem Weibe vermischte 
sich ein Bock öffentlich." Strabo XVII, 802: „Mendes, wo Pan 
verehrt wird, und ein Tier, der Bock. Hier vermischen sich die 
Böcke mit den Weibern." 2 Daß die Sache auch den Hebräern 
nicht unbekannt war, lernen wir aus dem Gesetzbuche des Moses, 
Levit XX, Vers 15 — 16: „Wenn jemand beim Viehe liegt, der soll 
des Todes sterben, und das Vieh soll man erwürgen. Wenn ein 
Weib sich irgend zu einem Viehe tut, daß sie mit ihm zu schaffen 
hat, die sollst du töten, und das Vieh auch." Würde wohl 
Juvenal je auf die Idee gekommen sein, die er in den Versen VI, 
333—334 ausdrückt: 



1 Plutarchus, De brutis ratio ne utentibus (mor. 989): .Man sagt, daß der 
Bock zu Mendes In Ägypten, trotzdem man ihn mit vielen schönen Weibern 
zusammensperrt, doch keine rechte Lust bezeigt, sich mit ihnen zu vermischen, 
dagegen den Ziegen gegenüber sogleich in Brunst gerät* 

* Wenn die Mitteilung bei Venette II, 4, 3 Glauben verdient, soll es noch 
Jetzt nichts Gewöhnlicheres in Ägypten geben, als daß sich Mädchen mit Ziegen- 
böcken vergehen. 



„dann zögert sie auch nicht 
Hinzustrecken die Hüfte dem auf sie steigenden Esel;" 

würde Apuleius die erbauliche Geschichte erzählt haben, wie der 
durch ein Versehen der Fotis in einen Esel verwandelte Lucius 
den Koitus mit einer vornehmen Dame ausübt, wenn nicht zu 
ihren Zeiten wirklich solche Dinge ab und zu passiert waren? 
Die bekannte und von Apuleius mit allen Details erzählte Episode 
findet sich im „Goldenen Esel", Buch X, Kap. 22: „Aber ich hatte 
wirklich nicht geringe Angst, wie ich mit meinen vier langen und 
ungelenken Beinen die zartgebaute Dame besteigen, wie ich so 
sanfte, zarte, glänzende, von lauter Milch und Honig geknetete 
Glieder mit harten Hufen umfassen, wie ich so kleine, ambrosia- 
duftende Purpurlippen mit einer so breiten und plumpen Schnauze, 
mit unförmigen, steinernen Zähnen küssen, und wie endlich die 
Dame — mochte sie auch vor Wollust bis in die Fingerspitzen 
glühen — ein so übergroßes Zeugungsglied aufnehmen könnte. 
Unterdessen verdoppelte die Dame ihre Liebkosungen, herzte, 
küßte mich, und girrte und verdrehte im Taumel stehender Be- 
gierden die Augen. Zuletzt rief sie: ,Hal Nun hab ich dich, 
mein Täubchen, mein Vögelchen!' Und mit den Worten zeigte 
sie mir, daß alle meine Besorgnis und Furcht töricht und über- 
flüssig war, denn sie umschlang mich und nahm mich ganz 
— ganz, sage ich — auf. So oft ich, ihrer schonend, mein 
Hinterteil zurückzog, so oft flog sie elastisch in jähem Schwünge 
mir nach, und immer fester meinen Rücken umfassend, schmiegte 
sie sich brünstig an mich, so daß ich, beim Herkules, gar glaubte, 
ich sei noch nicht stark genug gebaut zur Befriedigung ihrer 
Üppigkeit" Zur Zeit des Papstes Pius V. (1566—1572) verging 
sich ein Mädchen aus Toscana mit einem Hunde, wie Venette 
II, 4, 3, erzählt, und in Paris wurde im Oktober des Jahres 1601, 
wie Elmenhorst zu der eben zitierten Stelle des Apuleius an- 
merkt, eine Frau gefunden, welche mit einem Hunde zu tun 
gehabt hatte; es wurden daher die Gesetze nachgeschlagen, um 
sie zu bestrafen und auf den einstimmigen Urteilsspruch des 
Rates wurden das ehebrecherische Weib und ihr „Mann", der 
Hund, bei lebendigem Leibe verbrannt. Ja, sogar von einem 
326 



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Krokodil hat sich ein Weib benutzen lassen, wenn wir Plutarch, 
De solertia animalium (mor. 976) Glauben schenken dürfen: 
„Kürzlich erzählte mir der treffliche Philinus, der von einer Reise 
aus Ägypten zurückgekehrt war, daß er in Antaipolis ein altes 
Weib bei einem Krokodil auf einem Ruhebett ganz friedlich und 
einträchtiglich habe schlafen sehen." 

Auch die Männer verachteten die Cunni aus dem Tierreiche 
nicht Die Monumens du culte secret d. d. r. zeigen auf Taf. III 
das Bild eines Mannes, der eine Ziege fickt; allerdings hätte 
der Verfasser des Textes hierzu nicht den gar nicht passenden 
Vers Virgil, Bucol. III, 8: 

Wissen wir doch, wer dich — (nämlich: päderastiert hat), 
als seitwärts schielten die Böcke 

zitieren sollen. Daß in unseren Gegenden Schäfer und andere 
Leute aus den niedrigsten Ständen außer an Ziegen, auch an 
Schafen, Kühen und Stuten manchmal Gefallen finden, bezeugen 
die Gerichtsakten. 



327 



ACHTES KAPITEL. 



Von den Spintrien. 

Bei den Arten der Geschlechtslust, die wir in den vorher- 
gehenden Kapiteln erläutert haben, kamen solche geschlechtliche 
Handlungen in Betracht, an denen meist zwei Personen teil- 
nahmen. Es kommen aber auch Szenen der Wollust zwischen 
mehr als zweien, zwischen dreien oder mehreren Personen vor, 
Akte, die wir mit dem von Tiberius erfundenen Kunstausdruck 
„Spintrien" (spintriae) nennen wollen. Suetonius, Tiberius, Kap. 43: 
„In seiner Abgeschiedenheit zu Capri aber erdachte er gar sein 
Sofazimmer (sellaria) als Sitz geheimer Ausschweifungen, in 
welchem Scharen von überall zusammengebrachten Mädchen und 
Lustknaben und Erfinder unnatürlicher Beischlafsweisen, die er 
„Spintrien" zu benennen pflegte, zu dreien verbunden miteinander 
Unzucht treiben mußten, während er zuschaute, um durch den 
Anblick die abgestumpften Begierden aufzustacheln." Die „sel- 
laria" war wohl, wie das Wort besagt, ein mit Polstermöbeln ver- 
sehener Raum. Diejenigen, welche sich auf diesen Polstern und 
Ruhebetten gegenseitig schändeten, hießen, nach dem Orte, Sel- 
larii, und nach ihren Verschlingungen Spintriae; denn nach Festus, 
S. 443, ist spinter „eine Art Armreif, den die Frauen am linken 
Oberarm trugen". Das Wort scheint aus sphincter, griechisch 
aquyxTrjQ, entstellt und von tHpiyyoi, „ich umschnüre" abgeleitet zu 
sein, also etwa „Armschlinge" zu bedeuten. Tacitus, Annales VI, 1; 
„Und jetzt erst erfand man die bisher unbekannten Namen der 
Seilarier und Spintrier, nach der Einrichtung des Ortes zum laster- 
haften Gebrauch und den vielerlei Arten der Preisgebung." Spintrier 
sind also diejenigen, die wie die Ringe eines Armreifes aneinander 
328 



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hängen und miteinander den Dienst der Venus verrichten. Es 
können also drei eine Gruppe bilden, derart, daß der mittlere ein 
Fututor oder ein Päderast, der vordere ein Mädchen oder ein 
Kinäde, der hintere ein Päderast ist Solch eine Kette stellten 
jene drei dar, die Ausonius in seinem 59. Epigramm (S. 334 Peip.) 
schildert: 1 

Dreie in einem Bett, davon zwei Schande erdulden, 
Zwei sie begehn. „Aber dann," sagst du, „sind es ja vier." 

Aber du täuschst dich. Die beiden am End' haben je eine Rolle; 
Doppelt zähl* den in der Mitf, weil er erduldet und tut. 

Eine spintrische Szene mit einem Kodierenden in der Mitte 
zeigt die Taf. XL in den Monumens de la vie prive"e d. d. C, 
eine solche mit einem Päderasten Taf. XXVII. 

Es ist aber nicht einmal nötig, daß der in der Mitte der 
Gruppe den Beischlaf ausübt oder Päderastie treibt Er kann 
nämlich so zwischen seine beiden Partner verteilt werden, daß er 
von hinten die Liebesbezeigungen eines Päderasten empfängt, 
von vorn aber als Irrumator, Fellator oder Cunnilingus tätig ist. 
Das alles versuchte und variierte durch neue Erfindungen jener 
Hostius, ein sonderbares Genie auf dem Gebiete der raffiniertesten 
Wollust, wie nur je eines dem Gedächtnis der Nachwelt auf- 
bewahrt worden ist, ein Mann, gegen'den Seneca fast heftiger, als 
es der Ruhe und Unparteilichkeit eines Philosophen zukommt, 
losdonnert, Nat Quaest I, 16. Er nimmt sich diesen Sünder so 
genau vor, daß seine Philippica den Eindruck erweckt, irgend ein 
heimliches Wollustgefühl habe dabei die Brust des strengen 
Tugendhelden durchschauert: „Hier will ich dir ein Geschichtchen 
erzählen, woraus du erkennen magst, wie die Genußsucht kein 
Mittel zur Reizung der Lust verachtet, und erfinderisch ist, ihren 
Wahnsinn noch mehr anzufachen. Ein gewisser Hostius war ein 
solcher Wüstling, daß man ihn sogar auf der Bühne bloßstellte. 
Diesen reichen Geizhals, den Sklaven von hundert Millionen 
Sestertien, als er von seinen Sklaven ermordet worden war, hielt 



1 Dieses Epigramm des Ausonius ist eine Übersetzung aus dem Griechischen 
des Straton; Analecta Brunkii II, 380. 

329 



der vergötterte Augustus keiner Rache wert, und sprach es bei- 
nahe aus, es sei ihm eigentlich Recht geschehen. Dieser Mensch 
war nicht nur mit einem Geschlecht unzüchtig, sondern nach 
Männern ebenso lüstern als nach Weibern. Und er machte Spiegel 
von der Art, die ich soeben erwähnte, welche die Bilder bedeu- 
tend vergrößert wiedergeben, und in welchen ein Finger, sowohl 
der Länge als der Dicke nach, größer als ein Arm wurde. Diese 
stellte er so auf, daß, wenn er mit einem Manne zu tun hatte, er, 
denselben im Rücken habend, alle Bewegungen seines geilen 
Buhlen im Spiegel sah, und sodann an der vorgespiegelten Größe 
des Gliedes, als wäre es wirklich so, seine Lust hatte. In allen 
Bädem zwar hielt er seine Auswahl, und las sich Männer von 
gehörigem Maße aus, aber nichtsdestoweniger gab er dem un- 
ersättlichen Laster noch durch Täuschung höheren Reiz. Und 
nun sage man mir noch einmal, der Spiegel sei um der Reinlich- 
keit willen erfunden! Es ist ekelhaft zu erzählen, was jenes 
Scheusal, das sich nur mit eigenem Munde hätte zerfleischen 
sollen, gesagt und getan hat, da der Kerl von allen Seiten Spiegel 
aufstellte, um seinen eigenen Schändlichkeiten selbst zuzusehen, 
und was, auch geheimgehalten, auf dem Bewußtsein lastet, ja 
was jeder, wenn er dessen beschuldigt wird, wegleugnet, nicht nur 
in den Mund zu nehmen, sondern seinen eigenen Augen vor- 
zuhalten. Wahrlich, Schandtaten beben doch sonst vor ihrem 
eigenen Anblick zurück! Auch bei Verworfenen und zu jeder 
Schändlichkeit sich Hergebenden ist doch noch eine zarte Scheu 
vor dem Anblick vorhanden. Jener aber, als ob es nicht genug 
wäre, Unerhörtes und Unbemerktes mit sich anfangen zu lassen, 
hat auch noch seine Augen dabei haben wollen, und, nicht zu- 
frieden mit dem, was er von seinen Sünden sehen konnte, hat er 
sich noch mit Spiegeln umstellt, in denen seine Schandtaten ver- 
teilt und geordnet sein mußten; und weil er es nicht genau sehen 
konnte, weil er zusammengedrückt war und den Kopf gesenkt 
hatte, und an den Schamgliedern eines andern hing, so hielt er 
sich sein Tun durch Abbilder vor. Er studierte solch wollüstigen 
Anblick und beschaute sich die Männer, die er zu allem auf 
einmal zuließ. Bisweilen zwischen einem Manne und einem 
Weibe geteilt und den ganzen Körper preisgebend, schaute er 

330 



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auch diese Abscheulichkeiten mit an. Blieb denn für diesen un- 
flatigen Menschen noch etwas im Dunkeln zu tun übrig? Er 
scheute den Tag nicht, sondern hielt sich die unnatürlichen Be- 
gattungen selbst vor und machte sie sich zurecht Wie? sollte 
man glauben, er habe in diesem Zustande gemalt sein wollen! 
Auch die Verworfensten haben noch eine Art von Züchtigkeit, 
und Leute, die ihre Person der Entehrung für jedermann preis- 
geben, halten noch etwas vor, um die heillose Hingebung zu 
verdecken: so ist auch im Bordell noch einigermaßen Sittlichkeit 
zu Hause. Aber jenes Ungeheuer hatte sein wüstes Treiben zum 
Spektakel gemacht, und ließ sich selbst dasjenige sehen, was zu 
verbergen keine Nacht dunkel genug ist Mit einem Manne und 
mit einem Weibe sagte er, habe ich zugleich zu tun; nichtsdesto- 
weniger will ich mit dem Teile an mir, der noch nichts zu tun 
hat, noch auf andere Art die Schändlichkeit vergrößern. Alle 
Glieder sind im Dienste der Unzucht; auch die Augen sollen an 
der Wollust teilnehmen und ihre Zeugen und Förderer sein! 
Auch das, was vermöge des Baues unseres Körpers den Blicken 
entzogen ist, soll auf künstliche Art sichtbar werden, damit nie- 
mand meine, ich wisse nicht was ich tue. Die Natur hat es 
schlecht eingerichtet, daß sie der menschlichen Lust so geringen 
Vorschub geleistet, daß sie die Begattung anderer Tiere besser 
bedacht hat So will ich denn erfinderisch genug sein, wie ich 
meiner Leidenschaft zugleich abhelfe und genugtue. Wohin käme 
meine Verworfenheit, wenn ich naturgemäß sündige? Ich will 
mich mit einer Art von Spiegeln umstellen, die mir die Gestalten 
unglaublich vergrößert zurückwerfen. Wäre es mir möglich, so 
würde ich sie in der Wirklichkeit so machen; weil das nicht an- 
geht, so will ich meine Lust an der Täuschung haben. Meine 
Unzüchtigkeit soll mehr schauen, als sie tun kann und soll ihr 
eigenes Treiben bewundern. — O, des empörenden Greuels! 
Dieser Mensch ist vielleicht schnell, und ehe er es merkte, ge- 
tötet worden. Vor seinem Spiegel hätte er geschlachtet werden 
sollen." 

Ein Bild des Kaisers Tiberius, wie er auf eigentümliche, aber 
keineswegs abstoßende Art als Spintrier fungiert, zeigt die Tafel XXI 
in den Monumens de la vie privSe d. d. C. Der Kaiser ist dort 

331 



in halbliegender Stellung im Begriff, einem Madchen, das über 
ihm schwebt, den Cunnus zu lecken, während er einem anderen 
Mädchen den Penis zum Saugen darbietet. 

Es lassen sich indessen auch mehr als drei Personen zu einer 
längeren Kette verbinden. Wenn jemand ein Mädchen fickt, 
während zugleich er und das Mädchen päderastiert werden, so 
hat man die vier in dreifacher Reihe verbundenen Spintrier des 
Tiberius, nach Suetons eben angeführten Worten. Stellt man an 
jedes Ende dieser Kette wieder einen Päderasten, so hat man 
eine Gruppe, in welcher fünf in vierfacher Reihe aneinander ge- 
koppelt sind. Martial XII, 43: 

Neue Formen der Venus gibt es dorten, 
Wie sie wagen verlebte Rouös können, 
Was verschwiegen wohl Ausgediente bieten: 
Wo sich fünfe zu einer Gruppe fügen, 
Sich aus mehreren eine Kette bildet 

Eine höchst künstlich zusammengestellte Gruppe von fünf Teil- 
nehmern zeigt Tafel XXXVI in den Monumens de la vie prive"e 
d. d. C: Nero, nach vorn gewendet, fickt ein auf dem Rücken 
liegendes Mädchen und leckt eine andere, welche steht; er selbst 
wird päderastiert, ebenso hat das stehende Mädchen einen Päde- 
rasten hinter sich. Es versteht sich von selbst, daß man eine 
solche Kette bis ins Unendliche ausdehnen kann. 



332 



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AUTOREN-VERZEICHNIS 





Seite 




Seite 


Aelianus, varia historia XI, cap. 12 235 




nco 


Aetius 


... 221 


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Alanus 


... 24 


941 


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Alcuinus 


... 295 


OA1 


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Aloisia Sigaea p. 23—25 


... 319 




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30 


... 318 


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31 


322 


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36. 37 


. 305. 307 


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84 

. • Ort 


40 


... 196 






60 


... 198 


48 

TV • • * 


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73 . . 


... 50 


113—116 . 


. . 279 


74. . 


80. 195. 307 


114. . . 


. . 116 


81 . . 


. 114. 308 


117. 118 . 


. . 318 






Analecta critica Huschkll p. 


245. 289 


125. . 


... 78 


Anthologia Graeca Brunkii 




143. , 


... 78 


I, p. 217. . . 


. . 201 


149. . 


196. 209 


504. . . 


196. 307 


152. . 




II, 386... . 


. . 289 


167. . 








180. . 












334 , . . 


. . 291 


186. . 




Anthologia Lat. Bann. 




187. . 


... 114 


sec. I, p. 669. 670 . 


. . 90 


189. . 


... 205 




. . 116 


191 




592 . , 


22 


194. . 


. 203. 207 


Apuleius, apol., cap. 74 . . 


. . 8 


223 . . 


. . . 263 




8 


224. . 




II, cap. 17 . . 


6. 201.316 


226. . 


... 261 


III, cap. 20. . 


. 8. 227 



333 



Seite 

Apuleius,metamorph.IX,cap. 7. 22. 210 
X,cap.22 . . 326 

Aristophanes, 

avium v. 1254 197 

eccleslas. v. 724 223 

v. 918 247 

cquit. v. 1283-1286 289. 302 
Lyslstratae v. 60. . . . 

82. . . . 



108-110 



201 

274 
223 
322 



151-152 . 223. 2% 





231 


210 






201 




1158 


293 


nubium v. 


1083 


224 


pacis v. 


889-890. . . 


197 




885 


290 




896 ..... 


210 


ranarum v. 


515 


223 




1308 


247 




1323 


190 


thesmoph. v. 


98 


190 




537-538. . . 


224 


vesparum v. 


501 


200 




737-740. . . 


277 




1280 


290 




1343-1345 . . 


277 




1346 .. . 246. 247 


istoteles tust. 


anim. II, cap. 17. 


160 



IX, cap. 50 . 306 
Arnobius II, cap. 42 265 

Athcnacus VIII, 335 c 188 



XII, 515e 
554c 



306 
228 



XIII, 579 a 229 

580f 229 

581c 229 

582 f 229 

602f 240 

603 e ... 235. 240 

604d 235 

XIV. 620e 190 



Seite 

Ausonius, epigr. 59 329 

77 241 

78 . . . 256. 292 

79 . . . 250. 303 
82 292 

84 293 

85 294 

86 294 

87 295 

profess. Burdegal. 131 . 222 

Baelius 191 

Brichius 132 

Bruno (Raph.) 182 

Capitolinus (Julius) M.Ant. cap. 23 136 

Pertin. cap. 8 220 

Carbo (Ludov.) 152 

Catullus 1 76 

V 162 

X 258 

XV 258 

XXVIII 258 

XXXIII 78 

XXXIV 218 

XXXVII 14. 258. 301 

XLVII 76 

LVII 78. 232 

LXVIIl 74 

LXIX 28. 44 

LXXX 36. 44. 46. 303 

XCVII 26. 28 

Catulus (Qu.) 90 

Celsus VII, cap. 25 273 

Cicero pro Caelio cap. 32 ... 287 
pro domo cap. 10. 18. . 287 
31 . . . 287 
de oratore II, cap. 256 . 259 
CoeliusRhodig.LectantXV.cap.lO 215 

Columella VII, 9 306 

Dio Cassius LIV, cap. 19 ... 204 
LXXIX, cap. 13 ... 134 
Diogenes Laertius III, cap. 23 . . 235 
VI, cap. 2, 46 . 275 



334 



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Seite 

Eustathius 247 

Festus 253. 258. 328 

Galenus 249 

Gynaeologia III, p. 392 . . . . 212 

394 .... 321 

423 ... . 316 

427 .... 241 

428 .... 321 
Herodotus I, cap. 135 .... 240 

II, cap. 46 ... . 325 

89 .... 283 

Hieronymus ad Ezech., cap. 23. 14 

in Hegesippo ... 233 

in vita Hilarionis . 300 

Homerus Iliad. IX, 498—508 . . 58 

Horatius.carminumll, 13, 25 . . 309 

III, 6,25—32. 252 

IV, 10 . . . 217 
cpodum V, 41 . . . 311 

58 ... 118 
VIH 17-20.116.255 

XI, 217 ... 237 

XIV, 9, 10 . . 2.36 

XV. 1 ... 118 
sat I, 2. 93 . 84. 239 

116—119 237 

5, 62 .. 253 
II. 7, 48 200. 239 

50. 64 . 200 

cplst. I, 16, 36 . 259 

19, 28 . 309 

Joannes Sarisber 279 

Joannes Secundus bas. 7 ... 160 

19 . . . 162 

Jovius (Paulus). 170 

Isidoras orig. IX, cap. 2 ... 20 

XVIII, cap. 42 . . . 316 

Justinus IX, cap. 6 231 

Juvenaiis II, 8—13 219 

20 -22 226 

41 162 

47—49 313 

50 304 



Juvenaiis II, 107 . . 

VI, 8 . . 
63-65. 
121-123 
128-130 
193-195 
237. 238 
254 

299. 300 
309—334 
336-340 
366—368 
368—378 
373. 374 
422. 423 
460-472 
VIII, 114 . 
130' . 

IX, 4 . 
13-15 
26 . 
32-36 
34 . 
40 . 
42-46 
78 . 
92 . 

130 . 

X, 205. 206 
223 . 



317 . 
XI. 162-165 
188 

XV, III. 124 
131—133 
Lactantius instit. div. VI, 



Seite 
. 225 
. 82 
. 314 
134. 239 
12.82.118.239 
114. 278 
. . 273 
. . 315 
. . 254 
313. 325 
. 315 
. 300 
. 300 
. 217 
48. 279 
. 225 
. 221 
. 128 
272. 290 
. 221 
. 22 
. 216 
116. 304 
50. 226 
. 22 
. 134 
. 14 
. 24 
. 116 
. 78 
22. 48 
. 257 
. 274 
272. 315 
. . 20 
... 154 
cap. 23 . 254 



Lampridius Commodi, cap. 1 . 5 . 259. 283 



Heliogab. 



10. 

cap. 5. 
6. 
10. 
31. 



. 14.259 
.234.236 
. . 234 
. . 234 
. . 224 

335 



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Seite 

Lampridius Alex, scv., cap. 24 . 136 

Leo Africanus 320 

Livius II, cap. 18 316 

harsal. VI, 120 ... 100 
In Alexandre« .... 323 
amoribus . . . 311. 315 
pseudol. . 189. 236. 247. 248 
dialogis meretric. . . . 308 
de morte Peregrini . . 257 
Lucretius IV, 1259—1262 . 8. 52. 207 

Luxorius 116. 176 

Maccabaeorum über prior I, 15 . 273 
Macchlavellus hlstor. Florent . . 132 
Macrobius saturnal. II, cap. 4 . . 268 
Martialis praefat. libri I . . . 28 

I, 3 86. 130 

49 90 

53 94 

60 130 

77 303 

83 267 

90 311 

92 44. 299 

94 44. 266 

96 216. 291 

II, 1 170 

15 266 

28 44. 253. 299 

29 220 

42 267 

43 271 

47 257 

49 257. 272 

50 44. 263 

51 78. 216. 218 

52 264 

57 217 

61 44. 256 

62 217 

72 254 

73 44 

84 303 

89 44 

336 



Martialis 

III, 2 126 

5 94 

26 24 

58 217 

68 6. 46 

71 36. 230 

72 48. 138 

73 254. 267 

74 220. 221 

75 253. 263. 268 

76 30. 76 

77 286. 291 

80 254 

81 44. 256. 286 

82 44. 279 

83 44 

84 267. 289 

87 44. 254. 264 

88 44. 256 

93 48 

95 50. 226 

96 257. 297. 302 

IV, 12 265 

43 302 

48 10. 254 

50 44. 262 

81 258 

84 44 

V, 58 122 

61 220 

78 8 

VI, 23 276 

26 298 

36 12 

37 214. 222. 230 

44 266 

54 46 

55 294. 302 

56 219. 268 

67 299 

70 299 

71 274 



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Martlalls 

VI, 81 267 

93 220 

VII, 10 44. 134 

18 104 

30 256 

35 136 

46 36 

55 44. 256 

62 10. 48. 254 

69 310 

70 312 

87 323 

95 301 

VIII, 3 170 

21 72 

56 174 

73 102 

IX, 1 36. 170 

4 258 

27 217. 220 

33 216 

37 76 

40 313 

41 270 

47 218. 230. 254 

57 257 

60 237 

67 227. 236. 264 

X, 17 36 

19 64 

40 257. 263 

60 34 

63 259 

65 221 

68 114 

81 199 

90 224 

XI, 8 162 

16 315 

21 78 

22 272. 281 

25 



Martialis 

XI, 28 254 

29 276 

30 44 

40 263 

43 . . . .10. 22. 238. 272 

45 239. 265 

46 254. 263. 276 

47 298 

50 264 

57 218 

58 272 

60 114. 138 

61 285 

66 268 

70 282 

71 197 

73 270. 271 

75 136 

85 286. 298 

88 230 

95 266 

98 267 

100 84 

104 . . 6. 8. 114. 138. 200. 

228. 251. 273. 277 

XII, 32 223 

35 254. 258. 267 

43 191. 332 

59 301 

65 264 

71 265 

74 266 

79 265 

85 300 

86 298 

95 190 

96 239 

97 217. 276 

XIV, 74 268 

195 164 

203 8 

Mela II, cap. 7 308 

22 337 



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Ovidius, heroid.VIII, 
XXI, 



Seite 

Ncpos (Cornel.) Aldbiad., cap. 2 234 

Nonlus Marcellus . 236. 246. 247. 253 

25. 26 . 68 

15—20 . 308 

23. 24 . 70 

39. 40 . 156 

47. 48 . 114 
201. 

.1, 1. 28. 
6, 24. 
8, 43. 

84. 
10, 62. 
15, 5. 6 
7. 8 
30. 
34. 
II, 1, 35. 36 

4, 22. 
32. 

5, 51. 52 



. 152 
. 122 
70. 104 
. 134 
. 166 
. 68 
96 
. 164 
90 
. 152 
. 54 
2 

. 152 
57. 58 54.158 



16, 45. 
19, 18 . 
III, 2, 60 . 
3, 15. 

5, 1. 

6, 59. 60 

7, 8. 10 



124 
152 
90 
156 
118 
154 
112 



9-12 28.116 

17. . . 156 

23—26 118.140 

35. . . 116 

73. 74 . 278 

9, 62 . . . 102 

14, 22 . . . 56 
23. . . 54 

25. . . 140 

26. . . 134 

15, 7. 8 . . 164 
de arte amatoria I, 310. . . 124 

435. 436 . 187 

D. 457-460. 158 

338 



Ovidius, 
de 



III. 



metamorph. III, 



771—773 . 

774. . , 

775. 776 
777. 778 
779. 780 , 
781. 282 
785. 786 . 
787. 788 . 
795. 796 
356. . , 
511. . . 
308-312, 



354 



129 



IV. 
VI, 
VII, 
IX, 
last V, 
trist I. 1, 33 
40 

n, 353. 
365 

IV, 2, 51 
10, 128 

V. 10,37 
14, 3. 4 

Padficus Max. eleg. I 
D 
IV 
X 
XI 
XII 
XIII 
XIV 
XV 
XX 

Paulus epist I ad Corinth. 7, 18 . 



627. 628 . 14 

680. . . 189 

683. 684 . 237 

331. .. 309 



195 
209 
205 
200 
199 
197 
209 
199 
116 

130 
38 

292 
74 
92 
166 
154 
160 

90 
88 
92 
86 
310 
88 
38 
74 
72 
243 
243 
243 
14 
104 
271 
134 
244 
244 
244 
273 



492. . 

658. 659 
32. 33 
63-65 

194 



16. 80. 



Digitize 



Pechinolius 24 

Perelus I, 87 227 

II, 33 299 

IV, 13 297 

37—41 .... 219. 221 

Pctronius, cap. 7 . . . . 134. 239 

23 ... . 226. 227 

68 257 

92 16 

131 116 

138 212 

140 203 

Phaedrus IV, 15 317 

PhÜostratus herolc. VIII. 1 ... 323 

Plato conviv 317 

Plautus Amphltr. I, 1, 192 ... 255 

Cistc». IV, 1, 5. . . 236 

Pers. II, 2, 45. . . 311 

4, 28. . . 160 

Poenul. I, 2, 54 . . . 239 

V, 1, 74. . . 160 

3, 20. 21 . 239 

Pseudol.III, 2, 75. 226. 236 

IV, 7, 85 . . . 237 

V, 1, 13—16 . 160 

PHnlus bist nat. VIII, cap. 51 . . 306 

X, 12. . 269 

83. . 118 

XII, 12. . 293 

XIV, 20. . 221 

XXIX, 1. . 224 

4 . . 323 

XXXVI, 5. . 284 

Plutarchus 

de solertla anlmal 327 

de brutis ratione utenübus . 325 

de tnalignitate HerodoU . . 240 

de Stoicorum repugnantiis . 275 

in vita Caesaris 255 

Pogglus 136 

Pollux 275 



Pontanus (Jo. Jov.) amor. I . . . 158 

IV. . . 158 

VIII. . . 160 

IX. . . 158 

XVI. . . 162 

XXVIII. . . 160 

XLVI. . . 138 

L. . . 162 

LI. . . 158 

LH. . . 158 

Priapela 3 10. 238 

4 189 

6 46 

12 46 

13 246. 254 

19 8 

25 88 

26 16. 204 

27 8. 114 

30 264 

31 259 

33 104 

34 78 

40 88 

48 88. 275 

59 259 

63 188 

66 48 

67 294 

68 116 

69 237 

73 90. 176 

74 255 

77 76 

78 255. 287 

80 278 

81 116 

Propertius I, 17, 11 68 

20, 48 166 

II, 6, 27 189 

IV, 7, 15 118 

Qulnüllanus Instit orat. I, 1 . . 295 

6 . . 219 

23* 339 



QuintiHanus Instit orat V, 9 

vm, 6 

X, 1 

Ramusius Arlmin. IV . . 

VI. . 
XXXI. . 

(Jo.Jac.) . . 



Scaliger (Jul. Caes.) . . 

Seneca de benef. U, 21 . 

IV, 30. 
31. 



87. 
95. 
114. 

de Ira II, 31 . 
nat. quest. I, 16. 
Spartianus Adr., cap. 2 . 

4. 
14 . 
18 . 

Strabo 



Jul. Caes., cap. 22 
45 
49 
51. 52 
Octav. Aug., cap. 68 



94 

cap. 42 
43 
44 
45 
72 

Calig., cap. 25.36 



Seite 
. . 220 

. . 251 
. . 250 

. . 271 
. . 271 
. . 12 

. . 213 

. . 162 

274. 275 

. . 266 

. . 267 

. . 290 

. . 311 

. . 278 

. . 290 

. . 312 

. . 219 

. . 323 

. . 329 

. . 233 

. . 225 

. . 233 

. . 136 

307. 325 

. . 253 
. . 220 
. . 231 
. . 232 
223. 232 
. 82. 251 



. . 136 
189. 328 
232.255.262 
253. 287 
. . 322 
138.251.252 



Suetonius 

Neron. cap. 28. 29 
Galbae, cap. 22 
Othon., cap. 12 
DomirJanl, cap. 22 
de ill.gramm.it., cap. 23 

Suidas 

Tacitus annal. VI, 1 . 

XV, 37 . 
TertuManus adv. Marc. 

de pallio 
de resurrcdlone 
de spectaculis 
Theopornpus . . . 
Tibullus I, 4, 62 . 

63. 64 
9, 26 . 
63. 64 
75. 76 
10, 1. 2 
U,4, 7 . 
5,92 . 

III, 1, 20 . 
2, 1—4 
6, 16 . 

41 . 

IV, 2, 5. 6 
15, 4 . 

ad Priapum (83) 21—23 
30. 31 
42 

Valerius Maximus VIII, 11 
IX, 12 

Venettus 

Vigilius bucol. 3, 8 . 

georg. III, 6 . 
IV, 521 

aeneid. IV, 554 . . 
Vossius (Gerard.) de hlst. Lat. 



218. 



233 
218 
225 
224 
301 
188 
328 
233 
298 
223. 318 
318 



136. 



522 



340 



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SEXUALWISSENSCHAFTLICHER 
KOMMENTAR 

VON 

Dr. ALFRED KIND 



Dem Begründer der Anthropophyteia 
dem unermüdlichen Ethnologen und Folkloristen 

FRIEDRICH S. KRAUSS 

in dankbarer Freundschaft 



I. EINLEITENDES. 



Der Anlaß zu diesem Kommentar war folgender: Der un- 
geheure Wert der Apophoreta Forbergs als eines Quellenwerkes 
zum Studium der Sexualwissenschaft hatte mir von jeher ein- 
geleuchtet Leider war diese schöne Erkenntnis praktisch nicht 
verwertbar, weil ein Exemplar der Originalausgabe nur unter den 
denkbar gTößten Schwierigkeiten aufzutreiben ist Sollten die 
Fachleute daraus schöpfen, so mußte das Werk vor allem zu- 
gänglich sein. Es existiert nun eine französische und eine hier- 
nach übersetzte englische Bearbeitung, die aber, glaube ich, un- 
zuverlässig sind und die jedenfalls auch zu den antiquarischen 
Raritäten gehören. An einen einfachen Neudruck des lateinischen 
Originals hat bisher niemand gedacht, obwohl das Neudrucken 
jetzt zu den beliebtesten Beschäftigungen von Literaten und Buch- 
händlern gehört. Ich glaube, die betreffenden, sonst so findigen 
Unternehmer haben mit Recht gefürchtet, sie würden den größten 
Teil der Auflage auf dem Halse behalten. Denn, geben wir uns 
darüber keinen Illusionen hin, die Zeit des bequemen Latein- 
verstehens ist bei dem heutigen Durchschnittsakademiker end- 
giltig vorüber. Ein bloßer Neudruck wäre also vielleicht von 
manchen Sexualwissenschaftlern gekauft worden, aber die Lektüre 
als zu mühselig (was sie namentlich bei den zitierten Epigram- 
matikern in der Tat ist) ad calendas graecas verschoben worden. 

So hatte ich beschlossen, im Verein mit einem erfahrenen 

345 



Altphilologen Forbergs Material über die Sexualität des Altertums 
deutsch zu verarbeiten und mit den neueren Ergebnissen der 
Forschung in Zusammenhang zu bringen: als ich von Herrn 
Adolf Weigel hörte, daß eine wortgetreue Übertragung sowohl 
des Panormita als des Forberg nach langer Vorarbeit zum Druck 
bereit liege. Damit war mein hauptsächlicher Wunsch, das 
Material des Werkes zunächst einmal zugänglich zu machen, 
der Erfüllung entgegengefahrt, und ich hatte keinen Anlaß, 
durch ein Konkurrenzunternehmen sowohl meine als Herrn 
Weigels Absichten materiell in Frage zu stellen. Es blieb nur 
übrig, daß der Philologe die Übertragung noch einmal revi- 
diere und daß ich durch ein paar Bemerkungen die wissen- 
schaftliche Bedeutung des ganzen Stoffes ins rechte Licht 
rückte. 

Für die medizinischen Fachleute ist meine Bemühung natürlich 
nicht erst vonnöten, und, obwohl ich einige bisher wenig oder 
gar nicht zitierte Beispiele erwähne und auch hier und da einen 
„Fall" eigener Beobachtung gebe, kann ich auf so beschränktem 
Raum dem Psychopathologen nichts Neues erzählen. Aber der 
Kreis der Gelehrten, die an den Fortschritten der Sexualwissen- 
schaft interessiert sind, setzt sich auch aus Juristen, Ethnologen, 
Folkloristen, Kriminalisten, Kultur- und Literarhistorikern, Künstlern 
und ernsten Bücherfreunden zusammen, und diesen kann es unter 
Umständen gelegen sein, eine schnelle Rekapitulation der modernen 
Beobachtungen und Theorien im Anschluß an den voraufgehenden 
Doppeltext zur Hand zu haben. Außerdem: habent sua fata libelli! 
es hat sich neuerdings ein Muckertum aufgetan, das eine Großtat 
darin sucht, sich durch illoyale Mittel in den Besitz von Sub- 
skriptionswerken zu bringen, die nur für einen kleinen und 
limitierten Kreis von Vorausbestellern bestimmt sind. Diese er- 
lauchte Kongregation, die sich erst letzthin mit ihrer Fallen- 
stellerei brüstete, geht umher wie ein brüllender Löwe und 
suchet, wen sie verschlinge. Wäre das Brüllen und die Prahlerei 
nicht, so könnte einen die restierende Katzennatur wahrhaft 
gruseln machen. 

Nun weiß ich zwar, daß dies Werk nur an hinreichend legiti- 
mierte Wissenschaftler abgegeben wird. Sollte es aber einer von 

346 



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der Spezies Felis ignobilis durch fraudulöse Geschicklichkeit 
zu erhaschen wissen, so empfehle ich diesem ganz besonders 
die Lektüre meiner nachfolgenden Zeilen, damit er aus einem 
Saulus des Muckertums zu einem Paulus der Wissenschaft werde. 
Ich erkläre, daß ich die Worte meines bescheidenen Kommentars 
vor allem an seine Adresse richte, in der Voraussetzung, daß im 
gelehrten Olymp über den einen Bekehrten mehr Freude sein 
wird, als über neunundneunzig Gerechte. 



347 



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II. HOMOSEXUALITÄT. 



Für die moderne Sexualwissenschaft war merkwürdigerweise 
die Homosexualität der Punkt, von dem sie ausging. Das Herab- 
steigen aus dieser winkligen Seitengasse des Geschlechtslebens 
liegt ihr noch immer in den Gliedern, insofern die vita sexualis 
heute vorzüglich unter dem Gesichtswinkel der „Perversion" be- 
trachtet wird. 

Das kam so. Seit der Carolina war es üblich geworden, bei 
gewissen Kriminalfallen Ärzte als Gutachter hinzuzuziehen. Ein 
Einspruch derselben zielte meist auf eine erkannte Geisteskrank- 
heit hin, und unter dieser Tendenz sammelte sich auch allmählich 
eine Kasuistik der Sexualdelikte an. Das Geschlechtsleben war 
also Gegenstand einer Neben Untersuchung innerhalb eines fest- 
gefugten Systems, von dem die Betrachtung auf die Dauer un- 
ausbleiblich abfärben mußte. Als um 1860 der Jurist Ulrichs seine 
„Urningsnatur" nicht nur offen bekannte, sondern auch eine 
Menge Theorien hierüber aufstellte und unermüdlich auf die 
soziale Bedeutung dieser Erscheinung hinwies, war endlich für 
die Wissenschaftler ein freies Fahrwasser aus dem Packeis der 
Probleme gefunden, und eine immer verstärkte literarische Pro- 
duktion von manchmal zweifelhafter Güte befaßte sich seitdem 
mit der Erörterung dieses Sonderlingsgebietes. Von allen Phasen 
oder Gruppen des Geschlechtslebens ist heute jedenfalls die 
Homosexualität am besten studiert und bekannt 1 



1 Zur Orientierung eignet sich von den Werken schwereren Kalibers be- 
sonders: Die konträre Sexualempfindung, von Albert Moll, Berlin 1891 und zwei 
348 



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Nomenklatur. Ein modernes Völkerkompliment bezeichnet 
die homosexuelle Betätigung als »vice allemand", gewissermaßen 
als ausgleichende Gerechtigkeit dafür, daß bei uns früher nicht 
nur der Arzt vom „morbus gallicus", sondern auch das Volk von 
den „Frantzosen" sprach. Im Dirnenjargon ist heute „auf franzö- 
sisch" = fellare. Solche Bezeichnungen erlauben aber keine Rück- 
schlüsse auf Herkunft und Verbreitung allgemeiner menschlicher 
Erscheinungen. Die Liebenswürdigkeiten der internationalen Diplo- 
matie sind bekannte Flausen, und nur die bankrotte Sprach- 
vergleichung könnte noch darauf verfallen, aus dem „russischen 
Tripper" oder dem „spanischen Kragen" ein arisches Phänomen 
zu züchten. 

Forberg gibt (S. 240 Anm.) die antiken Parallelen zu derartigen 
Gerüchten. Persien bezichtigt Hellas und umgekehrt, und schließ- 
lich einigt man sich auf die Kreter, wofür Timaeos den Zeugen 
abgibt, und was Forberg, wenn er noch lebte, mit den neuesten 
Ausgrabungen der minoischen Epoche belegen würde; damals 
begnügte er sich mit einem Seitenblick auf Sodom. 

Den aktiven Päderasten nannten die Alten (vgl. S. 211) pae- 
dicator, paedico, draucus (von ögcto)), den passiven pathicus, 
cinaedus, catamitus (— Ganymedes), mollis, delicatus, und wenn 
er ausgedient war: exoletus. Auch die heutige Wissenschaft 
krankt an einem embarras de richesse der Bezeichnungen, 1 der 
unnötige Diskussionen hervorgerufen hat Vor allem wünschen 
gewisse Autoren, 2 daß das Wort „Päderastie" nur im vornehm 
hellenischen Sinne einer edlen „Knabenliebe" gebraucht werden 
solle. Das heißt gegen den Strom schwimmen wollen. Auch 
wird hartnäckig gestritten, ob nicht pedicatio (von pedex = podex) 
richtiger sei als paedicatio. Ich glaube, es genügt vollauf, wenn 



weitere Auflagen. Unter den Broschüren ist recht sachlich gehalten: Uranismus 
oder sogenannte gleichgeschlechtliche Liebe, von J. E. Meisner (Pseudonym), 
Leipzig 1906. 

1 Vgl. meine .Bemerkungen zur Nomenklatur der Sexualwissenschaft' in: 
Zeitschr. f. Sexualwissenschaft, Januar 1908. 

2 Besonders Benedikt Friedländer: .Nur wer ein guter Päderast ist, kann 
ein vollkommener Pädagoge sein.' 

349 



man die betreffende Handlung einfach als „coitus in anum" be- 
zeichnet. 

Eine neuere Verzwicktheit hat Rohleder 1 in die Nomenklatur 
eingeführt. Er spricht von homosexuellem männlichen Cunnilingus 
und homosexuellem weiblichen Fellatorismus. Diese scheinbare 
Seltsamkeit klärte er mir persönlich dahin auf, daß „fellare" ein 
weiterer Begriff sein solle als „cunnum lingere", insofern es nicht 
bloß das „lingere", sondern auch das .in os suscipere" und 
„sugere" umfasse. Demzufolge sei der homosexuelle männliche 
Cunnilingus eine schwächere Form des entsprechenden Fellatoris- 
mus, und umgekehrt bedeute der homosexuelle weibliche Fellatoris- 
mus ein „immittere clitoridem in os alterius feminae". 

Ich glaube, Forberg ist in diesen sprachlichen Dingen Autorität. 
Sehen wir von dem leider landläufigen Schnitzer ab, daß „cunni- 
lingus" bei allen Medizinern als Handlung genommen wird, 
und nicht, wie es richtig ist, als (männliche) handelnde Person, 
so bleibt doch übrig, daß Forberg (S. 45 Anm. und S. 246) aus- 
drücklich feststellt: „fellare" bedeute „penem sugere" und nichts 
anderes. Nirgends findet sich eine Stelle, in der „fellare" auch 
als „clitoridem sugere" ausgelegt werden könnte. Eine Ver- 
wendung des Wortes in diesem Sinne muß den Widerspruch aller 
Lateinkenner hervorrufen, und es ist sicherlich ein fruchtloses Be- 
ginnen, Begriffe von alter Prägung umstempeln zu wollen. 

Hinzufügen möchte ich noch folgendes. Die Alten besaßen 
den korrespondierenden Technizismus „irrumare" ursprünglich = 
Mutterbrust reichen, dann ausschließlich = penem in os immittere. 
Unseren zivilisierten Sprachen gebricht eine solche gangbare Be- 
zeichung, obgleich es an der Handlung nicht fehlt, wie allein die 
zahlreichen Umschreibungen beweisen, abgesehen von den Kon- 
statierungen der Wirklichkeit Daraus den Römern eine besondere 
„Dekadenz" zu diagnostizieren, scheint mir ein Trugschluß. 

Theoretisches. Selbst in den Tageszeitungen ist hitzig dar- 
über gekämpft worden, ob die Homosexualität angeboren (nach 

1 Vorlesungen über Geschlechtstrieb und gesamtes Geschlechtsleben des 
Menschen, von Herrn. Rohleder. 2. sehr erweiterte Auflage. Berlin 1907, 
2 Bände. 

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Molls Ausdruck: eingeboren) ist, oder ob sie eine erworbene 
Eigenschaft darstellt In bezug auf diese Frage lassen uns die 
antiken Quellen im Stich; dergleichen hat den Alten offenbar 
wenig Kopfschmerzen gemacht, da sie nur ethische und ästhetische 
Wertungen kannten. Dagegen spricht sich Beccadelli (S. 25/27 
und Anm.) in dem Gleichnis vom honigleckenden Bären einiger- 
maßen deutlich für die Erwerbungstheorie aus, sehr deutlich in 
dem Epigramm an Lepidinus (S. 19/23), wozu Forberg (S. 21 
Anm.) den Chorier die Erklärung geben läßt, die Spanierinnen 
und Italienerinnen seien zu geräumig gebaut, so daß die zur 
Ejakulation notwendige Friktion besser per anum erzielt werde. 
Und anus sei anus, das Geschlecht des Individuums verhältnis- 
mäßig Nebensache. Dies wird dem Gebildeten von heute, der in 
der Perhorreszenz der Homosexualität aufwächst, wenig einleuchten. 
Auch vom Standpunkt des strikten Eingeborenseins aus wird 
man über derartige Behauptungen den Kopf schütteln. 

Dennoch! — Bevor ich aber weitergehe, möchte ich die Aus- 
drücke «Erwerbung", Züchtung" usw. ganz fallen lassen, da sie 
die, immerhin wankend gewordene, darwinistische Theorie herauf- 
beschwören, und es mir einzig auf blanke Tatsachen ankommt 

Die Tatsache läßt sich konstatieren, daß erstens heutzutage 
selbst Gebildete aus Variationslüsternheit den coitus per 
anum versuchen und daran Geschmack gewinnen. Ein Sexual- 
forscher erzählte mir, das .Bajonettvergolden" sei in den besten 
Kreisen gang und gäbe, und auf seinen Reisen im Süden habe 
er den Usus noch viel häufiger angetroffen. Folgender Auszug 
aus einem längeren Aufnahmebefunde (eigenes Material) mag eine 
Vorstellung von einem so stark nach allen Tendenzen ausstrahlenden 
Fall geben: 

N. N., Offizier, in den Dreißigern. Einige Blutsverwandte sehr libidinös 
veranlagt; einer davon beging suicidium wegen § 175. Körper muskulös, 
hager. Nervöses, launisches Temperament. Für Kunst und Wissenschaft 
regstes Interesse. Vita sexualis: Mit 13 Jahren im Kadettenhaus erste Auf- 
klärung über Zeugung, Anleitung zur Masturbation. Verspürt noch keinerlei 
Neigung dazu, läßt sich trotzdem, eingeschüchtert, auf dem Schlafsaal und 
Abort inter femora et in anum gebrauchen. Mit 15 Jahren stellen sich Ge- 
fühle ein, in den Ferien paedicat fratres suos, verliebt sich heftig in einen 
Kadetten, besieht im Bert dessen Photographie durch die Lupe und mastur- 

351 



biert dabei. Sehnsucht nach Frauen besteht. Mit I8V2 Jahren komment- 
mäßiger Koitus mit einer ekligen meretrix, deren geschäftliche Manier ihn 
abstößt. In der Garnison Mangel an anziehenden Weibern, daher wieder Ver- 
kehr mit Männern. Puellam formosam dedes futuit. Acquiriert Lues, wird 
syphilidophob. Von neuem Verkehr mit Männern, in allen Variationen der 
Venus masculJna; dabei intensive platonische Verehrung einer schönen Frau 
der Gesellschaft. Lernt endlich ein zusagendes Mädchen kennen, das er 
heiratet. Zwischen beiden sämtliche denkbare Methoden des Verkehrs bis 
zu gegenseitiger Koprophagie, vor allem coitus in an um uxoris, und gegen- 
seitige paedicatio mit den stärksten Godmiches. Jetzt Sehnsucht nach neuen 
Variationen, nach Akten an unreifen Mädchen, nach Zuschaun beim coitus 
uxoris cum aliis viris, auch nach geschäftlichem Hetärentum der Frau usw. 

Das Kadettenmilieu allein hat natürlich den vorliegenden recht 
komplizierten Fall nicht zuwege gebracht; die ursprüngliche Starke 
des Triebs gab wohl den Ausschlag. Zu bemerken ist dabei: 
wäre N. N. in der Zeit seiner heftigen Kadettenliebe zur Be- 
obachtung gekommen, so wäre vielleicht von einem oberfläch- 
lichen Untersucher auf originäre Homosexualität geschlossen 
worden. Später hätte sich ein andrer vielleicht für „Züchtung" 
ausgesprochen. Es ist ein nicht seltener Fehler der vorhandenen 
Kasuistik, daß sie die zu irgend einer Zeit festgestellte Be- 
tätigungsart als konstant annimmt Bei späterer Nachprüfung 
ergeben sich dann manchmal erstaunliche Unterschiede, wovon 
ich Beispiele zu erzählen wüßte. 

Zweitens lehrt uns die Anthropophyteia 1 durch geradezu 
massenhafte Belege, daß der Ungebildete und Primitive nicht die 
geringsten Bedenken trägt, den coitus in anum, sei es an wem es 
wolle, zu vollziehn. Solchen Leuten ist es gleichgiltig, ob sie 
ein Astloch in der Zaunplanke, die Nüstern eines Ochsen oder 
einen menschlichen anus benutzen, wenn sie der Drang ankommt 
Diese Wahllosigkeit ist bemerkenswert gegenüber der Begrenzt- 
heit der attraktiven Momente, wie sie in den Kasuistiken betont 
zu werden pflegt. Dort ein blindes Drauflos, hier das Erstreben 
einer Idealperson mit einem bestimmten Komplex von inneren 
und äußeren Eigenschaften und das typische Verzweifeln, dies 

1 Anthropophyteia. Jahrbücher für folkloristische Erhebungen und Forschungen 
zur Entwicklungsgeschichte der geschlechtlichen Moral, herausgegeben von Friedrich 
S. Kraufl. Leipzig 1904/07. Bd. I bis IV. 

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Ideal je verwirklicht zu finden. Der Unterschied zwischen beiden 
Arten des Begehrens kann nur in kulturellen Einflüssen gesucht 
werden. 

Bd. II der Antropophyteia enthält S. 392—439 ein vorläufiges 
Kapitel vom abusus ani bei den Südslawen. Aus den An- 
merkungen hebe ich nur folgende Sätze heraus: »Bei den Chro- 
woten ist der Jebiguz (paedicator) eine gewöhnliche Erscheinung . . . 
Der anus ist das Modell des penis (Sprichwort) . . . Richtig ist's, 
daß der Bauer ab und zu, namentlich wenn sein Weib infolge 
des Alters hinwelkt, auch die sich in ihrer Rundung länger be- 
hauptende Breitseite zu gebrauchen pflegt ... Wie den Türken, 
sagen die Serben auch den Chrowoten nach, sie wären samt und 
sonders paedicati . . . Diese Art von Betätigung entspringt vor- 
erst niedrigster Rachsucht und dann einem gewissen Übermacht- 
gefühle, schwerlich, wie manche annehmen, einem Naturtriebe . . . 
Der Gatte droht seiner Frau zur Strafe 1 mit der paedicatio. 
Manche Burschen nehmen bei Mädchen eine solche Übung rein 
aus Mutwillen vor. Darum singen die Mädchen im Reigen: Pazi 
rupe, ne u dupe (= cave foramina, ne in anum!) ... Ein chro- 
wotischer Bauer brauchte seine junge Frau nie anders als in 
anum und war noch so vermessen, seine ihm deswegen ent- 
laufene Frau gerichtlich zu belangen." 

Anthropophyteia Bd. IV, S. 266 richtet sich eine Strophe vom 
Haberfeldtreiben im Egmating (12./13. September 1892) gleichfalls 
gegen die Pädikationsgelüste eines Ehebrechers. 

Kehren wir zum Text unseres Werkes zurück, und zwar zu 
einer Stelle (S. 310), wo allerdings von einer eingeborenen homo- 
sexuellen Anlage die Rede ist Indessen bezieht sie sich nur auf 
Frauen. Sie stammt aus den Hetärengesprächen Lukians und 
lautet: .Ich bin geboren wie ihr anderen, aber meine Seele, meine 
Sinnlichkeit und alle meine übrigen Eigenschaften sind die eines 
Mannes." Von der lesbischen Liebe, die durchaus keine genaue 
Parallele zur Urningsliebe ist, wird weiter unten die Rede sein. 
Merkwürdig scheint es mir aber, daB sich bei den Alten keine 



1 Wegen dieser hochwichtigen Konstatierung vgl. das Kapitel über Herren- 
und Sklavenmoral bei den Alten. 

33 353 



ähnliche Auslassung über die männliche Venus findet; denn über 
die Existenz einer eingeborenen homosexuellen Veranlagung 
besteht noch weniger ein Zweifel, als über das oben geschilderte 
Vorkommen konträrer Handlungen ohne eine solche Veranlagung. 
In welchem Verhältnis heute homosexuelle Handlungen mit und 
ohne entsprechende innere Richtung vorkommen, läßt sich ge- 
wissenhaft nicht angeben. Es kommen eben meistens Menschen 
mit konträrer Triebanlage zur Beobachtung, so daß der An- 
schein erweckt wird, als läge der übergroßen Mehrzahl aller 
Verstöße gegen § 175 des Reichsstrafgesetzbuchs eine solche 
Triebanlage zugrunde. Irrtümer dieser Art spielten in den jüngsten 
Prozessen eine gewisse Rolle. Ich halte daher jede Zahlenangabe 
über angeborene und sog. erworbene homosexuelle Anlage für 
unbewiesen und verfrüht 

Forberg sagt S. 214, der pathicus müsse entweder im anus 
eine Quelle des Lustgefühls haben, von der „Unerfahrene nichts 
wissen", oder das Lustgefühl müsse sich auf einem Umwege auf 
die mentula übertragen. Forberg war demnach vorsichtiger, als 
ein italienischer Forscher, der ein ziemlicher Schwätzer ist und 
in einem Anfall von Erklärungswut behauptete, beim pathicus 
habe die Natur die Penisnerven irrtümlich zum After verlegt. 
Der .Umweg" Forbergs ist tatsächlich vorhanden; ob nur übers 
Rückenmark oder übers Hirn, bleibe dahingestellt Ein pathicus 
erzählte mir, er empfände beim Akt zunächst immer heftigen 
Schmerz, unmittelbar darauf aber erfolge durch die (masochistische) 
Idee, er diene dem andern zur Befriedigung, bei ihm selber ejacu- 
latio cum voluptate. 

Berühmte Homosexuelle. Schon Forberg ist darauf verfallen 
(S. 242 und Anm.), Geschichtsgrößen für die uranische Abart zu 
reklamieren. Er redet sogar, verblümt und gerüchtweise und mit 
der Bitte, nicht raten zu wollen, von einem „sehr großen König", 
dem indessen nur, aus den Kaffeeklatschmemoiren seiner mark- 
gräflichen Schwester, ein paar Jugendstreiche bewiesen werden 
können. Wenigstens steht der Beweis einer tieferen Anlage 
noch aus. 

Eine vorsichtige Zusammenstellung .prominenter" Homo- 

354 



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sexueller findet man bei Moll. Das .Jahrbuch für sexuelle 
Zwischenstufen" 1 brachte speziell Aufsätze über Platen, Michel- 
angelo, Jeröme Duquesnoy, David und St Augustin, Andersen, 
Heliogabal, O. Wilde, Theod. Beza, Joh. v. Müller, Freih. v. Stern- 
berg, Heinrich III., Hößli, Fr. Desgouttes, Herzog August den 
Glücklichen, Walt Whitman, Calvin, Hadrian, Sodoma. 

Erpresser. Eine dieser Kanaillen, die es freilich erst bis zum 
qualifizierten Diebstahl gebracht hat, zieht auch Forberg aus dem 
antiken Gerümpel ans Tageslicht Man vgl. S. 235 Anm., wo ein 
Strichjunge dem Sophokles den Mantel ausspannt, der als Unter- 
lage gedient hatte. 

Hüftbewegungen. Das „cevere" bei Männern entspricht dem 
„crissare" bei den Weibem, bemerkt Forberg S» 51 Anm. (vgl. 
auch S. 217). Vom crissare wird im Kapitel über coitus die Rede 
sein. Das Tänzeln und Schwänzeln gewisser Homosexueller aber 
ist heute und allenthalben eine bekannte Sache. Prostituierte tun 
es absichtlich, um zur paedicatio zu locken. Solche, die es un- 
bewußt an sich haben, nennt man „Tanten"; sie repräsentieren 
die »feminine" Gruppe, oder die mit dem „femininen Einschlag", 
welcher Einschlag schon zum geflügelten Wort geworden ist 
Diese Leute werden von den „virilen" und „supervirilen" Homo- 
sexuellen ärger verspottet als von Normalen. Sie zeigen auch 
sonst weibliche Eigenschaften, aber leider nicht von den an- 
genehmsten, die zudem von ihrer oft kräftigen äußeren Männ- 
lichkeit seltsam abstechen. Sie sind oft wetterwendisch, hin- 
schmelzend, klatschsüchtig, weinerlich, mißtrauisch, lobhudelnd, 
pathetisch -jauchzend, kurz: von einer gewissen fatal quabbligen 
Gemütsart. Das schlimmste ist, daß sie hysterische Anfälle be- 
kommen, sich in Heulkrämpfen auf der Erde wälzen und was 
dgl. Scherze mehr sind. Einem anders Gearteten fällt das auf die 
Nerven. Flucht man kräftig, so stehn sie sofort munter und 
frisch von der Erde wieder auf. 



1 Herausgegeben von Magnus Hirschfeld. 11 Bände, Leipzig 1899/1908. 
Enthält wichtiges Material über Homosexualität, wenn auch manches Partei- 
eifrige. 

23« 355 



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Männertrauung. Zu der homosexuellen Trauungszeremonie 
aus dem Sueton (S. 233 Anm.) vergleiche man den Bericht bei 
Moll (Konträre Sexualempfindung, 2. Aufl., S. 113) über eine 
solche .Hochzeitsfeier" vom Dezember 1891. Ein Zimmer eines 
Lokals war zu einer regelrechten Kapelle umgewandelt worden. 
Die teilnehmenden Herren erschienen zum großen Teil in Damen - 
Kleidung, einer im Kostüm des Geistlichen, der Bräutigam (ein 
ehemaliger Ulan) als preußischer General, die Braut (ein reicher 
Amerikaner) in weißem Atlas mit Myrtenkranz und Schleier usw. 

Kostümtrieb bei Homosexuellen und Normalen. Im Lupanar 
waren Knaben feil, .unter ihrem Gewand mit weiblichem Putz 
geschmückt" (S. 239/240). Daß homosexuelle Männer sich als 
Frauen kostümieren, ist in allen zivilisierten Ländern eine alltäg- 
liche Erscheinung. Es geschieht dies, teils um die weibliche 
passive Rolle besser zu markieren oder sich intensiver in ihr 
auszuleben, teils auch aus einer unwiderstehlichen Neigung, die 
sich in frühste Jugend zurückverfolgen läßt. Es gibt da die 
mannigfachsten Schattierungen. Einige tragen beständig Teile des 
Frauenkostüms, so: lange Strümpfe oder Korsett oder Armbänder. 
Auch Parfüms sind beliebt. Die meisten Damenkomiker sind 
derartige Kostüm-Homosexuelle, und es sind unter ihnen Tournee- 
künstler von Weltruf, die sich gar nicht übel auf kokette Auf- 
machung verstehn. 

Nun gibt es aber auch ganz normale Männer, die mit dem 
Kostümtrick behaftet sind. Ich habe dies ziemlich unbekannte 
Gebiet des Geschlechtslebens in letzter Zeit speziell untersucht 1 
und kenne eine ganze Reihe von Männern verschiedener Nation, 
die ausgesprochene Weibliebhaber sind, meist durchaus nur koitus- 
begierig, einige daneben mit masochistischer und bisexueller 
Tendenz. Bei ihnen steht die Kostümfrage im Vordergrunde 
ihres ganzen erotischen Lebens und Strebens. Wenn ich sum- 
marisch eine Mittellinie durch die gefundenen biographischen 
Details ziehe, so ist der Entwicklungsgang der Betreffenden etwa 
folgender: 



> Eine Monographie hierüber wird in Kürze erscheinen. 

356 



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Lange vor der Pubertät regt sich im Knaben ein außergewöhn- 
liches Interesse an der Mädchenkleidung, das er in seiner Eigenart 
als Geheimnis vor dritten Personen hütet: ein Beweis für die 
originär erotische Qualität des Gefühls, das, wie es zu gehen 
pflegt, erst später als solches bewußt wird. In der Regel macht 
der Knabe, wenn er allein ist, mit den Kleidungsstücken der 
Schwester die ersten Kostümversuche: er probiert ihre Stiefeln an, 
zieht ihr Hemd über, bindet ihre Schürze um oder setzt ihren 
Hut auf. Nicht selten überrascht ihn bei diesen einsamen Ver- 
suchen zu seiner Bestürzung die erste Ejakulation, ohne daß 
immer eine Berührung des membrum dabei stattgefunden hätte. 
Weiterhin gesellt sich dann der Drang, ein schön gekleidetes 
Mädchen zu umarmen, zu dem Drang, selber in den Kleidern 
dieses Mädchens zu stecken. Die Entwicklung variiert nun un- 
gemein. Einige schwelgen in oft wiederholten Maskierungen und 
in der Beschaffung einer reich gewählten Damengarderobe; sie 
sind psychisch impotent, wenn sie beim coitus nicht kostümiert 
bleiben können, oder wenn sie nicht wenigstens die Ohrringe an- 
behalten oder nicht vorher in Modejoumalen blättern. Einige 
verfallen sekundär darauf, daß zu ihrer Eigenart ein viriles Weib 
oder gar ein Mann das gehörige Komplement abgeben müßte. 
Alle aber leiden an Niedergeschlagenheit, wenn das Leben ihrem 
Kostümdrang unüberwindliche Hindernisse entgegenstellt; glücklich 
oder geistig und sexuell befriedigt sind sie nur, wenn sie ihrem 
Drange, der verschiedene Stärke aufweist, nachleben können. In 
Frauenkleidern nehmen sich diese Männer meist linkisch aus, ja 
grotesk, besonders wenn ihr ausgesprochen männlicher Typus, ihr 
wilder Bartwuchs und eine formidable Baßstimme ihr Gewand 
Lügen strafen. Indessen machten sich einige so manierlich, daß 
ich mit ihnen, ohne Aufsehn zu erregen, auf der Straße spazieren 
konnte. 

Komplikationen der Homosexualität mit anderen Abarten. 

Bcccadelli vermöbelt S. 37 einen gewissen Mattia Lupi, der nicht 
bloß homosexuell und paedophil ist, sondern sich von dem Knaben 
auch schlagen läßt, der also, wie man heute sagen würde, passiver 
Flagellant oder Masochist ist. Derartige Komplikationen sind sehr 

357 



häufig; kürzlich habe ich hundert solcher Fälle (davon zwei aus- 
führlich) in einer Übersicht zusammengestellt 1 Es fiel mir dabei 
auf, daß die homosexuelle Paedophilie immer mit der Erscheinungs- 
gruppe Masochismus -Sadismus verschwistert auftritt Es ist viel 
Gemeinsames in beiden Sinnesrichtungen, was mir auch von den be- 
treffenden Korrespondenten, soweit sie sich selber gut beobachteten, 
bestätigt wurde. Doch verbietet mir hier der Raum, darauf näher 
einzugehn. 

Den einen Fall von Komplikation möchte ich aber hier ge- 
kürzt rekapitulieren, weil er sehr lehrreich ist und zu den selten 
beschriebenen gehört. 

Frau Y., steht in den Zwanzigern, schlank aber kräftig, puppenhaft 
fraulich, etwas nervös, launenhaft, willensschwach. 

Vita sexualis: Schon in frühster Jugend befand sie sich in einem Milieu, 
das infolge von mangelhafter Erziehung und Aufsicht zu erotischer Zügellosig- 
keit tendierte. Vom 8. Jahre an begannen sexuelle Reizhandlungen mit gleich- 
altrigen Knaben und Mädchen, sowie mit Erwachsenen. Wäre eine Disposition 
zur Heterosexualität bei ihr vorhanden gewesen, so hätte sie sich hier schon 
äußern können. Aber im Gegenteil; sie schaute als Zehnjährige heimlich 
durch ein Fenster zu, quomodo andllae pabis cauponis ab hospitlbus quibusdam 
futuerentur, und masturbierte hinterher in der Vorstellung, sie sei der be- 
treffende Mann. Auch hatte sie schon damals Orgasmus, wenn sie andere 
Mädchen lingua manuque befriedigte, ohne sich selber irgendwie zu be- 
rühren. Diese Anlage blieb nun weiterhin konstant. Sie zog mit der Familie 
als Kunstradfahrerin von Variete zu Variete und mußte sich mehrfach Männer 
aufdrängen lassen, deren artiones sie kalt und unbeteiligt über sich ergehen 
ließ. Weiber dagegen versetzten sie sofort in Exzitarjon. Der eben genossene 
Anblick der trikotbekleideten Kolleginnen hinter der Bühne bewirkte, daS 
sie selbst während ihrer Radfahrproduktion vor dem Publikum vollen Orgasmus 
bekam. Sie brauchte (und braucht jetzt noch) nur in der Straßenbahn einer 
schönen Frau gegenüber zu sitzen, um plötzlich .wegzuschwimmen*. 

Inzwischen hatte sich auch die masoch istische Färbung ihrer Libido völlig 
ausgebildet. 

Sie fand im Laufe der Zeit eine große Anzahl von Partnerinnen, fast lauter 
heterosexuelle Frauen, die teils auf Bitten, teils aus eigener Initiative die 

zwischen beiden Partnerinnen bewegten sich in dem bekannten Kreislauf. 



1 Über Komplikationen der Homosexualität mit anderen sexuellen Anomalien, 
in: Jahrbuch f. sex. Zwischenstufen, 1908. 
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■ 



Die Y. wurde mit verbalen Insulten gemeinster Art bedacht, wurde ge- 
schlagen, getreten, gekratzt, gestochen, debebat pedes, cunnum, anum amicae 
lingere atque os praebere ad ejus mictionem usw.; denique adesse et ad- 
juvare solebat, quando femina mentula fututoris delectabatur. 1 Szenen der 
letzten Art fahrten übrigens, bei Verkennung der subjektiven Grundlage 
dieser Handlungen, zu einer schweren Verurteilung der Y. aus § 180 des 
Strafgesetzbuchs. 

Hinzuzufügen ist, daß der maritus der Y., der sie vor drei Jahren heiratete, 
nur die sekundäre Rolle eines Surrogats in diesem festen erotischen System 
spielt. Die Y. bleibt in cohabitatione vollkommen frigid, sobald sie dabei 
nicht gerauft, gestochen, insultiert oder bespien wird; sie stellt sich dann 
als Urheber solcher algolagnistischen Aktivität geschwind ein Weib vor und 
erhält den gewünschten Orgasmus, wenn auch in minderer Höhe. 2 

Die masochistische Tendenz der Y., ihre Unempfindlichkeit gegen Schmerz 
oder die Verkehrung der Schmerz- in Lustempfindung ist absolut nur auf 
gleichgeschlechtlichen Verkehr eingestellt. Wenn sie sich etwa unversehens 
an eine Tischkante stößt, schreit sie auf; Scheltworte und Schläge von 
selten eines Mannes bringen sie in Harnisch; ebenso wies sie einmal den 
Vorschlag eines Mannes, sie möge ihn aus ihrem Schuh Wein trinken lassen, 
mit Abscheu zurück. Dagegen findet sie es natürlich, daß sie das letztere 
bei ihrer Freundin tut, und blutunterlaufene Striemen nimmt sie von selten 
eines Weibes in regungslosem Entzücken hin. 

Vorliegenden Fall hatte ich, statt hier, auch in dem Abschnitt 
über amor lesbicus unterbringen können, oder in dem über 
Masochismus. Gerade die komplizierten psychischen Anlagen 
zeigen deutlich, wie mangelhafte Notbehelfe die bekannten Rubriken 
der sog. Psychopathia sexualis sind. Es gibt leider Autoren, die 
ihre Fälle lieber amputieren oder sonst zu rech tschieben, als daß 
sie zugäben, die betreffende Biographie passe nicht so recht in 
ihr vo'rausbestimmtes Schema hinein. 

Einen extrem raasochistisch - homosexuellen Zug (bei Forberg 
nicht zitiert) erzählt Athenäos (VI, 88/90): Drimakos, der Anführer 

1 Vgl. Sacher-Masochs Veranlagung, besonders in: Schlichtegroll. 
Wanda ohne Maske und Pelz, 1906, S. 169 ff. Nach privater Mitteilung enthalten 
Sachers Tagebücher die stärksten obscoena in dieser Richtung. 

» Ein derartiges Umdenken ist in der Ehe von Homosexuellen typisch und 
meist das einzige Hilfsmittel zur Erfüllung der .ehelichen Pflichten'. Im vor- 
liegenden Fall hielt der ganz normale Gatte die Zumutungen der Y. nur für Aus- 
brüche eines lebhaften Temperaments und gab ihnen aus großer Liebe zu seiner 
Frau, wenn auch widerstrebend, nach. 

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eines lange andauernden Sklavenaufstandes auf Chios, verlangte, 
da er alt geworden war und auf seinen Kopf ein hoher Preis 
stand, von seinem Geliebten, er solle ihm den Kopf abschneiden 
und sich das Geld damit verdienen; wie denn auch geschah. 

Unter den neueren Autoren findet man bei Sagitta 1 Züge von 
vergeistigtem Masochismus; dieser Dichter ist gleichzeitg dem 
Anarchismus nicht abgeneigt, also auch für sadistische Äußerungen 
zugänglich. 

Ein Federheld der Masochistenliga, der unter den Namen 
Schaumburg und Antonio schreibt, hat in einem Opus die paedi- 
catorische Schändung eines »Sklaven" recht eingehend geschildert 3 

Anthropologische Verbreitung. Hierauf weist Forberg S. 241 
und 242 hin. Da ich mich knapp fassen muß, nenne ich den 
Interessenten bloß das Spezialwerk des ausgezeichneten Forschers 
F. Karsch-Haack: Forschungen über gleichgeschlechtliche Liebe 
(Chinesen, Japaner, Koreer), München 1906. Vom gleichen Ver- 
fasser: Päderastie und Tribadie bei den Naturvölkern, im Jahrbuch 
für sexuelle Zwischenstufen, Bd. III. Karsch bemerkt in bezug auf 
das Ergebnis seiner Untersuchungen: .Alle Erscheinungen des 
gleichgeschlechtlichen Lebens der Völker werden ohne Schwierig- 
keit, wenigstens ebenso leicht wie die des verschiedengeschlecht- 
lichen, durch die Erwägung verständlich, daß sie, wie letztere, 
entweder aus innerlichem, der freien Entscheidung gänzlich ent- 
zogenem, mehr oder weniger unwiderstehlichem, eingeborenem 
Drange hervorgehn oder aber aus äußeren Ursachen, z. B. dem 
Mangel an andrer Gelegenheit, der Not, dem sozialen Elend, der 
Gewinnsucht, dem Reiz der Schönheit, der Verführung, der Gut- 
mütigkeit, der Neugier, der Abenteuerlust, dem Nachahmungstrieb, 
geschlechtlichem Leichtsinn oder Indifferentismus ihren Ursprung 
verdanken. Die Erscheinungen der ersteren Art dürften wohl 
immer und überall ungefähr dieselbe Verbreitung aufweisen, wenn 
schon ein Einfluß von Rasse, Klima und Lebensweise auf die 
physischen Bedingungen gleichgeschlechtlichen Dranges nicht 

1 Sagittas Bacher der namenlosen Liebe. Bd. II: Wer sind wir? Berlin 1906. 

2 Die Geheimnisse von San Atuanka. Ein Drama menschlicher Entartung, 
von Carlo Antonio (Preßburg 1907). 

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absolut als ausgeschlossen zu gelten braucht Die Erscheinungen 
der zweiten Art kämen hier, strenge genommen, gar nicht in Be- 
tracht; sie wurden mit Recht als .Selbstbefriedigung zu Zweien 4 
gekennzeichnet und haben mit der gleichgeschlechtlichen Liebe 
nichts als die äußere Form gemein. Aber eben infolge dieser 
Obereinstimmung der äußeren Form läßt sich eine Trennung nicht 
durchführen, es müssen hier beide Arten gleichgeschlechtlichen 
Verkehrs unterschiedslos zusammen behandelt werden." 



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III. BISEXUALITÄT. 



Folgende Stellen bei Forberg lassen sich auf das Problem 
beziehen: Marti al sagt (S. 273) es gäbe Männer, die von der 
Natur zwiefach geschaffen wären; ein Teil sei für Mädchen, einer 
für Manner bestimmt Martial meint dies natürlich im Sinne 
einer stark genießenden Libido. — Phaedrus erzählt (S. 307) eine 
hermaphroditische Schöpfungsfabel. Als Prometheus Menschen 
formte, soff er sich während der Arbeit beim Bacchus an. Im 
benebelten Zustande setzte er dann das männliche Schlußglied 
dem Weibe an und umgekehrt. — Nach Beccadelli (S. 5) besitzt 
dagegen der Hermaphrodit ein weibliches und ein männliches 
Glied. — Endlich wirft Ausonius (S. 222), ähnlich dem Martial, 
die Frage auf, ob ein gewisser Jemand vielleicht auf zweierlei 
Gefühle geeicht sei, am anus auf weibliche, an der mentula auf 
männliche. 

Unsere modernen Bisexualitätstheorien sehn ja nun freilich 
ein wenig anders aus; ob sie mehr wert sind, ist die Frage. Sie 
stellen zum Teil metaphysisches Geschwafel dar, alchymistische 
M + W- Rezepte, geeignet, den Stein der Weisen in der Zwischen- 
stufenretorte zu destillieren, wofern man nur selber erst heraus- 
gebracht hat, was denn M und was W ist Diesen Wiener 
Philosophastereien über eine Gleichung mit lauter Unbekannten 
steht der Versuch von Magnus Hirschfeld gegenüber, die Er- 
gebnisse der neueren Embryologie mit den Ulrichs'schen Urnings- 
hypothesen zusammenzuschweißen. 

Hirschfeld argumentiert etwa folgendermaßen: Auf den niedersten 
Stufen der Tierwelt erfolgt die Fortpflanzung ungeschlechtlich durch 

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Zellteilung oder -knospung. Die Zellteilung verschwindet auf höheren 
Stufen nicht, ist vielmehr der elementare Vorgang jeden Wachstums. 
Dagegen differenziert sich die Fortpflanzung des Gesamtorganismus 
und wird geschlechtlich, indem entweder bei den wahren Zwittern 
(Schnecken, Regenwürmern) jedes Individuum männliche und weib- 
liche Keimdrüsen trägt, oder indem sich nur die eine Keimdrüse 
zur funktionellen Reife auswächst Beim Menschen ist bis zum 
dritten Monat des Fötallebens nicht zu entscheiden, welches von 
beiden Geschlechtern sich bilden wird. An Stelle der späteren 
Sexualorgane bestehen zunächst in beiden Fällen genau die 
gleichen Primitivorgane. Äußerlich betrachtet, bildet sich das 
Geschlecht so, daß bei jedem von beiden nur ein gradueller 
Unterschied des Wachstums verschiedener Teile ein und des- 
selben Primitivorgans stattfindet. Was etwa innerlich die Richtung 
zur einen oder andern Entwicklung bestimmt, wissen wir nicht. 
Der Zoologe Weismann nimmt die vererbte Anwesenheit beider 
Geschlechtsprinzipien an (Kontinuität des Keimplasmas), wonach 
also bei jedem Menschen das entgegengesetzte Geschlechtsprinzip 
latent vorhanden wäre. Hirschfeld bringt hiermit die hermaphrodi- 
tischen Mißbildungen der Genitalien in Zusammenhang, ferner 
jene nicht seltenen Fälle, wo sich die sekundären Geschlechts- 
merkmale (z. B. Behaarung, Brüste, Kehlkopf) dem Typus des 
andern Geschlechts nähern. 1 Nun macht er den Schluß, daß 
gleich den körperlichen auch psychisch variierte Mischungsverhält- 
nisse stattfänden, und er versucht letzten Endes die Homosexualität 
dahin zu erklären, daß sich bei ihr von den beiden gleichfalls 
angeborenen psychischen Faktoren eben nur derjenige besonders 
ausgebildet habe, der dem groben Augenschein nach als der kon- 
träre anspreche. 

Über den Wert dieses Hypothesengebäudes sind die Meinungen 
sehr geteilt; es fehlt jedenfalls noch sehr viel zur naturwissen- 
schaftlichen Erhärtung des Ganzen. Vgl. darüber v. Notthaffts 
und meine Bemerkungen in der Monatsschrift für Harnkrank- 
heiten IV, 11. Die hermaphroditischen Mißbildungen wurden aus- 

1 Vgl. Magnus Hirschfeld: Geschlechtsübergänge, Mischungen männ- 
licher und weiblicher Geschlechtscharaktere. Leipzig 1905. Mit 83 Abbildungen. 

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führlich behandelt von Cesare Taruffi: Hennaphroditismus und 
Zeugungsunfähigkeit, 2. Aufl., Berlin 1908, mit 40 Abbildungen; 
ferner von Neugebauer in verschiedenen Banden des Jahrbuchs 
für sexuelle Zwischenstufen und zusammenfassend in dem großen 
Kompendium .Hermaphroditismus beim Menschen", Leipzig 1908. 1 
Fälle von Mißbildungen der Genitalien haben seit 1900 eine 
erhöhte privatrechtliche Bedeutung gewonnen, weil das Bürger- 
liche Gesetzbuch eine ältere Bestimmung hierüber ausgemerzt hat, 
derzufolge es Personen, die mit Mißbildungen zur Welt kamen, 
beim Eintritt ins majorenne Alter erlaubt war, ihre Geschlechts- 
zugehörigkeit nach eigener Wahl zu bestimmen. Aufsehn erregte 
in jüngster Zeit der Fall des N. O. Body, der in dem Buch „Aus 
eines Mannes Mädchenjahren', Berlin 1907, seine eigentümliche 
Entwicklung bis auf unbedeutende Nebenumstände wahrheitsgetreu 
geschildert hat. 

Die Hermaphroditen des Altertums, wie sie in den bekannten 
Statuen und den Wandgemälden Pompejis dargestellt sind, halte 
ich nicht für die Wiedergabe seltener Naturerscheinungen, sondern 
nur für ein laszives Künstlerideal. Höchstens könnte die starke 
Libido gewisser Frauen durch sie symbolisiert worden sein. Der 
Körper dieser Hermaphroditen ist immer ganz fraulich, bis auf 
das membrum virile, zu dem vielleicht die Sage von der riesen- 
haften Klitoris einiger Tribaden den Anlaß gegeben hat Eine 
solche „prodigiosa Venus" gehört aber, wenn sie vorkommt, ins 
Reich der speziellen Pathologie. Die größte Klitoris, die ich bei 
der normalen Lebenden sah, glich einer mittleren Kirsche. 

1 Während der Drucklegung erschien noch: Chrobak und Rosthorn, Die 
Mißbildungen der weiblichen Geschlechtsorgane. Mit 90 Abbildungen und 
2 Tafeln. Wien 1908. 



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IV. AMOR LESBICUS. 



Fahren wir gleich mit der .prodigiosa Venus" fort. Forberg 
zitiert S. 305 zwei Fälle aus Venette: De la g£n£ration de Thomme, 
wonach eine Klitoris von der Länge eines halben kleinen Fingers 
und eine von der Länge eines Gänsehalses vorgekommen sei. 
In beiden Fällen bleibt es unklar, ob es sich nicht vielleicht um 
eine Entwicklungsstörung, eine pathologische Hypertrophie, oder 
gar um eine regelrechte Geschwulst gehandelt hat. Eine gute 
Abbildung von einem scheinbaren weiblichen Penis findet man 
bei Hofmeier: Handbuch der Frauenkrankheiten, Leipzig 1908, 
S. 49. Es gibt auf diesem Gebiet eben sehr viel Scheinbares; 
manchmal kann erst nach der Operation durch mikroskopische 
Untersuchung festgestellt werden, was denn eigentlich vorlag. 1 
Einmal wurde eine Fettgeschwulst (Lipom) exstirpiert, die vom 
Venusberg bis zu den Knien herabhing, und deren untere Hälfte 
die Kranke selbst bereits mit dem Rasiermesser ihres Mannes ab- 
geschnitten hatte. 

Hottentotten schürze. Bei PI o 8 -Bart eis (Das Weib in der 
Natur- und Völkerkunde, Leipzig) werden u. a. auch gewisse Ver- 
größerungen der kleinen Schamiippen erwähnt, die bei einigen 
aussterbenden Rassen Südafrikas ungemein häufig vorkommen. 
Die Ansicht der meisten Untersucher geht dahin, daB es sich 
dabei um ein masturbatorisches Kunstprodukt handle, wie man 
es auch in Ansätzen bei europäischen Frauen beobachten kann. 

1 Vgl. auch v. Neugebauer: Chirurgische Überraschungen auf dem Gebiete 
des Scheiiuwittertums, Leipzig 1902. 

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Die Schamlippen werden durch Ausziehn unter Umstanden so 
verdünnt, daß sich runde Löcher an ihnen bilden. Ob die Steato- 
pygie, die voluminöse Fettablagerung am Gesäß der Hottentotten- 
weiber, hiermit in irgend einem Zusammenhang steht, ist schwer 
zu sagen. Robert Müller (Sexualbiologie, Berlin 1907) meint, 
sie werde hervorgerufen durch ein besonderes Hervorstehn des 
Steißbeins, durch das Tragen der Säuglinge auf den Hüften und 
durch Zuchtwahl, insofern die fettsten posteriora am begehrtesten 
seien. 

Klitoriskohabitation. Forberg nimmt S. 306/307 an, die 
Tribade sei fähig, den fututor oder paedicator nachzuahmen. Zur 
Stütze dieser Ansicht ließe sich allenfalls Rohleder anführen, der 
Bd. II S. 498 der „Vorlesungen* folgendes sagt: Die Klitoris- 
kohabitation sei diejenige Art, wo „una femina clitoridem in 
vaginam vel in anum alterius immittit". Er fährt indessen nach- 
her wörtlich fort: „Ich halte einen derartigen Verkehr für mehr 
theoretisch als in praxi wirklich ausführbar, wenn nicht ganz ab- 
norm verlängerte Klitoriden, wie sie uns französische Autoren aller- 
dings vielfach geschildert, vorhanden sind. Doch sind sie ganz 
abnorme Seltenheiten. Daß hin und wieder Versuche einer solchen 
Kohabitation von ganz gewiegten Tribaden vorgenommen werden, 
glaube ich gern. Daß sie aber eine derartige Größe erreiche, 
daß sie als Ersatz des Penis ad immissionem in vaginam resp. 
in os, oder gar in anum dienen kann, dürfte als für die Praxis 
zu belanglos hinfällig sein." 

Dem kann ich nur beipflichten. Aus den Kreisen der Berliner 
vornehmen Lesbierinnen weiß ich mit Bestimmtheit, daß eine 
Klitoriskohabitation nicht vorkommt. Sehen wir von den Varianten 
des bloßen Kusses und den subtileren oder masochistischen 
Liebesspielen ab, so sind nur folgende Methoden des zum Orgas- 
mus führenden Verkehrs üblich: erstens und hauptsächlich das 
cunnum lingere; zweitens: die irritatio ope digiti; drittens: die 
irritatio per machinamentum seu olisbum; viertens: die appressio 
corporum. Bei der letzten kommt es den Beteiligten darauf an, 
die montes Veneris bei geöffneten oder geschlossenen Schenkeln 
aneinander zu pressen oder mit der vulva auf einem Schenkel 

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des Partners zu reiten. Es ist klar, daß sich besonders hierbei 
in der Hitze des Gefechts die Phantasie von einer Klitoris- 
kohabitation aufdrängen kann. 

Ist nun Forberg wegen seines Fehlschlusses zu tadeln? Nein; 
denn er redet gar nicht aus eigener Erfahrung, was hierbei 
übrigens für einen Mann nicht leicht wäre, sondern, wie er S. 187 
ausdrücklich betont, aus seinem Munde spricht bloß die Quintessenz 
der gelehrten Altertumskunde. In der Tat stellen die Satiriker 
die Klitoriskohabitation und -pädikation als möglich dar. Aber 
es sind eben Satiriker! 

Der Olisbos. Den ledernen Phallus erwähnt Forberg S. 322; 
Aristophanes, Suidas und Chorier werden zitiert, obwohl das nicht 
die einzigen Quellen sind. Der Gebrauch von Godmiches, Samt- 
hänsen, Bijoux oder wie sie sonst heißen mögen, ist universell. 
Bei Wilhelm Klein: Die griechischen Vasen mit Lieblings- 
inschriften, Leipzig 1898, findet man die Zeichnung einer Frau, 
die breitbeinig über einem „Tub" steht; mit der Linken ist sie im 
Begriff, sich den mäßig großen Olisbos horizontal von vorn ein- 
zuführen, in der Rechten hält sie das zur Salbung benutzte Öl- 
fläschchen. Ebenda ist eine rotfigurige Vase mit folgender Gruppe 
erwähnt: „Auf einer Kline. Symplegma eines bärtigen Mannes 
und einer Frau; sie schlägt mit dem Pantoffel nach seinem Hinter- 
teil. Daneben kauert ein Jüngling, der sich selbst befriedigt, im 
Abschnitt liegt auf einem Stuhl ein Mädchen in gleicher Tätigkeit. 
Hinter der Kline Lampenhalter, darauf Lampe mit zwei brennenden 
Dochten, daran zwei Weinkellen. - 

In Atjeh auf Sumatra werden Phalli aus Wachs bereitet Schon 
vor Ankunft der Europäer benutzten die Frauen der Philippiner 
künstliche Glieder. Stoll 1 meint, der Larrfo oder „Gebärvater" 
der Tagalen, ein großes, zungenförmiges Instrument, das zu ge- 
burtshilflichen Zwecken verwandt wird, sei ursprünglich nur ein 
Olisbos gewesen. 

Friedrich S. Krauß hat in: Das Geschlechtsleben in Glauben, 
Sitte und Brauch der Japaner, Leipzig 1907, eine Anzahl japa- 

1 Vgl. aber diese und andere Angaben: Stoll, Das Geschlechtsleben in der 
Völkerpsychologie, Leipzig 1908. 

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nischer Olisben aus Papiermache, Bronze, Holz, rotem Siegel- 
wachs, Horn usw. abgebildet, teils Gebrauchsgegenstände, teils 
Votivgaben; interessant ist der Doppelphallus auf Tafel XII für 
ein Urnindenpaar. Von den eingeborenen Frauen Sansibars be- 
richtet Oskar Baumann in der Zeitschrift für Ethnologie 1899 
u. a. folgendes: „Die ausgeführten Akte sind: kulambana = ein- 
ander lecken, kusagana = die Geschlechtsteile aneinanderreihen, 
und kujita mbo ya mpingo = sich den Ebenholzpenis beibringen. 
Letztere Art ist bemerkenswert, da dazu ein besonderes Gerät not- 
wendig ist Es ist dies ein Stab aus Ebenholz in der Form 
eines männlichen Gliedes von ansehnlicher Größe, der von schwarzen 
und indischen Handwerkern zu diesem Zwecke hergestellt und 
insgeheim verkauft wird. Manchmal soll er auch aus Elfenbein 
gefertigt werden. Es kommen zwei verschiedene Formen vor. 
Die eine hat an dem unteren Ende eine Kerbe, wo eine Schnur 
befestigt wird, die das eine der Weiber sich um den Leib bindet, 
um an der andern den männlichen Akt nachzuahmen. Der Stab 
ist meist durchbohrt und es wird dann zur Nachahmung der 
Ejakulation [oder der Körperwärme?] warmes Wasser eingegossen. 
Bei der andern Form ist der Stab an beiden Enden eicheiförmig 
zugeschnitzt, so daß er von beiden Weibern in die Vagina ein- 
geführt werden kann, wozu diese eine sitzende Stellung einnehmen. 
Auch hier ist der Stab durchbohrt. Beim Gebrauch werden die 
Stäbe eingeölt" 1 

Mittelalterliche Pönitentialen erwähnen den Gebrauch gleich- 
falls, und die chirurgische Kasuistik gleicht in bezug auf die 
Gegenstände, die in die Vagina eingeführt und darin ver- 
gessen wurden, einem wahren Fundbureau. Das tollste ist viel- 
leicht, daß eine Frau zehn Jahre lang ein Trinkglas in der 
Scheide trug. 

Erwähnen möchte ich noch, daß mir eine Tribade aus den 
unteren Ständen, die nie etwas von einem lesbischen Instrumen- 
tarium hatte verlauten hören, einen selbstverfertigten Olisbos vor- 
wies, auf den sie nicht wenig stolz war. Seinen Kern bildete ein 
Holzpflock, der reichlich in Watte gebettet war; das Ganze war 



1 Auch Forberg (S. 320) weiß von afrikanischen Tribaden zu erzählen. 

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mit einer Cambricbinde kunstgerecht umwickelt und mit einem 
Kondom überzogen. Sie pflegte das Instrument an ihrer Unwohl- 
seinsbandage zu befestigen, sobald ihre Freundin, eine ehe- 
verlassene Multipara, das tägliche Bedürfnis danach äußerte. Sie 
selber war gleichfalls Multipara und hatte die verwegensten 
Abenteuer hinter sich. Diese beiden Frauen verkehrten natürlich 
faute de mieux aus reinem Detumeszenztrieb miteinander, was 
nicht gehindert hat, daß sie in einer Kasuistik als originär homo- 
sexuell figurieren. 

Angebliche Seltenheit. Merkwürdig ist, daß Forberg S. 304 
und 313 behauptet, das cunnum lingere zwischen Weibern sei 
selten; er stützt sich darauf, daß er nur die eine betreffende Stelle 
beim Marti al hat finden können. Ich glaube, aus der anthropo- 
logischen Verbreitung des amor lesbicus kann man getrost schließen, 
daß er bei Römern und bei Griechen in demselben Maße vorkam 
wie wo anders. Daß ihn die Satiriker nicht verspotten, beweist 
nur, daß sie ihn natürlich und von ihrem ethischen Standpunkt 
aus nicht tadelnswert fanden, wovon weiter unten noch die Rede 
sein wird. 

Tri baden kl ubs. Forberg sagt S. 321 vorsichtig, .wenn man 
dem Autor der Gynäologie Glauben schenken darf", so hätten in 
Paris und London Tribadenklubs bestanden. Diese Vorsicht scheint 
mir gut angebracht. Unsere populären Kulturhistoriker, denen bei 
dem Eiltempo ihrer Bücherfabrikation die Muße zum Nachdenken 
abhanden gekommen ist, nehmen dagegen unbesehen jeden Me- 
moirenklatsch als purste Wahrheit und stellen die öffentliche Sitt- 
lichkeit so dar, als habe die Menschheit nichts weiter zu tun ge- 
habt, als Bordelle, petites maisons und alexandrinische Geheimklubs 
zu errichten. So interessant z. B. auch die Schilderung ist, die 
Pidanzat de Mairobert im zehnten Bande des , Espion anglais" 1 
von dem Lesbierinnenklub der Schauspielerin Raucourt entwirft, 
und so treffende psychologische Züge im einzelnen darin ent- 



1 Erschien 1907 im Ausschnitt von Heinr. Conrad übersetzt als: Anandria, 
Bekenntnisse der Mademoiselle Sappho (400 Exemplare). 

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halten sind: für bare Münze und authentisch darf man derartige 
Pamphlete nicht halten. Auch im heutigen Berlin, wo doch alles 
anzutreffen ist, existieren meines Wissens derartige Organisationen 
nur in lüsternen Reportergehirnen. Was vorkommt, sind etwa 
kleinere lesbische Soupers oder Geburtstagsfeiern, die im Laufe 
des Abends in die Gattung der spintriae übergehen. Doch sind 
das Privatangelegenheiten, die keine Öffentlichkeit tangieren. 
Größere Assoziationen der Art entstehen immer erst, wenn sich 
die Menschen unter der Maske des sehr suggestiven religiösen 
Fanatismus zusammenfinden. 

Theoretisches. Forberg schließt (S. 308) aus Lukians Hetären- 
gesprächen, daß die Frauen der Insel Lesbos einem Naturtrieb 
gefolgt seien; in der Anmerkung erläutert er dies dahin, die Be- 
treffenden hätten wegen übergroßer Klitoris nicht mit dem Mann 
verkehren können und „sie hätten sich daher kaum anders helfen 
können, als indem sie sich alsTribaden Befriedigung verschafften". 
Man sieht, die .übergroße Klitoris" ist hier dem Theoretiker For- 
berg arg im Wege; offenbar fühlte er sich auch unsicher, denn 
er holt schnell noch den Venette zu Hilfe. 

Um die Kommentierung der berüchtigten Juvenal- Stelle VI, 
309-334 ist Forberg eifrig bemüht (S. 313—317). Dabei ent- 
wischt ihm (S. 316) folgender Satz zur Theorie: „Schließlich aber 
siegt die Natur, die Tribade ist mit ihrer Kunst zu Ende und 
wird wieder zum Weibe sans phrase usw." 

Endlich wird S. 318 Chorier zitiert, bei dem die sehr erfahrene 
Tullia also redet: „Halte mich darum nicht für schlechter als die 
anderen; dieser Geschmack ist fast über die ganze Welt verbreitet. 
Die Italienerinnen, die Spanierinnen, die Französinnen lieben ihre 
Geschlechtsgenossinnen, und wenn die Scham sie nicht zurück- 
hielte, würfen sie sich am liebsten brünstig einander in die Arme." 

Es ist danach unschwer zu erkennen, daß Forberg der An- 
sicht war, die Neigung zur lesbischen Betätigung liege überhaupt 
in der weiblichen Natur, sie werde aber durch den Einfluß von 
Rasse und Klima, durch starke Sinnlichkeit und durch lokale 
Difformitäten begünstigt. 

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Wenn ich nun auf die Frage antworten soll: Was sagt die 
moderne Sexualwissenschaft hierzu? so ist zunächst zu sagen, 
daß gegenüber der stattlichen Bibliothek von Untersuchungen zur 
männlichen Homosexualität verschwindend wenig Original- 
arbeiten über den amor lesbicus existieren. Das rührt daher, daß 
der § 175 Frauen nicht berührt, und die Parteileute der Homo- 
sexualität haben begreiflicherweise zuerst des eigenen Heils 
wegen gearbeitet, und nicht das wissenschaftliche Objekt allein, 
d. h. die Homosexualität überhaupt, bei Männern und bei Frauen, 
im Auge gehabt So ist es gekommen, daß auch denjenigen 
Forschern, die innerlich an diesen Fragen unbeteiligt sind, vor- 
läufig ein minderes Material zu Gebote steht 

Im allgemeinen ist das Bestreben vorherrschend, die weibliche 
Homosexualität als anschließendes Analogon zur männlichen zu 
behandeln, die komplementären körperlichen und seelischen Er- 
scheinungen aufzudecken und das Angeborensein neben dem Er- 
worbensein zu bejahen. 

Ich halte es immerhin für notwendig, einige Grundverschieden- 
heiten zu betonen. Es ist schon auffällig, daß so außerordentlich 
wenig öffentliche Antipathie gegen „schwule" Weiber besteht, 
während doch die bloße Vorstellung von „mutuellen" oder gar 
irrumierenden oder pädizierenden Männern einen Tornado von 
öffentlichen Beschimpfungen heraufbeschwört. Sollte das Ding 
nicht tiefer wurzeln? Es ist nicht leicht, unsere eigene Psyche 
zu belauschen, und man darf nichts ununtersucht lassen. Wenn 
die besagte Antipathie wirklich einem „Kontrainstinkt" gegen die 
Urningerei entspräche, so würde das in unserm Fall doch be- 
deuten, daß der Instinkt gegen den amor lesbicus nichts ein- 
zuwenden hätte und daß die deutsche Fassung des § 175 durch- 
aus keiner Vergeßlichkeit entsprungen sei, als sie nur die 
paedicatio und die Bestialität mit Einsperrung bedachte. 

Ich habe öfters die Beobachtung gemacht, daß sich nichts 
leichter einleitet, als der sexuelle Verkehr zwischen sinnlich er- 
wachten Mädchen und Frauen. Eine Strohwitwenschaft genügt, 
um zwei Freundinnen im verwaisten Ehebett zu vereinigen, wäh- 
rend die Mehrzahl der Männer, die sog. Normalen, im gleichen 

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Fall zur Prostitution eilen oder zum gefälligen Dienstmadehen 
oder durch Masturbation und Pollution ihre Tumeszenz erledigen, 
beileibe aber nicht daran denken, einen guten Freund als 
erotischen Beirat heranzuziehn. 

Ich meine, das ist doch ein fundamentaler Unterschied, der 
uns zwingt, die sog. weibliche Homosexualität überhaupt mit ganz 
andern Augen anzusehn als die männliche. Ich will aber darauf 
nicht weiter eingehn, da hier nicht der Ort dazu ist 

Ganz fern liegt es mir, das Vorkommen echter eingeborener 
Homosexualität bei Weibern irgendwie bestreiten zu wollen. Ich 
kenne Mädchen und Frauen, die geradezu als Musterstücke für 
denjenigen Typus zu gelten haben, der von mancher Seite als 
der eine allgemeingültige hervorgehoben zu werden pflegt Frauen, 
die verkleidete Männer zu sein scheinen, mit männlichen Allüren, 
möglichst flegelhaft, biertrinkend, pfeiferauchend, burschikos, mit 
spottschlechtem Baß, hinter jeder Schürze her wie unsinnig, un- 
fähig einen Teller abzuwischen, dabei von Kindheit an unvernünftig 
wie je ein Galgenstrick von Bengel, denen niemals, auch im 
Traum nicht, ein Mann verlockend erschienen ist Aber diese 
Sorte bildet nur eine winzig kleine Gruppe, beinah möcht ich die 
einzelnen an den Fingern herzählen; und nur weil fast alle nach 
Berlin strömen, kann man sie hier leichter kennen lernen. 

In der Literatur hat sich, vom Studium des Prostitutionswesens 
her, die Meinung fortgeerbt, als bestehe bei Lesbierinnen immer 
eine harte Scheidung zwischen »aktiv" und »passiv" oder „Vater* 
und „Mutter". Das kommt wohl vor, zumal diese Bezeichnungen 
Mode geworden sind, aber die Verhältnisse sind in Wahrheit mit 
solchen Redensarten höchst ungenügend gekennzeichnet. Prosti- 
tuierte sind überhaupt ein ganz unklares und verdorbenes Material, 
sozusagen psychologisch verpfuscht; sie können uns nichts lehren. 
Und in der guten Gesellschaft liegen die Dinge erheblich anders. 
Richtig ist nur dies, daß die oben beschriebenen energischen 
Mannweiber auf sog. normale Frauen Jagd machen, trotz einem 
Don Juan, und daß sie sich dann selber die Rolle des „Vaters" 
oder besser des ungetreuen Gatten zudekretieren. 

Zur Ergründung dieses Verhältnisses ist es nötig, vor allem 

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die Psychologie der sog. normalen und (der Auskünfte wegen) 
möglichst gebildeten Frauen zu erforschen. Um den Leser ein 
wenig in diese Atmosphäre zu versetzen, bringe ich zum Schluß 
dieses Abschnittes noch ein bisher in solchem Zusammenhang 
nicht zitiertes Gedicht von Paul Verlaine, dem glänzendsten Inter- 
preten des amor lesbicus, in eigener und unveröffentlichter Ober- 
tragung: 

FRÜHLING UND SOMMER. 

Zum jungen Mädchen mit dem blonden Scheitel, 
das lassig daliegt, seiner unbewußt, 
spricht so die Rote, leis' und schönheitseitel, 
verführerisch mit halbentblößter Brust: 

Du Keim und Knospe, ahnst du wohl das Blühen, 
das nun die Reize deiner Schlankheit schwellt? 
laß meine Finger taumelnd sich bemühen, 
bis jäh zum Abgrund die Kaskade fällt. 

Wo in dem weichen Moos die Perlen blinken, 

der Liebestau entsickert ganz geheim, 

da laß mich die verzückte Inbrunst trinken. 

Damit ich staunen kann, wie schnell die Röte 

der süßen Lust die Stirn dir überfließt 

und wie der Bach so plötzlich brausend schießt. 

* * 
* 

Die Jugendschlanke spricht darauf mit Zittern, 
als sie der heiße Atem überweht: 
O! Herrin, du kommst wie mit Ungewittern 
so über mich, daß mir der Sinn vergeht. 

Ich liege da . . . und deine schweren Brüste . . . 
mein seltsam Zucken wird durch sie geschärft, 
und schwül enthauchen duftgetränkte Lüste 
von deinem Fleisch und machen mich entnervt 

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Die Weichheit und dein Fleisch sind ohne gleichen, 
so reich und satt und voller Sommerglut, 
wie Juninächte durch das Mondlicht streichen. 

Und deine Stimme säuselt Melodien 

von Ungeahntem, und dein feurig Haar 

seh' ich wie Morgenbrand durch Wälder fliehen 



V. MASOCHISMUS. 



Um dem geschichtlichen Entwicklungslaufe der Sexualwissen- 
schaft auch weiterhin zu folgen, wenden wir uns nun der Be- 
trachtung des Masochismus zu. Des Masochismus? fragt vielleicht 
ein erstaunter Leser, was hat das Altertum mit dem Masochismus 
zu schaffen? Ich gebe zu, die Verwunderung ist nicht unberech- 
tigt, weil das Wort hier anachronistisch klingt. Das ist aber 
auch alles, und daran bin ich nicht schuld, sondern der ver- 
storbene Krafft- Ebing. 

Ovidismus. Wenn es sich darum handelte, in lateinisch- 
griechischer Nomenklatur eine Triebanlage zu bezeichnen, die be- 
hauptetermaßen, wenn auch nicht eine Geisteskrankheit, so doch 
eine »geistige Krankhaftigkeit" bedeuten sollte, so hätte es für 
mein Empfinden (oder Wissen) näher gelegen, einem Vertreter 
des griechisch -lateinischen Altertums diesen persönlichen Lack 
anzuhängen. Krafft -Ebing hat es vorgezogen, einen lebenden 
Mitbürger und gefeierten Romancier damit zu beehren. Er ver- 
teidigte das sogar: „Den Tadel," sagt er, 1 „den einzelne Verehrer 
des Dichters und gewisse Kritiker meines Buches mir dafür zuteil 
werden ließen, daß ich den Namen eines geachteten Schriftstellers 
mit einer Perversion des Sexuallebens verquickte, muß ich zurück- 
weisen." Warum? weil's stimmt, weil Sacher -Masoch „so" war. 

So ganz stimmte aber nun Sacher doch nicht zu dem klinischen 
Bilde, das Krafft -Ebing vom Masochisten entwarf. Aus Sachers 

l Psychopathia sexualis, 13. Aufl. 1907, S. 100. 

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erotischem Tagebuch 1 geht hervor, daß er ein leidenschaftlicher 
fututor war; während Krafft- Ebing meistens angibt, daß bei dem 
betreffenden „Patienten" der .nebensächliche" Koitus durch andere, 
ganz unähnliche Momente ersetzt werde. 

Hätte Forberg den schematischen Ausbau der neuen Mode- 
Erkrankung a Masochismus" mit erlebt, er hätte nicht gezögert, 
uns mit einem antiken Muster zu dienen; was ich jetzt an seiner 
Statt nachhole. Ovid gibt in den Amores und in der Ars 
amandi eine routinierte Anleitung zur Masochistik. Lassen wir 
ihm das Wort: 

Pförtner, du unverdient an die harte Kette gebundener, öffne die Tür 
nur ein ganz klein wenig, daß ich zu ihr hineinschlüpfe. Schau, das genügt, 
ich bin ja vor Liebessehnsucht schon ganz dünn geworden. Sieh, wie ich 
mit Tränen die Tür benetze. Wahrhaftig, ich legte oft für dich ein gutes 
Wort ein, wenn du zitternd und nackt vor der Herrin standst, dir Schläge zu 
holen. Ach, wieviel besser ist doch dein Los, als meines. Geht über auf 
mich, ihr lastenden Ketten [mit denen der Torsklave angeschlossen ist], dann 
könnt' ich doch wenigstens in ihrer Nähe weilen. 

Zaudere nicht, Qeliebte, sogleich mit den Nägeln mir ins Gesicht zu 
fahren. Schone weder Augen, noch Haare an mir. Mag der Zorn deinen 
Händen helfen, wenn sie auch noch so schwach. 

Wer liebt, gleicht dem Soldaten. Beide durchwachen die Nacht, auf 
harter Erde lagern sie beide. Jener vor der Schwelle der Herrin, dieser auf 
Posten vor des Führers Gezelt 

Wer es für schimpflich hält, Frauen zu dienen, der erkenne mich meinet- 
wegen schuldig solchen Schimpfs. Mag mich immerhin Schmach treffen, 
wenn mich nur Venus sachter quälte, wenn ich zur Beute einer milden 
Herrin geworden wäre, wie ich es einer schönen wurde. Von der Schönheit 
und dem Spiegel nimmt sie ihren Übermut. Doch darf sich das Winzige 
wohl an das Gewaltige klammern. Du, Hehre, nimm mich, auf welche Be- 
dingungen du willst. Die Bettgesetze diktiere dul 

O, laß mich oft vor deiner Schwelle liegen, in langer Nacht bei Reif und 
Frost. Spotte des Buhlen, und du wirst lange über ihn herrschen. 

Lange litt ich und viel; die Geduld erlag vor der Unbill. Jetzt hab ich 
mich befreit; was zu leiden mich nicht kränkte, mich kränkt es, dafi ich's litt. 
Für irgendwen, den du in den Armen hieltest, stand ich wie ein Sklave auf 
Wache vor dem verschlossenen Hause. Mit ansehn mußte ich, wie müde 
dein Geliebter aus der Tür trat, um die befriedigten Lenden matt heimwärts 



1 Vorgefunden auf tausend heterogenen Zetteln in dem beispiellos unordent- 
lichen Nachlaß. Vorläufig ruht das gesichtete Manuskript unveröffentlicht im 
Tresor eines Leipziger Verlegers. 

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zu tragen. Dies ginge noch an. Aber daß er mich noch sehen sollte, das 
ist bitter. 1 Jetzt ringt mein schwaches Herz zwischen Haß und Liebe. Auch 
der Stier haßt das Joch, aber er trägt, was er haßt. Flieh ich die Schlechtig- 
keit, so bringt mich die Schönheit wieder her. Stoßen mich die Sitten zurück, 
so bezaubert mich dein Körper. Ohne dich ist es so schwer zu leben, wie 
mit dir. O, wärst du nicht so schön oder nicht so schlecht, usw. 

Diese Proben lassen sich noch aus der .Ars amandi" leicht 
vervollständigen. Der erotische Grundzug in den Werken Ovids 
und Sacher-Masochs stimmt überein, wenn auch der Klassiker 
sich nicht so grob ausdrückt wie der moderne Autor, der auf 
jeder Seite in dem Ausdruck .Sklave" schwelgt Zur Theorie 
bemerke ich nur, daß Ovid einer der gelesensten Autoren der 
Weltliteratur ist, und daß das Urteil der Jahrhunderte über ihn 
lautet, er sei ein leidenschaftlicher Mensch gewesen. Auf die Idee 
einer pathologischen Geistesbeschaffenheit ist man nie gekommen, 
und ich möchte ihn auch hier nicht dafür reklamieren, vielmehr 
dem Sacher-Masoch nur die gleiche Fähigkeit zu starken 
Äußerungen der Leidenschaft zusprechen. 

Was bringt nun Forberg, der ja Krafft- Ebings Einfall nicht 
vorausahnen konnte, für Material zur Frage? Er erwähnt- S. 278 
das Masseusenwesen der Alten, jedoch mehr in Zusammenhang 
mit Sport und Masturbation. Auf S. 203 zitiert er eine merk- 
würdige Situation aus dem Petronius, wo ein Sklave bei der 
Kohabitation der Herrschaft behilflich zu sein hat; derartiges ist 
dem masochistischen Gedankenkreis nicht fremd, doch wäre eine 
solche Deutung hier wohl gewaltsam. Auf S. 224/225 wird vom 
Heliogabal erzählt, er habe im Bade bei seinen Mädchen den 
Epilator gespielt und das Enthaarungsmittel, das soeben auf ihrer 
Pubes gelegen, sich selber auf den Bart gestrichen. Weiter 
werden S. 289—291 Fälle von pica aufgezählt, die in engster Be- 
ziehung zum Masochismus stehn und auf die ich weiter unten 
noch zurückkomme. Endlich scheint mir, daß Forberg daneben- 
haut, wenn er S. 201 die in Peitsche, Zügel und Sporen be- 



1 Vgl. die Situation bei Schlichtegroll, Wanda ohne Pelz und Maske, 
S. 169 ff. Über den Reiz der Untreue vgl. auch Molls Artikel in: Senator 
und Kaminer, Krankheiten und Ehe, neue Ausgabe. Berlin 1908. 

377 



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stehenden Votivgaben gewisser Hetären nur mit der „Hektars 
Roß" benannten Koitusstellung in Verbindung bringt. „Sie ritten," 
sagt er, „sie wurden nicht geritten; etwas anderes kann es nicht 
bedeuten." 

Aristoteles und Phyllis. Bekannt ist der Holzschnitt des 
Hans Baidung Grien von 1513, der den Ritt der übermütigen 
Phyllis auf dem Aristoteles darstellt. Weniger bekannt ist, daß 
diese Situation schon im Pantschatantra und im Alt-Chinesischen 
vorkommt und daß sie zu den allerverschiedensten Zeiten als 
Symbol der Weiberherrschaft gedient hat Diese Geschichte spielt 
im Folklore eine Rolle, wie aus einigen Chansons de geste und 
deutschen Fastnachtsspielen des 15. Jahrhunderts hervorgeht 
Figürliche Darstellungen der Szene finden sich mehrfach an 
älteren französischen Kirchen des Südens, eine schöne Holz- 
skulptur am „Brusttuch" des Magister Thalligk in Goslar. Außer- 
dem sind mir eine Reihe von Zeichnungen, Gemälden, Stichen usw. 
bekannt geworden, die bis zum Jahre 1200 zurückreichen und 
das Thema nach Laune und Begabung variieren. Ich trage also 
kein Bedenken, die erwähnten Votivgaben der antiken Hetären 
auf eine besondere Geschmacksrichtung ihrer Klienten hin aus- 
zulegen. Ich vermute sogar, daß wir in den östlichen Literaturen, 
die uns leider siebenfach versiegelt sind, den aufgezäumten und 
gerittenen Masochisten als altbekannten Typus finden würden; 
um so eher, als diese Situation auf alle variationsbegierigen 
Erotiker einen gewissen Reiz auszuüben scheint 

Rousseau. Daß Forberg dennoch einen Zusammenhang aller 
dieser Dinge instinktiv gefühlt hat, beweist sein langes Zitat 
S. 213/214 aus Rousseaus „Confessions". Es ist dasselbe, Made- 
moiselle Lambercier betreffend, ohne dessen Anführung kein 
heutiger Sexualforscher eine allgemeine Darstellung der Erotik 
glaubt beschließen zu dürfen, und man ersieht hieraus wiederum, 
wie vorbildlich und in jeder Beziehung beachtenswert die 
Apophoreta sind. Rousseau sagt, selbst der Schmerz und die 
Scham sei mit einem Gefühl von Sinnlichkeit (d. h. Lust) ver- 
bunden gewesen. Man hat von einer Art Umwandlung des 

378 



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Schmerzgefühls in Lustgefühl bei der Flagellation gesprochen. 
Das ist wohl eine Verlegenheitsphrase. Denn, was einmal als 
Schmerz perzipiert wurde, ist und bleibt eben Schmerz. Ich habe 
aber selber beobachten können, wie einige passive Flagellanten 
platzende Striemen nur mit Lustempfindung hinnahmen, ohne 
jede bei anderen übliche Schmerzreaktion. Es wird also jeden- 
falls in einigen Fällen einzig Lust perzipiert, eine Erscheinung, 
die den Haut-Parästhesien in der Hypnose, wo gleichfalls ein 
fremder Wille die betroffene Psyche lenkt, auffällig ähnelt. Viel- 
leicht liegt in dieser Richtung ein Weg zur Erklärung einer der 
sonderbarsten Erscheinungen des Liebeslebens. 

Forberg zitiert ferner zur Frage der Flagellation auf S. 212 
den Chorier, der in einem Fall von der aphrodisischen Wirksam- 
keit der Rute zu erzählen weiß. Interessant ist auch die An- 
merkung S. 141; sie findet sich nicht bei Pidanzat de Mairobert 
(Anecdotes sur Mme. la Comtesse du Barry, 1775), stimmt aber 
mit dessen Angaben überein, da er deutlich durchblicken läßt, 
Ludwig XV. sei ein masochistischer cunnilingus gewesen und 
habe zum erstenmal bei der frechen Dubarry die Erfüllung seiner 
uneingestandenen Sehnsucht gefunden. Se non e vero, e ben 
trovato. 

Die römische Domina. Sehen wir uns nach weiteren Be- 
weisen älteren Datums um, den Masochismus und verwandte 
Züge betreffend, damit es nicht scheine, als sei diese erotische 
Spezialität nur ein Kulturprodukt moderner Großstädte; wobei es 
gleichgültig ist, ob der aktive oder der passive Partner deutlicher 
in die Erscheinung tritt, da ja beide zur Situation nötig sind und 
der Sadismus nur die Kehrseite der Medaille bedeutet Ein zartes 
und ein grobes Beispiel mag für das klassische Altertum genügen. 
Das erste steht in der griechischen Anthologie und lautet in 
eigener Übertragung: 

Könnt' ich die Brise doch sein, und du ergingst dich am Strande: 
Um die hitzige Brust blies ich dir kühlende Lust! 



» 



379 



Könnt' ich die Rose doch sein, und du mit den weichesten Fingern 
Nestelst mich zärtlich und mild, wo der Busen dir quillt I 

* • 

Zierlicher Kelch, du saugst an dem honigsüfiesten Munde; 
Und ich wünsche nur das: wSr' ich statt deiner das Glas! 

• 

Das zweite Beispiel bei Juvenal kennzeichnet den Typus der 
römischen Domina, die aus purer Laune einen Sklaven ans Kreuz 
schlagen laßt und den mitleidigen Gatten mit der Bemerkung zu- 
rechtweist, ein Sklave sei kein Mensch und mangels eines Grundes 
zur Bestrafung genüge eben ihre Caprice: sit pro ratione voluntasl 
Ihr ungnädiges Lever schildert die Szene: 

Wenn nächtlich der Gatte 
Lag auf die Seite gewandt, schlecht geht's der Beschließerin; ausziehn 
Muß der Staffierer den Rock, und es heißt, daß spät die Liburner 
Heute gekommen: er muß das Vergehn, daß ein andrer geschlafen, 
Büßen. An einem zerschlägt man die Ruten; von Peitschen und Geißeln 
Bluten die andern. Es zahlt auch manche dem Büttel ein Jahrgeld. 
Schläge diktiert sie und schminkt sich dabei, hört Freundinnen plaudern 
Oder bewundert am Kleid, dem gesUckten, den mächtigen Goldstreif, 
Und läßt hauen. Sie liest in dem langen Journal die Kolumnen 
Und läßt hauen, bis daß, da ermüden die Hauenden: Pack dich! 
Grimmig sie donnert darein . . . 

(Übersetzung von Berg.) 

Solche Domina war auch Antonina, die Gattin Beiisars; über 
eine eigentümliche Szene zwischen den beiden vgl. Prokops 
Arcana (am besten die ungekürzte Ausgabe von Isambert, Paris 
1856, mit griechischem und französischem Text). 

Masochlsmus im Mittelalter. Moscherosch spricht in den 
Wunderlichen und wahrhaftigen Gesichten Philanders von Sitte- 
wald auch von solchen Weibernarren, die da begehren, das Brett 
auf dem geheimen Kabinett zu sein, auf daß ihnen die „Tränen" 
aus der Liebsten Gesäß ins offene Maul fallen. 

In der „Wohlausgeführten Jungfern -Anatomie usw." meint 

380 



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Verfasser (wahrscheinlich Karl Seyffart, um 1660), man müsse die 
Frauen sehr mühselig courtoisieren, sie Göttin titulieren usw. 

Man muß sich wünschen offt zum schwartzen Floch zu werden, 

Zu hüpften in das Bett, sonst oder an der Erden. 

Ja mancher wünschet offt: Ach wäre ich die Sach, 

Darauff das Jungfervolck sich setzet im Gemach, 

Ach wär ich doch die Schürt*, das Hündgen und das Kätzgen usw. 

Abraham a Santa Clara entwirft folgendes Bild, das an Voll- 
ständigkeit nichts zu wünschen übrig läßt: 1 

Ach meine angebetete Schönheit! sagt mancher zu seiner Haus -Trommel, 
du weißt, wie ich dich ästimire; nunmehro ist es schon das achte Jahr, daß 
wir miteinander hausen, und sind Gottlob niemals uneinig gewesen, es soll 
auch hinfüro mit meinem Willen nicht geschehen; der Himmel lasse mich die 
Zeit nicht erleben, daß ich dich nur im geringsten beleidige, drum schaffe, 
meine Gebieterin, hier sind die Schlüssel zum Kasten, mein Herz hast du 
schon längst geraubet, disponir mit dem Geld nach deinem Gefallen. Drinn 
in der Kammer hängen auch die Schlüssel zum Keller; die ganze Wirtschaft, 
Knecht, Mägd, Rinder, Schwein, sogar der alte Haushund stehet zu deinen 
Diensten: schaffe was du willst, befehle wie du willst, gehe aus so oft du 
willst, stehe auf wenn du willst; thut dir Jemand etwas zuwider, dort im 
Winkel ist der Ochsen -Senne, schlag zu, die Leute müssen im Hause eine 
Furcht haben. Dergleichen verllebte Sentenz redet der in Weiber- Lieb völlig 
ersoffene Mann, und verkaufet das Obenecht, welches allein dem Mann zu- 
stehet, seinem Weib, wie Esau seinem Bruder, die Erstgeburt gleichsam um 
ein Linsen -Mus. Mit wem aus euch, ihr Weiber- Narren, redet der weise 
Mann Proverb, am 9. Non des mulieri potestatem animae tuae, ne ingrediatur 
in virtute tua, et confundaris: Gieb dem Weib keinen Gewalt über dich, 
damit sie sich nicht deiner Tugend anmaße und du hernach zu Schanden 
werdest; denn M. Porcius Cato saget: Omnium rerum libertatem, immo 
licentiam, si vera dicere volumus, foeminae desiderant: Die Freiheit aller er- 
denklichsten Sachen, ja allen Mutwillen und Ueppigkeit, wenn man die 
Wahrheit sagen will, begehren die Weiber, und ihnen ist nichts angenehmers, 
als das Regiment über den Mann. Wie viel aber solche Weiber- Narren giebt 
es nicht, welche ihren Frauen gern den Regimentsstab überlassen, und den 
Besen in die Hand nehmen, womit sie sich zur äußersten Sclaverei ihrer 
Weiber- Füßen werfen. Ja, sie springen durch die Reif wie die hungrige 
Pudel-Hund, wenn es nur ihre lieben Frauen verlangten. Es hanget mancher 
Mann die ganze jährliche Besoldung an den Hintern, die Frau zieht auf wie 

* Auch bei Rudeck, Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit zitiert, aber nur 
als Beispiel einer drastischen Predigt gegen die .Unsittlichkeif. 

381 



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eine vornehme Dame, und der Mann hingegen wie ein verächtlicher Thor- 
Wärtl, also, daß die Leut nil wissen, ob dieser seines Weibs Mann, oder aber 
setner Frauen ihr Haus -Knecht seie. Solche Narren vermeinen, sie begehen 
eine Sand der beleidigten Majestät, wenn sie ihren Weibern etwas ab- 
schlagen; sie sitzen ihnen Tag und Nacht in dem Schoofi und lecken ihnen 
die Lippen ab, wie die Polster- Händlern. Etliche Narren hocken gar vor 
ihren Weibem auf einem Knie nieder, als wollten sie Audienz begehren, 
küssen ihnen bei einem jeden Wort die Händ, und wenn das Weib bei Tags 
in dem Bett faulenzt, so ziehen sie die Schuh ab, bevor sie in die Kammer 
gehen, damit sie ja den angenehmen Engel nicht aufwecken. Sobald das 
Weib nur einen verliebten Augenwink thut, so lauft der Mann schon wie ein 
Land -Bot, damit der Wille seines Weibes auf das allereilfertigste vollzogen 
werde. Dann weilen durch die Augen seine süße Sclaverei entsprungen, so 
hält er auch solche vor rechte Befehls -Geber, denen er einzig und allein 
seine Dienste aufopfern kann, ja des Weibs Augen sind bei solchen Männern 
wie die Sonnen-Uhren, angeheftet auf die schöne Gesichts-Tafel, weisend mit 
Zeiger der Blicke denen veramorirten und vermasquerirten Weiber- Narren die 
glückselige oder aber unglückselige Stunden. Es trinken viele die Gesund- 
heiten ihrer Weiber nicht nur aus denen Stengelgläsern, sondern auch aus 
denen Pantoffeln; und hat der Herr Coridon neulich seine schöne Frau 
Amaryllis versichert, wie er sie dergestalten liebe, daß er nicht entblödete, 
ihre Gesundheit aus dem zinnernen Nachttopf zu trinken, welcher unter ihrem 
Bette stunde. Es ist mir unlängst von einer klugen und schlauen Magd vor 
gewiß erzählet worden, daß dieselbe bei einer solchen Frau gedient, deren 
Mann allzeit in das geheime Gemach dem Weib das Papier nachgetragen, 
und die Frau ihrer Müh überhebt, welches ich um desto ehender glauben 
können, indeme mir die Magd hochbetheuert, daß sie dieses schöne Spektakel 
mit Augen durch eine Klumsen der Thür gesehen. 

Paul Verlaine. Der Verfasser der Paraphrase von Abbe 
Boileaus Historia Flagellantium, ein Engländer, meint: 1 „Die- 
jenigen Schriftsteller, welche über die Art und Weise geschrieben 
haben, wie sich Mannspersonen im Umgang mit dem schönen 
Geschlecht zu betragen haben, sind so weit in ihrer Diskretion 
gegangen, daß sie es sogar den Damen zu einer Art von Pflicht 
gemacht haben, ihren Anbetern, Liebhabern, und auch ihren 
Männern bey gewissen Gelegenheiten Verweise zu geben, und sie 
zu geißeln, und diesen schärfen sie es im Gegentheil als einen 
Gewissenspunkt ein, die vorübergehenden Kasteyungen mit Ge- 
duld und Demuth zu ertragen, und nicht in der Meinung zu 



1 Deutsche Ausgabe, Leipzig 1785. 

382 



stehen, als wenn ihnen eine solche Unterwürfigkeit Schande bringen 
könnte." 

Am stärksten von allen Vertretern der Literatur spricht sich 
diese Sinnesrichtung bei Verlaine aus, der schon im Kapitel über 
Amor lesbicus zitiert wurde. Obwohl Verlaine auch eine homo- 
sexuelle Episode in seinem Leben hatte (mit Arthur Rimbaud), 
so scheint mir doch der Masochismus bei ihm die deutlichste 
Grundnote seines zersplitterten Daseins gewesen zu sein. Die 
Verse, in denen sich das ausspricht, haben in der Sexualwissen- 
schaft bis jetzt so gut wie keine Beachtung gefunden; ich setze 
sie deshalb hierher, und zwar im Original, weil sie stellenweise 
die Lizenz überschreiten, die ich mir für den deutschen Ausdruck 
dieser Abhandlung glaubte stecken zu müssen. 

Zunächst ein ganzes Gedicht, um die fabelhafte Verve seiner 
Leidenschaft zu zeigen, und dann, der Raumbeschränkung halber, 
einige herausgerissene Stellen: 

Brune encore non eue 

Je te veux presque nue 

Sur un C3Ti3p£ noir 

Dans un jaune boudoir, 

Comme en mille huit cent trente. 

Presque nue et non nue 
A travers une nue 
De den toll es montrant 
Ta chair oü va courant 
Ma bouche delirante. 

Je te veux trop rieuse 
Et tres imperieuse, 
Mechante et mauvaise et 
Pire s'il te plaisait, 
Mais si luxurieuse! 

Ah, ton corps noir et rose 
Et clair de lune! Ah pose 
Ton coude sur mon cceur. 
Et tout ton corps vainqueur, 
Tout ton corps que j'adore! 

383 



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Ah, ton corps, qu'il repose 
Sur mon ämc morose 
Et l'ttouffe sü peut 
Si ton caprice veut! 



Splendides, glorieuses, 



leurs jeunes £bats, 
Fous mon orgueil en bas 
So us tes fesses joyeuses! 



Use de moi, je suis ta chose; 
Mon amour va, ton humble esclave, 
Prtt a tout ce que lui propose 
Ta volonte, dure ou suave, 
Prompt a jouir, prompt ä souffrir. 
Prompt vers tout hormis pour mourir 



Mourir dans mon corps et mon 
Je le veux si c'est ton caprice. 
Quand il faudra que je perisse 
Tout entier, fais un signe, femme etc. 



S'il arrive que tu me battes, 

Soufflettes, £gratignes, tu 

Es le mattre dans nos plnates, 

Et moi le cocu, le battu, 

Suis content et vois tout en rose. 



Sois-moi fidele si possible 
Et surtout si cela te plalt, 



A mon d&ir, humble valet, 

G>ntent d'un «viens!» ou d'un soufflet. 



Mais avant la cantate 

Que mes äme et prostate 

Et mon sang en artet 

Vont dire ä la louange 

De son eher Cul que Tange . . . 

O d£chu! saluerait, 

Puis il l'adorerait, 

Posons de lentes levres 
Sur les delices mievres 
Du dessous des genoux, 
Souple papier de Chine, 
Fins tendons, ligne fine, 
Des veines sans nul pouls 
Sensible, il est si doux! 

Et rnaintenant aux Fesses! 
De^sses des deesses, 
Chair de chair, beau de beau, 
Seul beau qui nous penetre 
Avec les seins, peut-fitre, 
D'emoi toujours nouveau, 
Pulpe dive, ahne peau! 

• 

Vos pieds sont merveilleux, qui ne vont qu'ä 1'amant, 
Ne reviennent qu'avec 1'amant, n'ont de repit 
Qu'au lit pendant l'amour, puis flattent gentiment 
Ceux de 1'amant qui las et soufflant se tapit. 

Presses, fleures, baises, leches depuis les plantes 
Jusqu'aux orteils suces les uns apres les autres, 
Jusqu'aux chevilles, jusqu'aux lacs de veines lentes, 
Pieds plus beaux que des pieds de heros et d'apötres! 



Mais quoi? Tout ce n'est rien, Putains, au prix de vos 
Culs et cons dont la vue et le goüt et l'odeur 
Et le toucher font des elus de vos devots, 
Tabernade et Saints des Saints de l'impudeur. 

C'est pourquoi, mes soeurs, vers vos cuisses et vos fesses 
Je veux m'abstraire tout, seules compagnes vraies, 
Beautes müres ou non, novices ou professes, 
Et ne vivre plus qu'en vos fentes et vos raies. 



Theoretisches. Das letzte Gedicht Verlaines, das nicht seiner 
offiziellen Literatur entstammt, würde in Verbindung mit seinem 
Alkoholismus und seinem sonstigen Lotterleben genügen, ihn 
nach dem Krafft-Ebingschen System als schwer belastet, degene- 
riert und mit unheilbarer Perversion behaftet zu klassifizieren. Ja, 
die meisten Gutachter würden dem Verlaine, als er das Attentat 
gegen seinen Freund verübte, mit dem § 51 des Strafgesetzbuchs 
schützend zur Seite getreten sein, d. h. sie hätten die Einsperrung 
in eine maison de sante" dringend befürwortet 

Der Kernpunkt der Krafft-Ebingschen Theorie mutet nun aller- 
dings etwas sonderbar an. Das Weib, sagt er, ist der duldende, 
unterworfene Teil schlechthin. Der Masochist will dulden und 
unterworfen sein. Ergo ist er ein verkapptes Weib und der 
Masochismus eine »rudimentäre Form der konträren Sexual- 
empfindung". Diese schnurrige Erklärung steht glücklicherweise 
recht vereinsamt da, indem andere Autoren sie ablehnen oder mit 
Stillschweigen Übergehn. Wenn das Weib die pars fututa ist, so 
ist sie deshalb noch nicht schlechthin passiv. Krafft-Ebing, dessen 
Psychopathia sexualis eigentlich eine „rudimentäre Form der 
Moraltheologie* ist, scheint als einzige Normalhandlung der ge- 
samten Erotik nur jene von den Jesuiten gnädigst „erlaubte" 1 
Position angenommen zu haben, wo das Weib die duldende 
Succuba und der Mann jenen hastigen Incubus macht, den man 
im Volksmund „Fünfminutenbrenner" nennt. Alles andre ist 
„peccatum" mit einem entsprechenden epitheton ornans, sagen 
die Jesuiten; ist abnorm, Perversität, Perversion, pathologisch usw., 
sagt Krafft-Ebing. Die Rolle, die ein nicht frigides Weib bei der 
Kohabitation spielt, ist in Wirklichkeit doch ein wenig anders, 
wovon noch weiter unten einiges gesagt wird. Allerdings ist die 
Frau in ihrer Wesenheit in sich geschlossener als der Mann; 
sie ist ruhender, erwartender, mehr bewußte Anziehung ausstrahlend, 
gleicht mehr dem Ovulum, auf das die Spermatozoen hinwimmeln. 
Aber von Passivität schlechthin ist keine Rede, es sei denn bei 
einer erotisch verpfuschten, spießbürgerlichen Ehefrau. Anderer- 
seits ist der Schluß auf rudimentäre Homosexualität schon des- 



* Krafft-Ebing gebraucht sogar diesen jesuitischen Terminus. 

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halb abstrus, weil es unter den echten, eingeborenen homo- 
sexuellen Männern gerade so viel Masochisten gibt, wie unter 
den heterosexuellen; da würden also zwei Homosexualitäten neben- 
einander bestehn, eine rudimentäre und eine ausgewachsene. 

Wichtiger ist das psychologische Verhältnis zwischen Masochis- 
mus (inkl. Fetischismus) und Sadismus. Die meisten Autoren sind 
sich über die Enge der Beziehungen einig. Ich sprach schon 
von der „Kehrseite der Medaille" und insofern sich jeder Masochist 
in die Gefühle des Partners hineinzudenken pflegt, ist die Doppel- 
heit der Gedankenrichtung in ein und demselben Individuum 
häufig. Meist wird also der heterosexuelle Masochist die Vor- 
stellungen des sadistischen Weibes nachtasten; dagegen wird ihm 
die Vorstellung von der Mißhandlung eines Weibes durch einen 
Mann unerträglich sein. Dies bestätigt ein Abonnent von »Geißel 
und Rute" 1 im Januarheft 1908, der eine Teilung des Blattes vor- 
schlägt, weil er nichts von Grausamkeiten lesen mag, außer wenn 
sie vom Weibe am Mann verübt werden. Dementsprechend ist 
der homosexuelle Masochist meiner Kasuistik (Fall Nr. 1 im Jahrb. 
f. sex. Zwischenstufen 1908) fähig, dem Gedanken an Knaben- 
mißhandlungen nachzuhängen. 

Machtbewußtsein gibt Spannung und Lustgefühle. Darum ist 
der Sadismus verhältnismäßig leicht zu begreifen, wenn auch 
nicht wissenschaftlich zu erklären. Vom Masochismus wird 
immer gesagt, er gipfle in der Demütigung und im Schmerz. 
Wenn aber Demütigung als Lust und Schmerz als Lust empfunden 
werden, so stimmt die Rechnung nicht ganz. Ich glaube be- 
obachtet zu haben, daß es dem Masochisten darauf ankommt, um 
jeden Preis der sadistischen Lust des Partners zu dienen, daß 
diese Lust seine Lust ist, und daß beim Mangel an Lust auf 
der Gegenseite auch bei ihm der Orgasmus ausbleibt und trotz 
allem In-Szene-Setzens dann nur das nüchterne Nachrechnen einer 
schalen Komödie bleibt Die influenzierende Lust des sadistischen 
Partners scheint mir die spannende Feder in dem ganzen Ge- 

1 Diese kuriose Zeitschrift für Masochisten und Sadisten erscheint in Preß- 
burg; sie wird von einem bekannten Schriftsteller redigiert, ist aber trotz Auf- 
wendung einiger Obszönitäten herzlich unbedeutend. 

25» 387 



triebe darzustellen. Alles andere ist Beiwerk; bei den scheinbaren 
Ausnahmen kann ich hier nicht länger verweilen. 

Masochlstlsche Belletristik. Das ungeheure Anschwellen 
dieser Literaturgattung muß wenigstens erwähnt werden. Ich habe 
jüngst alle hierher gehörenden Bücher, mit Einschluß der bei uns 
kursierenden französischen und englischen, bibliographisch ziem- 
lich vollständig ermittelt. Es ergab sich daraus, daß innerhalb 
der zehn Jahre, die diese Mode nun grassiert, rund dreiviertel 
Million Bände produziert und an den Mann gebracht worden 
sind. Fast ausschließlich ist alles Hintertreppenschund; die obszönen 
Sachen haben einen gewissen psychologischen Konstatierungswert 
Bedeutend ist nur ein einziges, allerdings etwas älteres Werk, 
nämlich die „Gynecocracy, A narrative of the adventures and 
psychological experiences of Julian Robinson (afterwords Viscount 
Ladywood) under petticoat-rule, written by himself". Es sind 
drei Bände 8°, XI und 169, VI und 174, VI und 167 Seiten, datiert 
Paris and Rotterdam 1893. Diese Ausgabe, die mir vorliegt, 
wimmelt von Druckfehlern. Ob sie das erste Original ist, ver- 
mag ich nicht zu sagen; ein älterer Druck ist mir nicht zu Ge- 
sicht gekommen. Ein deutsches und ein französisches Buch, die 
unter ähnlicher Flagge segeln, sind dürftige und verballhornte 
Auszüge. Sexualforschern kann ich die Lektüre empfehlen; Ver- 
fasser entwickelt so verblüffende Kenntnis von den Varietäten des 
Masochismus und bleibt so nahe bei den psychologischen Mög- 
lichkeiten, daß das Werk mehr als manches andre Erotikum eine 
ganze Serie von „Fällen" aufwiegt 



388 



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VI. PICA. 



Der Pica (Urolagnie, Koprolagnie) wurde schon Erwähnung 
getan. Sie wird gewöhnlich zum Masochismus gerechnet; doch 
kommt sie auch isoliert vor, und je mehr man das starre System 
der Psychopathologie wieder auffasert, um so leichter wird man 
bei der individuellen Mannigfaltigkeit des erotischen Begehrens 
diagnostische Fehlschlüsse vermeiden. Jemand erklärt z. B., er 
wäre ein Masochist „pur sang" ; er berichtet von extremen Flagel- 
lationsgelüsten: fragt man ihn darauf nach der pica, so erklärt er 
dergleichen für unmögliche Widerwärtigkeiten. 

Der umgekehrte Fall ist nicht selten. Den Briefen eines 
Masochisten an eine Dame der Gesellschaft entnehme ich das 
Geständnis, dafi ihn „die Furcht vor sadistischen Grausamkeiten" 
bisher abgehalten habe, sich mit den bekannten Spezialistinnen 
unter den meretrices einzulassen; weiterhin schreibt er, er möchte 
totum corpus dominae lambere: „das Wasser meiner gnädigen 
Herrin will ich trinken und dabei vor Wonne vergehn; ein williger 
Sklave will ich sein und alle Befehle ausführen, ohne daß erst 
Strafen nötig sind." Diese recht verbreitete Nuance eines ein- 
geborenen Begehrens wurde bis jetzt von der Wissenschaft 
weniger beachtet Den Betreffenden fehlt jene Parästhesie des 
Hautgefühls, von der ich oben sprach, gänzlich; dagegen ist eine 
Parästhesie der Geschmacksempfindung vorhanden. Wie wollte 
man es sonst erklären, daß ein mir bekannter Jurist die faeces 
dominae als „himmlisches Manna" bezeichnet, daß er sie so an- 
dächtig verspeist wie die teuerste Südfrucht, ja, daß er bei der 
bloßen Lektüre eines Briefes, der ihm diese Gelegenheit in Aus- 

389 



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sieht stellt, von einer rapiden Ejakulation überrascht wurde? Ich 
weise nochmals darauf hin, daß man solche Parästhesien in der 
tiefen Hypnose experimentell erzeugen kann, bei jedem absolut 
normalen Menschen; was jedenfalls die strikte Einreihung der 
pica in die Pathologie nicht unbedenklich erscheinen läßt 

Forbergs Material zur pica ist ziemlich reichhaltig. Becca- 
dellis Epigramm auf Alda (S. 27) malt die allgemeine Verzückung 
des Liebhabers auch an den Exkretionen der Geliebten. Daß 
sich die sympathischen Gefühle auf alle Funktion des ge- 
liebten Partners erstrecken, ist nach meinen Beobachtungen ein 
alltäglicher Vorgang. Havelock Ellis, ein sorgfältiger Unter- 
sucher, bestätigt, daß „der gesunde Liebhaber keinerlei Wider- 
willen gegen die intimsten Kontakte trotz der Nähe der exkreto- 
rischen Orifizien oder trotz deren Existenz überhaupt empfindet" 1 

Über den foetor omni et pedum spottet Beccadelli S. 31 und 
S. 81—85. In der Anmerkung S. 291 und auf S. 293/294 wird 
der Geruch des Cunnus mit der Heringslake (salgama) verglichen. 
Diese allermodernste Entdeckung kennt also schon Auso- 
nius! Zwaardemaker hat über die Angelegenheit ein Buch 
veröffentlicht (Die Physiologie des Geruchs, Leipzig 1895); er tritt 
darin den Beweis an, daß alle riechenden Substanzen, die erotisch 
reizen, chemische Affinität besitzen und einer bestimmten Gruppe 
angehören. Es war nun allerdings schon früher bekannt, daß das 
Trimethylamin der Heringslake, NH(CHs)8, auch in menschlichen 
Sekreten und z. B. im Kraut von Chenopodium vulvaria 2 vor- 
komme. Die menschliche Nase ist der chemischen Analyse in 
vielen Fällen auch heute noch überlegen. Bemerkenswert bleibt 
aber, wie ausgiebig die Apophoreta auf alle Fragen des modernen 
Forschers antworten. 

Das lingere cunnum gravidarum erwähnt Forberg S. 285 und 

1 Die krankhaften Oeschlcchtscmpfindungen. Würzburg 1907. 

2 Von dieser Pflanze zählt Aigremont im IV. Band der Anthropophyteia 
folgende Benennungen auf: Bocksmelde, Buhlkraut, Wuhlkraut (aus vulvaria), 
Fotzenkraut, stinkende Hure, Schamkraut, Mauzenkraut (mauze schlesisch vulva). 
In Nordfrankreich coniö (con = cunnus). In Italien erba connina, erba merda. 
Vgl. auch das in Kürze erscheinende Werk Aigremonts .Volkserotik und 
Pflanzenwelt', Halle 1908. 

390 



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S. 294/295, das lingere menstrua und das lingere cunnum post 
coitum alterius auf S. 289—201, die tatsächliche Koprophagie 
S. 249/250 und S. 286. 

Theodora. Eine bekannte Variöte" -Produktion des Altertums 
spielt ins Gebiet der pica hinein. Prokop von Caesarea hat die 
Stelle überliefert und sagt sie der Kaiserin Theodora aus ihrer 
Jugendzeit nach. Die Stelle ist in den meisten Ausgaben unter- 
drückt; ich gebe sie in der Übertragung Isamberts von 1856: 

Souvent en plein th&tre, quand tout un peuple etait präsent, eile se 
depouillait de ses vfitements et s'avancait nue au milieu de la scene, n'ayant 
qu'ttne ceinture autour de ses reins, non qu'elle rougit de m untrer le reste 
au public, mais parce que les reglements ne pennettaient pas d alier au delä. 
Quand eile etait dans cette aUitude, eile se couchalt sur le sol et se ren- 
versait en arriere; des garcons de theätre, auxquels la commission en £tait 
donnee, jetaient des grains d orge par-dessus sa ceinture; et des oles, dressees 
ä ce sujet, venaient les prendre un ä un dans cet endroit pour les mettre 
dans leur bec; celle-ci ne se relevait pas, en rougissant de sa position; eile 
s'y complaisait au contraire, et semblait s'en applaudir comme d'un amusement 
ordinaire. 

Die Sache findet sich vereinzelt in der Literatur erwähnt, und 
zwar so, als hätte es sich um Bestialität gehandelt. Wie man 
sieht, trug die Artistin eine „ceinture". Die Produktion war viel- 
mehr eine Art von outrierter Pose plastique zur erotischen Er- 
götzung der Zuschauer. 

Zur Kasuistik. Einen auffallenden Geschlechtsdimorphismus 
zeigt die im Meer lebende Bonellia viridis. Bei dieser Spezies 
sind die Männchen zwerghaft klein und verbringen ihr Leben 
parasitär im Genitalschlauch des Weibes. Der nachfolgende Fall 
(aus eigenem Material) betrifft einen Herrn, der die Männchen 
der Bonellia viridis zu beneiden pflegt: 

XY. , in den Dreißigern, begabter Kunsthistoriker, sehr feiner Ästhet, 
auch äußerlich in bezug auf Kleidung, Handpflege u. dgl. In seinem Fach 
jagt er mit Vorliebe erotischen Themen nach. Sein Ideal ist eine Art von 
Varieteweib, Schlangendame oder so etwas. In der Gesellschaft kann er bei 
allem Geist manchmal naiv- läppisch werden. Die Studentenzeit war ziemlich 
wüst; er hatte mit Kellnerinnen verschiedene Kinder. Wenn er sich produ- 
zieren soll, z. B. In einem öffentlichen Vortrag, bekommt er starkes Lampen- 

391 



fieber, bis zu ausgesprochen hysterischen Zuständen. Dies erklärt z. T. den 
Einfluß, den seine jetzige langjährige Domina auf ihn ausübt. Sie ist eine 
sadistische, rohe Natur ä la Canaille. Beide Anlagen ergänzen sich also. Der 
feine Ästhet ist ein leidenschaftlicher Podexverehrer, Fanatiker für natürliche 
Gerüche und Parfüms, liebt mictionem atque defaecationem in os suum, 
imprimis cunnum lingit post coitum alterius viri; einen guten Freund flehte 
er einmal an, die Rolle dieses andern zu spielen. Koitus sporadisch. 

Herr D.G. Merzbach war so freundlich, mir aus den Korrektur- 
bogen seines demnächst erscheinenden Werkes (Die krankhaften 
Erscheinungen des Geschlechtssinns, Wien 1908) die Entlehnung 
des folgenden merkwürdigen Dokuments zu gestatten. Es ist der 
Brief eines Kaufmanns: 

Meine Hebe Freundin! Hoffe Dich im Besitze der meinerseits ver- 
sprochenen Ansichtskarten und habe erst heute Zeit, die Ihnen ebenfalls ver- 
sprochenen Zeilen zu senden, worin mein Entzücken ausdrücke über Deinen 
süßen cunnulus, quem tarn libenter lambo. Ich kann Dir nur sagen, daß ich 
lebhaft bedaure, nicht permanent dort sein zu können, Deines so süßen, 
lieben cunni causa, ich würde ihn sicher täglich mehrmals, so oft Du willst 
funditus längere, imprimis postquam coitum fecistl, etiamsi plenus esset 
utriusque liquoris seminalis. Es gibt nichts Schöneres für mich, als cunnum 
lingere, quando multum inest in vagina, und denke ich, daß Du es nächstes 
Mal so einrichtest, daß Dein Freund, welcher neulich per Telephon mit Dir 
sprach, mit dabei ist, insofern, daß er a tergo te futuat, dum ego succumbo 
atque utrumque lambo. Dann braucht er und Du gar nicht direkt coitum 
facere, sed penem in vaginam solum immittere, ut, dum lambo, uterque ad 
orgasmum perveniat, und meine ich, te libidine permotam libenter in os meum 
mineturam esse, dum amicus tuus mihi permittere volet, ut an um suum 
Ungarn. Beides hätte gern, aber wir müßten beiderseits, respektive allerseits 
nackend sein; falls sich einer von uns vor Wollust faeeibus vestJmenta com- 
maculat, auch das wäre schön. Schreibe mir bitte, ob ich eventuell Sonnabend 
kommen soll, um über Sonntag da zu bleiben. Schön müßte es so sein; 
hättest Du es gern so, dann empfange mich Sonnabend; ich freue mich heute 
schon, jam palato pereipio ejaculatum vestrum quamquam absens. Wenn Du 
gerade den .roten König' haben solltest, macht nichts, gerade dann omnia 
tibi elingam, und Deinem Freund schadet es ja auch nichts, si penem im- 
mittit; o wie schön utrumque ejaculatum sanguine permixtum elingere, quasi 
unetum! bis vobis elingam anum, cunnum et penem. Um Bescheid bittend, 
sende Dir viele Grüße, atque cunno tuo ebensolche. 

Ich möchte gegenüber solchem Fall betonen, daß der leider 
übliche Ausdruck der ästhetisch -moralischen Entrüstung einem 

392 



naturwissenschaftlichen Untersucher schlecht ansteht Derartige 
Expektorationen beweisen nur, daß der Berichterstatter zu intensiv 
mitgedacht hat. Es kommt einzig darauf an, nachzuweisen, daß 
die pica in so extremem Umfang bei bürgerlich absolut an- 
ständigen und geistig gesunden Männern auftreten kann. 

Sades 120 journees. Mag dies neuerdings veröffentlichte 
Buch 1 nun von Sade stammen oder nicht, jedenfalls handelt es 
in den Teilen, die sexualpsychologisch verwertbar erscheinen, fast 
nur von der pica. Es sind da einige Fälle offenbar nach dem 
Leben skizziert, z. B. dieser: 

Un homme fort jeune et d'une tres jolie figure eut la fantaisie de me 
gamahucher Ie con avec mes regles, j'£tais couchee sur le dos, les cuisses 
ouvertes, il 6tait ä genoux devant moi, et sucait en soulevant mes reins de 
ses deux mains pour mieux placer le con a sa portee, il avala et le foutre 
et le sang, car il s'y prit si adroiternent, et 11 6tait si joli que je dechargeai. 
II se branlait, 11 ctait au 3« del, 11 paraissait que rien au monde ne pouvait 
lui faire autant de plaisir et la decharge la plus chaude et la plus ardente 
falte en operant toujours, vint bientöt m'en convaincre. Le lendemain il vit 
Aurore, peu apres ma sceur, et en un mois, il nous passa toutes en revue, 
au bout duquel il fut faire sans doute ä toutes les autres bordels de Paris. 

Weiteres und wertvolles Material zu dieser Frage findet man 
allenthalben zerstreut in den folkloristischen Sammlungen der 
Anthropophyteia. 

Zur Theorie. Der Grund, weshalb ich mit einer verhältnis- 
mäßigen Ausführlichkeit bei dem Gegenstande verweile, ist der: 
Es ist auffällig, aber wenig aufgefallen, daß die pica fast aus- 
schließlich dem männlichen Sexualcharakter angehört. 
Beobachtung des Lebens und erotische Weltliteratur stimmen darin 
überein, daß beim Mann derartige Extravaganzen, zum mindesten 
in der Phantasie, häufig sind, beim Weibe aber außerordent- 
lich selten. Der eine, hier unter Amor lesbicus erwähnte Fall 



1 Les 120 journees de Sodome ou l'Ecole [sie!] du Libertinage par le Marquis 
de Sade. Publ. p. la prem. f. d'apres le manuscr. orig., avec des annotations 
scientif. p. le Dr. Eugen Dühren, Paris, Club des Bibliophiles 1904. 

393 



betrifft eine homosexuelle Masochistin! Es scheint mir an- 
gebracht, daß man den virilen Faktor, den v. Ehrenfels 1 neuer- 
dings rassenbiologisch konstruierte, weiter verfolge, um die funda- 
mentalen Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Potenzen 
aufzudecken. 



1 Vgl. seine . Sexualethik \ Wiesbaden 1907. Ferner .Die konstitutive Ver- 
derblichkeit der Monogamie usw.' im Archiv für Rassenbiologie, 1907, Heft 5 u. 6. 



394 



VII. HERRENMORAL DER ALTEN 



Die Diskussion über Sexualethik steht heute auf der Tages- 
ordnung nicht bloß der gelehrten Forscher, sondern auch weiter 
Kreise, die mit Eifer für eine sexuelle Aufklärung eintreten. Im 
Mai 1907 fand in Mannheim ein ganzer Kongreß einzig über 
diese Frage statt und alle Zeitungen brachten spaltenlange Be- 
richte über die Verhandlungen. 1 

Was die moralische und ästhetische Bewertung bestimmter 
Lusthandlungen betrifft, so bekommt man in den meisten Büchern, 
die dies Thema streifen, zu lesen, daß außer dem Kuß und dem 
coitus in seiner üblichsten Form alles unsittlich oder ekelhaft sei. 
Diese Behauptung steht nun allerdings in schroffem Gegensatz 
zur Praxis, und da ich keinen Anlaß finden kann, die Liebes- 
betätigung von heute für unsittlicher oder ekelhafter zu halten 
als die früherer Epochen: so möchte ich den Schluß auf die be- 
sondere Sündhaftigkeit unserer Zeit nicht mitmachen, vielmehr 
annehmen, daß die betreffenden Autoren ein gut Teil heucheln 
oder im sexuell unfreien Christianismus befangen sind. 

Einige abweichende Stimmen seien zitiert. Christian v. Ehren- 
fels sagt in seiner „Sexualethik" (Wiesbaden 1907): „Die Ideale 
der alten monogamischen Ehemoral haben ihre befeuernde Macht 
auf die Gemüter eingebüßt; sie sind morsch und zerfressen von 



1 Gedruckt unter dem Titel: Sexualpädagogik, Verhandlungen des 
3. Kongresses der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechts- 
krankheiten, Leipzig 1907, gr. 8°, XIV und 321 S. 

395 



der Skepsis der Aufklärung und der Kritik des Enthüllungs- 
verfahrens." 

Spezieller drückt sich Kötscher aus in der Abhandlung „Das 
Erwachen des Geschlechtsbewußtseins" (Wiesbaden 1907): ,Ab- 
gesehn von einer ästhetischen Wertung, die bekanntlich sehr 
subjektiv ist, und sich sogar bei manchen Leuten als Abscheu 
auf die eigentlichen Genitalien erstreckt, wird man in der Fellatio 
und im cunnum lingere kaum etwas besonders Perverses 1 sehen 
können; erreicht doch auch der normale Geschlechtsverkehr häufig 
seinen Zweck nicht, oder wird in seinem Zweck illusorisch ge- 
macht durch coitus interruptus oder Pessare und Kondome." 

Ähnlich sagt Merzbach in den .Krankhaften Erscheinungen 
des Geschlechtssinns" (Wien 1908): .Die Vorliebe mancher Männer 
für gravide Frauen, sowie das cunnum lingere ohne Ekelfinessen, 
auch post coitum alterius, können wir dem Masochismus, wie es 
andere Autoren tun, nicht ohne weiteres zurechnen. Wir wissen 
von einer überaus großen Anzahl von Männern, daß sie lccheurs 
sind, ohne daß sie sonst die geringste masochistische Anlage 
zeigen." 

Man hört nun öfter die Ansicht aussprechen, das Christentum 
habe überhaupt erst eine Geschlechtsmoral geschaffen, während 
in der heidnischen Antike völlige Freiheit bestanden habe, zu 
tun und zu lassen, was man wollte. Das ist grundfalsch. Man 
werfe einen Blick in die Satiriker, und man wird sehn, daß sie 
eine Anzahl von geschlechtlichen Handlungen mit dem bösesten 
Makel behängen. Sie verurteilen indessen nicht, wie Kultur- 
historiker gewöhnlichen Schlages immer behaupten, raffiniertere 
Lusthandlungen schlechthin, sondern ihre Mißbilligung fällt unter 
einen ganz andern, gewissermaßen außererotischen Zusammen- 
hang. Mich wundert, daß dies noch niemand gesehn hat, und 
ich benutze um so lieber die günstige Gelegenheit, an der Hand 
des vortrefflichen Forberg die Einzelzüge dieser robusten Welt- 
anschauung nachzuweisen. Zunächst lasse ich das Material Revue 
passieren; die Schlußfolgerung ist dann sehr einfach. 

1 Der Begriff des .Perversen" ist hier und im folgenden Zitat wohl mehr 
populär aufgefaßt, d. h. medizinisch -krankhaft plus moralisch -verwerflich. 

396 



* 



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Herrenstandpunkt Forberg sagt S. 265: „Es war indessen 
nicht der Fall, daß sich die alten Römer schämten, irrumatores zu 
sein, wie man z. B. aus dem Gebrauch des Wortes als Schimpf- 
wort bei Catull schließen kann, aber es galt für eine Schande, 
fellator zu sein. Es steckt nämlich noch etwas Mannheit in der 
Dreistigkeit des irrumators, dagegen gar keine in der passiven 
Rolle des andern, besonders dessen, der den edelsten Teil des 
menschlichen Körpers zu so schmutziger Verrichtung hergibt." 
Auch S. 227 wird irrumatio als Beschimpfung erwähnt Fügen 
wir hinzu, daß Martial, der satirische Sittenrichter, den Gargilius 
coram publico mit der irrumatio bedroht (S. 257 Anm.): „si te 
prendero, Gargili, tacebis". Forberg zitiert S. 302 die beiden 
vorangehenden Verse, die seinen Herrenstandpunkt dem Gargilius 
gegenüber gleichfalls markieren: „lingis, non futuis meam puel- 
lam, et garris quasi moechus et fututor". Das bedeutet: der 
moechus-fututor wäre ihm ein ebenbürtiger Rivale; der cunni- 
lingus dagegen steht ihm auf der Stufe des Sklaven, den er be- 
liebig zu irrumieren ankündigt Auf S. 230 sagt Forberg, man 
wollte lieber paedicator sein als pathicus. 

Sklavenstandpunkt Die Fellatoren wurden, wie es der 
Sache entspricht, erkauft, sagt Forberg S. 268; es sei schimpf- 
lich gewesen, sich zum Pädiziert- und Irrumiertwerden herzugeben, 
S. 259. Sueton findet es unerhört, daß Domitian einem Weibe 
intime Toilettendienste leistete, S. 224. Lampridius kann es .ohne 
Erröten" nicht berichten, daß Heliogabal einem Mann das mem- 
brum küßte, S. 234 Anmerkung. Endlich vergleiche man die 
Schmach, die dem Chrestus zugemutet wird, S. 256 Anmerkung. 

Zu diesen beiden Gruppen lassen sich beliebig viele Zitate 
beibringen. Betrachtet man nach der bisherigen Methode nur 
jede satirische Äußerung für sich allein, so kommt man immer 
zu dem gleichen Fehlschluß: es habe in der Blütezeit Roms eine 
Majorität von Wollüstlingen gegeben und einige wenige sitten- 
reine Abstinenten, die den anderen „den Spiegel vorhielten", 
z. B. Tacitus in der Germania, oder irgend ein Epigrammatiker. 
Die Tatsache, daß der publizistische Zensor Martial einen Mit- 
bürger mit derselben Gelassenheit zu irrumieren droht, wie heute 

397 



jemand schreiben würde: betrachten Sie sich gefälligst als ge- 
ohrfeigt! diese unbequeme Tatsache wird von den Erklärem mit 
haltlosen Phrasen abgetan. 

In einer Gesellschaft, die ganz und gar auf rücksichtslose 
Sklaverei aufgebaut ist, wird alles Handeln und Dulden danach 
gewertet, ob es dem Herrn oder dem Sklaven zukommt Die 
gesamte Lebensführung ist hiervon durchdrungen, auch die sexuelle. 
Der servus ist absolut rechtlos, ist eine res, ein sächliches manci- 
pium, über das der Eigentümer allein verfügt. Bei Seneca heißt 
es: Impudicitia in ingenuo crimen est, in servo necessitas. Ein 
adulterium oder stuprum findet nach der lex Julia nur bei freien 
Personen statt. Nec turpe est, quod dominus jubet, sagt Petron, 
auch wenn es sich um das Unterhalten der matella handelt 
Ferner läßt sich mehrfach belegen, daß männliche und weibliche 
Sklaven zur geschickten fellatio abgerichtet wurden und daß es 
auch vornehmen Damen an entsprechend geübter Bedienung nicht 
mangelte. 

So erklärt es sich, daß ein und dieselbe sexuelle Handlung, 
die überhaupt erst durch das Zusammenwirken zweier Personen 
entsteht, verschieden bewertet wird, je nach der Rolle, die der 
einzelne dabei übernimmt. Martial tritt offen als irrumator auf: 
also ist der coitus in os, sogar in os viri, als Lusthandlung 
nicht im geringsten anstößig. Fungiert aber ein freier Mann 
als fellator: so ist er verächtlich. Warum? nicht wegen der 
Lusthandlung als solcher, sondern weil er das Geschäft eines 
Sklaven übernahm. Der gleiche Vorwurf trifft den pathicus, den 
cunnilingus usw. So begreift sich auch die ungeheure Entrüstung 
darüber, daß ein Kaiser bei einer Kurtisane den Epilator spielt, 
oder daß ein hoher General den Stiefel der Messalina bei sich 
führt und von Zeit zu Zeit küßt. 

Ins moderne System übertragen, könnte man sagen, der Sadis- 
mus galt als standesgemäß, der Masochismus aber als Infamie. 
Deshalb ist es eine starke Zumutung, wenn Ovid, wie wir oben 
sahen, dem girrenden Liebhaber rät, er solle sich von der Dame 
seines Herzens ruhig backpfeifen lassen, ohne dies als Schimpf 
anzusehen. 

In diesem Zusammenhang läßt sich auch die öfters aufgestellte 

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Behauptung rektifizieren, die Alten hätten den Sadismus-Masochis- 
mus nicht gekannt. Die Lust an Grausamkeiten ist eine primäre 
menschliche Instinktwurzel und allenthalben auf der weiten Erde 
und in der Geschichte der Vorzeiten zu konstatieren. In einer 
Gesellschaft aber, wo sich ein standesgemäßer Sadismus nach 
Belieben an einem Überschuß von Sklaven austoben darf, wird 
diese Erscheinung den Zeitgenossen nicht auffällig sein, und 
die Chronisten werden keinen Anlaß haben, davon weitschweifig 
zu handeln. Wenn der König Mtesa von Uganda ab und zu 
zum Vergnügen den Weibern seines Harems einen Speer in den 
Leib jagt, so notiert zwar der englische Reisende dies Faktum 
als absonderlich, den heimischen Legendensängern aber ist das 
höchstens ein dekorativer Zug in der Ausmalung fürstlicher 
Machtfülle. 

In allen Ländern mit Sklaverei bilden sich übrigens gleiche 
oder ähnliche Verhältnisse sexueller Ethik heraus. Wie man auf 
pompejanischen Gemälden 1 den Cubicular-Sklaven bei der Koha- 
bitation des Paares assistieren sieht, so hatte auch die Russin 
dem Leibeigenen gegenüber kein Gefühl der Scham. Bernhard 
Stern sagt in seinem vortrefflichen Quellenwerk „Geschichte der 
öffentlichen Sittlichkeit in Rußland- (Berlin 1907/08, 2 Bände): 
.Die Edelfrauen lassen sich von ihren Sklaven die heikelsten 
Dienste leisten; denn der Sklave, der Niedrige, ist in den Augen 
des Höhern kein Mensch, man braucht sich also vor ihm ebenso- 
wenig zu schämen wie vor einem Tier. Man muß, nach Ansicht 
der Russin, ihres Ranges sein, um sie erröten zu machen." Eine 
Illustration hierzu ist der Fall, den Major Masson de Blamont 2 
erzählt: Eine Russin geht mit einer Französin spazieren. Als sie 
ein Bedürfnis ankommt, ruft sie ihre beiden nachfolgenden Lakaien 
heran, läßt sich ein wenig abseits vom Wege von ihnen die 
Röcke aufheben und während des Geschäftes stützen. Auf die 



1 Vgl. Mus co Royal de Naples, Peintures, Bronzes et Statu es 6rotiques 
du Ca hm et Secret, avec leur explications par M. C. F. (Farn in), contenant 
60 gravures coloriees. Paris, Abel Ledoux, 1836. Die beste und vollständigste 
Ausgabe. Die Erklärungen sind indessen jetzt mehrfach veraltet. 

2 Memoires secrets sur la Russie et particulierement sur la fin du Regne de 
Catherine II etc. Amsterdam et Paris 1802/04, 4 vols. 

399 



Verwunderung der Französin ist sie höchst erstaunt und erwidert, 
das wären doch keine Männer, sondern nur ihre Sklaven. 

Ein Beispiel aus Mittelamerika mag folgen. C. C. Robin 1 
erzählt von den Negersklaven auf den Antillen: 

Des qu'ils sont arriv& dans la colonie, on les met en vente; ceux qui 
se trouvent malades sont achetes ä vil prix par des chirurgiens qui speculent 
sur leur guerison. Les autres negres achetes par les habitants sont visites 
scrupuleusement. Id on ne soupconne pas qu'il existe entre les hommes des 
lois de la pudeur; une creole [= Europäerin, die dort geboren ist] mime 
porte ses regards attentifs sur toutes les parties de la conformation du negre 
homme qu'elle marchande; et s'il lui donne quelque signe de sa Virilit^, eile 
s'en ri'jomt comme d'une garantie de sa bonne Constitution. Les femmes 
sont visitees successivement avec une 6gale attention par tous les acquereurs 
qui se presentent. De tels examens deviennent si familiers ä ces malheureuses 
que la honte leur devient etrangere. 

1 Voyages dans l 'Interieur de la Louisiane, de la Floride, et dans les Isles 
de la Martinique et de Saint -Domingue, pendant les annees 1802—1806 etc. 
Paris 1807, 3 vols. 



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VIII. MASTURBATION 



Aus dem Forbergschen Material erhellt ein sehr merkwürdiger 
Umstand, für den ich keine Erklärung weiß: anscheinend ge- 
brauchten nämlich die Alten vorzugsweise die linke Hand zur 
Masturbation. Auf S. 270 wird ausdrücklich zusammenfassend 
gesagt: „Diese Handlung (masturbatio) kann mit der eigenen 
oder einer fremden Hand ausgeführt werden; geschieht es mit 
eigener Hand, so pflegt meistens die Linke gebraucht zu 
werden." Belegstellen dazu aus Martial findet man S. 270—272. 
Ebenda wird von Ramusio da Rimini einmal die Linke und ein- 
mal die Rechte angegeben; von Pacifico Massimi die Rechte. 

Ob außer bei Martial noch andere Stellen deutlich von der 
Sache reden, habe ich nicht eruieren können. Die Vermutung, 
Martial sei Linkshänder gewesen, ist wenig wahrscheinlich, da der 
Dichter nicht nur von sich, sondern auch von dritten Personen 

Die Angaben der Spätlateiner über den Gebrauch der Rechten 
bestätigen sich für heute aus einer kleinen Umfrage, die ich ver- 
anstaltete. Befragt wurden elf Männer und fünf Frauen, unter 
denen sich kein Linkshänder befand; sie bezeichneten überein- 
stimmend die rechte Hand als masturbatrix. 

Friedrich S. Krauß in Wien war so liebenswürdig, mir 
folgende Auskunft zu geben: er sah südslawische Frauen und 
Mädchen immer mit der linken Hand masturbieren ; Knaben 
hielten sich mit der Linken das Scrotum und arbeiteten mit der 
Rechten. 

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Krauß vermittelte mir ferner hierüber eine spezielle Angabe 
des Professor Joh. Kostiäl in Capodistria. Sie lautet übersetzt: 
„Über Selbstbefriedigung habe ich nicht viel in Erfahrung ge- 
bracht; das meiste dürfte auch im Norden bekannt und landläufig 
sein. Was den Gebrauch der Linken betrifft, so weiß ich nur, 
daß die Italienerinnen im Küstenlande, wenn sie keinen Mann zur 
Verfügung haben oder nicht empfangen wollen oder sonst einen 
Grund haben, vom coitus Abstand zu nehmen, daß sie sich dann 
auf einen Stuhl setzen, das rechte Knie bis zur Brusthöhe empor- 
ziehn und den Mittelfinger der linken Hand zwischen rechte 
Opanke (zavatta) und rechten Strumpf stecken, ev. auch in eine 
Öse hinten am Hausschuh, worauf sie mit dem linken Daumen 
Stöße in die vulva ausführen. Durch den rechten Fuß wird 
hierbei die Kraft der Stöße verstärkt und das Wollustgefühl ge- 
steigert, wie sie behaupten." Diese komplizierte Methode scheint 
also dort Landesbrauch zu sein. Eine ethnologische Unter- 
suchung der Angelegenheit dürfte über die behauptete Dys- 
pareunie der Frauen und über die Physiologie der erotogenen 
Zonen manche Aufklärung bringen; Bd. V der Anthropophyteia 
wird eine Umfrage nebst weiterem Material hierüber enthalten. 

In der medizinischen Literatur findet sich nur eine detail- 
lierte Beschreibung eines Masturbationsaktes, und zwar bei Otto 
Adler (Die mangelhafte Geschlechtsempfindung des Weibes, 
Berlin 1904. Neuauflage in Vorbereitung). Ich gebe sie auszugs- 
weise wieder: 

Die betreffende dreißigjährige Frau unterscheidet deutlich Vor- 
luststadium und vollendeten Orgasmus. Sie liegt auf dem 
Rücken und beugt den rechten Fuß gegen das Knie des aus- 
gestreckten linken Beins. Dann legt sie den gekrümmten Zeige- 
und Mittelfinger der Rechten unten auf das linke labium minus, 
drückt fest auf und schiebt die beweglichen Flächen der darunter 
liegenden Teile hin und her. Das hierdurch hervorgerufene Ge- 
fühl genügt bisweilen zur Befriedigung, und die Bewegung wird 
eingestellt. Bei Fortsetzung schwillt das Gefühl zum Gipfel an; 
der Mittelfinger wird dabei in die vagina gesenkt, während der 
Zeigefinger auf dem labium minus liegen bleibt und die übrige 
Hand die vulva derart umfaßt, daß der Daumen nach oben bis 

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zur Symphyse, der vierte und fünfte Finger auf dem perineum 
bis zum anus reichen. In dieser Lage drängt die Hand alles 
nach oben und bewegt das Ganze hin und her, häufig unterstützt 
durch die bisher untätige aufgelegte linke Hand. Auf dem Gipfel- 
punkt kommen dazu noch korrespondierende Beckenbewegungen. 

Forbergs mechanische Einteilung, die den Vorteil der Über- 
sichtlichkeit hat, bespricht im gleichen Zusammenhang auch die 
Masturbation zu zweien. Auf S. 276 findet man dasjenige er- 
wähnt, was die Franzosen »parte d'araign£e" nennen. Diese Lust- 
handlungen sind so wenig „pervers", daß sie selbst von den 
Moraltheologen um des »guten Zweckes* willen gestattet wurden. 

Theoretisches. Die .Selbstbefleckung" ist jahrhundertelang 
ein Tummelplatz von Theorien gewesen, die manchmal gemein- 
gefährlichen Charakter annahmen. Wieviel Lebensüberdruß und 
Neurasthenie die Broschüren ä la Retau hervorgerufen haben, 
wird sich nie feststellen lassen. An dieser Krankenzüchtung haben 
sich aber nicht nur jämmerliche Federfuchser beteiligt, sondern 
auch erstklassige Autoritäten der Arzneizunft Man höre, was der 
alte, ehrliche Hufeland in seiner Makrobiotik für ein Gemälde 
vom Onanisten zusammenpinselt: »Schrecklich ist das Gepräge, 
was die Natur einem solchen Sünder aufdrückt I Es ist eine ver- 
welkte Rose, ein in der Blüte verdorrter Baum, eine wandelnde 
Leiche. Alles Feuer und Leben wird durch dieses stumme Laster 
getötet, und es bleibt nichts als Kraftlosigkeit, Untätigkeit, Toten- 
blässe, Verwelken des Körpers und Niedergeschlagenheit der Seele 
zurück. Das Auge verliert seinen Glanz und seine Stärke, der 
Augapfel fällt ein", usw. usw. noch einige Seiten lang in dieser 
Tonart. 

Wäre es nicht höchst traurig, so könnte man wirklich drüber 
lachen. Es steht heute fest, daß die Masturbation meist eine 
physiologische Notwendigkeit ist Seereisen, Einzelhaft, Furcht 
vor Syphilis, soziale Verhältnisse sind ein paar der Ursachen, die 
sie normalerweise bedingen. Im Übermaß betrieben strengt sie 
Körper, Intellekt und Stimmung genau so an wie übermäßige 
Kohabitation, fellatio oder irgend welche Lusthandlungen. Wo für 
den einzelnen das Übermaß beginnt, ist generell so wenig voraus- 

26» 403 



zusagen, wie beim Trinken und Rauchen. Nach meinen Be- 
obachtungen variiert die normale Breite fortgesetzter Masturbation 
bei vollkommener Unschädlichkeit für Geist und Körper zwischen 
einmal im Vierteljahr (bei schwachem Trieb) und dreimal täglich 
(bei starkem Trieb). Ganz das gleiche gilt für den coitus. Wenn 
im selben Zeitraum hier eine und dort dreihundert Ejakulationen 
stattfinden, so ist dies allein schon der eklatanteste Beweis für 
die individuelle Verschiedenheit der Anlagen. Man darf die 
Sexualitäten nicht über einen Kamm scheren, und Casanova ist 
deshalb auch mit einem andern ethischen Maß zu messen, als 
irgend ein Sittlichkeitsbündler, den seine Testikel nur sporadisch 
wie der fällige Quartalszins .belästigen". 



404 



'S 



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IX. SODOMIE. 



Der sexuelle Verkehr mit Tieren ist für die meisten Kultur- 
menschen ein ebenso seltsames Rätsel wie die leidenschaftliche 
paedicatio geborener Homosexueller. Viele finden es schon gräß- 
lich, daß man einen Hund in der guten Stube hält oder gar bei 
Tisch mitessen läßt; denn man könnte die Taenia echinococcus 
bekommen, was allerdings nicht ausgeschlossen ist Der primi- 
tive Mensch aber lebt in einer so durchaus andern Gemeinschaft 
mit allem möglichen Hausgetier, steht mit ihnen als den unent- 
behrlichen Genossen der Mühsal sozusagen auf Du und Du, daß 
wir uns dies nicht lebhaft genug vor Augen halten können, wenn 
wir ein anscheinend grobes Delikt auf diesem Gebiete überhaupt 
psychologisch begreifen wollen. Wie ich schon im Kapitel über 
„coitus in anum" ausführte, steht der Primitive Europas und 
anderer Erdteile zunächst auf dem Standpunkt: Loch ist Loch! Ist 
kein Weib da, so wird er vor dem Astloch einer Zaunplanke bei 
weitem irgend eine Öffnung des ihm vertrauten und warmen 
Tierkörpers vorziehn, vor dem er sich ja nicht im geringsten 
ekelt, mit dem ihn im Gegenteil innere Sympathien verbinden. 

Wer aus bloßer Verblüfftheit die Sodomie für eine .Perversion" 
erklärt, zeigt damit nur seinen eigenen Geistesbankrott an; und 
wer sie für ein .Laster" erklärt, gibt damit eine Ansicht zum 
besten, die sich zwar nicht widerlegen, aber auch nicht beweisen 
läßt, und jedenfalls in eine abstrakte Betrachtungsweise gehört, 
die uns hier nicht im mindesten angeht. 

405 



Dem unglücklichen § 175 fallen leider auch (wegen Sodomie) 
aus der primitiv-dummen Bevölkerung Deutschlands Opfer genug 
zur Last, nach denen kein wissenschaftlich -humanitäres Komitee 
kräht, obwohl diese Ärmsten sich meist noch weniger der .Straf* 
barkeit" ihrer Handlungen „bewußt" sind als die Homosexuellen. 
Forel bringt in seiner „Sexuellen Frage" hierüber einen guten 
Passus; er sagt, daß der Richter der eigentliche Verbrecher ist, 
wenn er den blöden Bauerntölpel in den Kerker steckt, wegen 
einer Handlung, die dem Vieh nicht mal weh, geschweige denn 
Schaden getan hat 

Jeder, dessen Horizont nicht von den Wänden des groß- 
städtischen Salons beschränkt ist, wird sich vollinhaltlich der 
Äußerung anschließen müssen, die Friedrich S. Krauß im 
m. Bande der Anthropophyteia über dies Thema präzisiert hat: 
„Die Sodomie soll also ein Anzeichen geistiger Krankheiten sein! 
Ja, warum denn?! Hier ist nur ein ästhetischer Koeffizient 
maßgebend, weiter nichts. Ich behaupte, nur eine Geschmacks- 
verschiedenheit, nicht etwa eine Geschmacksverirrung. Mir 
z. B., der ich von Begeisterung für vollendete Frauenschönheit 
hingerissen, zwei Bücher über den Reiz und die Anmut des 
Frauenleibes geschrieben, ist die Vorstellung einer geschlecht- 
lichen Intimität mit einem weiblichen Tier unbeschreiblich wider- 
wärtig, nicht aber jenem, dem alle Frauenholdseligkeit schnuppe 
ist, und der seine ästhetische Befriedigung vollauf bei einer Stute 
oder Eselin erzielt Ich darf nur sagen, daß ich einen edleren, 
einen feineren Geschmack als er besitze, mich jedoch noch lange 
nicht auf den besseren Menschen hinausspielen. Ich gelte bloß 
in unserer Gesellschaft, namentlich vor dem Richterstuhl der 
Frauen als der gescheitere und als der vorsichtigere in der Wahl 
des Gegenstandes meiner Neigung." 

Das Material, das Forberg über die Sodomie zusammenstellt, 
ist religiöser und satirischer Natur. Kennt man weiter nichts und 
höchstens noch einige Fälle angeblicher Geisteskrankheit, so ist 
man geneigt, die Sodomie überhaupt als Legende anzusehn. Daß 
dem nicht so ist, daß die Sodomie faktisch in erheblichem Um- 
fange in Europa vorkommt, hat Krauß Bd. III S. 265—322 der 
Anthropophyteia durch eine vorläufige Auswahl seines Materials 

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hierüber nachgewiesen; nicht nur durch Folklore, sondern auch 
durch Augenschein. Er beobachtete u. a. eine Chrowotin, die sich 
nachts vollkommen entkleidet vor einer brennenden Lampe stehend 
mit einem Kater abgab. Sie geriet dabei in so furchtbaren 
Orgasmus, daß sie den Lauscher nicht bemerkte, obwohl er kaum 
zwei Schritte vom Fenster entfernt stand. 

Daß auch kulturverwöhnte Damen an Schoßhunden Gefallen 
finden können, ist gleichfalls nicht bloße Redensart Wie tief 
derartige Sympathien wurzeln können, beweist der Kopenhagener 
Hundefriedhof. 1 Die Grabstellen kosten dort zehn bis zwanzig 
Kronen, die jährliche Erhaltung ein bis zwei Kronen. Die Be- 
erdigung findet in geschmackvollen Särgen statt. Ein Gitter, 
Rasen und Blumen, ein Sandstein- oder Marmordenkmal zieren 
den Hügel. Man kann dort Inschriften lesen wie: Geliebter 
Schatz I oder Einziger Freund! oder Süßer, kleiner Liebling! 

» An der Öster-Allee. 



407 



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1 



X. COITUS. 



Nachdem die Sexualwissenschaft anfangs vorzugsweise die 
sog. Perversionen des Geschlechtstriebes studiert hatte, wandte 
sie sich neuerdings auch den mannigfachen Problemen zu, die 
mit der menschlichen und tierischen Kohabitation verknüpft sind. 
Besonders eifrig interessiert sich die Rassenbiologie für alle Fak- 
toren, die die Befruchtung beeinflussen; die Kall ipä die oder Kunst, 
treffliche Nachkommenschaft zu zeugen, von der schon Quillet 
1655 einen Traktat schrieb, ist ein beliebtes Thema populär- 
wissenschaftlicher Zeitschriften geworden. Diese und viele andere 
Fragen kann ich aber hier nicht berühren, wenn ich meinen 
Raum nicht ungebührlich überschreiten und die Geduld der Leser 
auf die Probe stellen will. Ich beschränke mich deshalb auf Be- 
merkungen, zu denen das reichhaltige Material Forbergs unmittel- 
baren Anlaß gibt 

Inhalt des Sexualinstinktes. Moll 1 hat den Geschlechtstrieb 
in zwei Komponenten zerlegt; eine der allgemein sehnsüchtigen 
Annäherung, genannt Kontrektations trieb, und eine der 
Erektionsabschwellung, genannt D e tu mesz enztrieb. Beide 
sieht er als ererbte Funktionen an. Es bleibt indessen zweifel- 
haft, ob dies Maß des Ererbten schon genügt, um in jedem Fall 
ohne Anlernen oder Ausprobieren zum coitus zu führen. Bei 
Tieren scheint dies zuzutreffen. Beim Menschen liegt die Sache 

1 Untersuchungen über Libido sexualis, Berlin 1897, das geistvollste theore- 
tische Werk der gesamten neueren Spezialliteratur. 

408 



4 



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meistens so, daß durch Mitteilungen von Altersgenossen oder Er- 
wachsenen oder durch den Anblick von Tieren usw. zum ersten 
Male das Vorstellungsbild von der Kohabitationsmechanik erzeugt 
wird. Es wächst also dies Bild oder der Drang zu dieser speziellen 
Handlung nicht von selbst aus dem Untergrunde aprioristischer 
Kenntnis herauf. 

Da nun das .Kinderzeugen" als solches auf keinen Fall einen 
bewußten Vorstellungsbestandteil der Libido bildet, kann ich den 
coitus nur als eine von vielen gleichwertigen, die Detumeszenz 
herbeiführenden Lusthandlungen ansehn. Von diesem Stand- 
punkt aus fällt es mir schwer, zuzugeben, daß der coitus als 
einzige physiologische und moralische Norm zu gelten habe, 
neben der alle anderen Lusthandlungen der Pathologie und dem 
Laster anheimfallen. 1 Wenn man ermitteln könnte, auf welchen 
Modus die größte Anzahl aller erfolgten Detumeszenzen ent- 
fällt, so glaube ich, würde man als solchen die Masturbation (im 
weitesten Sinne) feststellen. Es ist auch zu berücksichtigen, daß 
im gesamten Reich des Organischen die Zeugung nicht mit den 
Mitteln menschlicher Ökonomie arbeitet, sondern eher mit einer 
Verschwendung, die uns beim näheren Zuschaun allenthalben un- 
geheuerlich vorkommt. Eine Revision der offiziellen Bewertung 
menschlicher Sexualakte ist jedenfalls dringend nötig. 

Figurae Veneris. Der Jesuitismus (und seine Jüngerschaft in 
der Medizin) hat sich nicht damit begnügt, einzig den coitus 
im allgemeinen als erlaubte Norm hinzustellen; vielmehr hat 
man, ohne daß andere als willkürliche Gründe ersichtlich wären, 
nur die Form der „ Venus obversa" mit obrigkeitlichem Privileg 
belehnt. Die besten Männer und Frauen aller Zeiten haben über 
diese Beschränktheit mitleidig gelächelt. Die Praxis, d. h. das 
freudige Leben, geht auch über klapperdürre Thesen stets zur 
Tagesordnung über. Tun wir hier das gleiche, und hören wir 
nur einen Neueren an, der die „Venus a versa" wissenschaftlich 
zu begründen sucht. 

Zuvor werfen wir einen Blick auf Forbergs Liste der neunzig 
Stellungen; sie sind das statistische Ergebnis seines Materials 



1 Vgl. hierzu meine Umfrage in Bd. IV der Anthropophy teia. 

409 



und als Konstatierung antiker Möglichkeiten gewiß interessant. 
Dennoch machen sie den Eindruck, als seien Gliederpuppen in 
beliebiger Variation miteinander verschränkt worden. Viele Figuren 
stellen fließende Übergänge dar, und es wäre leicht, bei subtiler 
Unterscheidung ihre Anzahl um ein Mehrfaches zu erweitern. 
Gewisse buddhistische Götterbilder, die unter der äußeren Form 
der Kohabitation die Verschmelzung von Geist und Materie be- 
deuten, sind hierin unerreicht Alle diese Nuancen haben aber 
höchstens für einen Künstler Wert, der sich an der Größe 
menschlicher Kleinigkeiten begeistern wollte; die Sexualwissen- 
schaft hat hier nur die grobe Tatsache aufs neue zu betonen, 
daß die Variierung der positio cohabitationis zu jeder Zeit 
und an jedem Orte vorkommt Warum? Ist es nur die Lust 
am Wechsel? Ich meine, der Hauptgrund liegt in der merk- 
würdigen Unbequemlichkeit dieser erlernbaren und erlernten Lust- 
handlung. Die Schwierigkeit, die Zeugungsglieder bequem und 
erfolgreich zu vereinigen, ist aus mancherlei Ursachen häufig 
so groß, daß sich ein Ausprobieren anderer Methoden ganz von 
selbst macht. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein 
Weib begatten! Diese eigentümliche Maxime der Natur wird von 
den Sexualpathologen so gut wie gar nicht berücksichtigt. Die 
Lehrbücher über die tausendfachen Arten der Impotenz, d. h. des 
Nicht-Erfolges, sind zwar voll davon. Aber der bewußte Circulus 
vitiosus der Stubengelehrten will, daß die Schwierigkeit dieser 
einen Lusthandlung (schwierig im Vergleich zu anderen) gerade 
wieder eine pathologische Ausnahme bedeuten soll; während doch 
jeder Dörfler weiß, daß der Stier die Kuh oft nur dann ohne 
Zeitverlust und Beschädigung trifft, wenn ihn hilfreiche Hände 
bei dem Geschäft unterstützen. 

Hancarville ließ 1780 Reproduktionen nach antiken Gemmen 
drucken, auf denen figurae Veneris geschnitten waren. Derartige 
Gemmen kommen vor; doch sind gerade die Hancarvilleschen, 
soviel ich weiß, eine gelungene Mystifikation. Unserer Betrachtung 
tut das indessen keinen Abbruch, da wir die menschliche 
Erotik überhaupt im Auge haben, und da sich Forberg 
außerdem auf diese Tafeln bezieht Folgende Nummern ent- 
sprechen sich ungefähr: 

410 



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Forbergs Liste Hancarvilles Tafeln 



Nr 4 


Nr 


I 


15 




TT 

1 1 


24 




III 

III 


25 




IV 

1 V 


30 




v 


31 




VI 

V 1 


41 




VIII 

VIII 


43 




vn 

V u 


45 




IX 


47 




x 


48 




XI 


49 




XII 


50/51 




XIII 


„ 61 . . . . 




XVI a 


„ 63 . . . . 




XVI b 


„ 65 . . . . 




XIV 


„ 66 . . . . 




XV 


„73 ... . 




XVII 






XVIII/XIX 


„90 ... . 




XX 



Die Tafeln I bis XI beziehn sich speziell auf die Kohabitation; 
hierzu wären die sekretierten Bilder des Neapler Museums nach 
dem schon zitierten Werke Famins oder der angekündigten Neu- 
ausgabe von Dulaures Phallus -Kultus (revidiert und erweitert 
von Fr. S. Krauß) zu vergleichen. Erwähnenswert sind auch die 
(angeblichen) Zeichnungen von Giulio Romano zu den sonetti 
lussuriosi des Aretin und die japanischen Grotesken bei Friedrich 
S. Krauß, Das Geschlechtsleben in Glauben, Sitte und Brauch 
der Japaner, Leipzig 1907. 

Alle diese hier aufgeführten Darstellungen haben außer ihrem 
ethnologischen, kultur- und sexual wissenschaftlichen auch noch 
einen künstlerischen Wert Von der Masse der populären Pro- 
duktion, besonders der photographischen, kann man das leider 
nicht sagen. Dennoch will mir die herrschende Auffassung der 
Juristen nicht einleuchten, daß eine res obscoena, weil ihr die 

411 



Künstlerschaft ermangelt, strafbar sei. Denn auf diese Weise be- 
straft man nicht das Obszöne, sondern einzig die schuldlose Un- 
fähigkeit zur Künstlerschaft. Wollte man aber alles und jedes 
Obszöne bestrafen, so geriete man sofort in ein Dilemma stärkster 
Widersinnigkeiten, aus dem selbst ein deus ex machina keinen 
Ausgang mehr wüßte. Vgl. hierzu meine Übersetzung von Pierre 
Bayles „Obszönitäten" (Berlin 1908), wo dies Problem in voller 
Ausführlichkeit aufgerollt wird. 

Einzelheiten der Mechanik. Da8 die Größe des Membrums 
bei den verschiedenen Rassen wechselt, sagt Forberg S. 15 An- 
merkung. Im allgemeinen ist hierauf von Reisenden weniger ge- 
achtet worden. Gute Angaben findet man bei dem anonymen 
Verfasser der „Untrodden fields of anthropology" (französische 
Ausgabe ohne Anmerkungen als: L'amour aux Colonies). Richard 
F. Burton, der bekannte Mekka-Pilger, weiß hiervon in den Noten 
zu seiner Übersetzung der Alf- Layiah -Wa- Layiah 1 folgendes zu 
erzählen: 

Debauched women prefer negroes on account of the size of their parts. 
I measured one man in Somali -land who, when quiescent, numbered nearly 
six inches [= 15 cm]. This is a characteristic of the negro race and of 
African animals; e. g. the horse; whereas the pure Arab, man and beast, is 
below the average of Europe; one of the best proofs by the by, that the 
Egyptian is not an Asiatic, but a negro partially white-washed. Moreover, 
these imposing parts do not increase proportionally during erection; conse- 
quently, the «deed of kind» takes a much longer time and adds greatly to 
the woman's enjoyment. In my time no honest Hindi Moslem would take 
his women-folk to Zanzibar on account of the huge attractions and enormous 
temptations there and thereby offered to them. 

In dem Epigramm auf Ursa, S. 13, vergleicht Beccadelli vulva 
und Nase in bezug auf ihre Größe. Dieser Vergleich ist selten; 
dagegen werden im Volksmund Mund und vulva und noch öfter 
Nase und penis verglichen. 

Von der garrulitas vulvae ist in den Anmerkungen zu S. 49 
und S. 105 die Rede. Das Symptom ist selten und wohl durch 
Lufteintritt bedingt Folkloristische Parallelen hierzu findet man 
in der „Anthropophyteia". 

1 .Nights' und .Supplementary Nights", Benares 1886, 16 vots. 

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Das crissare oder Rotieren der Hüften, dem das cevere der 
pathici entspricht, wird S. 9 Anmerkung, S. 226 und S. 274 er- 
wähnt Obwohl Adler bei Gelegenheit des oben zitierten Falles 
von Masturbation angibt, Hüftrotationen hätten sich bei der Be- 
treffenden erst nach erlangter Kenntnis vom coitus eingestellt, 
glaube ich aus anderen Beobachtungen doch schließen zu dürfen, 
daß diese Bewegungen schon frühzeitig reflektorisch oder instinktiv 
auftreten. Ihre volle Ausbildung erfahren sie allerdings erst durch 
Einüben. Wir wissen von Naturvölkern, bei denen diese Kunst 
schon den kleinen Mädchen systematisch beigebracht wird, als 
wichtigste Vorbereitung zur Ehe. Die Tänze der Primitiven nehmen 
hiervon sozusagen ihren Ausgang. 

Auf S. 206 heißt es, die Erektion könne durch Anhalten des 
Atems verstärkt werden. Gemeint ist natürlich, durch Anhalten 
des Atems in Inspirationsstellung. Hierbei wird der Abfluß 
des Blutes in der vena cava und damit aus den corpora cavernosa 
penis gehemmt und jedenfalls die Detumeszenz verzögert Auf 
dem gleichen System beruhen die unsichem Erfindungen des 
Reklame -Ingenieurs oder ingeniösen Reklamikers Gassen. 

An derselben Stelle wird eine Bemerkung gemacht, die sich 
wie der bekannte rote Faden durch die gesamte erotische Literatur 
Europas hindurchzieht, nämlich die Behauptung, das Weib fühle 
die Ejakulation des Mannes. Das ist pure Einbildung. Das 
Weib kann in der nur sehr grob empfindlichen Vagina höchstens 
die Kontraktionen des musculus bulbo- cavernosus, resp. ihre 
Fortleitung durch die Harnröhre wahrnehmen. Aber auch diese 
Wahrnehmung halte ich für eine Ausnahme. Meist wird das 
Weib das Eintreten des physiologischen Moments aus den be- 
gleitenden Symptomen erkennen, z. B. aus dem Stocken der 
schnellen Inspiration, dem leichten Streckkrampf des ganzen 
Körpers usw. Die Vorstellung von einer »herausgeschleuderten 
Flüssigkeit« des Mannes, die ja neben der vom Weibe sezernierten 
an Menge meist belanglos ist, tritt nur auf, weil sie er wartet wird; sie 
ist nichts als ein Substitut für den Gesamtbegriff der Begleitsymptome. 

Venus aversa. Die Stellung der „bete ä quatre partes" wird 
S. 194, 195, 207, 209 besprochen. Ernst Klotz hat hierüber 

413 



eine originelle Abhandlung verfaßt unter dem Titel .Der Mensch 
ein Vierfüßler, eine anatomische Entdeckung samt neuer Erklärung 
der bisher falsch gesehenen menschlichen Fortpflanzungsorgane " 
(Leipzig 1908). Er meint, beim coitus more bestiarum stimme 
die aufrecht herzförmige Figur der Hymenöffnung mit dem gleich- 
geformten Querschnitt des membrum virile überein. Die Richtung 
der vagina bilde denselben Winkel mit der Vertikalen, wie die 
Richtung des erigierten penis. Bei diesem Modus sei die knöcherne 
Symphyse dem Eindringen des Gliedes nicht im Wege, vielmehr 
berühre die untere nervenreiche „Reibefläche" der Eichel (Gegend 
des frenulum) nur in dieser Stellung zuerst die sonst ausgeschaltete 
Klitoris, sodann intensiv die „ Reibefläche " der plica columnarum 
anterior, und endlich werde nur so das Sperma regelrecht auf 
die .Fangfläche" der vorderen großen Uteruslippe deponiert 
Klotz unterstützt diese Darstellung durch sehr instruktive Zeich- 
nungen, begibt sich aber weiterhin auf ein Gebiet recht zweifel- 
hafter biologischer Spekulation. 

Von den neueren Fachgelehrten behandelt das Thema dieses 
Abschnittes am ausführlichsten Hermann Rohleder; der ganze 
erste Band seiner „Vorlesungen über Geschlechtstrieb usw." (2. ver- 
mehrte Aufl. Berlin 1907) im Umfange von 600 Seiten. Lex.- 8° 
ist diesen Fragen gewidmet, weshalb ich speziell auf das Werk 
verweise. 



414 



4 



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XL VERSCHIEDENES 



Voyeurs. Auf S. 265 verrät uns der Kenner Martial, daß 
man auch in die Wände antiker Lupanare schon Löcher zum Zu- 
schaun zu bohren pflegte. Die Wirkung auf die Voyeurs ersehen 
wir auf S. 273, wo die domina „Hektars Roß" besteigt. Zwei 
Parallelen hierzu, vom Aufpasser, der selber in Feuer gerät, findet 
man in der Anthropophyteia. Moll ist der Ansicht, 1 daß das Zu- 
schaun bei Geschlechtsakten als besondere Perversion (Mixoskopie) 
vorkomme; doch fehlt es bisher an hinreichenden Beweisen dafür, 
daß in den betreffenden Fällen dauernd und einzig auf diesem 
Wege Befriedigung gesucht und gefunden wurde. 

Träume. Der Traum Caesars, der in der Anmerkung zu 
S. 255 erwähnt wird, kann nach neuester Nomenklatur als „sexueller 
Kontrast-Traum" bezeichnet werden. Ein bekannter Schriftsteller, 
der geborener Homosexueller ist, erzählte mir einen fast identischen; 
ein einziges Mal in seinem Leben träumte er vom Verkehr mit 
einem weiblichen Wesen, und dies war seine Schwester. Kontrast- 
Träume gelten als Ausnahme von der Regel, während im all- 
gemeinen der Traum als „feinstes Reagens" der erotischen Ver- 
anlagung betrachtet wird. Vgl. hierzu die Aufsätze von P. Näcke 
in H. Groß* Archiv, Bd. 28/29, ferner die größere Arbeit von 
S. Freud „Die Traumdeutung 4 * (Wien 1900). 

GerontophlUe. Die ausgesprochene Neigung zu älteren Per- 
sonen ist ziemlich selten und wenig studiert. Der schöne Name, 



1 Konträre Sexualempfindung, 2. Aufl., S. 185. 



415 



den man dafür erfunden hat, ist sozusagen das Wesentlichste an 
der Sache. Bei Forberg, S. 31 Anmerkung, verhöhnt Martial einen 
gewissen Bassus wegen dieses „furor". Die giftige Pointe: cum 
possis Hecubam, non potes Andromachen! erklärt den Fall aus 
mangelnder Mechanik. 

Ein Gedicht der griechischen Anthologie, das Forberg nicht 
zitiert, paßt psychologisch besser hierher. Es lautet (in eigener 
Übertragung) : 

Ach! Philinna, ich lieb« das lachende Fältchen am Auge, 
das nicht Jugend und Saft, das Erfahrung erschafft. 

Wenn die begehrlichen Hände dein volles Gewoge umspielen, 
lockt mich nimmer zur Lust deines Töchterleins Brust. 

Also schlürf ich den reifenden Herbst und lasse den Frühling — 
komm! ich wiege dich ein, bis die Trauben verschnein. 

Nekrophilie. Forberg zitiert S. 283 die bekannte Stelle bei 
Herodot, aus der ersichtlich ist, daß man den Leichenbalsamierern 
allerhand Unfug zutraute. Auch diese Seltsamkeit wurzelt durch- 
aus in der physiologischen Natur des Menschen. Die Anthropo- 
phagie, Schadeljägerei, das feierliche Töten und Verzehren von 
alten Angehörigen fallen unter denselben Gesichtspunkt 1 Oft 
geschildert sind die Katafalkzeremonien, die für gewisse Liebhaber 
in Bordells arrangiert werden. Ein befreundeter Dichter erzählte 
mir, daß er sich öfters einem schönen, toten Weibe gegenüber- 
denke; dies versetzt ihn in eine Art von Vorlust -Stimmung, die 
durch unklare Hemmungen mit Bitterkeit gewürzt ist; an die Kälte 
des Leichnams bei Berührungen oder an coitus denkt er dabei 
nicht Literarisch hat Hanns Heinz Ewers dies Thema soeben 
in dem Novellenband „Das Grauen" (München 1908) ausgeführt. 
Vgl. besonders die beiden Erzählungen „John Hamilton Llewellyns 
Ende" und „Die Topharbraut". 

Foetor orls. Zu den Kuriositäten gehören verschiedene Be- 
hauptungen der Alten über die gesundheitlichen Folgen mancher 



1 Vgl. hierzu auch die vortrefflichen .Slawischen Volksforschungen' von 
Friedrich S. Krauß (Leipzig 1908). 
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Arten des Geschlechtsverkehrs. Vor allem soll den fellator ein 
übler Geruch aus dem Munde verraten (Forberg S. 266); der 
cunnilingus wird aus eben dem Grunde mit dem Ziegenbock ver- 
glichen (S. 300/301), oder es wird ihm blasser Teint (Bleichsucht?) 
zudiktiert (S. 303/304); endlich will der höhnende Satiriker (S. 285), 
daß Zoilus gerade in actione eine Lähmung der Zunge davon- 
tragt. 

Diese und ähnliche Behauptungen rangieren wohl auf einer 
Stufe mit der Legion erfinderischer Aussagen des sog. Volks- 
mundes und Aberglaubens, 1 die zwar oft eine verkannte Wahrheit 
oder ein Körnchen Weisheit bergen, noch öfter aber kolportierte 
Phantastik sind. 

Im Jahre 1838 hat der Hallesche Arzt Rosenbaum, ein 
Bücherwurm ersten Ranges und wahrscheinlich angeregt durch 
Forbergs Apophoreta, aus solchen Bemerkungen der Alten den 
Schluß gezogen, daß die Syphilis durch .Perversitäten" entstehe. 
Seine .Geschichte der Lustseuche im Altertume" ist neuerdings 
wieder oft aufgelegt worden, nicht wegen der albernen Grundidee 
des Werks, sondern weil hier ein Quellenmaterial zur Sexualität 
des Altertums vereinigt ist, das freilich an den Umfang des For- 
bergschen nicht heranreicht. 

Die Frage nach dem .Ursprung der Syphilis" hat Bloch in 
seinem gleichnamigen Werk dahin entschieden, daß die Krankheit 
erst nach Entdeckung der neuen Welt von den verseuchten amerika- 
nischen Rassen herübergeholt worden sei. Blochs Beweismaterial 
ist sehr gediegen, und jedenfalls ist das plötzliche und unheimlich 
gewaltsame Hereinbrechen der Krankheit in Europa nach dem 
Jahre 1492 aufs gründlichste konstatiert Will man ganz vor- 
sichtig sein, so kann man immerhin mit der gleichen Sicherheit 
sagen: im Altertum muß die Krankheit, wenn sie vorhanden 
war, zum mindesten eine ganz unbedeutende Rolle gespielt haben. 
Dieser Umstand lehrt uns die freiere sexuelle Beweglichkeit der 
Alten besser versteh n; heute stiftet leider die Syphilidophobie, 
im Verein mit sozialer Zwangslage, in der großstädtischen Be- 



1 Vgl. hierüber das soeben erscheinende Sammelwerk von Hovorka und 
Kronfeld .Vergleichende Volksmedizin* (Stuttgart 1908). 

27 417 



völkerung ein rasendes Unheil. Die Abstinenz vom Weibe, mit 
ihren schwer verkannten Folgen, besonders denen der geistigen 
Stimmung, steht kummervoll und steril auf der einen Seite; auf 
der andern das widerwärtige Gezücht dummdreister Heuchler, die 
die grauenhafte und hinterlistige Infektion als eine schadenfrohe 
Strafe ihres erbärmlichen Inquisitor- Gottes ausposaunen. Wenn 
irgendwo Ekel und Empörung im Sexualleben angebracht erscheint, 
so diesen schamlosen Lügnern gegenüber. 

Corvus fellator. Aus der Begrüßungsszene nach der Schlacht 
bei Adium und der Notiz bei Plinius (Forberg S. 269) geht 
hervor, daß das Volk felsenfest davon überzeugt war, die Raben 
koitierten mit dem Schnabel und legten auf eben dem Wege Eier. 
Es ist mir nicht gelungen, bei Fachgelehrten irgend eine Parallele 
hiervon zu ermitteln. Noch viel weniger weiß ich eine Erklärung 
dieser Kuriosität 

Erotische Grabreden. Das Epigramm auf Nichina aus Flan- 
dern (S. 113/119), die nach den bewegten Fahrten einer echten 
„Landstörtzerin" schließlich im Bordell zu Siena landet und hier 
zur Meisterin der hohen Schule wird, ist meines Erachtens viel- 
leicht das kulturhistorisch wertvollste Gedicht Beccadellis. Im 
erotischen Folklore bildet der Nachruf eine bekannte Gruppe; 
man vergleiche die Parallelen im II. Bande derAnthropophyteia 
S. 67 ff., wo man die Redensart vom „movere nates" wieder- 
finden wird. 

Erotische Metaphern. Forberg erwähnt S. 253/256 und 
S. 296, daß die Alten sich verschiedener Umschreibungen bei der 
Bezeichnung geschlechtlicher Handlungen bedienten. Es gibt kein 
Volk, das solche Umschreibungen nicht hätte. Einmal ist die 
reichste Sprache viel zu arm, als daß sie alle Nuancen des Ge- 
schehens unbildlich ausdrücken könnte; dann aber ist gerade das 
bildlich Malende wahrscheinlich die primitive Wurzel alles Denkens, 
was Stephan soeben erst an der Kunst der Eingeborenen des 
Bismarck-Archipels nachgewiesen hat 1 Hinzukommt das Moment 

• SUdseefcunst (Berlin 1907). 

418 



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des Witzigen. Im Kreise der plaudernden Stammesgenossen wird 
die Erfindung einer unerwarteten metaphorischen Gegensätzlich- 
keit mit fröhlichem Gelächter begrüßt werden. Die Zahl dieser 
täglich neuen Erfindungen ist Legion. Einzelne Schlager werden 
längere Zeit kursieren und den durchschnittlichen Sprachschatz ver- 
mehren helfen, der scheinbar konstant ist, aber im Ablauf größerer 
Perioden doch sein Antlitz wandelt Vergleicht man z. B. die 
erotischen Metaphern des lustigen „Schnepperers" Hans Rosen- 
blut aus Nürnberg 1 mit denen, die sich der Wiener Verfasser der 
„Mutzenbecher" jetzt geleistet hat, so dürfte die Verschieden- 
artigkeit des Bildlichen verblüffen. Einige Beispiele erotischer 
Metaphern gibt Stoll (Geschlechtsleben in der Völkerpsychologie), 
die größte Ausbeute findet sich natürlich in der „Anthropophyteia". 
Eine kleine Auswahl mag hier folgen: 

Der Kaiser hat aufig'schricb'n, 
Ganz kurios, 

D'Buben müssen Reiter werd'n, 
D'Menscher d'Roß. 

Sob&ld d'Buben Reiter werd'n 
Und d'Menscher d'Roß, 
Nächer is's Sold&tenleb'n 
Gänz kurios* 

Das Gärtlein still vom Busch umhegt, 
Das jeden Monat Rosen trägt, 
Das gern den Gärtner in sich schließt, 
Der es besamt, der es begießt, 
Es lebe hoch! 

Der Bergmann, stark und wohlgenährt, 
Der ohne Licht zur Grube fährt, 
Der immer wirkt und immer schafft, 
Bis er erlahmt, bis er erschlafft, 
Er lebe hoch!» 



1 Fastnachtsspiele des XV. Jahrhunderts. Privatdrucke des Literarischen 
Vereins in Stuttgart. Bd. 28, 29, 30, 46. 

2 E. K. Blümml, Erotische Volkslieder aus Deutsch ■ Österreich (Wien 1906). 
8 Damentoast und Herrentoast, bei Stoll. 

27« 419 



Ein elsässisches Sprichwort lautet: Es het e Lins'l uf em Brettel, 1 
d. h. das Mädchen hat ganz flache Brüste. Wiener Redensarten 
sind: den Bauch lakiern i. e. coitus interruptus cum ejaculatione; 
Quartiermacher i. e. digitus viri vulvam titillans; braunes Zimmer 
i. e. an us. In Berlin hört man: Hängematte i. e. schlaffes scrotum; 
Hinterpommer i. e. Pä de rast; Milchbureau i. e. volle mammae; 
Pflaume i. e. vulva. Ein niederösterreichisches Rätsel, das die 
Metapher umkehrt, fragt: Wie heifit das Ding, wohinein alle Abend 
ein männliches Glied gesteckt wird? Antwort: Stiefelknecht Im 
Bergischen nennt man die vulva Moderschruf, d. h. Schrauben- 
mutter; ein Abtritt ist, wo „der Kaiser te Fote he geit" (zu Fuß 
hin geht). 

Epilation. Die antike Epilation der weiblichen Pubes lebt 
noch heute in den Statuen fort Die Künstler führen ästhetische 
Gründe für den Usus ins Feld; andere sprechen von Kanon und 
Tradition; wieder andere behaupten, die Darstellung der natür- 
lichen Schamhaare würde obszön wirken. Daß bei den Griechen 
gerade umgekehrt die rasierte oder epilierte Pubes obszön wirkte, 
geht aus der Lysistrata des Aristophanes (Forberg S. 223 Anm.) 
drastisch genug hervor. Das Weib des Altertums ließ sich epilieren, 
solange es begehrenswert erscheinen wollte, weshalb alte oder 
häßliche Weiber verspottet wurden, wenn sie gleichfalls auf diesen 
Punkt der Körperpflege Wert legten. Da die Epilation nur ver- 
einzelt in der Geschichte der Menschheit auftritt, kann ihr ein 
prinzipieller obszöner Reiz nicht innewohnen; man muß sie viel- 
mehr unter dem Gesichtspunkt erotischer Moden betrachten. 
Stoll sieht in der Epilation zunächst die Absicht der Reinlichkeit 
und weiterhin das Symbol der Reinheit überhaupt 

Circumcislon. Die Frage der Beschneidung, besonders beim 
weiblichen Geschlecht, streift Forberg in den Anmerkungen zu 
S. 306/307. Griechen und Römer hatten diesen Brauch nicht; er 
fiel ihnen nur bei fremden Nationen auf. Interessant ist, was 
Celsus von der Schaffung eines künstlichen Präputiums sagt 
(Forberg S. 273 Anm.). 

1 Dies und alle folgenden Beispiele bei Krauß, Anthropophyteia. Von den 
dort verzeichneten au Serdeutschen sehe ich ab. 
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Kastration. Über Eunuchen vgl. Forberg S. 299/300 und 
S. 306/307. Man unterschied die radikal amputierten castrati, 
die nur der Hoden beraubten spadones, und endlich die thlibiae, 
deren Testikel man durch fortgesetzte Quetschung zur Verödung 
gebracht hatte. 1 

* * 
* 

Schlußwort Betonen möchte ich nochmals, daß vorliegende 
Abhandlung zur menschlichen Sexualität mit Bewußtsein unvoll- 
ständig ist Es war einzig meine Aufgabe, innerhalb eines kurz 
zubemessenen Raums durch Stichproben zu erläutern, daß die 
Forbergschen Apophoreta ein eminentes Quellenwerk von un- 
vergänglichem Wert darstellen. Dies ist geschehn. Mögen nun 
die Benutzer das Material für ihre besonderen Zwecke reichlich 
ausschöpfen! Ich bitte ferner die geschätzten Leser, sich mit Be- 
obachtungen und Mitteilungen auch anscheinend geringfügiger 
Art an meine Adresse (Berlin W. 50) wenden zu wollen; der 
weitere Fortschritt der Sexualwissenschaft kann nur durch intensive 
Kleinarbeit gewährleistet werden. 

1 Cf. Glossarium eroticum linguac latinac, auctore P. Pierrugucs 1826 (anastat. 
Neudruck, Berlin 1908). 



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INHALTSÜBERSICHT DES KOMMENTARS. 



Seite 

I. Einleitendes 345 

Seltenheit des Werkes (345). Bedeutung für die Sexualwissenschaft 
(346). Bösartiges Denunziantentum (346). 

II. Homosexualität 348 

Geschichtliches (348). Nomenklatur (349). Theoretisches: Er- 
werbung (350), Variationslüsternheit, Fall (351), Beispiele bei den 
Südslawen (352), vom Haberfeld treiben (353), eingeborene Anlage 
(353). Analnerven (354). Berühmte Homosexuelle (354). Erpresser 
(355). Hüftbewegungen und Charakter der Femininen (355). Männer- 
trauung (356). Kostümtrieb bei Homosexuellen (356), bei Normalen, 
eine bisher unbeachtete Erscheinung (356). Komplikationen der 
Homosexualität mit anderen Abarten (357), Fall einer homosexuell- 
masochistischen Frau (358), Literarisches (360). Anthropologische 



Verbreitung (360). 

III. Bisexualität 362 

Antike Ideen (362). Hirschfelds Hypothese (362). Privatrechtliche Be- 
deutung von Mißbildungen (364). Hermaphroditen der Kunst (364). 

IV. Amor lesbicus 365 



Hypertrophische Klitoris bei Forberg (365). Hottentottenschürze und 
Steatopygie (365). Klitoriskohabitation (366). Der Olisbos und seine 
universelle Verbreitung (367). Behauptete Seltenheit antiker cunni- 
lingae (369). Tribadenklubs (369). Theoretisches: Forbergs An- 
sicht (370), Mangelhaftigkeit des modernen Materials (371), Grund- 
verschiedenheiten zwischen männlicher und weiblicher Homo- 
sexualität (371), viriler Typus (372), .Vater* und .Mutter" (372). 
Verlaines Interpretation (373). 

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Seite 

V. Masochismus 375 

Ovidismus (375), ovidische ars amandi (376). Aristoteles und Phyllis 
(378). Rousseau (378). Die römische Domina (379). Mittelalter- 
liches (380). Paul Verlaine (382). Theoretisches (386). Masochi- 
stische Belletristik (388). 

VI. Pica 389 

Beziehung zum Masochismus (389). Zwaardemakers Chemismus 
der erotischen Duftstoffe (390). Theodora (391). Kasuistik (391). 
Sades 120 journees (393). Theoretisches (393). 

VII. HerTenmoral der Alten 395 

Moderne Bewertung der Lusthandlungen (395). Antiker Stand- 
punkt der allgemeinen Herrenmoral (396). Standesgemäßer Sadis- 
(398). Beispiel aus Rußland (399), von den Antillen (400). 



VIII. Masturbation 401 

Die laeva manus bei Martial (401), in Istrien (402). Beschreibung 
bei O. Adler (402). Theoretisches (403). 

IX. Sodomie 405 

Psychologischer Standpunkt der Primitiven (405). § 175 (406). An- 
sicht von Friedrich S. Krauß (406). Kopenhagener Hundefriedhof (407). 

X. Coitus 408 

Inhalt des Sexualinstinktes (408). Figurae Vencris (409), Forbergs 
Liste (409), Ursache der Variation (410), Hancarvilles Tafeln (411). 
Einzelheiten der Mechanik: Größe des Membrums (412), Garrulitas 
(412), HUftrotationen (413), Verstärkung der Erektion (413), Fuhlen 
der Ejakulation (413). Venus aversa (413). 

XI. Verschiedenes 415 

Voyeurs (415). Träume (415). Gerontophilie (415). Nekrophilie 
(416). Foetor oris und Syphilis (416). Corvus fellator (418). Ero- 
tische Grabreden (418). Erotische Metaphern (418). Epilation (420). 
Circumcision (420). Kastration (421). Schlußwort (421). 



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